Nr. 98.
Jüarßurg, Donnerstag, 28. April 1881.
xvi.
MmIMchk Jätung
vom Reichskanzler ausgestellten Steuerreformplans ist ein gesunder, daß der Widerstand gegen denselben nur daun Bedeutung gewinnen kann, sofern alle aus irgendwelchen andern Ursachen unzufriedenen Elementen sich zu einer Partei vereinigen. Und wir glauben, die liberalen Mittel- Parteien werden einstens Ursache haben zu bereuen, wenn sie sich nur in der Kritik des Geforderten gefallen sollten. Es ist, um mit den Worten des noch vor wenigen Monaten erlassenen Wahlausmfs der Hallenser zn sprechen, „unsere tiesbegründete Ueberzeugung, daß unser junges deutsche« Reich eine grundsätzliche liberale Opposition gegen die Regierung nicht ertragen kann und daß eine solche Opposition um so weniger gerechtfertigt ist, als die Bismarck'sche Politik, ob sie gleich im einzelnen irren mag, doch das eine große Ziel fortwährend im Auge behält, das mit so viel Schweiß und Blut unseres Volkes endlich hergestellte Gefüge unseres deutschen Staatswesens immer fester zu begründen und mit zahlreicheren Klammern zusammenzuhalten. Es gilt für die liberale Partei, Einfluß zu gewinnen auf diese Politik, nicht aber sie zu bekämpfen, und dies war und wird bleiben der große geschichttiche Beruf der national- liberalen Partei." Es bleibt abzuwarten, wie sich die national-liberale Partei, angesichts dieser Ermahnung verhalten wird. — Das Wort des ostpreußischen Landes- Direktors und Reichstags-Abgeordneten v. Saucken-Tar- putschen: „Fort mit Bismarck!" hat in ostpreußischen Kreisen ein anderes Wort gezeigt, nämlich: „Fort mit dem Landesdirektor I" Jedenfalls zeigt es sich auch hier, wie unglücklich die einzelnen Elemente der Fortschrittspartei operieren und daß die Saat der Zwietracht, welche sie zu streuen beflissen sind, nur auf steinigen Boden fällt. — Von den Abgg. v. Below-SaleSke, Uhdm, Dr. Loew« (Bochum) ist beim Reichstage rin Antrag, betreffend die Abänderung einiger Bestimmungen des Gesetzes wegen Erhebung der Brausteuer eingebracht. Derselbe verbietet die Anwendung jeglicher Surrogate bei der Bierbereitung und stellt die Uebertretung dieses Verbote« unter Geldstrafe von 50 bis 1000 Mark und Konfiskation der Surrogate. — Seitens des Reichskanzlers ist dem Reichstage eine ferner- weitige Liquidation der beteiligten Verwaltungen über auf Grund des Gesetzes vom 8. Juli 1872 aus der französischen Kriegsentschädigung zu ersetzenden Beträge zuge- gangen. — Von der ReichSschulvenkommission ist dem Reichstage ein Bericht über die Verwaltung des ReichS- schuldenwesenS, des Reichs-JnvaltdcnfondS, des FestungS- baufondS, des Fonds zur Errichtung des Reichstagsgebäudes, des Reichskriegsschatzes, und über die An- und Ausfertigung, Einziehung und Vernichtung von Reichrbanknotm zugegangen. — Vom Reichskanzler ist dem Reichstag der Entwurf eines Gesetzes, betreffend die Kontrolle des ReichS- haushalts und des Landeshauöhalts von Elsaß-Lothrinaen für das Etatsjahr 1880/81, zugegangen.
Der Dreibirkuhsf.
Roman von August Butscher.
c c. (Fortsetzung.)
Oben saß am Tische der Dreibirkenbauer wie ein wirklicher König und gab seine Befehle.
Friedel und Johannes saßen neben der Gundel vom Höhlenhof, aber keiner schien Lust zu haben, sie zu unterhalten; ihre Blicke richteten sich immer nach der Küche, wo Evas Gestalt vom roten Feuerschein umflossen, wie strahlmd erschien.
Die Gundel war ein frisches, dralles, aber hochmütiges Mädchen; ihr Binder eine ungeschlachte Figur mit einem nichtssagenden Gesicht, dessen Mund durch eine in den linken Mundwinkel eingehängte schwere Pfeife verzerrt wurde. Der Höhlenhofbauer sah sehr stolz und sehr einfältig aus, die einzigen Gründe, weßwegm er, wie die böse Welt sagte, int Gemeinderate saß.
Das Orchester hatte auf dem Kanapee Platz genommen und bestand aus einer zerdrückten Trompete, einer Trommel, einer Posaune und einer Baßgeige mit zwei Seiten die stets die Prim und die Quint angab.
Thomas Bitterle, der seinerzeit ein Vierteljahr in Wien gewesen war und deßwegen auch kurzweg der „Wiener" hieß, machte sich sehr viel mit dem Faß in der Osmecke zu schaffen.
„Also morgen ist der Versprich, Höhlenbauer," rief der Dreibirkenbauer heiter; stoß an, Friedel, mit Deiner Gesponsin, dann haben wir doch Weiberleute genug im Haus."
Friedel folgte der Aufforderung, aber fein Auge hing an der Küchenthüre, die jetzt wieder geschloffen war. Gundel warf ihm einen verwunderten Blick zu.
sie ist auf Georgi 26 — so könnt Ihr ja noch warten, ich kann sie gut brauchen."
„Nichts da, in vier Wochen ist die Hochzeit," mtschied der neue Schultheiß, „und damit Basta!"
Die Günsel geriet ganz außer Fassung. WaS war nur dem Friedel angekommen? Sie empfand zwar nichts weniger als das für ihn, was man Liebe nennt, aber der Hof war ihr an das Herz gewachsen, das sie samt einer enormen Mitgift ihm entgegenbrachte.
»I«/ ja," fuhr der Dreibirkenbauer fort, „der Drei- birkmhof steht fest und unser Stamm wird vielleicht länger dauern, al« ein Königshaus. Mein Friedel macht eine gute Heirat; der Johannes bekommt auch feinen Teil und die Marie muß wieder gesund werden, magö kosten, wa« es will, wir habens Gott Lob. Hellauf, Lenz, trink und laß Dirs wohl sein, der Dreibirkmhof hat schon mehr als hundert Jahre in unserer Familie sortgeerbt, vielleicht werdens tausend!"
„Der Mensch denkt, Gott lenkt," sagte Marie zu dem Ctttonmsepp, auf welchen nun die Gesellschaft aufmerksam wurve. Er mußte sich an den Tisch setzen, und alle bestürmten ihn, zu fingen und das „Klimperding" vom Brette zu langen.
Er wies alle Bitten zurück, bis ein sprechender Blick Mariens ihm das Instrument in die Hand nötigte. Eben wollte er in die Saiten greifen — und aller Augen hingen an ihm, als in der geöffneten Küchenthüre Eva und Martha erschienen, die den Braten auf ungeheueren hölzernen Tellern brachten, während die Mägde silberne Bestecke auflegten, und große Weinkrüge hereinschleppten.
(Fortsetzung folgt.)
»Wenn ich in dm Ausding gehe, es hat aber noch gute Zeit," fuhr der Hofbauer fort, „muß die Ev' mir das Hauswesen führen; die ist frisch und munter und kann mir überall an die Hand gehen. Schreiben kann sie auch wie gestochen, das kann ich brauchen im neuen Amt."
»Wo denket Ihr hin, Vater?" warf Johannes ein. »Die Martha paßt ganz inö Hinterhaus und Ihr seid an sie gewöhnt."
»Ja ja, so wirdS bester sein," stimmte Friedel bei, „und zudem pressterts ja mit dem Ausdinggehen bei Euch und mit dem Heiraten bei mir nicht so stark."
Alle sahen dm Sprecher erstaunt an, am verwundertsten die Höhlmgundel.
„Du bist ja wie ein umgekehrter Handschuh," sagte der Vater, „was ficht Dich an?" ' 8
»Nur geheiratet, Friedel," rief sein Bruder, „eS thut mir zwar leid, daß ich der Suppmauslöffler bin, aber ich gönne Dirs. Prosit, Gundel! wir »erben gut fahren mit einander."
Die Angeredete stieß mtt dem künftigm Schwager an uno verglich ihn im stillen mit dem ftörrigen und ungeschlachten Friedel, der bei dieser Bettachtung weit zurück m dm Schatten zu stehen kam. Die Gundel fühlte gut, um wie viel hübscher der blonde Johannes sei, aber im {nßen berechnete sie dagegen, um wie viel reicher der Hoferbe war. * '
griebel schwieg, schoß aber zornige Blicke auf Vater, Stuber unb Braut. Eine Stunde hatte ihn sehr verändert, wie auch seinen Bruder; Johannes war heiterer, Friedel finsterer geworden.
„Wenn Du meinst, Friede!," ließ sich der HÖhlmhof- bauer vernehmen, „daß die Gundel noch zu jung ist —
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V Wühlerei.
Wenn politische Parteien gegen einander in den Kampf treten und, um den Sieg zu erringen, alle ihnen in gesetzlicher wie moralischer Beziehung zu Gebote stehenden Mittel ynsctzen, so beweist das, daß sie energisch für ihre Ueberzeugung einzutreten gewillt sind, und diese Energie muß daher lobenswert anerkannt werden. Zeigt es sich aber, daß Personen, die sich zu einer politischen Partei vereinigt haben, unter dem Deckmantel sogenannter liberaler Gesinnungen bestrebt sind, den ebnen Boden auf welchem sich das Staatsleben bewegt, zu unterwühlen und den Frieden des Volkes zu erschüttern, so ist derartigen Bestrebungen keine Berechtigung mehr zuzusprechen und die sogenannte Partei, welche dieselben verfolgt, finit zu einer Koalition herab, für die im gewöhnlichen politischen Leben kein Platz ist.
Die Wühlerei, welche die sogenannten Fortschrittsmänner neuerdings an den Tag legen, gehört zu den oben erwähnten Bestrebungen und es ist aufrichttg zu beklagen, daß es im Volke noch hier und da Elemente giebt, welche diese Wühlerei begünstigen und noch immer nicht erkennen zu wollen scheinen, welch eine große Seelenverwandschaft zwischen dm Fortschrittlern und der Sozialdemokratie besteht.
Wir werden zu diesen Bemerkungen durch die Thatsache veranlaßt, daß der fortschrittliche Abgeordnete und Agitator Eugen Richter nunmehr auch in der Stadt Hannover am nächsten Sonnabend seine bekannte Wühlerrede gegen dm Fürsten Bismarck und dessen Politik halten wird. Schon früher war in vielen Blättern des Gerüchts erwähnt worden, daß der genannte Abgeordnete die Inszenierung einer solchen Wühlerei beabsichtige, aber die Verurteilung, welche dies Vorhaben überall fand, schien denn doch den fortschrittlichen Agitator von demselben abhalten zu wollen. Allerdings schien es nur so, denn seit einigen Tagen steht es fest, daß die fortschrittliche Gastrolle in Hannover doch gegeben werden soll.
Wer die hannoverschen Verhältniffe tennt, muß sich fragen, was eine fortschrittliche Wühlerei in Hannover
eigentlich bezwecken soll, und ba es notorisch ist, daß die Fortschrittspartei daselbst gar keinen Boden hat, so muß auch die Antwort dahin lauten, daß es sich bei dieser Wühlerei nur darum handeln kann, die dort noch vorhandenen, mit der seit 1866 vollzogenen neuen Gestaltung der Dinge noch nicht auSgesöhnten Elemente zu größerem Widerstande gegen die BiSmarcksche Politik anzufeuem und die Kluft zu erweitern, welche zwischen dieser Politik und einem, wenn auch verhältnismäßig nur noch kleinen Teil der Bewohner Hannovers liegt.
Wir dürfen e« getrost .dem Urteile des Lesers überlassen, was von dieser Art Wühlerei überhaupt zu halten ist, bezeichnend ist es aber sicherlich für eine politische Par- tei-Coalition, die bisher in der Reichshauptstadt den Ton angab, daß sie sich mit ihrer Wühlerei auf ein Gebiet be- giebt, wo dieselbe die kaum vernarbten Wunden wieder aufreißen muß, und wo es den Untemehmern nur darum zu thun sein kann, die Zahl der Gegner von Kaiser und Reich zu vermehren.
Man darf sich gewiß der Erwartung hingebm, daß diese neue Wühlerei des Berliner Fortschrittsrings in den weitesten Kreisen die gebührende Beachtung finden wird. Gerade sie vermag über die wahren Tendenzen dieser politischen Parteirichtung genügendes Licht zu verbretten und dem deuffchen Volke zu zeigen, was die Fortschrittspartei eigentlich anstrebt und was aus unserem großm mächtigen Vaterlande werden würde, wenn die Wühlerei der Fort- schritller von Erfolg gekrönt fein sollte.
Hoffentlich lebt noch so viel guter deutscher Geist in den Bewohnern der Stadt Hannover, daß sie sich von den Herzensergüssen eines Eugen Richter nicht be- thören laffen.
m , Deutscher «eich.
Berlin, 26. April. Durch die Blätter macht das Gerücht die Runde, daß auch der konservattven Partei eine Secession bevorstände. Es wird hinzugefügt, daß zur Vertretung der künftigen konservativen Secessionisten die am
1. April b. I. eingegangene „Deutsche Landes - Zeitung" wieder ins Leben gerufen werden solle und daß namentlich die Agrarier hierbei eine besondere Rolle spielen würden Diesen Rachrich.m gegenüber ist zu betonen, daß in der deutsch-konservativen Partei von einer derartigen Spaltung nichts bekannt ist und daß — wenn sich das Abschiedswort der „Deuffchen Landes-Zeitung", welches bekanntlich: „Auf Wiedersehen!" lautete, erfüllen sollte — es sich nur um eine Vertretung der v. Fechenbach'fchen Projclte handeln dürfte, für die in der deutsch-konservativen Partei bekanntlich kein Boden vorhanden ist. — Sehr bezeichnend erscheint uns die folgende Stelle, welche wir einer aus liberalen Kreisen an die liberale „Kölnische Zeitung" er* gangenen Zuschrift entnehmen: „Der Grundgedanke deö
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