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Marburg, Sonnabend, 23. April 1881
XVI. )ahri«i
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Anzeige» nimmt! rotgegen die Expeditto» d. Vlattrt sowie d.Amwncen-Buretmr von ». L Lande 46e. in Frankfurt a. M; JSger'sche Buchhandlung befeOftg tzerrnam^sche Bnchhandl. daselbst; Jnoalidendanl in Berlin; 88. Lhirnes in «b-rfeld; L Schlotte in
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedttton d.Blatte-, sowie d.Annoncen-Bureaur von 16. Dietrich & So. in Kassel und Hannover; LH. Dietrich in Frankfurt a.M.; gnÜein & Bögler in hart a M., Berlin, g, Sfiln ic.; Rudolf
Moste ix Berlin, Frank.
W4clnt knSeAMa^ Cm »a» S^ertagen. Pntt für das Quartalmitder wöchentlichen Beilage „JAnstrirted e»nut«g»»latt" durch die «rpedition («och^che
Buchdruckerei) bezogen % Mark, durch du PostSmter deS Deittfchen Reiches SJRort 50 Pf,. (erd. Bestellgebühr). - JnfertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pf,.
Für m der Sxpetttwn zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 35 Pf,. berechnet.
V Fortschrittliche Wahlagitation.
Die Thatsache, r aß das Streben nach Frieden und Einvernehmen mit der Staatsregiemng in immer weitere Kreise dringt, läßt den Führern des Fortschrittsringes in der Neichshauptstadt keine Ruhe. Erkennend, daß ihre Burg denn doch Gefahr läuft, bei der kommenden Wahlcampagne im Sturm genommen zu werden, veröffentlichen sie die nachfolgende Aufforderung:
.Mitbürger! Durch die jüngsten Angriffe des Reichskanzlers auf die Selbstverwaltung der Stadt Berlin erhalten die nächsten Reichstagswahlen für unsere Stadt eine besondere Bedeutung. Aufgemuntert durch die Reden des Fürsten Bismarck entwickelt alles, was Berlin an conser- vativen, klerikalen, zünstlerischen, orchodoxen, christlich- socialen und sonstigen reactionären Elementen in sich birgt, die größte Rührigkeit, um unter Anwendung von Mitteln jeglicher Art dem Liberalismus und der Fortschrittspartei den Wahlsieg streitig zu machen und für die Reichshauptstadt Männer in den Reichstag zu entsenden, welche der weiteren Vermehrung der Steuerlasten und Polizeibefug- niffe, der zwangsweisen Staatsbeglückung und der Anbahnung eines dictatorischen Regiments ihre unbedingte Unterstützung anbieten. Rach der anderen Seite gilt für uns, die Socialvemokratie zu bekämpfen, welche bei den letzten Wahlen in Berlin über 57 511 Stimmen verfügte und heute noch den vierten Wahlkreis im Reichstage vertritt. Das Socialistengesetz hat, wie die Nachwahlen bewiesen, die Socialdemokratie zwar aus der Oeffenilichkeit verdrängt, ihre Organisation aber nicht zu zerstören vermocht.
Um allen diesen Bestrebungen von vornherein einen sicheren und kräftigen Damm entgegenzusetzen, sind Vorbereitungen aller Art für die Neuwahlen erforderlich, welche nicht unbeträchtliche Kosten erheischen. Wir sind für den Wahlkampf nur auf private Mittel angewiesen. Wer an unserem Wahlerfolge in Berlin Jntereffe hat, wolle uns daher bald gefälligst einen Beitrag zur Bildung des Wahlfonds für die Berliner Reichstagswahlen übersenden. Diese Beiträge werden zum Unterschiebe von einer kürzlich statt- gchabten anderen Sammlung nur für Berlin und zwar nach getroffener Vereinbarung auch unter entsprechender Dotierung der sechs einzelnen Reichswahlkreise verwandt werden.
Beiträge werden entgegengenommen im Wahlbureau der Fortschrittspartei, Schadowstraße 141, im Wahlbureau der Fortschrittspartei, Königgrätzerstraße 101, in der Expedition der „Volks-Zeitung", bei Herrn Stadtverordneten Neumann, Elsasserstraße 97 und im Bankgeschäft von Rosenbaum, Oranienstraße 60. — Postsendungen bitten wir an Herrn Dr. Otto Hermes, Unter den Linden 68a, zu adressieren.
Berlin, im April 1881.
Der Dreibirkeuhof.
Roman von August Butscher
lFortsetzung.)
„Gott zum Gruß und wie geht'S und steht'S auf dem Dreibirkenhof? Kann ich Unterstand finden für die Nacht um ein VergeltSgott?" rief er hell und fröhlich den Beiden zu.
„Warum nicht? Du bist immer daheim unter unfern Dach," versetzte Johannes. „Du mußt heut fingen und Maultrommel spielen."
„Ja, die hab' ich einem Mucmeltterbuben geschenkt; aber da hab' ich eine Cither, die klingt ganz anders, — wie Glocken aus Silber."
„Cither?" fragte Friedel staunend. „So, das Ding heißt man Cither? Der Schulmeister Brinkmann in Blumenrain drüben hat eine Geige, die sieht auf und nieder fo aus.
„Da mußt Du beffer Hinsehen, Friedel," lachte der Citronensepp. „Doch das können wir daheim abmachen. Also Alles wohlauf? Es ist ein mndeS Jahr, daß ich nicht mehr dagewesen bin."
„Die Marie ist gar nicht wohlauf," berichtete Friedel. „Sie ist gerade nicht krank, aber noch viel weniger gesund. Sie hustet so still und so kurz, daß eS keinem wohl thut, und bleich ist sie auch und wird mager und kraftlos. Ich versteh das Leiden nicht."
Ueber das Gesicht des Tirolers lief es wie eine jähe Bläffe, wie ein krampfhafter Schreck, aber nur Johannes sah die Wirkung. Er wußte jetzt genug.
„Krank ist sie?" stammelte der Citronenhändler, „sehr krank?"
Cuno. Hugo Hermes. Dr. Otto Hermes. Knörcke. Dr. LangerhanS. Ludwig Loewe. Ludolf Parisfiu«. Pitzmann. Engen Richter. Dr. W. Sttaßmann." An diese öffentliche Collecte für die Zwecke des Berliner FortfchrittringS schließt sich eine zweite Aufforderung der Führer des letzteren, welche wie folgt lautet:
„Im Interesse der Vervollständigung und Verstärkung der Organisation für die demnächst stattfindenden Reichstagswahlen ersuchen wir unsere Parteigenossen, sich möglichst zahlreich dem für den betreffenden Berliner ReichS- wahlkreis bestehenden Wahlverein der Fortschrittspartei alsbald anzuschließen, und werden desfallstge Anmeldungen für sämtliche Wahlkreise im Wahlbureau der Fortschritts- Partei, Schadowstraße 141, schriftlich und mündlich entgegengenommen.
Berlin, im Aprll 1881.
Cuno. Hugo Hermes. Dr. Otto Hermes. Knörcke. Dr. LangerhanS. Ludwig Loewe. Ludolf Parissius. Pitzmann. Engen Richter. Dr. W. Sttaßmann." ES fehlt den Fortschrittlern also, wie diese beiden Aufforderungen beweisen, für die Berliner Wahlagitation nicht allein an Geld, sondern auch bereits an Leuten, und es muß dies ein Sporn für alle conservativen Kreise sein, auch in der Provinz die Elemente, welche bisher willenlos der von der Fortschrittspartei ausgegebenen Parole folgten, zu befferer Einsicht zu bringen.
Wenn in der ersten Aufforderung scheinbar das Hauptgewicht auf die Bekämpfung der Sozialdemokratie gelegt wird, so ist dem gegenüber zu konstatieren, daß die Fortschrittler in neuerer Zeit mit den Socialdemokraten in recht vertraulichen Verkehr getreten sind, und daß es ihnen weit weniger um die Bekämpfung der letzteren, als vielmehr darum zu thun ist, der täglich wachsenden conservativen Strömung in der Bevölkerung entgegen zu wirken.
Diesem Bestreben einen „sicheren und kräftigen Damm entgegenzufetzen" muß die Aufgabe aller konservativen Elemente sein. Man wecke in allen Teilen des deutschen Reiches die etwa noch schlummernden konservativen Keime zu einem thätigen, gemeinsamen Wirken, man fördere die Bestrebungen der konservattven Vereine und gründe konservative Vereinigungen, wo solche noch nicht vorhanden fein sollten. Nur durch vereinte Kraft wird es möglich werden, den Gegner zu bezwingen und der fortschrittlichen Wahlagitatton die Spitze abzubrechen. Letzteres ist um so leichter zu erreichen, je öfter man der Bevölkerung zeigt, daß die sogenannte „Fortschrittspartei" unter falscher Flagge segelt. Auch durch Veröffentlichung ihres eigenen Geständnisses, „daß es ihr an Geld und Leuten fehlt", wird der Beweis geliefert, daß die Fortschrittspartei bedeutend im Niedergange begriffen ist.
„Nicht so sehr," sagte Johannes. „Eine andere Neuigkeit aber ist, daß wir eine Eva ins Haus bekommen, heute noch."
„Wer will der Adam fein?" rief Friedel im Weiterschreiten. „Ich bin gebunden, mit kann sie nichts mehr anhaben. Aber Dir, Citronensepp, oder Dir, Johannes. Man kann nie sicher sein; es geht bei den Dirnen wie im Herbste mit dem „Altweibersommer"; die Fäden fliegen nur so um Einen herum und wups — ringeln sie sich uns um den Hals."
Die beiden Andern stimmten nicht in das Gelächter Friedels ein. Johannes sah über die reichen Felder hin und der Cittonensepp auf die drei Birken, an denen sie eben vorüberschritten, und in die dunkelnden Scheiben, hinter denen jetzt ein Licht aufflammte. Aus der HauS- thüre spielte der Feuerschein der am Ende des Flures angebrachten Küche. Die übrige Umgebung blieb dunkel.
Den drei Burschen sprang jetzt ein starker, braunhaariger Hund entgegen, der den Tiroler mit tückischen Augen an- starrte, dann aber freubig bellend an Friedel emporsprang. Dieser streichelte zärtlich fein glatte« Fell und legte chn dann an die Kette.
„Paß auf, Mordax," ries er ihm zu, „wir gehen bald auf die Hasen!"
Als die Drei hierauf die Schwelle des Hauses über- schrttten, klirrtm und fangen leise die Cith rfallen.
„Gott zum Gruß!" war der übliche Gruß, mit dem der Citronensepp m die braungetäfelte Stube eintrat.
„Grüß Gott!" gab eine starke Stimme zurück, während vom Ofen her ein leiser Schrei die Antwort war.
Von einem mächtigen Schreibtisch aus Eichenholz erhob sich der alte Dreibirkenbauer uno aus dem Lehnsessel am
Dentsche« «eich.
Berlin, 21. April. Der „Reichsanzeiger" enthält eine Bekanntmachung des Polizeipräsidiums, wonach die heutige Morgenausgabe des „Börsen-Courier" auf gründ des Sozialistengesetzes »erboten wurde. — Von dem heute nachmittags erschienenen „Börsmcourier" wird als Grund der Konfiskation die Wiedergabe eines Rochefortschen Artikels über den Fürstenmord aus dem „Jntranstgeant" angegeben. — Nach den bisherigen Bestimmungen, bett, die Gewähmng von Zollerleichterungen für Mnhlenfabri- kate, werden bekanntlich bei Weizen für 80 Kilogramm, bei Roggen für 70 Kilogramm in das Ausland auSge- führten, oder zu einer öffentlichen ober Privatniederlage gebrachten, aus ausländischem Getreide hergestellten, gebeutelten Mehls 100 Kilogramm Getreide von dem Meder« lagekonto zollftei abgeschrieben. Dieser Bestimmung liegt die Annahme zu Grunde, daß fich aus Getreide eine Ausbeute an^Mehl in Höhe von 80 bezw. 70 pCt. gewinnen lasse. Seitens der Mühlenindustrie wird dieses Ausbeute- verhältniß für zu hoch gegriffen erachtet und Klage darüber geführt, daß in Folge heften der Erlaß deS GetreidezollS zur Benachteiligung des Mehlexports in unzureichendem Maße erfolge. Insbesondere hat der Vorstand deutscher Müller sich dahin ausgesprochen, daß die wirkliche Ausbeute nicht über 75 pEt. bei Weizen und 65 pCt. bei Roggen betragen. Erneute Ermittelungen die in dieser Beziehung veranlaßt sind, bestätigen die letztere Behauptung dahin, daß eine höhere Ausbeute als die letztbezeichnete nur bei Herstellung von grobem, für Exportzwecke im Allgemeinen ungeeignetem Mehle erreicht wird. Bei dieser Sachlage wird es kein Bedenken haben, eine Herabsetzung deS Ausbeuteverhältnisses auf die genannten Sätze vorzunehmen. Dem entsprechend hat der Reichskanzler unterm 1. d. M. beim Bundesrat beantragt, die Abschreibung von 100 Kilogramm Getreide auf eine Mehlausbeute von 75 Kilogramm bei Weizen und 65 Kilogramm bei Roggen festzusetzen. — Die „Nat.-Ztg." schreibt: „Nachdem der Reichskanzler sich befürwortend für Erlaß eines Verbote« der Kunstweinfabrikation geäußert, wird, wie wir hören, Abg. Dr. Buhl ein Gesetzentwurf im Reichstage einbringen, welcher die Weinfabrikation verbietet. Inzwischen haben sich auch einige Handelskammern an den Reichskanzler mit Eingaben gewandt, in welchen sich dieselben gegen die anderweitig vorgeschlagene Besteuerung und für ein Verbot der Wein- fabritation aussprachen; dagegen wird befürwortet, daß eine rationelle Verbesserung von Weinen schlechter Jahrgänge durch Zusatz von reinem Zucker und Reduktion Übermäßiger Säure gestattet werden möge, ohne daß ein derartiger Wein als Kunstwein zu bezeichnen sei." — Die „Schlesische Volkszeitung" teilt mit, daß die Nachricht, wonach der Fürstbischof von Breslau, Dr. Förster, fein bischöfliches Amt
Ofen seine Tochter Marie. Der Willkomm war kurz und herzlich, der Händedruck der beiden jungen Leute aber vielsagend und das Spiel der äugen ein Gemisch der Freude und unausgesprochenem Weh.
Der Dreibirkenbauer oder auch der Bauernkönig, wie ihn die Höflinge, die kleinen Leute nannten, war ein auffallender Mann. Groß von Gestalt mit grauen Haarringeln und ein wenig vorgeneigt, gab er das Bild eine« Mannes, der mit dem Greisentum bis auf« Letzte kämpft. Eine eigentümliche Bewegung verschärfte diesen Eindruck: von Zeit zu Zeit nämlich richtete er sich mll einem ge» wattigen Ruck in die Höhe, als wollte er die Last der Jahre, welche ben Oberleib gebeugt, gewaltsam abschütteln, und dann erschien er um Jahre jünger. Er mochte an der Grenzscheide der Fünfziger stehen.
In seinem Gesichte erkannte man Friedel wieder, nur verschärft, aber offener im Ausdruck. Ein unverhehtter Stolz sprach aus dem scharfgezeichneten Gesicht; er mochte sich wohl als König fühlen, denn sein Besitz umfaßte 400 Morgen Aecker, Wiesen und Wälder. Sein Hof war der größte auf 50 Wegestunden, und in feinen Söhnen war ihm Aussicht gegeben, daß alles in der Familie bleibe, vielleicht Jahrhunderte lang.
Während der Citronensepp seine Kiste abschuM und die Cither sorglich auf das über dem Ledercanapee ange» brachte Brett legt, wollen wir uns die Tochter des Hanfes näher betrauten, die nun wieder still in dem Großvaterstuhl lehnt. Marie mochte zwanzig Jahre zählen, sah ober noch kindlich anmutig aus. Die krankhafte Bläfte und der müde Ausdruck der sanften Augen gaben der leichtgebauten Gestalt etwas ungemein Wehmütiges. Wohl Niemand ein solches zartes Mädchen in dieser Umgebung gesucht.