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srr. 82

Marburg, Donnerstag, 21. April 1881.

xvi. )ahrga«g

ga« eigen nimmt entgegen; Xe Expedition b.Blatte«, fo»ü d-Annoncen-Bureaur von Tb, Dietrich & So. in jUffel und Hannover; Th. Dietrich in Kranlfurt a.M.; Mcfe^ein & moglet in getmtfittt e- M., Berlin, gripzig, SA» sc.; Rudolf Stoße i» ®etHn, $tcnt- furt «. M. ,e.

WcheM jfitmig.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blattet sowie d. Anno ncen-Buream von G. L Daube <fc$o. in Frankfurta.M; JLzerffche Buchhandlung befetbftk Hermann'sche Euchbandl. dasekbA; Jnvalideudauk in Berlin: fe. Thieuet in rtdrrfel,: $. Schlotte in

Bremen-

Srschetnt tLglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für daS Quartal mit bet wöchentlichen Beilage „ziustrtrted koant«S»latt" dutch bie CpebitUn (Koch'fche Auchbtucketei) »ezogen 34 Wert, durch bte Postämter des Deutschen Reiches 3 Wert 50 Pfg. (erd. Bestellgebühr). - JnfettionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfa. Für m bei Sxpetitwn zu ettheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 35 Vf«, berechnet.

Lord Bracoassteld.

Lord Beaconsfields Krankheit hat einen unerwarteten Verlauf genommen. Man hatte sie in den letzten Tagen nicht mehr lebensgefährlich betrachtet und noch vorgestern brachten die Zeitungen folgenden Bericht: „Lord Beacons­field befindet sich entschieden besier, nur die andauernde Körperschwäche flößt den Aerzten Besorgnis ein." Eine jedoch gestern mitgeteilte Depesche meldete: „Lord Beacons­field, dessen Befinden sich während der Nacht fortwährend verschlimmert hatte, ist heute früh kurz vor 5 Uhr ge­storben."

• England verliert in Beaconsfield seine populärste Per­sönlichkeit, den hervorragendsten Vertreter jener Großmacht­politik, wie wir sie während der letzten Jahrzehnte mehr­fach mit der Beschränkung aus die eigenen und inneren Angelegenheiten haben abwechseln sehen. Aber auch von seiner hervorragenden politischen Bedeutung als langjähriger Leiter der Geschicke Englands und anerkannter Führer der konservativen Partei abgesehen, erweckt Beaconsfield ein außergewöhnliches Interesse durch seine abenteuerliche Lauf­bahn, durch seinen von einer eisernen Beharrlichkeit ge- trageneil Ehrgeiz. Wann und wo hätte seit der Zerstörung Jerusalems ein Mann seines Stammes eine ähnliche Rolle gespielt? und wenn man auch von einem höheren Stand­punkte urteilend Lord Beaconsfield doch immer bloß einen Streber nennen darf, dessen häufiger Farben- und Partei­wechsel durchaus nicht, wie Fürst Bismarck das von sich rühmen darf, auf innerer Durcharbeitung und wahrem oder vermeintlichem Bessererkennen beruhte, so bleibt er darum doch nicht minder unter allen Strebern und Aben­teurern der Geschichte einer der erfolgreichsten und inter­essantesten. Ihn selbst, dem der Erfolg und die Kenntnis der Mittel, mit denen der Erfolg zu erzielen, alles waren, würde eine solche Beurteilung, vorausgesetzt, daß man seine hohen Gaben anerkannte, wohl schwerlich verletz: haben.

Beaconsfield, oder DiSraeli (früher auch d'JSraeli), wie er bis vor wenigen Jahren hieß, entstammt einer jener spanischen Judenfamilien, die gegen Ende deS sünfzehntm Jahrhunderts im Gebiet der venetianischen Republik eine Freistatt sanden. 1750 kam Beaconsfields Großvater als Kaufmann nach England und ließ sich in London nieder. Beaconsfields Vater war eine Art von Original, ein litterarischer Antiquitätensammler, dem der Sohn in mehreren seiner Schriften ein Denkmal kindlicher Ehrfurcht gesetzt hat. Geboren im Dezember 1805 unter auskömmlichen, aber keineswegs glänzenden Bermögensverhältnissen seiner Familie, wurde der junge Benjamin nach englischer Sitte in einem jener Colleges, die zwischen unseren Gymnasien und Knaben-Pcnsionaten in der Mitte stehen, erzogen, um, kaum dem Knabenalter entwachsen, als „Clerk" bei einem Notar einzutreten. Seinen dreijährigen Aufenthalt im Hause dieses Mannes hat Beaconsfield nach eigenem Ge- ........... q 1 111 1111 t'w - >

^Nachdruck verboten-! .

Der Dreibirkenhof.

Roman von August Butschet

1. Insassen und Einwanderer.

In Oberschwaben liegt irgendwo ein Thalgrund, wie wenige sind, so still und lauschig, so ganz Segen und Fruchtbarkeit.

Es war ein Abend in der Maimzeit.

Von einem Berggipfel im Westen schaute noch das glühende Sonnenauge herüber, doch auf den Thalgrund fielen schon die Schatten. Vom Wald, der breit im Osten sich dehnte, floß ein Bach nach Westen, fast unhörbar, aber schnell, als ob er um den letzten Liebesblick der Sonne ringe. Er hatte nur Wellen in der Sturmzeit, und sein Name „der stille Bach" war ihm mit Recht zu eigen. Diesseits des Waldes bog er sich zu einer Art See aus, dem er dann, wie sich seiner Wanderbestimmung erinnernd, in größter Schnelle entfloß.

Bleiben wir in Gedanken stehen an dieser Ausbuchtung. Vom Walde im Osten kriecht um sie dichtes Weidengebüsch westwärts, auch Erlen und der Elsebeerstrauch mischen sich in die grüne und stille Umrahmung, nicht zu vergessen der Blumen, die ins grüne Wasser sich neigen, so die Schlüssel­blume und das Vergißmeinnicht.

Nach Süden liegt das Land offen, und reiche Felder reihen sich an fette Wiesen, und mitten in ihnen liegt der Dreibirkenhof. Wir sehen die drei schlanken Bäume über ter Bank sich erheben, die weiß herüberschimmert. Sie sind schon alt, und der Hef nennt sich schon längst nach ihnen. Es mögen wohl früher andere tert gestanden haben, denn schon vor mehreren hundert Jahren hieß der Hof so und

ständnis ausschließlich zu tollen Vergnügungen und Jugend" streichen benutzt. 1826 übernahm der 21jährige Streber im Auftrage der bekannten Buchhändlerfirma Murray die Redaktion einer neugegründeten Zeitung (The Kepresen- tative), die jedoch schon nach sechs Monaten bei einem Verlust von 400 000 Mark zu erscheinen aufhörte. Mit seinem Roman Vivian Grey hatte Disraeli inzwischen eine andere Seite der schriftstellerischen Thätigkeit begonnen, und wenn auch der Erfolg seiner zahlreichen Schriften (darunter Contarini Fleming) zunächst nichts weniger als durch­schlagend war, ja, sogar mancherlei Enttäuschungen und Demütigungen mit sich brachte, so glaubte doch Disraeli schon 1832, durch seine zahlreichen Bekanntschaften hin­reichend populär zu sein, um in die Bewerbung für einen Unterhaussitz einzubeten.

Es beginnt damit ein neuer Abschnitt im Leben des zukünftigen Staatsmannes, ein Abschnitt, der von allen am meisten mit Demütigungen zu rechnen hatte. Hat schon die Wahlagitation an sich, wie sie sich auf englischem Boden mit der Zeit zu einer Art von Comment ausgebildet hat, für unser Gefühl etwas verletzendes, so tragen doch im besondern die Wahlreisen DisraeliS, die uns in mehreren seiner Biographieen aufs ausführlichste geschildert werden, einen so starken Anflug von Marktschreiern, daß man sich nur mit Mühe in die Geistesrichtung eines Mannes hinein- vcrsetzen kann, der auf solchem Wege zu seinen bochstre- benden Zielen zu gelangen gedachte. Von seinen Mitbe­werbern besiegt, vom Volke ausgepfiffen und lächerlich gemacht, versucht DiSraeli immer und immer wieder sein Glück mit einer Beharrlichkeit, die ans Bizarre streift. Im Juli des Jahres 1837 gelang das Langerstrebte: Disraeli erschien im Parlament; aber er erschien dort nur, um die­selben Szenen, die seine zahlreichen Wahlfeldzüge ausge­zeichnet, sich wiederholen zu sehen. Es ist uns die Beschrei­bung einer der ersten Reden Disraelis erhalten, worin eS heißt, er sei in grünem Frack mit gesalbtem Haar und entsprechenden Originalitäten in Bezug auf andere Seiten seines äußern Menschen auf der Rednerbühne erschienen; als er habe sprechen wollen, seien seine Worte durch unzeit­gemäßen Beifall erstickt worden, und als er dennoch fort­fuhr, stundenlang fortfuhr, habe im ganzen Hause niemand auf ihn gehört. Disraeli schloß seine damalige Rede mit den Worten: „Die Zeit wird kommen, wo auch ihr mich hören werdet!"

Disraeli war als Candidat der Konservativen inS Parlament gelangt, bei der von ihm angeschlagenen Politik scheint ihn jedoch ausschließlich die Rücksicht auf den vor­aussichtlichen Erfolg gelenkt zu haben. Gerade so wie er alS Wahlbewerber dem Irländer O'Connell nahegetreten war, um sich später aufs bitterste mit ihm zu überwerfen (er forderte dessen Sohn in ziemlich renommistischer Weise zum Duell heraus), ebenso wechselte er nicht weniger als läuft unter diesem Namen in den Güterbüchern deS Dorfes Blumenrain, welches eine halbe Stunde weiter südlich liegt und in das der Dreibirkenhof eingebaut ist.

Dem Weidengebüsch entlang, das tiefe Schatten ins Wasser wirft, gleitet langsam ein Kahn so still wie das Wasser, in großem Bogcn, versenkt fast in die Schatten deS Abends Es war ein schönes Bild. Alles so ruhig und doch nicht tot, der Nachen ein schüchternes Leben in der Sülle des „BachweiherS", wie die Ausbuchtung heißt. Im Kahn sitzen die Söhne deS DreibirkeubauerS, Friedel und Johannes.

Sie tragen noch die alte Bauernkleidung, denn unsere Geschichte greift zurück in die dreißiger Jahre unseres Jahrhunderts, wo das Leben ein ganz anderes war und die Mode eine unbekannte Größe, in jenem Thalgrunde wenigstens.

Sie tragen die kurze Lederhose, die sich an schneeweiße Strümpfe schließt, über die halb die Stiesel heraufreichen, rote Westen mit bleiernen Knöpfen (Sonntags sind es silberne) und den runden schwarzen Hut. Aus einer kleinen Seit entasche sieht der silberne Griff deS Knickers, der keinem reichen Bauern fehlt und an mancher Kirchweih ot-ir am Jahrmarkt in der 2 Stunden entfernt liegenden Stadt Un­heil stiftet.

„Also morgen, Friedel, ist der Versprach und in vier Wochen die Hochzeit", sagte Johannes, indem er die Angelschnur aus dem Wasser schnellte.

„Du hast keinen Fisch gefangen", lachte der Aeltere, „aber mir hat die Gundel, der Goldfisch angebtffen!"

„Du bist lustig", eutgeenrte Johannes, „und Du weißt warum. Der Hof wird in einem Jahie Dein, u>w die

dreimal zwischen Freihandel und Schutzhandel, zwischen Unterstützung und Befehdung deS Sir Robert Peel. 1839 hatte Disraeli die Wittwe des Abgeordnetm Wyndham Lewes geheiratet, und mit dieser Begründung eines eigenen Hausstandes ging die Befestigung seines polittschen Ein­flusses Hand in Hand. So unglaublich es auch scheinen mag, der Romanschreiber ohne Titel, ohne Ahnen und ohne Grundbesitz wurde immer mehr der Führer einer Partei, deren Mitglieder sich aus der stolzesten Aristokratie Europas rekrutierten, und er wurde dies aus dem einzigen Grunde, weil kein anderer von gleicher Fähigkeit seine Stelle hätte einnehmen können. Im Februar 1852 über­nahm Disraeli unter dem Ministerium Derby zum ersten mal das Amt eines Schatzkanzlers, das er seitdem noch mehrmals (u. a. 1859 und 1866) bekleidet hat. Im März 1868 bahnte Derbys Rücktritt dem Ehrgeize Disraelis einen Weg zur Stellung als Premierminister, in der er jedoch blos bis zum Dezember desselben Jahres verblieb, um alsdann, was später noch einmal geschah, Herrn Glad­stone seinen Platz zu räumen. AuS jener Zeit datiert jener eigentümliche, fast persönliche Kampf zwischen zwei Männern, die seitdem als die ausgesprochensten Vertreter und Führer der beiden großen politischen Parteien des Landes gegolten haben.

Im Februar 1874 trat Beaconsfield wieder ans Ruder er begann jene populärste Epoche seiner politischen ThäÜg- keit, die mit der Bildung eines KabinetS aus lauter her­vorragenden Leuten (CairnS, Richmond, Malmesbury, Derby, Salisbury, Carnarvon, Hardy, Cross, Northcote, Manners und Hunt) begann. Der Prinz von Wales trat seine Reise nach den vorderasiatischen Besitzungen an, die Königin legte sich den Titel „Kaiserin von Indien" bei, der Ankauf der Suezkanal-Aktien gab England ein langerstrebtes Ueber- gewicht in Aegypten, die orientalischen Verwicklungen führten zur Entsendung der Flotte durch die Dardanellen, zur Landung eines indischen Armeekorps auf Malta und schließ­lich zum Erwerb der Insel Cypern, während wenig später der afghanische und Zulukrieg den Machtbereich England« um ein Erkleckliches zu vergrößern schienen. ES war zur Zeit des Berliner Kongreffes, als Beaconsfield trotz körper­lichen Leidens im Zenith seiner Macht stand. — Seit den Zeiten des Kongresses hat Beaconsfield eine europäische Rolle nicht mehr gespielt, und wenn sich auch das uner­wartete Ergebnis der Wahlen vom Frühjahr 1880, die da« Regiment den Liberalen überlieferten, ein allgemeiner Ausdruck des Bedauerns, namentli h auch seilens jener Kontinentalmächte knüpfte, mit den n Beaconsfield während des Berliner Kongreffes verhandelt, so legten sich doch bald die allgemeinen Befürchtungen, als man erkannte, wie wenig Gladstone die Macht habe, alle maßlosen Aruße- rungen aus seinem Wahlfeldzuge auf die Wirklichkeit zu übertragen.

Gundel ist eine frische Dirn, ein bissel dick freilich — und thut ein bissel dick."

„Sie hatS, sie kanns," war Friedels leicht hingeworfene Antwort. „Du wirst Dich gut stellen mit der jungen Bäuerin, hoff ich."

„Ich werd ihr eine Stunde vom Wege gehen, wo ich kann," gab Johannes zurück, indem es wie eine stille Trauer über seine Augen lief. „Ich bin eben überall der Hintere und der Mindere!"

Er war ein hübscher Bursche, dieser Johannes. Freilich reichte seine LeibeShöhe nicht an die seines Bruders, aber er war wohlgebaut, und seine Brust war breit, und seine Arme waren sehnig. Im Gesicht lag ein weicher Zug, und ter rote Mund sah fast wehmütig aus, und gleich ihm das Auge, in dem ein eigenes Licht brannte, wie heimliche« Feuer, daS wohl einmal jäh ausfiammen konnte. Unter dem breiten Hute drängten sich volle krause Haare hervor, von der Farbe der Aehren im Juli. Er mochte wohl fünfundzwanzig Jahre zählen ober etwa« mehr. Gesichter wie bad seinige, ändern sich langsam, und wenn nicht harte Stürme dann wühlen, bleiben sie lange jung und still, still wie der Bachweiher, der heute nicht 6 erriet, ob je ein Sturm feine ruhige Fläche durchwühlt hat.

Friedel glich ihm wenig. Er war etwa dreißig Jahre alt zur Zeit, wo unsre Geschichte beginnt. Schwarz von Haar und groß und knochig von Gestalt, war er das Ur­bild eines echten knorrigen Bauers. Seine Hände, die das Ruber führten, waren schwielig unb braungebrannt war das ruhige Gesicht. Seine Mund umzogen leise Fältchen, wie auch die Augen, die, groß und dunkel, einen starren Ausdruck zeigten; sie schienen ruhig wie das kalte broncene Gesicht, da« schlecht stimmte zu der etwas humoristischen