Rr. 91. Marburg, Mittwoch, 20. April 1881.
xvi. ^ulrgaig
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Die politische Lage.
Die Ferien deS Reichstages gehen mit der Osterwoche zu Ende. Der Rest der Session wird von großer Bedeutung sein; denn es handelt sich noch um die wichtigsten Vorlagen der Session. Die liberalen Blätter hoffen, daß alle Vorlagen abgelehnt werden, und nehmen diese ihre Hoffnung schon für Wirklichkeit. Möglich ist es ja bei der jetzigen Zusammensetzung des Reichstages immerhin, da es an einer festen, einheitlichen Mehrheit fehlt. Die Vorlagen sind gegen die liberale Politik gerichtet! Deshalb können die Liberalen nicht dafür stimmen und die Konservativen haben allein nicht die Mehrheit; das Centrum aber ist noch immer unsicher, so lange der Kulturkampf nicht beendigt ist. Was würde die Folge sein, wenn in der Thal nichts zustande käme? Wenn die Steuervorlagen abgelehnt werden, so wird allgemein angenommen, daß dann der Reichskanzler das Tabaksmonopol dem nächsten Reichstag vorlegen würde; das abgelehnte Unfallversicherungsgesetz würde dann höchst wahrscheinlich ebenfalls dem nächsten Reichstag vorgelegt werden. Am meisten Aussicht auf Zustandekommen hat noch die Jnnungsvorlage. Ob sie aber in der fakultativen Gestalt die wünschenswerten Erfolge haben wird, bezweifeln gerade die Handwerker, also die eigentlich Sachverständigen, am meisten. Auch im Parlament scheint diese Ueberzeugung vielfach vorhanden zu sein, allein man glaubt, mit der obligatorischen Innung den Liberalen gegenüber nicht durcb- kommen zu können. Deshalb will man sich mit dem Erreichbaren begnügen.
Die Leistungen des Reichstages werden ohne Zweifel von großem Einfluß auf die Wahlen sein. Das Volk steht größtenteils auf feiten der WirtschastS- und Sozialpolitik des Reichskanzlers und der Konservativen, weil es erkannt hat, daß mit der liberalen Politik die Schäden nicht geheilt werden können, die durch diese Politik entstanden sind. Wirtschaftliche und soziale Reform auf dem Boden der christlichen Weltanschauung, wie es die Motive zum Unfallver- sicherungSgcsctz so schön aussprechen, ist daS Programm der Zukunft. Dagegen wird alle fortschrittliche Agitation nichts ändern. Die Thalsachen sind stärker als die Menschen! Diese Lage der Dinge wird auch die Wahlen beherrschen! Unter diesem Zeichen werden die konservativen Prinzipien siegen, vorausgesetzt, wenn deren Träger die Hände nicht gar zu lässig in den Schoß legen, wie dieses leider schon zu oft geschehen ist, und wenn keine kräftige, einheitliche Organisation erfolgt.
Deutsche» Reich.
Berlin, 16. April. Eine vom Tage der Beisetzung des Kaisers Alexander deS Zweiten datierte, im Armee- Vcrordnuugsblatte publicierte kaiserliche Ordre bestimmt, daß das 1. Brandenburgische Ulanenregiment Nr. 3, wel-
Mutmaßliche Auffindung des Grabsteins der heilige«
Elisabeth in der Elisabethktrche zu Marburg.
Hic jacet Elisabeth, si bene fecit, habet.
Diese Inschrift findet sich in mehreren Chroniken der beiden letzten Jahrhunderte. Mattin Zeiler, der im Jahre 1653 schrieb, berust sich auf Laurentius Peckenstein und bemerkt dabei, daß dieser sie in altern Chroniken gefunden habe. Zu ZeilerS Zeiten war die Inschrift nicht mehr vorhanden; denn er schreibt, sie sei weder an Elisabeths Sarg, noch sonst an einem Orte in der Kirche anzutreffen. In nachstehender Auseinandersetzung glaube ich darthun zu können, daß ich den Stein gefunden habe, auf dem obige Inschrift stand.
Große und kleine Steinplatten bildeten den Fußboden der Elisabcthkirche bis zu deren Restauration im Jahre 1854. Unter denselben befand sich eine Platte, welche sich wegen ihrer Farbe von den andern unterschied. ES war dies nämlich eine circa 12 Fuß lange und halb so breite blaue Schieferplatte, in deren Mitte mehr nach einer schmalen Seite hin 3 eiserne Diebelreste in der Form eines Dreiecks sich befanden, welche gegen den Stein etwas hervorragten und durch das öftere Betreten desselben glatt geworden waren. Diese Platte lag im Mittelschiff in dem Gange zwischen den beiden Seitenpforten, unfern des zweiten und dritten südlichen Pfeilers. Ich entsinne mich alles dessen noch ganz genau, denn ich habe die Platte öfters überschritten Die Sage bringt sie mit der heiligen Elisabeth in Verbindung und läßt sie ihren Waschstein gewesen sein, der vordem im Elisabethbrunncn am Wcrdaerweg gelegen habe. Ich hielt diese Platte für einen Grabstein, der das Grab
ches bisher in der preußischen Armee die Ehre hatte, den Namen des Kaisers Alexander des Zweiten zu führen, denselben für alle Zeiten beibehalten soll. — Dem Bundesrat ging ein Antrag des Reichskanzlers zu, wonach mit Rücksicht auf die um fast 2Vr Millionen gestiegene Ziffer der Bevölkerung des Reichs die allmähliche Ausprägung von weiteren fünfzehn Millionen silberner Einmarkstücke aus den im Reichsbesitz befindlichen und aus 339 000 Pfd. bestehenden Silberbarren erfolgen soll. — Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt, die Behauptung der „Germania" und anderer Blätter, die Regierung habe die Thatsachen mitzuteilen, auf gründ deren dem in Trier zum Kapitularvikar gewählten Dr. de Lorenzi der Dispens von der Eidesleistung nicht erteilt werde, involviere eine Verkennung der Sachlage und der Rechtslage. Zweifellos habe der Ober- Präsident nach dem Gesetze vom 24. Mai 1874, falls er Einspruch gegen die Wahl hätte erheben wollen, diese zu begründen und Thatsachen anzugeben; der Oberprästdent habe aber weder Einspruch erhoben, noch sei er bisher in •er Lage gewesen, dies zu thun; es handele sich lediglich um die Anwendung des Artikels 2 des Gesetzes vom 14. Juli 1880 und um die Beschlußfassung des Staatsministeriums darüber, ob dem Gewählten die Ausübung der bischöflichen Rechte auch ohne eidliche Verpflichtung zu gestatten sei. Dem Trierer Domkapitel sei auch nur das Ergebnis dieser Beschlußfassung durch den Oberpräsidenten mttgeteilt worden, nicht der Einspruch des Oberpräsidenten gegen die Wahl. Für die Nichterteilung des Dispenses trage das Staatsministerium die volle Verantwortung; eine Mitteilung der Thatsachen, welche für die Beschlußfassung des Staatsministeriums bestimmend waren, fordere das Gesetz nicht. Wenn es der Regierung sehr gegen ihren Wunsch unmöglich gewesen sei, bei der Trierer Wahl die gleich entgegenkommende Haltung an den Tag zu legen, wie bezüglich der Paderborner und Osnabrücker Wahl, so sei zu bedenken, daß die Ausübung der der Staatsgewalt durch das Juligesetz verliehenen Befugnisse eine Vertrauenslache sei, welche je nach den verschiedenen Persönlichkeiten auch eine verschiedene Beurteilung und Behandlung erfahren müsse. — Die deutschen Delegierten für die internationale Münzkonferenz, Geheimer Regierungörat Schraul und Le- galionsrat Thielmann, sind heute nach Paris abgereist. — Nach dem „Braunschw. Tageblatt" tritt in Braunschweig das Gerücht auf, der Kaiser werde am 24. d. Mts. für kurze Zeit bort eintreffen, um dem Herzoge die Glückwünsche zum Regierungs-Jubiläum darzubringen. — Der Kaiser hat den vom hiesigen Gericht zum Tode verurteilten Raubmörder Wileba zu lebenslänglichem Zuchthause begnadigt.
— Dem bereits erwähnten, von einem fortschrittlichen Komitee, bestehend auS den Herren Cuno, Hugo Hermes, Dr. Otto HermeS, Knörcke, Dr. Langerhans, Ludwig Löwe, eines Unbekannten bedeckte. Als aber bei der Restauration der Kirche die Platte aufgehoben und der Boden unter ihr untersucht wurde — ich war gerade anwesend — fanden sich nicht die geringsten Knochenreste vor, während unter andern Platten mit unv ohne Inschrift deren viele zum Vorschein kamen.
Vor nicht langer Zeit las ich zum erstenmal die vom Grafen Montalembert verfaßte und von Städtler ins deutsche übersetzte Lebensgeschichte der heiligen Elisabeth. Die Feierlichkeiten bei der Erhebung ihrer Gebeine, wie sie hier nach der Aufzeichnung eines Augenzeugen mitgetellt werden, sowie die Bemerkung, daß ihr Grab ein Stein bedeckt habe, waren mir gänzlich unbekannt. Die Worte: „Kaum hatten sie den Stein, der es bedeckte, weggenommen" *), erinnerten mich
*) Die betreffende Stelle lautet wörtlich: So ging also drei Tage vorher der Prior Ulrich mit 7 Brüdern zur Nachtzeit in die Kirche, wo die Gebeine ruhten, und nachdem sie die Tyüren verschlossen, öffneten sie das Grabgewölbe. Kaum hatten sie den Stein, der es bedeckte, weggenommen, als ein köstlicher Woh geruch den heiligen Ueberreften entduftete. (Nam venerabilis vir Ulricus, Prior loci, assumptis secum VII Fratribus ostio Ecclesiae clauso, nocte, rejecta terra, sepulcrum aperuit, et ecce tanta fragrantia, lapido amoto, de sacro corpore efferbuit ut omnes odoris illius suavitate recreati in admirationem versi, Deum collaudarent.)
Anmerkung. Elisabeth starb am 19. November 1231 in
l’rCm. ^nun9- welche auf dem gegenwärtigen Firmancipiatze in der Nähe des chemischen Laboratoriums stand, und wurde in die Kirche des von ihr erbauten Franziskushospitals begraben. In der Woche nach Pfingsten, vor Ablauf des Monats Mai 1235, wurde sie vom Papst Gregor IX. zu Perugia heilig gesprochen und vom Erzbischof Siegfried von Mainz der l.Mai des folgenden Jahres zur Erhebung ihrer Gebeine -festgesetzt. Später gingen Teile des Hospitals und der Kirche mit erm Grabe der Heiligen in die ihr zu Ehren erbaute und am 1. Mai 1283 geweihte St. Elisabeth- kirche auf.
Ludolf ParisiuS, Pitzmanu, Eugen Richter und Dr.SB. Straßmann, erlassenen Aufruf entnehmen wir folgendes: „Mitbürger! Durch die jüngsten Angriffe des Reichskanzlers auf die Selbstverwaltung der Stadt Berlin erhalten die nächsten Reichstags-Wahlen für unsere Stadt eine besondere Bedeutung. Aufgemuntert durch die Reden des Fürsten Bismarck, entwickelt alles, was Berlin an konservativen, klerikalen, zünfllerischen, orthodoxen, christlich - sozialen und sonstigen reaktionären Elementen in sich birgt, die größte Rührigkeit, um unter Anwendung von Mitteln jeglicher Art dem Liberalismus und der Fortschrittspartei den Wahlsieg streitig zu machen und für die Reichshauptstadt Männer in den Reichstag zu entsenden, welche der weiteren Vermehrung der Steuerlasten und Polizeibefugnisse, der zwangsweisen Staatsbeglückung und der Anbahnung eines diktatorischen Regiments ihre unbedingte Unterstützung anbieten. Nach der anderen Seite gilt es für uns, die Sozialdemokratie zu bekämpfen, welche bei den letzten Wahlen in Berlin über 57,511 Stimmen verfügte und heute noch den vierten Wahlkreis im Reichstag vertritt. Das Sozialistengesetz hat, wie die Nachwahlen bewiesen, die Sozialdemokratie zwar aus der Oeffentlichkeit verdrängt, ihre Organisation aber nicht zu zerstören vermocht." Demgemäß wird zu Beiträgen zur Bildung eines besonderen Wahlfonds für Berlin aufge- fordert. „Diese Beiträge werden zum Uuierschiede von einer "kürzlich stattgehabten anderen Sammlung nur für Berlin unv zwar nach getroffener Vereinbarung auch unter entsprechender Dotierung der sechs einzelnen ReichSwahlkreisc verwandt werden." (!!)
Bresla«, 15. April. Aus Oberschlesien wird gemeldet, daß der in früherer Zeit öfter genannte Redakteur Miarka wegen Unterschlagung in zwei Fällen zu 5 Monaten, wovon 2* 1/* als verbüßt durch die zehnmonattge Untersuchungshaft erachtet werden, verurteilt worden ist. Von Seilen der Verteidigung wurde ein Antrag auf Haftentlassung und Revision des Urteils eingelegt. Dem An- trag auf Haftentlassung ist seitens des Gerichts entsprochen worden. Miarka ist angeklagl: in dcn Jahren 1879 und 1880 zu Nikolai verschiedene selbstständige Handlungen lj in bet Absicht, sich rechtSwibrige Vermögensvortelle zu verschaffen, das Vermögen der dem Oberschlestschen Bauern- kceditverein beigetretenen Personen dadurch geschädigt zu haben, daß er durch Vorspiegelung einer falschen Thatsachc Irrtümer erregte, 2) in zwei Fällen fremde bewegliche machen, welche er in seinem Gewahrsam hatte, nämlich den Gebern von NotstandSgaben gehörige Gelder a. 9000 M., b. 2140 M. sich in rechtswidriger Absicht zugeeignet zu haben, und zwar in beiden Fällen Sachen, die ihm anvertraut waren. Bezüglich des ersten AnklagepunkteS erfolate Freisprechung.
Effeu, 12. April. Der „Köln. Ztg." schreibt mach „Soeben erhalte ich aus sicherer Quelle die Nachricht, daß unwillkürlich an jene blaue Schieferplatte mit ihre i Diebel« resten und ihrer Elisabethsage. Ich glaube nunmehr behaupten zu dürfen, daß diese Schieferplatte jener Stein ist, den man in der Nacht am 28. April 1236 von Elisabeths Grab entfernte. Da der Schiefer zum Einmeiselu von Inschriften sich nicht eignet, so hatte man vorbemerkte Inschrift „Hic jacet Elisabeth, si bene fecit, habet“ aus einer circa 45 Zentimeter langen und 20 Zentimeter breiten Messingplatte angebracht, und diese mit eisernen Diebeln auf der Schieferplatte befestigt. Bei Entfernung der Jn- ichriftplatle waren jene Diebelreste im Steine zurückgeblieben.
Ausnahmsweise fand diese blaue Schieferplatte, weil die Sage sie mit der heiligen Elisabeth tu Verbindung brachte, Gnade vor dem Leiter der Restaurationsarbeiten der Kirche. Sie liegt dermalen umgearbeitet vor dem Hochaltar und bildet, umgeben von einem SandsteinsrieS, die oberste der 3 Altarstufen. Sämtliche Grabplatten von «andstein wurden zerschlagen und zu neuen Altarstufen, FrieSplatten re. verwandt. Unter diesen fanden sich nachstehende von Landkomturen, an denen die Reliefs und Inschriften noch unversehrt waren: Alhard von Hörde (j-1586), Wilhelm von Oinhausen (f 1613), Friedrich von Hörde Ct 1626), Johann Fuchs (f 1631), Georg Daniel von Habel (f 1652), Adolf Eitel von Nordeck zur Rabenau (t 1667), Philipp Leopold von Neuhof (f 1670), Johann Daniel von Priort (t 1684), Ernst Hartmann Baron von Diemar (f 1754), Christian Ludwig, Gras zu Jsen-
Nach meinem Dafürhalten lag die blaue Schieferplatte früher in einem der beiden Ouerschiffc. Von hier wurde sie bann erst in das Mittelschiff gebracht, als man in einem der Querschiffe ein neues Begräbnis anlegen und