Rr. 90.
Marburg, Sonntag, 17. April 1881.
xvi. Jihrg«!
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von 9- L- Daube £ Ss. ix
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Öfter».
Angesichts der großen Gottesthatm zur Erlösung der Welt, welche uns die stille Woche am Charfreitag und am Ostermorgen wieder vor Augen stellen, muß die Politik in Hintergrund treten. Hier handelt eS stch um Dinge und Fragen, die nicht diesem .oder jenem Volke, diesem oder jenem Zeitalter angehören, sondern eine solche, welche die größten Angelegenheiten der ganzen Menschheit aller Völker und Zeiten betreffen. Hier handelt es sich um Dinge, welche uns den Schlüssel darbieten zum Verständnis aller Menschen- und Völkergeschichten. Die ganze Entwickelung deS einzelnen Menschen wie der Menschheit stellt sich uns dar als ein Kampf des Lichts mit der Finsternis, der Wahrheit mit der Lüge, bei Guten mit der Sünde. Alle Kulturbestrebungen, welche sich nicht auf dieser Linie bewegen, sondern auf eine äußerliche, genußreiche Ausgestaltung deS Lebeus gerichtet sind, haben den Völkern nicht Heil, sondern Verderben gebracht. Bestand und Segen hat nur die Kultur, welche herausgeboren wird aus dem ernsten sittlichen Kampf gegen das Böse, um die Wahrheit und daS Gute zur Herrschaft zu bringen. Die Nichtachtung der Sünde und der sündigen Neigung des Menschen ist der größte Fehler, den der Politiker machen kann. Wer auf die »gute Natur" der Menschen baut, der baut auf Sand, und was er baut, sind Kartenhäuser, die bald zusammenstürzen und in denen die Menschen nicht wohnen können. Diesen Fehler hat die liberale Politik gemacht, indem sie den Menschen für gut nahm und sagte: man muß den Menschen nur möglichst gewähren lassen, dann werden alle guten Bestrebungen die Herrschaft erlangen und das Leben wird sich in jeder Weise befriedigend gestalten. Dieser Grundirrtum liegt allen liberalen Gesetzen zu gründe. Die Erfahrung hat gelehrt, daß dann aber nicht das Gute siegt, sondern daß die Selbst- und Genußsucht, die Geld- und Habsucht die Oberhand gewinnt und der Geringe und Schwache unterdrückt wird. Dann werden wohl an den glatten Straßen schöne Paläste gebaut, aber dahinter wohnt dar Maffenclend. Das war das Resultat der alten heidnischen Kultur und das scheint auch immer mehr das Resultat der modernen Kultur zu werden, je mehr sie sich auf den Boden der naturalistischen Weltanschauung stellt und die christlich-sittliche Weltanschauung verleugnet. Diese Erkenntnis bricht sich angesichts der schlimmen Folgen jener liberal-naturalistischen Behandlung der menschlichen Verhältnisse immer mehr Bahn. Das Volk beginnt einzusehen, daß keine Macht der Welt im Stande ist, die Verhältniffe wieder zu beffern, wenn der christlich-sittliche Geist daraus entwichen ist. Wo der fehlt, da werden alle Verhältniffe wie hohle Wände, in denen kein Nagel mehr hält. Mit äußeren Reformen ist dann nicht mehr zu helfen. Alle wahre Kultur muß sich auf die sittliche Veredelung des Menschen gründen und aufbauen, sonst bauen wir übertünchte Gräber. Daß diese Erkenntnis in unserm Volke wieder auswacht, gibt uns Mut und Hoffnung für die Zukunft unseres Volkes. Wären wir auf den Wegen fortgcwandelt, auf welche der religionslose Liberalismus und das Reformjudentum die große Masse unseres Volkes gelockt hatte, so wären wir bald im Abgrunde einer hoffnungslosen Revolution angelangt. Man erinnere sich doch an die Jahre 1873—78, wo man in Berlin dem Orang-Outang im Aquarium einen Lakaien hielt, ihm zu Weihnachten einen Christbaum putzte und wo das „Berl. Lgbl." tägliche Bulletins über seinen Gesundheitszustand brachte, wenn er einmal einen Schnupfen hatte, wo man die Lehre der Abstammung des Menschen vom Affen als die höchste Blüte der Wiffenschaft pries, wo man die Kirche als Volksfeindin verfolgte, Ehe und Schule religionslos machen und die Lcichenverbren- nung einführen wollte, wo man fast bei jedem groben Verbrechen die Ursache in natürlichen Anlagen deS Verbrechers suchte und sie als Entschuldigungsgrund geltend machte, wo man die Gefängnisse nicht komfortabel genug einrichten konnte und wo jeder als Feind btt Humanität unb als Dunkelmann verschrieen würbe, ber eine ernste, sittliche strenge Behandlung der Verbrecher verlangte. Die ungeheure Vermehrung ber Verbrechen, die Hunderttausende ungetaufter Kinder und die zehntausende ungetrauter Ehen, wie bas Anwachsen ber Sozialvemokratie unb bie Attentate auf baS Leben unferes teuren Kaisers zeigten uns, wohin solche religionslose Bestrebungen führenI 'Und wohin würden sie uns jetzt schon gebracht haben, wenn ihnen nicht durch das Aufwachen deS christlichen Volksbewußtseins ein Halt geboten worden wäre?! — Ja wohl, das, waö von christlichem Bewußtsein noch in unserem Volke
steckt, das ist der Halt für unser Volk und der Grund der Hoffnung, daß es noch besser werden kann.
Wo das christliche Bewußtsein fehlt, da fehlt jeder Anknüpfungspunkt für wirkliche Besserung der Schäden. Aber womit sollen wir das christliche Bewußtsein pflegen und immer aufS neue stärken, als allein mit dem Christentum? Wo bleibt aber das Christentum, wenn man, wie die Pro- testantenvereinler thun, die göttlichen Thatsachen und Wahrheiten, auf welche das Christentum sich gründet und die seinen Inhalt bilden, verwirft? Was sollte uns der Kreuzestod Christi nützen — wenn derselbe nichts weiter wäre, als der Tod der vielen Tausende von Menschen, die außer ihm wohl auch unschuldig gekreuzigt worden sind, was soll uns noch Ostern, wenn die Auferstehung ein Traum, eine Einbildung ober ein Märlein wäre? Wie will man christliches Bewußtsein, christliche Sittlichkeit und Frömmigkeit pflanzen und pflegen, wenn man das Christentum zerstört? Kann man auch Trauben ernten, wenn man den Weinstock zerschneidet? „Ist Christus nicht auferstanden, so ist unser ganzer Glaube eitel und nichtig" — sagt der Apostel Paulus und dabei bleibt's ebenso fest als dabei, daß „Christus um unserer Sünden willen gestorben und um unserer Gerechtigkeit willen auferweckt ist". Was die Heiden vor ihren Opferaltären vergeblich suchten: Versöhnung für ihre Sünden mit der erzürnten Gottheit — daS haben wir in Wahrheit in dem großen Versöhnungsopfer des Sohnes Gottes für die Sünden der Welt auf Golgatha. In ihm offenbart uns Gott seine Heiligkeit, seinen Zorn und sein Gericht über die Sünde, zeigt uns den furchtbaren Ernst der Sünde und ihrer Strafe — aber er offenbart uns auch zugleich die Größe seiner barmherzigen Liebe, die nicht den Tod deS Sünders will, sondern die will, daß er Frieden habe für seine Seele, und zu einem neuen Leben in Lauterkeit und Wahrheit auferstehe I Befreiung an der im Gewissen bezeugten Schuld, Frieden und Ruhe, das ist's, was alle Menschen in allen Religionen gesucht haben. Dieses Verlangen und Sehnen ist gestillt durch Christi Versöhnungstod und durch seine Auferstehung. In dieser Charfreitags- und Osterthatsache liegt die Quelle des christlichen Bewußtseins und christlicher Sittlichkeit. Diese Quelle darf nicht verschüttet werden, die muß vielmehr hell und rein und voll sprudeln in unserm deutschen Volke I Deshalb brauchen wir eine auf dem Grunde des Glaubens arbeitskräftige Kirche und eine christliche Schule! Das sind unsere Kleinode, die muffen wir hüten und bewahren, dazu fordern uns Charfreitag und Ostern auf's neue auf!
Deutsches Reich.
Berlin, 14. April. Die „Nordd. Allg. Ztg." und andere Blätter sagen entgegen der Meldung der „Prov.- Corresp.", über die Reise des Kaisers nach Wiesbaden sei noch keine Festsetzung getroffen. — Der „Reichs- und Staats-Anzeiger" veröffentlicht die Allerhöchste Verordnung, betreffend Ermächtigung für den Kanonikus Stumpf zur Annahme der Verleihung eines Bistums in partibus und zum Empfange der kanonischen Institution als Koadjutor des Bischofs von Straßburg mit dem Rechte der Nachfolge. — Schon in den nächsten Tagen werden 3 Bevollmächtigte des Hamburger Senats hier erwartet, um mit der Reichsregierung über die Frage bei Zollanschlusses Hamburgs zu konferieren. — Von ben 135 Mitgliedern des deutschen Volkswirtschaftsrats fallen auf Preußen 75, Bayern 15, Sachsen 8, Württemberg 6, Baden 4, Hessen 3, Mecklenburg-Schwerin 2 und auf die anderen Staaten je 1 Mitglied. — Der bisherige Militär-Attache bei der derzeitigen Gesandtschaft in München, Oberstlieutenant und Flügeladjuiant, v. Stülpnagel, ist zum Kommandeur des Garde-Füsilier-RegimentS ernannt worden; der neuernannte Militär-Attache dajelbst, Major v. Pannwitz, bisher persönlicher Adjutant deS Kronprinzen, bezieht stch morgen von hier auf seinen Posten nach München. — Mit bezug auf die Nichtzulassung des Domkapitulars de Lorenzi zum Bistumsverweser in Trier schreibt die „Germania": „Die nächste Wirkung deS bedauerlichen Zwischenfalls wird die Verzögerung der Ernennung eines Administrators für die Diözese Fulda sein. Wir setzen in dieser schwierigen Lage auf die Weisheit bei heiligen Stuhles das größte Vertrauen. — Die Ablieferung der viel besprochenen, an den Fürsten Reichskanzler gerichteten Petition, tu welcher um Einschränkung des Einflusses der Juden gebeten wird, fand gestern statt. Nachmittags gegen 4 wurden die 26 stattlichen Bände, in welcher die etwa 14 000 PetitionS- bogen zusammengehestet sind, nach Staaten und Provinzen geordnet, abgegeben. Die Zahl der Unterzeichner beträgt nahe an 255 000, von denen Schlesien allein etwa ein
Fünftel geliefert hat. Hieran schließt stch die Mark Brandenburg mit mehr als 38 000 Unterzeichnern, von welchen auf Berlin allein über 12000 entfallen. Sehr stattlich präsenttert stch Westfalen mit über 27 000 Namen; die Rheinprovinz stellt deren beinahe 20 000. Süddeutschland ist im Verhältnis schwächer vertreten: Württemberg, Bade« und Hohenzollern haben zusammen wenig über 7000, Baiern etwa 9000 geliefert. Unter diesen Namen sind thatsächlich alle Stände vertreten von dem StandeSherra, dem General, dem Künstler, dem hohen Beamten bii zum ärmsten Tagelöhner. — Die vom anonymen Comtts auf heute Abend nach dem Saale der Tivolibrauerei einberufene Versammlung aller freisinnigen Parteien, unter Ausschluß der Antisemiten, wurde wegen kurz nach der Eröffnung^ derselben entstandenen Tumults, der zu Thättich- ketten führte, polizeilich aufgelöst. Einige Personen, welche den Tumult auf der Straße fortsetzten, wurden verhaftet.— Wie man der „N.-Ztg." unter dem 12. aus St. Petersburg meldet, wird der Rücktritt des Grafen Loris Melikoff in den nächsten Tagen erfolgen: als Nachfolger von Sorte Melikoff hat der Prinz von Wales den Grafen Peter Schuwalow vorgeschlagen; man sieht der Ernennung desselben entgegen. Im unteren Gerichtshause, wo die verurteilten Kaisermörder verwahrt werden, sind 20 Revolutionäre verhaftet worden; einer größeren Zahl gelang es, sich der Verhaftung durch gewaltsamen Widerstand zu entziehen und zu entkommen. Den Verhafteten wurden 20 Pfund Dynamit abgenommen. Eine dumpfe und gedrückte Stimmung herrscht in der Stadt, wer irgend in der Lage ist, verläßt dieselbe. In Moskau ist der kleine Belagerungszustand erklärt worden. Der Verkehr aller Ein- und Auspassierenden wird unter strengste polizeiliche Neber- wachung gestellt.
vrauuschweig, 13. April. Das hiesige Tagebl. schreibt: „In Berliner und anderen Blättern ist jetzt vielfach vo« einem angeblich aus Karlsruhe stammenden Gerüchte die Rede, nach welchem Se. Hoheit der Herzog Wilhelm damit umgehe, den zweiten Sohn des Großherzogs von Baden, Ludwig Wilhelm, geb. 1865, zu adoptieren unb damit die Erbfolgefrage in neue Bahnen zu leiten. Ob an diesem Gerüchte ein thatsächlicher Anhalt ist, vermag selbstredend kein Uneingeweihter im Augenblicke zu ermessen. Jedenfalls klingt die Meldung sehr merkwürdig und einstweilen wenig glaubhaft, wett sie mit mancherlei Umständen im Widerspruche steht. Selbstredend würde jedoch für den Fall ihrer Begründung ein Thronfolgerecht durch die bloße Adoption so lange nicht konstatiert werden, als nicht oer Landtag dazu seine verfassungsmäßige Zustimmung erteilt hätte."
Hamburg, 14. April. Die von der Bürgerschaft gewählte Vertrauenskommission beriet mit den Kornmissarieu deS Senats in mehreren Sitzungen die gegenwärttge Lage der Zollanschluß-Angelegenheit und vertagte sich sodann. Die Mehrzahl der Kommissionsmitglieder hat ber Eröffnung formeller Verhanblungen über die Bedingungen eines eventuellen Zollanschlusses Hamburgs zugestimmt. Die Bürgerschaft nahm gestern einstimmig und ohne Debatte den Antrag von Wolffson und Genossen an, daS Entlassungsgesuch deS Präsidenten Hachmann nicht zu genehmigen und denselben zu ersuchen, daS Präsidium weiter zu führen. Im Verlaufe der Sitzung erschien Hachmann und übernahm das Präsidium wieder.
öremen, 14. April. Die Bürgerschaft ließ in der gestrigen zweiten Beratung der Zollanschlußfrage nach der Befürwortung durch Herrn WilkenS ihre früheren konstitutionellen Vorbehalte fallen unb nahm den Senatsantrag auf Niedersetzung eines Vertrauensausschusses ohne Zusatz an, weil sie burch bie Senats-Erklärung bte Gewißheit erlangt hatte, baß die in ihrem ersten Beschlüsse bezeichnetm Punkte (die Forberung ber sofortigen Zusammenstellung ber Bebingungen beS Zollanschlusses) volle Berücksichtigung finden werden.
LüSlalld.
Wie«, 14. April. Die „Politische Korresp." meldet aus Konstantinopel: Man versichert, die Pforte erließ in der Tunisfrage ein Rundschreiben an ihre Vertreter i« AnSlande, worin sie die Hoffnung ausdrückt, Frankreich werde sich darauf beschränken, Maßnahmen zur Sicherung der algerischen Grenze zu ergreifen. Eine gleichzeitige Note der Pforte an den Bey von Tunis soll demselben eine kluge, maßvolle Haltung einschärfen.
Pest, 14. April. In Czongrad drang daS Waffer in eie Staat ein; mit vieler Mühe gelang es, das Eindringen einzuhalten. Fünf Gassen mit 170 Häusern sind über-