Rr. 87.
Marburg, Mittwoch, 13. April 1881.
XVI. Jo|rgMj
ObttMlhk jfitiino
tags zu einer Petition wegen Abänderung der internattonalen Reblauskonvention, ein Antrag der Ausschüsse für Zoll- und Steuerwesen und für Handel und Verkehr, betreffend einen Nachtrag zum amtlichen Warenverzeichnis, em mündlicher Bericht derselben Ausschüsse über Nachverzollung von Anchovis und ein Bericht des ersten der beiden Ausschüsse über die Vorlage, betr. die Feinheitsnummer bei emzuführenden Garnen. — Nach einer Korrespondenz auswärtiger Zeitungen gilt es als zweifellos, daß der Gesetzentwurf über Bestrafung der Trunksucht in der gegenwärtigen ReichStagsfession unerledigt bleiben werde. Motiviert wird diese Annahme gewissermaßen mit der Bemerkung, daß der Entwurf im preußischen Justizministerium viele und lebhafte Bedenken gefunden habe. Dagegen ist vielmehr anzunehmen, daß der Entwurf noch im Reichstage zur Erledigung gelangen wird. Das preußische Justizministerium bat, wie dies stets geschieht, bei Aufstellung des Entwurfs seme Auffassung zu erkennen gegeben und in technischer Beziehung weitere Erwägungen anheimgestellt. Seit Monaten aber hat sich dies Ressort mit dem Gesetzentwurf weiter nicht beschäftigt. — Im Monat Februar sind auf den deutschen Eisenbahnen an Unfällen vorgekommen: 9 Entgleisungen und 4 Zusammenstöße auf freier Bahn, 12 Entgleisungen und 28 Zusammenstöße in Stationen und 135 sonstige Unfälle. Bei denselben sind verunglückt 138 Personen, 44 Eisenbahnzüge erheblich und 105 unerheblich beschädigt. ES wurden von den 11 035 182 überhaupt beförderten Reisenden 2 getötet und einer verletzt, von Bahnbeamten und Arbeitern im Dienst beim eigentlichen Eisenbahnbetrieb 16 getötet und 51 verletzt und bei Neben- beschäfttgungen 31 verletzt, von fremden Personen 15 getötet und 11 verletzt, sowie bei Selbstmordversuchen 10 Personen getötet.
— Zur Wahlbewegung schreibt der „R.-B.": Die Fortschrittler wollen jetzt ihre Wahlagitation als Hausierhandel betreiben, seit die Berliner Bürgerschaft in den Versammlungen die fortschritttichen Phrasen nicht mehr mit der ehemaligen Geduld und Andacht anhört. Das Berl Tagebl." beschwert sich näuilich bitter darüber, daß die Polizei den fortschrittlichen Rednern nicht Ruhe verschafft, wenn sie die Regierung bekämpfen wollen, und den Hu- hörcm nicht den Mund zuhält, wenn sic BiS - arck hoch leben laffen, während die Tendenz des fortschrittlichen Red- ners auf ein: „Fort mit Bismarck" gerichtet war. Man denke sich in die peinliche Situation eines solchen fortschrittlichen Massenagitators: Seine ganze Rede ist auf ein „pereat Bismarck I zugefchnittcn, die Versammlung aber ruft: vivat Bismarck! und die Polizei duldet solche Unhöflichkeit und Unart des Publikums gegen die Fort- chrittsredner. Das „Berl. Tagebl." grollt deshalb der Berliner Polizei und spricht das große Wort gelassen aus:
der jetzigen Taktik der Polizei wird nichts anderes
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatte» sowie d.Lnnoncen-Bureanr »ou ®. 2. Daube L 60. in Aankfurt o.M; Jäger'sche Buchhandlung befdbft; tzermsnn'sche Bnchhandl. daselbst; Jnvalidendaut in Berlin: W. Thiene» in Abkrfeid: L. Schlotte in
Logis erreicht. Sie öffnete durch einen Drücker selbst die Hauslhüre und wir gingen hinauf in jene Räume, welche man die Empfangszimmer nannte. Zwei jämmliche Räume durch Ftügelthürcn verbunden; in der Mitte des größeren der übliche runde Tisch; dem Kamine gegenüber das trübe Konsol mit der Marmorplatte und zwischen den Fenstern ein Roßhaar-Sopha.
Auf dem Kamine in einem Glasgehäuse standen staubige ausgestopfte Vögel, zu Seiten desselben gewöhnliche Porzellan - Figuren und von der rauchigen Decke herab hing cm schmutziger Gaölustre. Ich blickte durch die halb offene Thürc in das Nebenzimmer, daS womöglich noch lumpiger und ungemütlicher aussah, als das Hauptzimmer.
„Welch' ein Abstand gegen Evdington, nicht wahr?" sagte meine Begleiterin mit trübem Lächeln, als sie ihren Hut hin schleuderte und sich müde an den Tisch setzte.
Mein ganzes Herz erfüllte plötzlich Mitleid für meine frühere Feinvin.
„Liebe Mrs. Featherstone!" rief ich aus, „weich'schreck- ttches Unheil ist Ihnen zugestoßen? Es thut mir in der Thal leid, Sie an solchem Orte zu sehen. Sagen Sie mir, welches Unglück Sie hierher gebracht hat?"
„Ich weiß nicht, weshalb Sie mich bedauern sollten Miß Clifford," sagte sie, in einer sonderbaren Mischung von Trotz und Abbitte. „Ich glaube, Sie werden sich freuen wenn Sie es hören — ich wenigstens würde mich freuen und triumphieren, wenn ich an Ihrer Stelle wäre. Da« Recht mich zu Haffen, haben Sie hinreichend, weiß der Himmel!
Hörten Sie nie davon, daß ich meinen Gatten im Dezember v. Js. verließ?"
> Fortsetzung folgt.)
Areva.
Roman von Emily Cameron.
Deutsch von August Frenzel.
(Autorisirte Uebersetzung.)
lFortsetzuug.)
ES wäre mir das sehr leid gewesen und ich mochte eS nicht glauben.
Ich wußte, daß er mir ja nie anders, als in väterlicher Weise zugethan war, aber meines Vaters wegen und weil er mir stets so viele Güte erwiesen hatte, drängte eS mich, etwas von ihm zu erfahren.
Eines Tages, als ich noch im Hause meiner Tante verweilte, ging ich Einkäufe machen, ich trat gerade aus einem Laden heraus, als eine Droschke, die plötzlich vor demselben hielt und eine Dame, die einen sehr dichten Schleier trug, mir eifrig und gebietend zuwinkte. Ich trat neugierig näher und erkannte zu meinem Erstaunen Mrs. Featherstone.
„Freda!"
„Miß Clifford! Ist es möglich, daß Sie es sind?"
Ich wollte instinktiv zurück, meine Abneigung gegen die Frau, die mich in den Tagen der Not verläumdet und geschmäht hatte, war so groß wie je.
„O, wenden Sie sich nicht ab," sagte sie in bittendem Tone, der dem der stolzen und hochmütigen Clara Featherstone von früher sehr unähnlich war. „Ich habe mich so danach gesehnt, Sie zu sehen und wußte nicht, wo ich Sie finden sollte. Bitte, kommen Sie in meinen Wagen, ich kehre gerade nach meinem Logis zurück und möchte gerne, daß Sie mitgehen, da ich Ihnen so viel zu sagen habe."
„Mir?" fragte ich erstaunt. „Was können Sie mir zu sagen haben? Ich stehe Ihnen nicht nahe genug—Sie haben Ihre Freundinnen — MrS. Leith."
V Zum Prozeß Most.
Ein sehr angesehenes altes Londoner Blatt, die „Mor- ningpost", hat die sensationelle Beschuldigung verbrettet, daß die radikalen englischen Kabinetsmitglieder Düke und Braffey die Most'sche „Freiheit" mit Geldbeiträgen unterstützt hätten. Die „Morningpost" ist ein hochkonservatives Blatt und daher hat die liberale' deutsche Presse natürlich nichts Eiligeres zu thun, als jene Beschuldigung „aufzuklären" resp. zu beschönigen. So meldet man, angeblich telegraphisch, dem radikalen „Berliner Tageblatt" aus London:
„Ich erfahre bezüglich der gestern im Uuterhause erhobenen Beschuldigung, daß die Herren Dilke und Brassey vor mehr als zwölf Monaten in der That „kleine Geldbeiträge" für die „Freiheit" beisteuerten. Es geschah dies aber in dem Glauben, dieses Blatt vertrete nur vorgeschrittene poltttsche Ansichten."
Dieser sogenannten Aufklärung gegenüber scheint eS geboten zu sein, etwas näher auf die Vergangenheit wenigstens eines der beiden genannten Kabinetsmitglieder, des Staatssekretärs Dilke, zurückzukommen und lassen wir daher die nachstehenden, auf persönlicher Bekanntschaft beruhenden Notizen hier folgen.
Sir Charles Dilke ist der Sohn eines in den vierziger und fünfziger Jahren mit der Ausführung vieler öffentlicher Bauten betraut gewesenen Architekten, der sich der besonderen Gönnerschaft des verstorbenen Prinzgemahls zu erfreuen hatte. Diesem Wohlwollen gab auch die Königin durch Erhebung des Herrn Dilke zum Baronet Ausdruck. Der jetzige Staatssekretär wußte nach Erlangung eines Parlamentssitzes (für den radikalen Londoner Stadtteil Chelsea, in welchem er auch Wohnung hat) der Pflicht der Dankbarkeit für die erwiesenen Wohlthaten nicht besser zu genügen, als daß er konsequent gegen Bewilligung einer Civilliste für die Königin sowohl, wie für die Mitglieder des Königlichen Hauses stimmte. Seinen Standpunkt, gegenüber den in England selbst von fortgeschrittenen Liberalen hochzehaltenen religiösen Gebräuchen, suchte er dadurch zu kennzeichnen, daß er die Leiche seiner jung verstorbenen Gemahlin in Deutschland verbrennen ließ. Nach deren Tode machte er eine Reise um die Welt, unter besonderer Berücksichtigung der englischen Kolonieen und Tochterländer. Das Ergebnis dieser Fahrt legte er in dem fesselnd geschriebenen, in vielen Auflagen erschienenen Werke: „Greater Britain" (das „größere Britannien", d. h. England mit Einschluß seiner überseeischen Länder) nieder.
Was nun sein — bei dem englischen Unterstaatssekretär des Auswärtigen gewiß interessierendes — Verhältnis zu Deutschland und deutschem Wesen betrifft, so können wir, die wir thunlichst alle politischen Kundgebungen Dilke's verfolgten, leider nur konstatieren, daß dasselbe sich bis jetzt als ein wenig freundliches, ja geradezu gegnerisches gezeigt
Anzeigen nimmt entgegen: »ieErpebitton b.«latte», sowie d.Annoneen-Bnreaux von Th. Dietrich & Co. in jkaffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; Haasrnst-in & Bögler in Hranttrwt a. M., Berlin, Leipzig, k.; Rudolf Stoße in Vertin, Frank.
hat- Zwar erschien er im August 1870 mit mehreren eng- lischen Philantropen auf dem Kriegsschauplätze im Gefolge der deutschen Heere, um an die Verwundeten Verbandszeug und Lebensmittel auszuteilen, machte auch damals von seinem Haß gegen den „Tyrannen" Napoleon HL keinen Hehl. Nach der Entscheidung von Sedan schlug er sich aber auf die französische Seite und leistete von da ab der jungen Republik nicht nur auf dem Gebiete der Humanität, sondern auch auf dem der politischen Sympathieen thätigen Beistand. Eine enge Freundschaft verbindet ihn insbesondere mit Gambetta. Als dessen im Jahre 1875 beschlossener, dann aber unterbliebener Besuch in London stattfinven sollte, war ihm Sir Charles Dilkes Haus für die Dauer seines Aufenthalts zur Verfügung gestellt. Nicht bei bloßer Franzosenfreund- lichkett ließ er eö aber bewenden; vor einigen Jahren ging er zu direkten Angriffen gegen Deutschland im Unterhause vor. Er rügte die anti-englische Stimmung in diesem Lande und bezog sich zum Beweise dessen auf ein in einem Berliner Theater gegebenes Stück, in welchem beim Auftreten von Dienstboten aller Nationen der Darsteller eines in der Maske des John Bull erscheinenden Portiers unter dem Jubel des Publikums mit Hohu, Spott und Fußtritten reguliert wurde. Uns ist das betreffende Stück nicht bekannt, von einer seltsamen Unkenntnis deutscher Verhältnisse aber zeugt eS, die — vielleicht belachten — Trivialitäten einer Berliner Privatbühne als Kundgebung des deutschen BolkSgeisteS aufzufassen.
Dilke ist in letzter Zeit allerdings scheinbar gemäßigter aufgetreten, daß aber ein Intimus GambettaS jetzt an maßgebender Stelle im englischen Auswärtigen Amte raten und thaten kann, dürfte bei der Unberechenbarkeit der bevorstehenden Komplikationen in der europäischen Politik gerade uns Deutschen um so mehr zu denken geben, als der neue Unterstaatssekretär unzweifelhaft ein Mann von ungewöhnlicher Begabung und Energie ist.
Aus den vorstehenden Nottzen ergiebt sich, daß die Unterstützung der Mostschen „Freiheit" durch den englischen Staatssekretär Dilke nicht zu dem „unschuldige» Vergnügen" gehört, zu welchem unsere deutsche radikale Presse sie ru stempeln sich anschickt. * " ' 6
Herr Charles Dilke ist ein Gegner Deutschlands, und als solcher wird er deutschfeindliche Bestrebungen zweifellos mit einem gewissen Wohlwollen betrachtet haben. Die nächste Zeit muß Aufklämng darüber bringen, in welchem Umfange der genannte englische Staatsbeamte mit Herrn Most in Verbindung gestanden hat.
Deutsche» «eich.
•• derliv, 11. April. Die Tagesordnung der auf morgen anberaumten Sitzung des Bundesrats enthält keine Gegenstände von hervorragender Bedeutung. Es stehen auf derselben: Mitteilung über den Beschluß deö Reichö-
„ Mrs. Leith! Glauben Sie, daß sie jetzt noch mit mir sprechen^würde, da alle Welt sich von mir abgewendet hat! Lassen Sie uns hier fortgehen, es könnte mich jemand erkennen — kommen Sie mit mir!"
Etwas in ihrem Antlitz und ihrer Stimme sagte mir, daß sie in Not und daß sie diesesmal ganz aufrichtig fei. Ich zögerte nicht länger, sondern stieg mit ihr in den Wagen und wir fuhren ab.
Als ich ihr nahe war, bemerkte ich, daß sie sich sehr verändert hatte. Ihre Kleidung zeigte nicht mehr die frühere Pracht der Farben; sie war armselig und verbraucht. Ihr Gesicht sah gealtert und elend aus und hatte tiefe Linien, wie die Sorge und der Mangel sie bringen. Ich sah sie mit Erstaunen an.
„Weshalb hat sich alle Welt von Ihnen abgewendet, Mrs. Featherstone? Und weShalb sprechen Sie von einem Logis? Wohnen Sie nicht mehr in Ihrem eigenen Hause am Eaton-Square? Was ist geschehen? Sprechen Sie, ich habe keine Ahnung davon."
. »Sie wissen es nicht!" rief sie aus und schien sehr überrascht zu sein. „Es ist nicht möglich, daß Sie nichts davon gehört haben?"
„Nein, ich habe nichts gehört," antwortete ich erstaunt.
m ,fano mich lange Zeit an einem abgelegenen Orte m Zorkshire, alle meine alten Freunde und früheren Beziehungen waren tot und begraben für mich — und auf d S Mndeste von Ihrem Schicksal auch nicht
„So wissen Sie nicht, was mir im Dezember des vorigen Jahres passiert ist? Ich glaubte, daß eS jeder wisse."
In diesem Augenblicke hiett der Wagen vor einem elenden, kleinen Hause einer schmutzigen Straße — wir hatten chr