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Skr. 86.

Marburg, Dienstag, 12. April 1881.

XVI. Iahr-ak»

WechesW ZitiiW

gftt m der Sxpedttum zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 35 Psg- berechnet.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blattti sowie d. Annoncen-Bureaur von L-L-Daube LE».in Frankfurt a-M; JLgerffche Buchhandlung daselbst; tzermauu'sche Buchhaudl. daselbst; Jnvalideubauk in

Berlin; 8B. Lhieues in

-ld-rfeld: L. Schlotte in

Anzeigen nimmt emgegen: die Expedition ».Blattes, sowie d-Annoncen-Bureaur von Th- Dietrich & 60. « staffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt aJDL; Haasenstein & Bögler in Frankfurt e. M., Berlin, Leipzig, Söln tu; Rudolf Mosse ui Berlin, Frank»

Das Gesetz gegea die Trunksucht.

II.

Zwei Motive sind es hauptsächlich, welche die Regierung zur Vorlage des Gesetzentwurfes veranlaßt haben. Erstens die gefahrdrohende Zunahme der Trunksucht und zweitens die Wahrnehmung, daß die in neuerer Zeit so sehr ver- vermehrten Verbrechen, die eine rohe Gesinnung voraus­setzen, nicht nur oft mit der Trunksucht Zusammenhängen, sondern in der Trunkenheit begangen find oder doch mit Trunkenheit entschuldigt werden und unter diesem Entschul­digungsgrunde einer weniger harten Bestrafung unterliegen, wodurch vielfach der Rechtssinn des Volkes verwirrt und die Rohheit befördert wird. Eine baldige Abhilfe schien darum der Regierung höchst notwendig. Der Reichstag hat sich nun, noch ehe er in die Osterferien gegangen ist, in zwei Sitzungen mit dem Gesetzentwurf beschäftigt, ist aber zu keinem endgiltigen Beschluß darüber gekommen, weil das Haus gar zu spärlich besetzt war. Zwei Drit- teile der Volksvertreter waren nicht anwesend, ein B:weis, wie wenig viele Abgeordnete von der Wichtigkeit ihrer Ge­setzgebungsarbeit überzeugt sind und wie gar leicht die Auffassung vieler dieser Herren auch von dem Gegenstände war, der in den beiden Sitzungen zur Beratung stand. Von dieser Oberflächlichkeit gab auch die Behandlung Zeug­nis, die der tiefernste Gegenstand in der ersten Sitzung durch einen der Linken angehörenden Abgeordneten und eine Reihe von freisinnigen Kollegen desselben erfuhr, die den witzigen Einfällen des Redners mit großer Heiterkeit folgten und damit einen für Abgeordnete höchst merkwürdigen Mangel an sittlichem Ernste zeigten. In der Versamm­lung selber wurde dies gefühlt und dieser Empfindung durch einen konservativen Abgeordneten, Herrn v. Maltzahn- Gültz, Ausdruck gegeben. Derselbe führte den heiteren Herren zu Gemüte, daß die Sache nicht mit Spott und Witzeleien abgethan werden könne und die Frage eine sehr wichtige und ernste sei. Zum Zeugnis deffen wies er auf die vielen armen Familien hin, die durch Trunkenbolde ins Unglück kämen und auf die vielen Trunkenbolde, die schließlich im Wasser oder am Strick endigten. Auf fort­schrittlicher Seite hötte man hier den höhnischen Ruf: Entsetzlich! Huh!" und auf derselben Seite fand der Ruf ein besonderes Echo. Herr v. Maltzahn aber konstatierte, daß die heitere Behandlung dieses ernstm Gegenstände« bei den fortschrittlichen Abgeordneten stattgefunden, und meinte, die Wähler würden schon davon Notiz nehmen. Er mußte es denn auch hören, daß Herr Dr. Virchow seine Rede für das Trunksuchtsgesetz als eine Wahlrede bezeichnete. Dieser gelehrte Herr sprach übrigens die eigentümliche An­sicht aus, daß man den Kampf gegen den übermäßigen Branntweingenuß ruhig derVolkscntwickelung" überlasten könne, und stellte die kühne Behauptung auf, man könne

Kreva.

Roman von Emily Cameron. Deutsch von August Frenzel.

(Autorifitte Uebersetzung.) (Fortsetzung.)

Sage mir, Fredachen, wann soll die Hochzeit sein? Wie froh bin ich, daß ich mein pfirsichfarbenes Seidenkleid bis jetzt aufgehoben habe! Es wird jetzt seinen Zweck noch prächtig erfüllen veraltet ist es noch gar nicht, weißt du. Ich hatte es mir für deine Hochzeit mit Mr. Curtiu« machen lasten; nun vavon wollen wir jetzt nicht sprechen."

Zch fürchte, Tante, wenn dieses Kleid bei meiner Hoch­zeit getragen werden soll, wirst du es noch ein Jahr auf­heben müssen, denn eher gedenken wir nicht zu heiraten."

Noch ein Jahr!" rief meine Tante erschreckt aus. Weshalb in aller Welt möchte ich wissen! Worauf, um Himmels Willen, wollt ihr warten? Mir sind so lange Verlobungen in der Seele zuwider," fügte sie hinzu, erzürnt meine Hand loslassend;sie bedeuten meistens beschränkte Einnahmen und armselige Stellungen."

Kapitän Thistleby ist allerdings kein reicher Mann, Tante," sagte ich in erhöhter guter Laune.

Und du^hast ihn bei den Fairbanks getroffen?" Ja, zu Kaneton-Squarö," antwottete ich.

Hier vernahmen wir Onkel Carr hinter uns, der über Austernpasteten verlockende Dinge vor sich hin sprach.

Austern? Unsinn!" rief meine Tante sich böse nach ihm umwendend.Wie kannst du Austern im Juli haben? Du mußt wissen, daß dann die Zeit nicht dafür ist; bitte, Freda," sich wieder mir mit schlecht verhehlter böser Laune zuwendendsage, was wirst du beginnen, bis diese thörichte Heirat zustande kommt? Hast du die Absicht,

sich bei der Gesetzgebung nicht einfach auf den Standpunkt des Moralisten stellen und könne nicht ohne weiteres Dinge, wie sie sich mit der Zeit gestaltet haben, durch die Gesetz­gebung alterieren wollen. Das heißt mit anderen Worten: die Gesetze der Moral sind überflüssig und nicht anzuwen­den, wenn sich unmoralische Dinge im Laufe der Zeit ent­wickelt und eingebürgert haben. Auf welche Weise übri­gens diese liberalen Herrm gegen die Regierung kämpfen, das erkennt man klar an einer Stelle der Rede des Ab­geordneten Träger, welche lautete:Will man vom Volke etwas haben, dann ist es das große, großmüttge, opfer- berette, für alles gute leicht entflammte Volk: macht man aber eine Straf gesetznovelle, dann ist es ein Haufen von Messerstechern, Trunkenbolden und anderen Uebelthätern." Wie man sieht, wird hier die Sache mut­willigerweise ganz verdreht und es wird präsumiert, daß es der Regiemng nur dämm zu thun sei, das Strafgesetz zu verschärfen, und daß sie darum Laster des Volkes er­finde, die gar nicht oder nur in geringem Maße vorhanden wären. Was hätte denn die Regierung für eine Ursache zu solcher Gesetznovelle, wenn sie nicht dazu durch die vielen Klagen über die zunehmende Trunksucht und die Folgen derselben bewogen worden wäre? Aber verdreht wird jetzt alles, was die konservative Regierung thut, und die Hauptursache der Angriffe in dieser Frage ist die, daß die Geistlichen insbesondere gewesen sind, die auf die Gefahren und Schäden hingewiesen haben, welche die Tnmk- sucht anrichtet, die Geistlichen, die vorzugsweise berufen sind, mit dem armen Volke zu verkehren und die das Elend meist zuerst oder allein zu Gesicht bekommen. Wenn's noch Richter oder Aerzte gewesen wären, welche aus die Schäden hingewiesen hätten, dann ginge es noch, die ver- stehen ja alles, aber die Geistlichen das kann sich kein fortschritllicher Abgeordneter gefallen lassen, trotz aller amtlicher Zahlenangaben, die die Aussagen der Geistlichen unterstützen. Aus diesen amtlichen Tabellen aber geht her­vor, daß die Zahl der Selbstmorde, als deren Motiv mit aller Bestimmtheit Trunkenheit und Tmnksucht angegeben war, in Preußen in den letzten zehn Jahren über 3000 betragen hat. Selbstmorde überhaupt kamen in diesem Zeitraum beinahe 34 000 vor und eS ist wohl anzu­nehmen, daß noch ein großer Prozenstatz davon in ur­sächlichem Zusammenhänge mit der Tmnksucht gestanden hat. Ist dies aber nicht vollständig genügend, um das zwingendste Motiv für ein Trunksuchtgesetz abzugeben? DaS zweite Motiv, das als eben so wichtig bezeichnet wer­den muß, ist die schon anfangs erwähnte Thatsache, die als ein Rechtsschaden im ganzen Volke, vielleicht mit Aus­nahme der fortschrittlichen Kreise empfunden wird, daß viele Verbrechen mit sinnloser Trunkenheit ensschuldigt und nicht so bestraft werden, als die gleichen Verbrechen, die in der Nüchternheit begangen sind. Das muß das Volks-

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uns für das ganze nächste Jahr mit deiner Gesellschaft gu beehren?"

»O nein, Tante. Kapitän Thistlebys Schwägerin, die eine gute Freundin von mir ist, wird in ungefähr vierzehn Tagen oder drei Wochen von der Reise nach Hause zurück­kehren. Ich soll bei ihr bleiben, aber ich dachte, daß du vielleicht nichts dagegen haben würdest, wenn ich bis zu ihrer Rückkehr bei dir bliebe, da du ja, wie du eben erst erwähntest, wie eine zweite Mutter an mir handelst", sagte ich etwas boshaft.

Hm! jaich bin gewiß erfreut, Kind", sagte meine Tante und schaute verlegen drein;aber was das pfirsich- farbene Kleid betrifft, so würde es nichts nützen, es noch ein Jahr aufzuheben, da es dann aussehen würde, als ob es aus der Arche NoahS tarne. Da wird nächsten Monat Marry CarrS Baby getauft; sie hat mir geschrieben uno mich dazu eingeladen, so will ich eS da: ragen. Wozu es noch länger aufheben?"

Du hast ganz Recht Tante; eS wäre auch ein zu kostbares Kleid für meine Hochzeit, denn ich gedenke in Hut und Neifekleid in die Kirche zu gehen."

Mein Tante hob ihre Hände voll Entsetzen.

»Das ist geradezu eine Sünde, Freda, ja! die Heilig- » ,^r Ehe in dieser Weise zu verletzen und den Trauungs­akt so herabzusetzen. Ich habe immer gedacht, daß du etwas auf die Religion hälft und die Wichttgkeit solcher heiligen Handlung zu würdigen verstehst."

Aber du sprichst davon in so leichtferttger Weise, als ob die Sache keine andere Bedeutung hätte, wie wenn man etwa zu einem Pastetenbäcker geht! Aber was kann man auch von einem Mädchen erwarten, welches die beste Partie in der Welt aufgegebm hat, um. einen armen Offizier zu

gewissen verwirren und unter solcher Gesetzauslegung muß das sittliche Gefühl des Volkes leiden. Die größte Wir­kung aber des Tmnksuchtsgesetzes wird darin liegen, daß durch dieses Gesetz die Trunksucht selbst als ein strafbares Vergehen behandelt wird und aufhört, ein Gegenstand des Volkswitzes und des Kinderspottes zu sein. Damm ist es notwendig und wünschenswert, daß das Trunksucht-Gesetz zu stände kommt und den Abgeordneten kann nicht dringend genug ans Herz gelegt werden, daß sie bei Wiederauf­nahme der Sitzungen nach Ostern die tiefemste Frage mit voller Gewissenhaftigkeit anfassen und sich nicht beirren kaffen, durch allerlei sophistische Einwürfe und Nebensäch­lichkeiten, die den Kern der Frage nicht berühren.

Deutsche« «eich.

Berliu, 9. April. Durch die Zeitungen ging bereits die Kunde von dem am 7. d. Monats im Rauhen Hause zu Horn bei Hamburg erfolgten Tode des Oberkonssstorial- rats Dr. .theol. Herrn Johann Heinrich Wichem, die in den weitesten Kreisen schmerzliche Teilnahme hervorgemftn hat. Denn weit über die Grenzen Deutschlands hinaus wurde der Name Wichem mit Liebe und Verehrung ge­nannt, und hatte sein unermüdliches und erfolgreiches Wirken im Sinne seiner christlichen Liebesthätigkeit nicht nur die wärmste Anerkennung, sondern auch Nachfolge ge­funden und Saaten ausgestreut, die sich kräftig und Segen spendend entwickelt haben. Johann Hinrich Wichem wurde am 21. April 1808 zu Hamburg geboren, studierte in Göttingen und Berlin Theologie, trat aber nach vollendetem Studium das Pfarramt in Vierlanden, zu welchem er berufen war, nicht an, sondern wandte sich so­fort der freien kirchlichen Thätigkeit zu, welcher sein ganzes Leben gewidmet fein sollte. Nachdem er 1831 die Leitung einer Sonntagsschule für arme Kinder übernommen hatte, gründete er im Jahre 1833 die Rettungsanstalt für sittlich verwahrloste Kinder imRauhen Hause" in der Hamburger Vorstadt Horn, nach deren Muster bald ähnliche Anstalten nicht nur in Deutschland, sondern auch in England, Frank­reich, Holland gestiftet wurden. Die schöpferische und organisatorische Thätigkeit Wicherns beschränkte sich aber nicht auf dies eine Gebiet. Seiner erfolgreichen Anregung und Mitwirkung war die Stiftung des Centralvereins für innere Mission, welche 1848 auf dem Kirchentage zu Wittenberg zu stände kam, zu verdanken. Ueberall war er thätig für die Gründung von Vereinen zur Pflege von Gefangenen und Kranken. Im Jahre. 1851 erhielt er von der preußischen Regierung den Auftrag, die preußischen Gefangenenanstalten zu besuchen, und Vorschläge zur Ver­besserung des Gefängniswescns zu machen. 1858 wurde ihm unter Ernennung zum Oberkonsistorialrat die Leitung der Beschäftigung der Strafgefangenen übertragen. Seine Bestrebungen für die innere Mission setzte er unermüdlich heiraten, so arm, daß ihr noch ein Jahr warten müßt, blö er Geld genug zusammen hat, um daun vielleicht doch nur eine möblierte Wohnung zu mieten! Ich bin unschuldia an deiner Zukunft, Freda. Wirklich!"

Ich lachte.

Mark ist nicht ganz so arm, als du zu glauben scheinst, Tante, bekümmere dich nicht zu sehr über mein Schicksal. Wir warten nicht deshalb, weil es uns an Geld mangelt, sondern Familienverhältnisse bedingen eS, welche ich nicht näher erörtern kann. KeinenfallS werden wir Hungers sterben; dafür wird schon MrS. Thistleby sorgen, denn sie ist sehr reich."

O, wirklich!" sagte Tante Carr, anscheinend mit er­neutem Jntereffe.Reich? Nun liebe« Kind, ich werde mir die Ehre geben, Mrs. Thistleby zu besuchen, sobald sie von ihrer Reise zurückkehrt; natürlich hoffe ich, daß du so lange bei mir bleibst, bis du zu ihr übersiedelst."

Tante Selina schloß damit, daß sie mich in ihre Arme nahm und küßte.Geld haben", das war etwas, daS nie verfehlte auf Mrs. Carr einen großen Eindruck zu machen.

Die ganze Zeit über hatte ich mich danach gesehnt, etwas über Mr. CurtiuS zu hören, war aber zu stolz ge­wesen, meine Tante zu fragen, was sie über ihn gehört habe. Sie hätte solche Erkundigungen vielleicht als Wunsch angesehen, meine Verlobung mit ihm zu erneuern und wäre fähig gewesen, ihm geradewegs davon zu schreiben und dar­aufhin Eröffnungen zu machen.

Ich hatte nicht vergeffen, daß sie mir gesagt, er sehe krank und geallert aus und hätte gerne gewußt, ob mein Verhalten gegen ihn daran Schuld fei.

«Fortsetzung folgt.)