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Nr. 79.

Marburg, Sonntag, 3. April 1881.

XVI. Za-rgasg

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V Die Initiative des deutschen Reichstages.

Im gesamten deutschen Vaterlande muß es aufrichtige Genugthuung hervorgerufen haben, daß der deutsche Reichs­tag angesichts des verabscheuungswürdigen Kaisermordes in Petersburg die Initiative zu ergreifen im Begriff steht, um durch internationale Verträge die Aufrechterhaltung der Ordnung und Sicherheit in den einzelnen Staaten zu ge­währleisten.

Dic Thatsache, daß in einigen Staaten der Fürstenmord ganz offen glorifiziert, geplant und vorbereitet wird, ist nicht ohne Zusammenhang mit dem System des Sichgehen- lassens, welches auf allen Gebieten die Schranken beseitigt oder gelockert hat, die dem Anwachsen jener wilden, fana­tischen Richtung cntgegenstanden.

Die grauenvolle Petersburger Mordthat hat die Geister wachgerüttelt und allen gezeigt, wohin wir steuern, wenn einige Staaten unter der glagge des Asylrechtes die Schlupf­winkel einer internationalen Mörder- und Räuberbande bilden dürfen.

Während Mitglieder des deutschen Reichstages in rich­tiger Würdigung der hohen Gefahr, in welcher die Staaten und Völker schweben, zusammentraten, um sich über einen Antrag, der den bezeichneten Verbrechern das Mordhandwerk zu legen bestimmt ist, zu einigen, erklärt der interimistische Königs, preußische Minister des Innern im Reichstage, daß gegen den Aufrührer Hasselmann die Anklage wegen Hoch­verrats erlassen werden wird, trifft ferner aus London die Nachricht von der Verhaftung des Sozialdemokraten Most, dieses Brandartikelschreibers, ein und meldet man aus Bern, daß der eidgenössische Bundesrat eine umfangreiche Unter­suchung eingeleitel hat, um zu ermitteln, in wieweit die russische Flüchtlings-Kolonie in Genf an dem Attentate in Petersburg beteiligt gewesen.

Aller dieser Maßnahmen darf man sich aufrichtig freuen, und in der deutschen Bevölkerung muß namentlich das Vorgehen deS deutschen Reichstages den lebhaftesten Wiederhall finden. Schon heute läßt sich sagen, daß der diesbezügliche Antrag mit großer Majorität angenommen

Freda.

Roman von Emily Cameron. Deutsch von August Frenzel.

(Autvrisirte Uebersetzung.) (Fortsetzung.)

Ich war sehr ängstlich, als aber die Tage friedlich und glücklich vergingen und nichts Ungewöhnliches geschah, sondern Ellinor täglich stärker und ihrer früheren Er­scheinung wieder ähnlicher wurde, nahm ich mir ein Herz, und schrieb an Miß Barbara, daß alles gut gehe, und daß sie nicht nötig habe, heim zu eilen, sondern gut daran thun, so lange bei ihrem Bruder zu bleiben, als er ihrer noch bedürfe.

Natürlich konnte keine Rede davon sein, auf der Haide Spaziergänge zu machen, denn Ellinor war nicht kräftig genug, um auszugehen. In einem leichten Rollstuhl wurde sie an sonnigen Tagen, im Garten umher gefahren, jeden Augenblick an ihren Lieblingsbeeten haltend, damit wir ihren Schoß mit Bergen weißer Nelken, Rosen und langen Blütcntrauben des Syringen füllten. Und selbst das schim an manchen Tagen für ihre Kräfte zu viel. Wenn wir in das Haus zurückkchrten ging sie auf ihr Sopha zurück und lag da ganz erschöpft, so still und so bleich, und be­wegungslos, daß, wenn ich sie ansah, eine rege Vorahnung nahenden Unglücks mein Herz bedrückte. Sie hatte den Sommer verlebt, daS ist war; aber wenn die schauernden Herbstwinde kamen und die vernichtenden Winterfröste, würde sie auch diese überstehen, oder schwinden und sterben, wie die Blüten des Sommers in ihrem eigenen Garten? Ach, das schien mir zu wahrscheinlich! ich las ihr häufig, ~ hauptsächlich die Bibel — vor, denn sie liebte andere Bücher nicht — auch sang ich ihr ost eine kleine Welle am

worden, uno daß der Fürst Reichskanzler keinen Augenblick zögeru wird, das von der deutschen Nation durch ihre Ver­treter an ihn gerichtete Ersuchen zu erfüllen.

Mögen diese Maßnahmen dazu beitragen, friedlichere und gefahrlosere Zustände für Europa herbeizuführen.

Deutscher Reich.

Berliu, 1. April. Der Kronprinz stattete dem Fürsten Bismarck heute Mittag einen Gratulationsbesuch ab. Der Großfürst Paul von Rußland und der Großherzog von Sachsen fuhren ebenfalls bei Bismarck vor. Großfürst Paul, welcher bei dem Kronprinzen dejeunierte und später vom Kaiserpaar empfangen wurde, ist um 21/* Uhr nach Rom abgereist. — Die deutsche Reichspartei, die Deutsch­konservativen, das Centrum, die Nationalliberalen und die Polen traten einstimmig dem Anträge Windthorst bei wegen Ergreifung internationaler Maßregeln gegen Mord und Mordversuche auf die Staatsoberhäupter. Die Fortschritts- Partei und die Sezefsionisten beschlossen, dem Windthorst- schen Anträge prinzipiell zuzustimmen. — Dem Reichs- kanzler Fürsten Bismarck wurde anläßlich seines heutigen Geburtstages von vielen Mitgliedern des Diplomatencorps, von Generalen, Ministern, Ressortchess, vielen Reichstags- Abgeordneten und von Deputationen des Offizier - Corps Glückwünsche dargebracht; von außerhalb gingen zahlreiche Telegramme, Briefe und Geburtstagsspenden ein. Die Mustkcorps des Kaiser-Alexander-Regiments und des zweiten Garde-Regiments brachten Morgenmustkcn dar. — Die Nachricht von der bevorstehenden Verlobung des Prinzen Heinrich von Preußen mit der Tochter des Landgrafen von Hessen wird von bestunterrichteter Seite als durchaus erfunden und jedweder Begründung ent­behrend bezeichnet.

— Der „Börsen-Courier" ist bitterböse, daß gesagt worden, mit demselben Rechte, mit welchem man gegen Herrn Stöcker einschreiten könnte, müßte man an dem­selben Tage gegen viele Fortschrittsblätter, und namentlich gegen den „Börsen-Courier" selber einschreiten. Er hält das für eine Drohung, offenbar mit Unrecht; wir haben das Gesagte nur so auffassen können, daß Herrn Stöcker's Agitation, so unlieb sie den Fortschrittlern auch sein mag, doch in keiner Weise dem Socialistengesetz unterliegt. Herr Stöcker will eben das Gegenteil von Socialisten, und auf den Willen, auf die Tendenz der Agitation kommt eS eben an; und wenn die Fortschrittspartei zu dem Gesetz eine Stellung genommen hat, um das Einschreiten der Regierung absolut auf die Socialisten zu beschränken, so hat sie ge­wußt, was sie thut, denn mit uns halten viele Leute das Wühlen der Fortschrittspartei, obgleich dasselbe du ch das Gesetz sicher gestellt ist, für kaum minder bedenklich, als die socialistische Agitation, welche durch jenes Wühlen auf das wirksamste vorbereitet wird.

Piano, denn lange Musik zu hören, das ermüdete sie. Vor allem aber liebte sie cs, wenn ich mich dicht an das Sopha setzte und sie mir zusehen konnte, wie ich in ver­schiedenen Farben Wolle und Seide stickte; sie plauderte dabei gern — immer in ihrer sonderbaren phantastischen Weise — und ich hörte geduldig zu.

So saßen wir auch eines Abends, nachdem unser kleines, sehr gemütliches, improvisiertes Mahl abgeräumt war; — ein Mahl, wie Frauen, wenn sie, unbehindert durch die Männer, dem eigenen Gefallen nachleben können, es gerne haben, halb Mittagessen, halb Thee: die Theekanne an einem Ende des Tisches, die Sherryflasche am anderen und in unharmonischem Arrangement Kuchen, Kalbskottelets, Johanneöbeergelee und kalt r Braten.

Ich hatte meinen Stuhl und den kleinen runden Tisch.dicht an Ellinorö Sopha gerückt und begann zu arbeiten.

Ich erinnere mich noch genau des Musters und der Bestimmung dieser Arbeit: ein Kissen für Miß Barbaras Sessel, auf dunkelblauem Grunde rotbraune Blätter, belebt und verziert durch matte gelbe Seide. Ellinor verfolgte jeden Stich, den ich that mit großem Interesse.

Die Fenster standen well offen; es war dm Tag über sehr heiß gewesen, denn wir befanden uns im Juni, aber jetzt hatte es sich abgekühlt und süßer Duft strömte durch die Mousselin-Vorhänge, welche der sanfte Hauch des Adends leise bewegte.

Von unserem kleinen, dunklen Zimmer aus, erschien die Welt draußm noch so licht und geschäftig, obwohl es bei­nahe 6 Uhr war und die Vögel alle schwiegen, bis auf eine süßstimmige Nachtigall, die hoch oben in den Ulmen hinter dem Hause sang.

— In der gestrigen Abendsitzung der Gewerbe-Ord- nungs-Commission de» deutschen Reichstages wurde in drei­stündiger Sitzung zunächst nur 8 97 erledigt, ha eine Reihe von Verbesserungsanträgen, meist von mehr redattioueller, als sachlicher Bedeutung Vorlagen. Ein Antrag im Artikel 1, außer den §§ 97—104 auch die §8 82—96 der gel­tenden Gewerbe-Ordnung zu beseitigen, wurde abgelehnt. Ebenso der Antrag, in den Eingangsworten statt: „Die­jenigen, welche ein Gewerbe selbstständig betreiben", zu sagen: „Diejenigen, welche ein Handwerk selbstständig betreiben." — Die Eingangsworte des 8 97 wurden schließ­lich in folgender Fassung angenommen: „Diejenigen, welche gleiche oder verwandte Gewerbe seldstständig betreiben, können zur Förderung der gemeinsamen gewerblichen In­teressen zu einer Innung zusammentreten." Es wurde so­nach der Wortlaut der Gewerbeordnung in § 97 bez. 98 in diesen Punkten wicderhergestellt. Der übrige Inhalt des 8 97 der Vorlage blieb unverändert, und wurde ein von fortschrittlicher Seite lebhaft befürworteter Anttag, die Nr. 4 des § 97, dahin lautend, daß die Innungen auch befugt sein sollen, Streitigkeiten der im 8 120a bezeich­neten Art zwischen den Jnnungömitgliedern und ihren Lehrlingen an Stelle der Gemeindebehörde zu entscheiden, zu streichen, mit großer Majorität abgclehnt.

Efft«, 27. März. Die „Essener Ztg." schreibt: Am heutigen Sonntag tagte Hierselbst ein Arbeiterkongreß, zu dem ca. 60 Delegierte aus den verschiedenen Städten un­seres Jndustriebezirks erschienen waren. Die Verhandlungen wurden geleitet von dem bekannten Arbeiter und VolkS- revner Rosenkranz, auch beteiligten sich Herr ReichStagS- abgeordnctcr Stötzel und mehrere Kapläne an der Ver­sammlung. Zur Beratung stand in erster Linie das be­kannte Unfallversichcrungsgcsctz, welches dem Reichstage vorliegt. Die Versammlung entschied sich von vornherein im Princip für eine allgemeine Reichskasse und gegen kor­porative oder Privatkassen. Danach wurde der ganze Ge­setzentwurf durchberaten und mit mehreren nicht allzuwich­tigen Amendierungen resp. Abänderungen angenommen. 8 56 wurde ganz gestrichen, da man überhaupt gegen die Zulassung von Privatkaffen war. Der andere Punkt der Tagesordnung betraf den Erlaß einer Petition an den Bundesrat, worin um die baldige Errichtung einer Reichs- Invaliden-, Wittwen- und Waisenkasse und um Beschrän­kung der Sonntagsarbeit gebeten wird. Die Versammlung verlief äußerst ruhig und gemeffen. Politische Erörterungen fanden selten statt, indem man sich streng an die Sache hielt. Nach 6 Uhr wurde in einer großen Volksversamm­lung über den Kongreß Bericht erstattet.

Müache«, 1. April. Die Kammer nahm das Ge- werbesteuergesetz und den Tarif mit unwesentlichen Modi­fikationen nach den Ausschußanträgen mit 120 gegen 25 Stimmen an. — Ein socialistischer Wahlaufruf, der nächt-

„ Sobald Miß Barbara zurückkommt, »erben wir Sie wieder auf die Haide hinaus bringen, Ellinor", bemerkte ich munter, indem ich, um meiner Gesellschafterin willen, die Beklemmung meines Herzens abzuschütteln versuchte, welche mich trotz aller Gegenwehr nicht mehr verlaffen wollte.

Sie seufzte, schüttelte müde den Kopf und murmelte, mehr zu sich selbst, als zu mir: „das Ende kommt, es kommt das Ende, cs ist erwacht über Dich. Der Tag des Jammers ist nahe, da kein Singen auf den Bergen sein wird."

„Welche Thorhcit Ellincr!" rief ich ärgerlich, denn die düstere Bibelstelle erregte mir Granen. „Was haben diese schrecklichen Worte mit unseren Spaziergängen auf der Haide zu thun?"

„Ich werde nie mehr über die Haide gehen", antwortete sic traurig.

„Ist diese Stelle Ihnen so unverständlich, Freda? Der Tag des Jammers ist nahe, da kein Singen auf den Sergen fein wirv"; ist damit nicht gemeint, daß ich die Haide nie mehr betreten werde? Das stand in dem Capllelj, welches Sie mir diesen Morgen vorlasen. Mir find die Worte der heiligen Schrift ein Zeichen, Freda."

Was war mit Jemand zu beginnen, der in solcher Ge­mütsstimmung wie diese war? Ich zuckte ungeduldig mit den Achseln und versuchte es, ihre Todesahnung weg zu lachen, aber ich fühlte mich bedrückt. Hatte Sie recht? __

war das Ende ihres armen, unglücklichen Lebens wirklich nah, und wußte sie bester als wir, ihre Pflegerinnen, waS bevorftand.

(Fortsetzung folgt.)