Nr. 76
Jllarßutg, Donnerstag, 31. März 1881
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OhcheM jfitmiß
Anzeigen nimmt! entgegen die Expedition d. Blattet sowie d-Annoncen-Buream »on L- L Daube L So. in Frankfurt a. M; Jägerische Buchhandlung daselom; Hermanu'sche Bnchhandi. daselbst; Jnsalioendan! h Berlin: SB. Lhienes in Stderfeid: L. Schlotte i, Bremen-
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Politisches.
Fortsetzung der Rede des Herrn Abgeordneten Justiz-Rat Dr. Grimm in der Versammlung der konservativen Wähler des Kreises Marburg am 16. d. M.
Aber mit vollem Rechte hat unser verehrter Herr Vorsitzender in den Worten, mit welchen er die Versammlung eingeleitct hat, darauf hingewiesen — wie sehr die Zucht- und Gottlosigkeit überhand genommen. Da, meine Herren, ist mit weltlichen Gesetzen unmittelbar nicht zu helfen, da muß die christliche Kirche und die christliche Schule das beste Werk thun. Die Religiosität des Volkes bietet den wirksamsten Schutz gegen das Gift der Irrlehren der Umsturzpartei. Die Trägerin jeder wahren Religiosität deS Volkes bildet eben die christliche Kirche und zwar für Jeden gerade die Kirche, der er angehört. Da kann eS nun gewiß nicht Wunder nehmen, wenn ein Jahre lang fortgesetzter Streit zwischen Staat und Kirche, welcher beider Ansehen schädigt, von verderblichem Einflüsse sein muß und es in der That gewesen ist.
Nun hat aber, wie wir täglich sehen, nichts so sehr das Ansehen der Kirche und des Staates in den letzten Jahren geschädigt, als der leidige Kulturkampf, der in erster Linie die katholische Kirche betroffen, in zweiter aber auch die evangelische Kirche in Mitleidenschaft gezogen hat. Je leb
Ei« Marburger Uuglückstag vor 500 Jahre«.
In der letzten Hälfte des 14. Jahrhunderts, während der Regierung der Landgrafen Heinrich II. und Hermann von Hessen lebte man in Deutschland und insbesondere im Heffenlandc in einer sehr traurigen Zeit, Niemand war seines Lebens und seiner Güter sicher. Am meisten hatte unser hessisches Vaterland zu leiden von dem im Jahre 1372 gestifteten Sternerbunde, an dem mehr als 2000 Fürsten, Ritter und Knappen aus Westphalen, Buchen, Franken, der Wetterau und dem Rheinlande Teil genommen hatten. Die Mitglieder dieses Bundes bezeichneten sich mit dem Wappenzeichen der zu Haupllcuten des Bundes erwählten Grafen von Ziegenhain, dem Sterne und wurden davon die Sterner genannt. Später, im Jahre 1379, erhob sich im Lande zu Hessen ein neuer Bund, genannt die Hörncrgesellschaft, und im Jahre 1380 bildete sich in Westphalen und in dem Stifte Paderborn ein dritter Bund, genannt die Falknergesellschaft und im Westerwalde noch ein Bund, die Gesellschaft von der alten Minne. Sämtliche Bündnisse waren den Landgrafen von Hessen sehr feindlich gesinnt und fügten denselben und ihren Unterthemen vielfachen Schaden zu.
Zu jener Zeit gehörten außer Fritzlar, Naumburg, Neustadt, Amöneburg (Ohmburg) und andern Schlössern und Herrschaften im Hessenlande, noch Rosenthal, Battenberg, Melnau (Elnhoch) (die Burgruine befindet sich jetzt im Besitze des Herrn Barons von und zu Schönstavt) ein Teil von Wetter zu den Besitzungen des Kurfürsten und Erzbischofs von Mainz; Rauschenberg, Treysa, Neukirchen, Schwarzenborn, Gemünden und Ziegenhain standen .aber dem Grafen von Ziegenhain zu. Die Besitzer dieser
Hafter der Kampf, je größer die Freude derer, welche auf die sinkende Autorität von Staat und Kirche ihre Umsturz- pläne gründeten. M. H.l Ich will auf die Entstehung und den Verlauf des Kulturkampfes nicht eingehen, noch weniger darüber urteilen, auf wessen Seite die Schuld liegt — aber das wollen wir doch dankbar erkennen, daß die Beendigung des Kampfes, die Herbeiführung des kirchlichen Friedens von dem Augenblicke an von unserem Könige beschlossen war, als der Minister des Kampfes, Falk, entlassen und der Minister des Friedens, von Puttkamer, in das Amt des Kultusministers eingesetzt war. — Ich habe, wie Sie wissen, nie zu den Freunden des Kulturkampfes gehört und habe schon bei Beginn desselben meine warnende Stimme erhoben — eine ganz besondere Genugthuung hat cs mir darum gewährt, daß ich bei der Nachfession des Landtages im Sommer v. Js. berufen war, in besonderer Thätigkeit — als Berichterstatter der Kommission — bei dem Gesetze berufen zu sein, mit welchem von der Staatsregierung der Frieden mit der Kirche eingeleitet werden sollte. Leider erreichte die Regierung ihren Zweck nur teilweise, die liberalen Parteien konnten sich nicht entschließen, auf den Kulturkampf, der eigentlichen Quelle ihrer politischen Macht, zu verzichten — aber immerhin wurde soviel erreicht, daß die Regierung beginnen konnte, den Versuch zur Beseitigung der gröbsten Mißstände zu machen. Dieser Versuch scheint geglückt, wir wissen, daß in Paderborn und Osnabrück die erledigten Bischofssitze durch Generalvikare wieder besetzt sind — ich lese in der heutigen Zeitung, daß der Erzbischof Melchers von Köln zum Kardinal ernannt und damit auch die Wiederbesetzung dieses Bischofssitzes angebahnt worden ist, ein Gleiches wird nach Ergänzung des Domkapitels in Fulda auch in Bezug auf diesen Bischofssitz eintreten, an dem ja einige der von Ihnen vertretenen Gemeinden unmittelbar beteiligt find. Mit Herstellung einer ordnungsgemäßen Vertretung werden die bis jetzt gesperrten Gehalte der Geistlichen wieder vom Staate bezahlt werden und so ist ein Zustand angebahnt, der die Wiederkehr friedlicher Beziehungen in sichere Aussicht stellt. Wenn aber die Kirche wieder in ihre volle Wirksamkeit getreten, dann wird sie auch wieder im Stande sein, dem Strome der Gottlosigkeit einen festen Damm entgegenzusetzen, bann wird sie mit den unbesiegbaren Lehren des Christentums die Irregeleiteten auf die rechte Bahn zurückführen. Darum, meine Herren, müssen wir cs als eine der besten Früchte der verflossenen Landtagssession ansehen, daß dem Kulturkämpfe das Ende naht.
Ich will hier noch einer Verhandlung der letzten Session des Landtages gedenken, weil sie auch in der hiesigen Gegend Gegenstand einer gewissen Aufregung, namentlich der katbo- lischen Bevölkerung, gewesen ist. Sie wissen, meine Herren, daß die im Laufe des Streites erlassenen Gesetze es schließlich mit schwerer Strafe belegt hatten, wenn ein nicht ge-
Städte und Schlösser hatten in denselben sehr zahlreiche Besatzungen, durch welche sie nach Art aller Fehden damaliger Zeit durch Streifereien, Plünderungen, Legen von Hinterhalten, Zertreten der Früchte, Verbrennen von Dörfern und Saatfeldern den Gegnern und dessen Hintersassen Schaden zufügten. Die treuesten Streiter der Landgrafen waren die Bewohner der Städte, in Oberhessen insbesondere die Bürger von Marburg und Frankenberg. Die letzteren erlitten durch die Hörner- und Falkener-Bunde infolge gelegter Hinterhalte mehrere blutige Niederlagen, die ersteren aber erlitten eine solche mit den landgräflichen Kriegern am Montage nach Palmarum, welcher Tag damals auf den 31. März 1381 fiel, bei Mellnau, wobei eine sehr große Anzahl von Marburger Bürgern blieb.
Die Riedesel'sche hessische Chronik berichtet hierüber Folgendes:
Im Jahre 1380 zogen.die Landgraffischen von Mardoiff und zertraten die Früchte, hernach gi.ngen sie vor Melnau und verdarben auch die Früchte. Im Jahre 1381 zogen sie vor Hatzfeld und verdaiben die Früchte. Im Jahre 1381 rückten die Burgmänner von Melnau vor Marburg und ficngen Bürger an den Pforten der Stadt und schlugen sie tobt, und ein Junkherr von Löwenstein schlug 2 Bürger tobt in den Löhnbergen, sodann rannten sie wieder nach Melnau. Da ^schickte Landgraf Herrman ein Heer davor, belagerte das Schloß und gewann dasselbe, der Burgherr, Ritter Günther von Hatzfeld, zog sich mit seinen Leuten auf den Thurm zurück und hätten die Landgraffischen ihn vielleicht erobert, denn die Belagerten mußten ihre eignen Netze auf bem Thurm trinken, die Landgraffischen gruben auch ein großes Loch unter dem Thurm, daß er bald umgefallen wäre. Unterbeffen tarnen die von Hatzfeld und
setzlich angestellter Geistlicher die Messe las oder Sakramente spendete. Der Abgeordnete der katholischen Partei des Cen- trums, Dr. Windthorst, hatte den Antrag eingebracht, diese Strafbestimmungen gesetzlich aufzuheben. Es hatte sich dieser Gedanke der katholischen Bevölkerung mit großer Lebendigkeit bemächtigt und wohl mit Recht, denn in keinem Punkte zeigte sich die Härte der Maigesetzgebung so ausgesprochen, wie in diesem Die konservative Partei, welche die Beendigung des Kulturkampfes allen Ernstes anstrebte, konnte diesem Anträge nicht beistimmen. Sie war der Ansicht, daß nur auf dem von der Regierung betretenen Wege ein wirkliches Friedenswerk zustande kommen könne, sie hielt dafür, daß man die Regierung hierzu mit Vollmachten versehen müsse, daß es aber nicht ratsam sei, in dem Angenblicke, wo thatsächlich bereits die ersten Schritte zum Frieden angebahnt seien, den Kulturkampf im Landtage durch neue Gesetzvorlagen noch einmal entbrennen zu lassen. Die konservative Partei beschloß daher einstimmig, und ich kann wohl sagen, unter meine*- lebhaften Mitwirkung, eine s. g. motivierte Tagesordnung, in welcher sie der Regierung den dringenden Wunsch aussprach, den Kulturkampf beendigt zu sehen, den Weg aber nicht geeignet erachtete, welchen der Abgeordnete Dr. Windthorst eingeschlagen, vielmehr den der friedlichen Verständigung, wie ihn die Regierung im Junigesetzc betreten. Das war eine sehr bedeutsame Kundgebung der Konservativen, die ihren Eindruck und ihre gute Wirkung nicht verfehlt hat. — Man hat diese Haltung cer Konservativen seitens bet katholischen Bevölkerung vielfach mißdeutet — ja selbst in persönlich verletzender Weise kritisiert — heute, wo man in dem tatsächlichen Erscheinen von friedlichen Zuständen in Osnabrück und Paderborn den Grund erkennt, welcher unser Vorgehen bestimmte, hat man sich überzeugt, daß dasselbe ein wohlwollendes und erfolgreiches gewesen — man wird sich daraus aber auch die Lehre nehmen, wie wenig ersprießlich es ist, vorschnell über Personen und Verhältniffe abzuurteilen.
(Schluß folgt.)
Deatsche- Reich.
** Berlin, 29. März. Nach den von dem Kaiser!. Statistischen Amt angefertigten Nachweisungen über die deutschen überseeischen Auswanderer in den letzten zehn Jahren roanrerten im Jahre 1880 106,190 Personen aus. Von diesen gingen über Bremen 51,627, über Hamburg 42,787, über Stettin 552, über Antwerpen 11,224. Nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika siedelten 103,115, nach Britisch Nordamerika 222, nach Central- Amerika 19, nach Westindien 100, nach Brasilien 2119, nach Südamerika 420, nach Afrika 27, nach Asien 36, nach Australien 132 über. Das Jahr 1880 hat die stärkste Auswanderung nächst dem Jahre 1872 gehabt. Die Auswandererzahl dieses letzteren betrug gegen die vom
von Löwenstein mit großer Macht und trieben die Landgratfischen ab von der Feste, auf Marburg und schlugen viele Leute tobt.
Noch lange Jahre später war diese blutige Niederlage im Volksmunk« bekannt und in Oberhessen galt die Redensart, um den jähen Tod eines Menschen zu bezeichnen: „Er ist auch nach Melnau gezogen."
Die hessische Reimchronik erzählt hierüber Folgendes: Für Marckdors die Frucht mit Gewalt Getreten, danach vor Melnau, Uno vor Hotzfeld gelhan also, An S. Johanns Abend eS waS Des Teufers, also geschähe daS, Dann die Junkern von Hotzfeld Han, Von Nassau Dillenburg Graf Johan Geöffnet Hotzfeld das Hauß Daß er viel Schadens thet daraus An Hessenland, darum man hat ©eübet Rach mit dieser That, rc.
Die Burgleut zu Melnau betant EinSmahl vor Marpurg fein geraut, Die Bürger sie gefangen Han, Vor der Statt auch etlich Mann Niedergeschlagen in den Thorn, Darzu daselbst zwei Bürger warn Die uf dem Löhnberg litten Noth, Und wurden geschlagen zu tobt, Von eint von Löwenstein genannt, Der damit wider uf Melnau raut, Da schickt der Fürst ein Heer davor Und lies das Schloß belagern gar,