Nr. 75.
-Marburg, Mittwoch, 30. März 1881.
XVI. Ia-ri-ig
OIitchtsW jfitmig
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Die Oberhessische Zeitung ist in Marburg die einzige Zeitung, welche mit dem „Wolff'scheu tkle- graphischeu Correspoudeuz - Bureau" in Geschäftsverbindung steht, und ist dadurch in den Stand gesetzt Hervorragenre Tagesereignisse aufs schnellste zur Kenntnis ihrer Leser zu bringen.
Die Oberhesstfche Zeitung zählt zuverlässig angestellten Ermittelungen zufolge zu den Verbreitesten Blättern in Hessen und wird auch für die Folge durch Gediegenheit und Reichhaltigkeit ihres Inhaltes den errungenen Standpunkt zu behaupten jederzeit bemüht sein.
Anzeigen sind bei dem fortwährend wachsenden Leserkreis der Oberhessischen Zeitung stets vom besten Erfolg und werden nur mir 10 Pf. die Zeile berechnet.
Neu zugehendc Abonnenten in hiesiger Stadt erhalten da« Blatt bis zum Schlüsse des Monats März gratis.
i Politisches.
Bei dem lebhaften Interesse, welches die Rede des Herrn Abgeordneten Justiz-Rat vr. Grimm in der Versammlung der konservativen Wähler des Kreises Marburg am 16. d. MtS. erregt, geben wir dieselbe, mehrfach geäußerten Wünschen entsprechend, so wörtlich wie möglich, nachdem die aufgenommcncn Notizen vervollständigt sind. Herr Justiz-Rat Grimm sagte:
Meine Herren! Ich erhalte soeben von dem Herrn Vorsitzenden die freundliche Aufforderung, zu Ihnen zu sprechen — ich bin nicht mit dieser Absicht in die Versammlung gekommen, folge aber gern Ihrem Wunsche, wenn Sie auch mit dem verlieb nehmen müssen, was. mir der Augenblick eingiebt.
M. H.! Wir alle sind erfüllt von dem Schrecknisse des verruchten Attentates, welchem der Kaiser Alexander von Rußland vor 3 Tagen znm Opfer gefallen ist. Ich erhalte auf dem Wege hierher meine täglichen Zeitungen und lese den Auszug aus einem Berliner Blatte, dem Börsen- courict — dieses liberale Blatt entblödet sich nicht, folgendes über das Attentat zu schreiben:
„Kaiser Alexander ist gefallen, ein Opfer der Halbheit und schwäche, die überall in jeder Lebenslage doppelt verderblich ist für den Träger der Krone eines großen Reiches."
Fred«.
Roman von Emily Cameron.
Deutsch von August Frenzel.
(Autorisirte Uebersetzung.)
(Fortsetzung.)
„Woher wissen Sie denn, daß dies ihr Gatte war." „Woher? welch eine Frage! Wenn Sie Jemanden mehr als ihr eigenes Leben geliebt, wenn seine Figur, sein Wesen immer und immer vor Ihnen steht, würden Sie nicht, Freda, ihn unter hunderttausend Anderen erkennen, selbst wenn seine Züge Ihnen verborgen wären."
Sie hatte Recht. Hätte ich Mark nicht ebenso erkannt?
„Bemerkte er Sie, Ellinor?"
„Nein, er machte eine Bewegung, als ob er in das Gewächshaus gehen wollte, und ich floh zu Ihnen zurück. Ich weiß nicht, warum ich es that, ich war zu sehr erschrocken, glaube ich; wie einfältig von mir — nicht wahr Freda? Das mag daher gekommen sein, weil ich ihn so plötzlich sah.
Ich hätte bleiben und ihm folgen sollen. Wie thöricht von mir zu entlaufen! O, lassen Sie mich aufstehen!"
„Liebe Ellinor, Sie dürfen es wirklich nicht, Sie sind zu krank."
„O! wie traurig, gerade jetzt krank zu fein", sagte sie ungeduldig. „Wenn ich jetzt folge und mich ruhig verhalle, darf ich dann morgen aufstehen und nach ihm sehen, Freda?"
Ich war froh, sie auf jedes Risiko hin beruhigen zu können und versprach ihr freudig, daß sie am nächsten Morgen ausstehen dürfe.
„Sie müssen aber inzwischen für chn sorgen, Freda",
Es, ist erstaunlich, was der verwerflichste Parteihaß zu Tage fördert. Kaiser Alexander hat die Leibeigenschaft der russischen Bauern aufgehoben, ihnen eine menschenwürdige Existenz bereitet und sich allein dadurch den Dank aller Menschenfreunde erworben, er war uns Deutschen 1870 ein guter Freund, der bei dem schweren Kriege mit Frankreich uns den Rücken deckte — und über die schändliche Ermordung dieses Mannes wagt man in solcher Weise zu schreiben, kein Ton der Entrüstung, der Verurteilung eines solch' scheußlichen Verbrechens! — es kann das freilich nicht Wunder nehmen bei einem Blatte wie der Börsencourier, der täglich in schmählichster Weise das in den Staub zieht, was dem Christenvolke heilig und ehrwürdig ist!
Wir können eben bei diesem entsetzlichen Vorfälle nicht einmal sagen: Das sind Dinge, die dahinten in der Türkei und Rußland passieren, heute noch lebt es in unsrer aller schmerzlichen Erinnerung, wie Verbrechen von gleicher Verworfenheit gegen den deutschen Kaiser Wilhelm verübt worden sind, unferm allverehrten Herrscher, dem Deutschland seine Einigkeit, seine Wiedergeburt dankt!
Da müssen wir doch uns überzeugen, daß — mag man die Umsturzpartei Nihilisten oder Kommunisten nennen -- wir bei uns in derselben Weise von diesen Parteien bedroht sind, wie andere Länder — daß auch wir eine Partei groß gezogen, welche offen die Abschaffung der Religion — die Gottlosigkeit, wie unser verehrter Vorsitzender sagte — predigen, die alle bestehenden Verhältnisse umstürzen wollen und den Königsmord für ein erlaubtes Mittel halten, ihre tollen Pläne ins Werk zu setzen!
Unser deutsches Volk hat niemals in seiner Mehrzahl Neigung gehabt, sich diesen verwerflichen Grundsätzen hinzugeben — es sind zunächst einzelne zerbrochene Existenzen, welche sich als Lehrer dieser falschen Lehren hinstellen — aber sie wirken nicht ohne Erfolg als Verführer und wir wissen ja, daß die Zahl der Verführten, die Zahl derer, welche die Grundsätze der Religion und Moral, Die Achtung vor den staatlichen Zuständen verleugnen, eine immer größere wird — da ist es Pflicht jedes ehrlichen konservattven Mannes, sich zu fragen — wo liegt der Grund für diese traurige Erscheinung und welches sind die Mittel, wie wir derselben begegnen?
M. H.I Ich stehe keinen Augenblick an, zu erklären, daß die Zustände und Einrichtungen, wie sie die liberale Gesetzgebung im letzten Jahrzehnt geschaffen, auf einen Teil unsrer Bevölkerung einen Einfluß übt, welcher sie den Irrlehren jener Umsturzpartei empfänglich macht. Um nur ein Beispiel anzuführen, sehen £>ie doch, wohin die Gewerbe s r e i h e i t und die F r e i z ü g i g k e i t mit der jetzigen Armenunterstützung führt. Fragen Sie einmal die Scharen von jungen Leuten, die mit den Zeichen ocö untersten Elends täglich unsere Dörfer und Städte durch
sagte sie, er wird müde sein und Speise nötig haben; gewiß kommt er von einer langen Reise."
„Ja, ich will für Alles sorgen", antwortete ich beruhigend, da ich es für gut hielt, sie zu besänftigen.
Sie verfiel in ein langes Schweigen und ich hoffte, daß sie einschlafen würde. Aber plötzlich fuhr fie im Bette auf.
„Freda, Freda!"
Ich lief hastig zu ihr.
„Geben Sie mir meine Schlüssel; dort auf dem Tische sind sie!"
Ich hielt eS für das Beste ihr zu gehorchen. Sie wählte einen kleinen vergoldeten Schlüssel und deutete aus ihren Schreibtisch.
„Schließen Sie rasch auf. Ooffnen Sie das kleine Fach rechts in der Ecke. Das kleine Päckchen dort in Silberpapier, das fft es. Reichen Sie es mir. Mein Trauring ist darin. Ten muß ich haben! Was würde er denken, wenn er mich ohne ihn fände!"
Sie steckte den Ring hastig und mit zitternder Hand an ihren Finger, küßte ihn und legte sich dann ruhig in das Bett zurück.
Ich wußte nicht, ob ich Unrecht gethan hatte, ihr den Ring zu geben. Ich war sicher, daß Miß Barbara es nicht gethan haben würde, meinte aber doch, daß wenn ich sie nun ruhig in ihrem Bette halten könne, im ganzm nicht unklug gehandelt zu haben.
Das Ergebnis zeigte, daß ich Recht hatte.
Nachdem sie ihren Ring hatte, sprach Ellinor die ganze Nacht nicht mehr. Ich glaubte nicht, daß sie schlief, aber auf alle Fälle war sie vollkommen ruhig und fieberfrei.
Ich faß mit zunehmender Gemütsunruhe an ihrem
betteln, wie sie in diesen jammervollen Zustand gekommen sind?
Da ist mancher guter Leute Kind darunter,goas Schulen besucht und das Handwerk gelernt hat — aber die Gewerbefreiheit hatte die Innungen zerstört, in derLLehre wurde nichts gelernt, denn die alte Zucht und Strenge war dahin — die jungen Leute, die nichts rechtes in ihrem Geschäfte gelernt, aber frühzeitig dem Genüsse nachgejagt hatten, finden keine Arbeit — selbst der braven tüchtigen Arbeiter, wenn sie in Krankheit und Elend verfallen, nimmt sich die Innung, einst die liebende Mutter aller ihrer Handwerksgenossen — nicht mehr an — nun geht das Arbeitsuchen von Ort zu Ort, von Stadt zu Stadt — überall mit einer Gabe schleunigst weitergewiesen, damit der ernte Handwerker nur nicht im Krankenhause des Orts liegen bleibt, wird er auf die Landstraße verwiesen — einige Wochen des arbeitslosen UmherziehenS und der Vagabund ist fertig, leiblich und geistig verkommen, verfällt der Unglückliche dem Verbreche» und den falschen Lehren der polittschen Verführer.
Ist das ein Wunder? Geben wir dem jungen, in der Fremde alleinstehenden Handwerker die Stütze der Innung, gewähren wir ihm den Trost der Heimat wieder und wir haben ihm einen Halt gegeben, der ihn auch in der Zeit der Not aufrecht erhält und bann bewahrt, daß er als heimatloser Vagabund auf der Landstraße liegt und unzufrieden mit Gott und der Welt und sich selbst, den blendenden Irrlehren der Sozialdemokratie verfällt.
M. H.l Aus diesem Gebiete des Gewerbe- und JnnungS- roejenS, da thut es vor allem not, den Irrtümern der liberalen Gesetzgebung ein Ende zu machen. Ich freue mich, Zeichen Ihrer Zustimmung zu vernehmen! (Forts, folgt.)
Deutsches «eich.
** Berlin, 28. März. In ihrer Rundschau der vorigen Woche ist die „Germania" endlich dahin gelangt, die Bedeutung der Wahl von Bistumsverwesern nicht mehr zu unterschätzen, aber sie bleibt dabei, daß von Frieden so lange nicht die Rede sein könne, als bis die Regierung Schritte gethan, um die unerfüllbaren Forderungen des Anstellungögesetzes nach dem Ultimatum ter Kirche abzuändern. Weiterhin bemerkt das Blatt an einer anderen Stelle, daß die „Kreuzzeitung" im Irrtum sei, wenn sie etwa meine, daß unter den Verhandlungen mit den Kapiteln, welche die jetzt vollzogenen beiden Wahlen ermöglicht haben, sich auch eine Vereinbarung über die Anzeigepflicht befinde ES bleibe indessen nicht ausgeschlossen, daß durch weitere Verhandlungen mit den Kapitelsvikaren und durch diese mit dem apostolischen Stuhle eine Vereinbarung erreicht werden könne. Dieses Zugeständnis der „Germania" sollte dem Blatte nicht so schwer geworden sein, wenn es sich hätte erinnern wollen, daß in dem be- Bette. Ellinor war geistig nicht so gestört, als ihre Schwester wähnte. Geistig schwach war sie zweifellos; die vollständige Abgeschlossenheit und Beschäftigungslosigkeit seit so vielen Jahren wäre dazu an und für sich hinreichend gewesen, ober keinenfalls war sie irrsinnig, und daß sie es gewesen, daran begann ich vollständig zu zweifeln.
Es war nichts in diesem letzten Anfall, so hefttg er war, was darauf hätte schließen lassen. Alles gab nur Zeugnis von einem kranken Herzen. Ihr ganzer Bericht über das, was geschehen war und was sie gesehen hatte, war klar und trug den Stempel vollkommener Wirklichkeit an sich.
Ich war überzeugt, daß Ellinor nicht unter dem Einfluß einer Täuschung gestanden hatte.
Sehr bald nach diesem Vorfall hatte ich Vickers, die Haushälterin beauftragt, alle Räume zu durchsuchen, aber es war Niemand gesunden worden. Sollte der Manu im Hause versteckt sein? Wo war er geblieben? Diese Unsicherheit beunruhigte mich sehr, daß ich die ganze Nacht keine Ruhe sand.
Ich war nicht überrascht, als Elisabeth am nächsten Morgen, da sie herein kam, bei meinem Anblick in einen Schreckensruf ausbrach:
„O Miß, Sie sehen krank aus! Kann ich Ihnen irgendwie helfen?"
„Holen Sie mir eine Tasse Thee, Elisabeth, und dann IStmen Sie für eine halbe Stunde meinen Platz einnehmen, während ich mich auf das Sopha lege."
(Fortsetzung folgt.)