Rr. 63.
Jliarßurg, Donnerstag, 17. März 1881.
XVI. Ighrgiig
ft tu eigen nimmt entgegen: »ie tLxpeditio» ».Blattei, sowie d-Annoncen-Bureaux von LH, Dietrich & To. in Raffet und Hannover; LH. Dietrich in Frankfurt a.M.; ßaafenffein & Bögler in Vrankfurt a. M., Berlin, Üetojig, LNn Rudolf Stoffe in Berlin, graut* fnrt «. M- rc.
ObrWsche Zitrnig
Lnzeigen nimmt! entgegen die Erpeditton d. Blattes sowie d-Armoncen-Bureaur von BL-Daube 4 So. in
«berfeld: 6. Schlotte in Bremen.
«ftcta MM außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für daS Quartal mit der wöchentlichen Beilaae 31M»ri*te6 «nnniaaaiiott" bnr<6 hie SrbehiH*« ie »uchdruckerei) bezogen « «ar. durch die MM. des Deutsches Reiches 3^«ark 50wTS?«5Sm **
______________________________________ 8ftt in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 35 Pf,, berechnet
lieber die Ereignisse in Petersburg sind noch folgende Nachrichten eingetroffen:
Petersburg, 15. März. Offiziell. Nowikoffberichtet in der „Neuen Zeit" folgendes über die Katastrophe am Sonntag. Nowikoff war mit zwei Kameraden auf dem Heimweg von der Manege, wo der Kaiser die Wachtparade abgenommen hatte, in der Nähe der Kasanbrücke angekommen, als eine Detonation erfolgte. Nowikoff eilte nach der Stelle, an welcher die Explosion stattfand, und sah etwa 30 Schritt davon entfernt eine Menschengruppe; eine dichte Schneewolke mit Splittern vermengt erhob sich, eine zweite Explosion erfolgte, Nowikoff lief rascher hinzu, sah, daß ein Matrose jemanden festhielt, daß der Schnee aufgewühlt war und daß am Bode» ein getöteter Knabe, ein schwer verwundeter Kosak und noch eine Person lagen. Dabei lag im Schnee der Kaiser ohne Mütze und Mantel, mit zersetzten Kleidern und zerschmetterten Beinen; das Blut des Kaisers färbte den Schnee. Nowikoff warf sich weinend vor dem Kaiser nieder mit den Worten: „Mein Gottl Was hat man mit Ew. Majestät gemacht?" Der Kaiser lag unbeweglich. Mit Hilfe herzutretender Matrosen richtete Nowikoff den Kaiser auf, indem er denselben um Leib und Brust faßte, während die Matrosen, ohne die Gewehre aus der Hand zu legen, die Füße des Kaisers hielten. Der Kaiser, bemüht, die Hand an die blutige Stirn zu erheben, sagte zweimal: „Kalt! kalt!" Nowikoff versuchte eben, ein Luch aus der Lasche zu ziehen, um es dem Kaiser um daS Haupt zu winden, als der Großfürst Michael heranfuhr. „Sascha! Wie fühlst Du Dich?" fragte der Großfürst, sich zum Antlitze des Kaisers niederbeugend. Waö der Kaiser antwortete, war schwer verständlich ; doch entstieg kein Stöhnen seiner Brust. Der Großfürst befahl den Matrosen, die Gewehre wegzuwerfen, nahm dann jemanden die Mütze ab und bedeckte damit das Haupt des Kaisers, welcher weiter getragen wurde. Nowikoff fiagte den Großfürsten, ob er gestatte, den Kaiser behufs der Anlegung eines Verbandes in das nächste Haus zu transportieren. Der Kaiser, augenscheinlich noch bei Besinnung, hörte die Frage und flüsterte: „Traget mich in's Patais, um dort zu sterben" und noch einige unverständliche Worte. Dies waren die letzten Worte deS Kaisers. Augen und Mund des Kaiser» schlossen sich; kein Laut wurde mehr vernommen. Der Kaiser wurde hierauf auf dem herbeigeholten Schlitten DworschitzkiS nach dem Palais gefahren.
Petersburg, 15. März. Der Verbrecher heißt Nicolai Nwanoff Ruff.koff, ist aus Lschwin gebürtig, 19 Jahre alt, besuchte zuerst die Kriegsschule in Wytegra, darauf die Realschule in Tscherepowetz und trat 1879 in das Berginstitut zu Petersburg ein, besuchte jedoch seit December 1880 keine Vorlesungen. Im ganzen stnd 18 Personen verwundet, von welchen 2 gestorben sind.
W---i. r.-j > ,1 I I ■
Freva.
Roman von Emily Cameron- Deutsch von August Freuzel.
(Autorifirte Uebersetzung.) i Fortsetzung.)
„Ellinor sagte mir, daß sie Sie schon früher gesehen; sie hat eine außerordentliche Zuneigung zu Ihnen, Miß Clifford." Dabei sah sie mich an und lächelte, und ich fühlte mich sofort zu Barbara Fairbank hingezogen. Sie war eine Frau, zu der man Vertrauen haben konnte.
„Sie sagte Ihnen also," fragte ich mit einigem Erstaunen, „daß sie auSgesahren war?"
„O ja! Nicht wahr sie fürchtete sich vor mir? Ich glaube, daß ich sie nicht richtig zu behandeln verstehe. Aber dennoch verbirgt sie mir nie etwas; überdies war ich zu Hause, als sie zurückkehrte und natürlich sehr in Angst. Sie hatte mir nämlich versprochen, zu Hause zu bleiben."
„Nun, Miß Clifford, muß ich Ihnen aber doch sagen, weshalb ich die Anzeige eigentlich erließ und weshalb ich Sie hier hinaus trieb, um mich zu treffen. Sicher haben Sie bemerkt, daß meine arme Schwester sehr sonderbar ist — geistig ein wenig irr?"
„O nein, das nicht!" rief ich. „Niemand würde das denken — sie ist nur excentrisch."
„Es ist sehr freundlich von Ihnen, so gu urteilen; Sie wollen mich gern beruhigen. — Sie ist ja auch in jeder Hinsicht so gesund als Sie und ich; nut in dem einen Punkte nicht, um den ihr Wahn sich dreht. In meiner Familie ist noch nie jemand geisteskrank gewesen; aber daö arme Märchen hat in ihren jungen Jahren vielen Kummet gehabt. Sie ist von einem Manne, den sie seht gern gehabt
K ö l n, 15. März. Der „Köln. Ztg." werden aus Petersburg vom 14. d. M. noch folgende auf die Katastrophe vom 13. d. M. bezügliche Einzelheiten mitgeteilt: Der Verbrecher heißt Ruffakow, stammt aus dem Gouvernement Vjatka oder Novgorod, ist erst 20Va Jahr alt, blond und klein, feit zwei Iahten Stipendiat im Berg- Institute, wo et sich schon seit zwei Monaten nicht mehr hatte sehen lassen. Er war schon lange verdächtig, man vigilierte auf ihn, ohne ihn finden zu können. Der zweite Verbrecher und eigentliche Mörder ist noch nicht gefunden. Man nimmt an, daß er die Bombe vom Eise des Kanals aus nach dem Kaiser warf. Dworschitzki, der den Kaiser immer begleitende Polizeimeister, obwohl an zehn Stellen verletzt und geschrammt, ist nur leicht verwundet. Der Kaiser wurde nach dem Unglück auf dem Schlitten Dwor- schitzkis langsam nach dem Winterpalais gefahren, durch die große Millionaja hindurch auf einem Teppich in fein Arbeitszimmer getragen und auf ein Bett neben seinem Schreibtisch gelegt. Die Famllienglieder eilten herbei, aber der Kaiser vermochte nicht mehr zusammenhängend zu sprechen und war meist ohnmächtig. Trotz des ungeheuren Blutverlustes und trotzdem fast keine Aussicht auf Erfolg war, beschlossen die Aerzte dennoch die Amputation vorzunehmen. Alles war schon dazu vorbereitet. Der Kaiser nahm erst die Sterbesakramente, verschied aber, ehe zur Operation geschritten wurde, ohne Bewußtsein. Im Stallhof-Hospital verschied heute ein durch die gestrige Explosion verwundeter Mann, der sich hartnäckig weigerte, seinen Namen zu nennen, obwohl er dazu noch fähig gewesen wäre. An der Unglücksstelle stehen heute noch Hunderte von Menschen, betrachten die durch die Explosion entstandenen Trichter und suchen unter dem Schnee nach Reliquien; einer bringt einen Holzsplitter zu Tage, ein anderer ein Stück gefrorenen Blutes, Haarbüschel, Tuchfetzen rc. In den dem Attentatsplatze gegenüber liegenden Häusern stnd 135 Fensterscheiben in Folge der Explosion gesprungen.
Köln, 15. März. Die „Köln. Ztg." meldet aus Petersburg, 14. März. Des Kaisers Leiche ist um 4 Uhr morgens einbalsamiert und photographiert worden. DaS Gesicht des Kaisers ist nur wenig verletzt. DaS linke Bein, das nur noch an Fasern hing, ist abgenommen und durch ein künstliches Bein ersetzt worden. Man glaubt, daß die Sprengstoffe nur mit Glas umhüllt waren, um die Explooierfähigkeit zu steigern. Am Tage vor dem Attentat erklärte ein aufgegriffener politischer Verbrecher im Verhöre, man könne ihn ruhig hängen, er habe seine Vorbereitungen so sicher getroffen, daß an ein Mißlingen des Streiches nicht zu denken sei.
Petersburg, 15. März. Nach dem Hinscheioen des Kaisers begrüßten alsbald die Mitglieder des kaiserlichen Hauses den Großfürsten Thronfolger als Kaiser. Die Leiche wurde am Sonntag Nachmittag um 41/* Uhr
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hat, einst grausam betrogen worden — ich kann dies nur flüchtig erwähnen — und nun sucht sie diesen Mann, der sie verließ, überall." „Ich hoffe unb bitte zu Gott," fügte sie inbrünstig hinzu, „daß er tot sei, wenn aber nicht, daß sie ihm nie begegnen möge. — Kann ste sich davon machen, um ihrer Manie nachzujagen, eine Spur dieses schlechten Mannes zu entdecken, so thut sie dies und es ist merkwürdig, wie listig ste es immer anstellt, um mir zu entschlüpfen ! Einmal war sie zwei volle Tage fort; damals, da sie in Slopperton war. Sie können sich meine Besorgnisse dabei vorstellen, denn es würde ein schrecklicher Jammer für sie fein, wenn sie dem Manne je wieder begegnen sollte, unb bann, mit einem solchen Wahne behaftet, ist cS für ihre Sicherheit unb ihre Wohlfahrt gewiß nicht gut, wenn sie so allein umherstreift. Meine Rallosigkeit bei alle betn hat mich auf das gebracht, was ich Ihnen zu sagen wünsche, Miß Clifforb, Sie werben begreifen, daß es für mich ganz unmöglich ist, immer bei ihr zu fein. Wir wohnen auf dem Lande in einem kleinen Hause, welches ein Onkel mir kürzlich hinterlassen hat. Ich habe hundert Pflichten zu erfüllen, für meinen Haushalt und für die Armen in unserer Nähe zu sorgen; ja, zuweilen muß ich fort, denn ich habe einen Bruder mit großer Familie, welcher meine Zett und meine Dienste oft beansprucht. Eine unverheiratete Dame" — sagte sie mit einem angenehmen Lächeln — „wird so vielfach begehrt, und doch kann ich Ellinor während dieser Ab- wesenhett nicht gut allein lassen. Ihre Gesundheit ist auch schwankend und ich habe bis jetzt noch keine Dienerin finden können, die es verstanden hätte, mtt chr umzugehen. Die eigenttiche Ursache, weshalb, ich in der Stadt bin, ist denn auch die, eine junge Dame, die mit uns leben würde, mit einem Wort eine Gesellschafterin für Ellinor zu suchen. Ich
aus dem Sterbezimmer in das Zimmer neben dem Kabinette vor dem Empfangssaale übergeführt, wo sie aufgebahrt wurde, und zwar nach dem Wunsche des Verstorbenen in der Uniform des Preobradschenskischen Regiments. Am Sonntag Abend um neun Uhr fand eine Totenmesse statt, nm 12 Uhr die Sektion der Leiche, welche einen durchaus normalen Befund aller inneren Organe ergab und die über den Gesundheitszustand des Kaisers verbreitetm Gerüchte widerlegte. Hierauf wurde die Leiche einbalsamiert. Der neue Kaiser unb die Kaiserin wurden bei ihrer Fahrt stach dem Palais am Sonntag Rachmittag um 5 Uhr von einer zahlreichen Menschenmenge überall mit sympathischen Zurufen und Aeußemngen der tiefften Verehrung für den Entschlafenen begrüßt. Der Wagen konnte nur im Schritt sich vorwärts bewegen. Auf den Straßen herrschte die vollständigste Ordnung und nirgends eine unruhige Bewegung. Alle Schichten der Bevölkerung stnd von der Entrüstung gegen die Mörder und dem tiefsten Schmerze um den „Zarbefreier", den „Zarmärtyrer", wie man den Verstorbenen nannte, erfüllt. Bei dem Attentate war nur der Großfürst Michael zugegen. Der Thronfolger war von der Wachtparade direkt nach dem Aritfchkow-Palaiö zu- rückgekehrt.
Petersburg, 15. März. Gestern Mittag um ein Uhr fand die traditionelle Huldigung vor dem Kaiser Alexander III. im Winterpalais statt. Der Zug ging in vorgeschriebener Weise unter dem üblichen Vortritte durch die Säle zur Kirche und in den Nikolaisaal, der mit der Generalität und Offizieren aller Waffen sehr zahlreich gefüllt war. Der Kaiser hielt dort, nachdem er erst die Thränen kaum zu bewältigen vermocht, dann mit fester Stimme eine warme Ansprache, in welcher er für die verschiedenen dem Vater bewiesenen Gefühle der Treue lebhaft dankte und alle aufrief, dem entschlafenen Kaiser ein treues Andenken zu bewahren unb auch ihm die gleiche Treue zu halten. Nach dem Schluffe der Ansprache herrschte einige Augenblicke unter allen Anwesenden lautlose Sttlle, die nur von Weinen unterbrochen wurde; dann ertönte plötzlich ein nicht endenwollenbeS „Hurrah", welches sich bis zur Kirche fortpflanzte. Dort hielt der Kaiser, kaum vor Schmerz und Thränen seiner Stimme mächtig, eine ähnliche Ansprache an den versammelten Nrichörat und die Minister, welche nun mit den anderen anwesenden höchsten unb hohen Würdenträgern ben Eib leisteten. Darauf kehrte brr Zug in der früheren Ordnung wieder zurück. Alle« verlief in traditioneller Weise und in größter Ordnung. Das Militär leistete gestern und heute den Fahneneid dem neuen Kaiser. Auch heute ist auf den Straßen eine lebendige Bewegung, doch allüberall dieselbe ruhige, würdige und sympathische Haltung, wie gestern. Nur ein gleiches Gefühl tritt bei allen ohne Unterschied zu tage — Trauer und Schmerz um den unendlichen Verlust und tiefste all- habe aber durchaus noch niemand passendes für eine so schwere Stellung finden können, deshalb möchte ich Sie bitten, Miß Clifford,— ich weiß, ich verlange sehr viel — uns für einige Zeit zu besuchen, während ich mich nach einer Gesellschafterin umsehe."
Hoffnung unb Entzücken erfüllten mein Herz. Hier bot sich mit einemmal Unterkommen, Arbeit unb Unabhängigkeit, wie vom Himmel auf meinen Weg gefallen.
Als Miß Fairbank einhielt und in dem Eifer ihres Anliegens, In offenbarer Besorgnis einer ablehnenden Antwort, meine Hand ergriff, antwortete ich freudig:
„Nein, Miß Fairbank, ich kann nicht al- Besuch zu Ihnen kommen, aber würde ich Ihnen als die Gesellschafterin, die Sie suchen, genügen?"
„Sie, Miß Clifford? Ich glaubte —"
„Sie kennen meine jetzigen Verhältnisse wahrscheinlich nicht, Miß Fairbank. Ich habe meinen Vater verloren; ich bin arm und von der Gnade meiner Anverwandten abhängig, bis ich eine Stellung finde, die mir meinen Lebensunterhalt gewährt. Ich eigne mich nicht zur Gouvernante, schon der bloße Gedanke daran ist mir verhaßt unb ich kann nichts anberes finben. Wenn Ihre Schwester mich gern hat, unb Sie glauben, daß ich Ihnen genüge, so würde ich sehr ftoh sein."
Miß Barbara drückte voll Freude und Dankbarkett meine Hände und schnell war mein Engagement abgeschlossen. Die Bedingungen, welche sie mir anbot, waren wett freigebiger, als irgend welche, die mir seither offeriert wurden. Ich sollte achtzig Pfund jährlich haben und meine Pflichten waren offenbar sehr leichter Art. Ich sollte Ellinor, wenn chre Schwester nicht da war, nicht aus den Augen lassen, das war alles.