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Rk. 68.

Marburg, Mittwoch. 16. März 1881.

XVI. Ja)rgaag

tmeiaen nimmt emgegen: He Erpeditton d.Mattes, sowie d.Annoncen-Bureaur von Th, Dietrich & So. in Mfd und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; Haakestzein L Bögler in Frankfurt a M., Berlin, jjripnr, 6Kb k.; Rudolf Moste is Berlin, Frank­furt «. M. ic.

iertf in

Anzeigen nimmt' entgegen dieExpeditton b. Blatte! sowie d.Amwncen-Bureaur

gftt m bei Erpel Mott zu ertyellenbe Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pf», berechnet ’

. V Steifer Alexander von RntzlaaL ermordet.

Das schaudereregende Verbrechen, welches von dm revo- bttionären Elementen des ruffischen Kaiserreichs — und man darf wohl sagen, auch von den außerhalb Rußlands befindlichen revolutionären Elementen — seit langer Zeit geplant gewesen und wiederholt versucht, aber bisher stets mißlungen war — jetzt ist es mit allen seinen traurigen Folgen, in seiner ganzen unabsehbaren Tragweite zur Aus­führung gelangt: Kaiser Alexander von Rußland ist tot!

In grauenerregender, schändlicher Weise ist ein Monarch ermordet worden, der nicht mit Unrecht der Befreier seines Volkes genannt wurde und der seit seinem Regierungsantritt unablästig darauf bedacht war, die Wohlthat seiner Unter- thanen in jeder Weise zu fördern.

Kaiser Alexander ermordet!

Diese Schreckenskunde auS St. Petersburg drängt heute alle Erwägungen der inneren Politik zurück. So sehr die Bevölkerung auch für den Kaiser persönlich die Gefühle inniger Verehrung mit einer gewissen Dankbarkeit für die Grundsätze seines ganzen Lebens hegt, und so sehr sich über­all die Entrüstung über den schauderhaften Mord selbst geltend macht, so treten doch selbstverständlich die Be­trachtungen unserer eigenen, von dem Vorgang so tief be­rührten Lage in den Vordergrund. Daß unser Kaiser durch den Tod seines Neffen und seines besten Freundes tief be­rührt und erschüttert wird, ist unzweifelhaft und in allen Kreisen giebt sich in dieser Beziehung die lebhafteste Tell- nähme kund. Außerdem ist das Publikum überzeugt, daß eine gründliche Aenderung aller internationalen Verhältnisse und Beziehungen durch den Tod des Kaisers von Rußland eintritt. Ohne sich über das Maß dieser Veränderung schon genaue Rechenschaft geben zu können, weiß Jan doch die Vvrai^stchr veS Fürsten Bismarck auch in diesem Punkte zu würdigen, welcher schon vor zwei Jahren für den Fall dLr Erkaltung der russischen Beziehungen, wie sie möglicher­weise nach dem Tode des Kaisers Alexander eintritt, unser Verhältnis zu Oesterreich auf die festeste Basis zu stellen suchte.

Wir wollen freilich hoffen, daß der Fall einer Aenderung der ganzen Situation nicht eintritt, daß man vielmehr auch in Rußland der StaatSraison mehr als den Leidenschaften folgt, immerhin aber darf es dem deutschen Volke zur Be­ruhigung dienen, daß cs an der Spitze der Geschäfte einen Staatsmann hat, welcher selbst in der Voraussicht eines solchen Falles zur rechten Zeit seine Geschicke sicher gestellt hat.

Ueber den entsetzlichen Mord des Kaisers von Rußland sind noch folgende Nachrichten eingetroffen:

Petersburg, 14. März. Der .Herold" berichtet über das Attentat: Der Kaiser begab sich nach der Wacht- -------------------- ass

Fred».

Roman von Emily Cameron.

Deutsch von August Frenzel.

(Autorifirte Uebersetzung.)

(Fortsetzung.)

Wir gingen wieder weiter. Meine Begleiterin beuu- ruhigte mich.

„Weshalb weinten Sie?" fragte ich. „Ihres Geldes wegen?"

„O nein! Was liegt daran! — Weil ich mich wieder getäuscht sah, und der Mann und die Menge mich er­schreckten."

„Weshalb ließen Sie sich nicht nach Hause fahren, um ihn dort zu bezahlen?"

„Dann hätte Barbara erfahren," sagte sic mit gedämpfter Stimme, „daß ich wieder in der Stadt umher gewesen bin. Nein, daS ging nicht. Jetzt wird sie denken, daß ich einen Spaziergang gemacht habe und sie wird nicht sehr böse sein.- Wo ich gewesen bin, das werde ich wohlweislich nicht sagen. Sie werden es auch nicht verraten, das weiß ich."

„Wer ist Barbara?" fragte ich.

„Ach, wissen Sie das nicht? Sie ist meine Schwester."

„Nein; Sie vergeffcn, daß ich nicht einmal Ihren Namen weiß. Wollen Sie ihn mit nicht sagen?"

Sie sah scheu zu mir auf und schwieg während eines Augenblicks.

„Ich darf Ihnen nicht mehr sagen, als Barbara wünscht," antwortete sie dann. „Obwohl ich Sic gerne habe, sind Sie h doch nur eine Fremde. Meinen Namen? O ja, den kann ich Ihnen sagen. Mein Name ist Ellinor Fairbank."

Wir erreichten jetzt eine stille Scitengaffe des Hackney

Parade, der beizuwohnen er gewarnt worden war, ins Pa­lais der Großfürstin Katharina, wo er kurze Zeit zum Frühstück blieb. Gegen IV2 Uhr verließ der Kaiser das Palais, um nach Hause zu gehen; er wählte den Weg an dem Kanal vorbei; als er etwa in der Mitte der Park­mauer des Palais war, erfolgte eine starke Explosion, welche den Wagen des Kaisers arg beschädigte. Der Kaiser stieg sofort aus. Ein Offizier eilte herbei und fragte ob der Kaiser verwundet sei. Der Kaiser antwortete ganz ruhig: Gott sei Dank, ich bin unverletzt, ängstige Dich nicht, ich muß nach den Verwundeten sehen. Viele Sol­daten des kaiserlichen Geleites und zufällig anwesende Ci- vilpexsonen lagen verwundet umher. Der Kaiser ordnete zunächst für die schwer verwundeten Kosaken Fürsorge an und erblickte wenige Schritte von sich den Verbrecher, von einer Menge Menschen umgeben. Ein Soldat des Preobradschenskischen Garderegiments hielt ihn fest und umklammerte seine Hände, in deren einer der Attentäter den Dolch, in deren anderer er den Revolver hielt. Der Verbrecher ist ein junger Mann, namens Russakow, ein­undzwanzig Jahre alt und war in den letzten zwei Jahren Zuhörer der Bergakademie. Der Kaiser trat auf das ruhigste dicht an den Verbrecher heran und befahl, ihn ab­zuführen, dann begab er sich zu Fuß auf den Heimweg. Nach wenigen Schritten warf ein anderer junger Mann einen Gegenstand vor die Füße des Kaisers. Eine so furchtbare Explosion erfolgte, daß die Nahestehenden zu Boden geworfen wurden, auf der anderen, der Kanalseite, die Fensterscheiben sprangen. Die Detonation wurde in der ganzen Stadt gehört. Als sich der Dampf verzogen hatte, lag der Kaiser in seinem Blute, am Boden herum viele Verwundete. Auch der Verbrecher war zu Boden gefallen, aber unverletzt; er wurde sofort von der wut­schnaubenden Menge umringt. Der Polizei gelang eS, drnselben gegen die Menge zu schützen. Der Kaiser wurde schwer verwundet und besinnungslos in den Schlitten des Stadthauptmanns Fedoröw gelegt. Dieser nahm den Kaiser in seine Arme, das bleiche, blutüberströmte Haupt an seine Brust legend. Der Helm des Kaisers war durch die Ex­plosion fortgeschleudert worden und nicht auffindbar.' So fuhr der Kaiser in das Winterpalais. Nachdem er dort auSgekleidet war, erwiesen sich die Wunden als die schreck­lichsten. Das eine Bein war bis zu der Höhe de« Ober­schenkel«, das andere bis zu der Hälfte des Schienbeines zerschmettert, der Unterleib aufgerissen, das Gesicht verletzt. Die Aerzte erklärten eine Amputation der Beine für un­ausführbar, da irgend eine Hoffnung nicht mehr vorhanden fei. Es blieb nur die traurige Pflicht des Geistlichen, den Sterbenden einzusegnen. Eine Menschenmasse umstand angstvoll das Winterpalais, viele hielten die Gerüchte über die Verwundung für übertrieben. Plötzlich um 3 Uhr 40 Minuten ging ein tiefes Gefühl der Trauer durch die

Road und sie wendete sich zu mir, um mir „Adieu" zu sagen.

„Begleiten Sie mich nicht weiter. In' dieser Straße haben wir Logis genommen, wenigstens für eine Woche. Barbara ist ausgegangen, um Einkäufe zu machen, sonst hätte ich nicht davon gekonnt. Ich mußte ihr versprechen, zu-Hause zu bleiben; ist sie schon zurückgekehrt, so werde ich doch übel ankvmmen."

Sie reichte mir die Hand und ging; dann wendete sie sich plötzlich wieder um, lief auf mich zu und flüsterte in mein Ohr:

„Sie werden bald wieder von mir hören — sehr bald."

22. Kapitel.

Ich erhalte eine Stellung.

„Diejenige Dame, welche am vergangenen Dienstag Morgen für eine junge Dame, welche ihre Börse'verloren hatte, eine Droschke bezahlte und sie dann nach ihrer Woh­nung begleitete, wird dringend gebeten, ihre Adrcffe in per Expedition der Times niederznlegcki, oder an irgend einem Tage dieser Woche sich zwischen zwölf und halb ein Uhr vor der St. Marylebone-Kirche einzufinden."

Diese Anzeige fand ich etwa zwei Tage nach meinem Zusammentreffen mit Ellinor Fairbank zufällig in einer | Nummer des bezeichneten Blattes. Sie war offenbar für mich bestimmt. Ich mochte jedoch in dem Hause meiner Tante niemand empfangen und zog es deshalb vor, nach der Marylebone-Kirche zu wandern. So findet man mich denn an einem kalten Wintertage um 12 Uhr in dem Tell der Marylebone-Straße aus-'und niederschreitend, der auf die Kirche mündete.

Ich war ungehalten über mich selbst, daß ich so zur

Menge: Die Kaiserfahne senkte sich langsam bis zur Hälfte des Fahnenstockes, ein Zeichen, daß der Kaiser gestorben war. Ein General trat vor die Menge und verkündete das traurige Ereignis. Alle hörten entblößten Hauptes der Mitteilung zu, daß der Kaiser verschieden sei und schlugen das Kreuzeszeichen zum Andenken des unvergeß­lichen Verstorbenen. Um fünf Uhr schwor ein Teil der Gardetruppen dem neuen Kaiser den Eid; heute findet die Vereidigung der übrigen Truppen statt. Der Minister des kaiserlichen Hauses sagt an, daß mittags 1 Uhr die Großwürdenträger, die Chefs der Armee und der Marine, sowie alle Hofchargen im Winterpalais sich einzufinden haben, um den Majestäten den Eid zu leisten. Von gestern an ist die gewöhnliche Trauer angesagt, bis zu dem Tage wo die gewöhnlichen Abstufungen beginnen.

Petersburg, 14. März. Der „Agence ruffe" zu- folge waren die ersten zur Hülfe hcrbeieilenden Aerzte der Chirurg Kruglewski, die Doktoren Botkin, Marcus und Dvoriachine. Die Beine des Kaisers hingen uur noch an zerrissenen Muskeln, das Blut floß stromweise. Es wurden sofort Kautschukbandagen um die Beine, sowie an der rechten Hand angelegt. Der Trauring war tief in die Muskeln eingedrungen. Infolge der Unterbindung der Adern und der Anwendung von Eis und Belebungs­mitteln öffnete der Kaiser nochmals die Augen, was der Priester zur Spendung der heiligen Sakramente benützte. Bald darauf stockten Herzschlag und Äthern. Sämtliche Mitglieder der kaiserlichen Familie umgaben knieend das Sterbebett, während ein Erzpricster die Sterbegebete ver­las. Oberst Dvorjetzki, welcher den ersten Mörder ver­haftete und ihm den Dolch und den Revolver entriß, hütet infolge der erlittenen, indes nicht tödlichen Wunden das Bett. Die Personen, welche den Kaiser zuerst aufhoben, waren der Kapitänlieutenant vom Regiment Litthauen, Novikow, und Nethschajeff, Junker auf der Kriegsschule. Die Anzahl der Verwundeten ist größer, als bisher ange­nommen wurde. Einige sind bereits gestorben. Der ver­haftete Mörder heißt Ruffakow, ist 21 Jahre alt und stammt aus der Provinz Nowgorod; er besucht die Berg- Akademie.

Petersburg, 14. März. Der bei dem gestrigen Attentat von einem Soldaten ergriffene Verbrecher heißt Ruffakoff. Derselbe ist 21 Jahre alt und seit 2 Jahren Zuhörer der Bergakademie. Ein zweiter Verbrecher, der die Bombe warf, wurde ergriffen und ist ebenfalls ein junger Mann. Nach Zeitungsmitteilungen erfolgte der Huldigungseid der Mitglieder des kaiserlichen Hauses noch gestern.

Petersburg, 14. März. Der „Regierungs-An­zeiger" veröffentlicht heute folgendes kaiserliche Manifest: „Wir, von Gottes Gnaden, Alexander III., Kaiser und Selbstherrscher aller Reußen, Zar von Polen, Großfürst eigenen Beschwerde da umherlief. Wer anders konnte jene Anzeige erlaffen haben, als Schwester Barbara? Und was konnte sie wollen? War sie ebenso excentrisch als ihre Schwester, so hatte ich gar keinen Grund, mich nach ihrer Bekanntschaft zu sehnen.

Wahrscheinlich hatte sie nur den Wunsch, mir das Geld zu ersetzen, welches ich für ihre Schwester verausgabt hatte. Aber so arm ich war, das wünschte ich nicht. Es war mir ein Vergnügen, einer anscheinend noch Unglücklicheren als ich einen kleinen Dienst der Barmherzigkeit erwiesen zu haben.

Bereits ein Viertel nach zwölf und noch niemand war erschienen! Ich blickte nach der Uhr und beschloß, mein Wandern und Warten aufzugeben und nach Hanse zu gehen, als eine Stimme dicht hinter mir mich plötzlich anredete.

„Ich glaube, Sie müssen Miß Clifford sein." Ich wen­dete mich rasch um und befand mich einer kleinen dunkel­äugigen Dame von ungefähr fünfundzwanzig Jahren gegen­über. Sie war einfach aber hübsch in Schwarz gelleidet und hatte scharfe Züge, und ein feines und kluges, ernstes Gesicht.

„Ja, mein Name ist Clifford und Sie sind — Miß Fairbank, nicht wahr?"

„Ja, Barbara Fairbank. Ist es Ihnen recht, hier ein­zutreten, um mit mir zu sprechen?" Sie trat in den Hof der Kirche ein und dort gingen wir auf dem mit eisernem Gitterwerk umgebenen Platz auf und ab.

„Ich muß Ihnen für die große Güte danken, die Sie meiner armen Schwester erwiesen haben."

Jetzt kommen die verauslagten sieben Schillinge und sechs Pence! kachle ich; aber nein! Zu meiner großen Er­leichterung wendete sich das Gespräch. (Forts, folgt)