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Nr. S8.

Marburg, Donnerstag, 10. März 1881.

XVI. Jahrgang

Lunger, nimmt tmgegen: Ht Expedttivx b.Blatte!, sowie d.Anrronlen-Bureaur von LH, Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt aJUL; Ssasenstein & Bögler in Iradfutt a M., Berlin, «ripziz, Köln re.; Rudolf ix Vertin. Frank, fürt a. M. r«.

AecheM Zitmig

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blattes sowie b. Annoncen-Bureaur von 8. L. Daube & So. in

Buchhandlung daselbstü Hermann'sche Buchhandl. daselbst; 3n»alibenbent in Berlin; W. Lhiencs in Elberfeld; S. Schlotte in Bremen.

Erscheint täAch außer an den Werktagen nach Sonn- und Fe,erlagen. PreÄ für da» Quartal mit der wöchentlichen BeilageIlustrirte» SonntagSdlatt" durch die Expedition lLoch'sche Buchdruckerei) bezogen st'. Wart, durch die Postämter des Deutschen Reiche» S Wart 50 Pfz. (erd. Bestellgebühr). - JnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pf,. Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden S5 Pf,, berechnet.

Moltke über den Krieg.

Generalfeldmarschall v. Moltke hat an ein Mitglied der Friedensliga, Herrn Goubareff in Beaulieu in Frank­reich, einen Brief geschrieben, der in etwa» entstellten Ueber- setzungen durch die Zeitungen ging. DieKreuz-Ztg." teilt jetzt den Original-Wortlaut mit. Derselbe lautet: An Herrn Goubareff in Beaulien, AlpeS-MaritimeS,

Frankreich.

Berlin, den 10. Februar 1881. Geehrter Herr! Sie haben die Güte gehabt, mir ein Memorandum zu übersenden, in welchem Sie Ihre Gedanken entwickeln über die ernsten Fragen, welche die Gegenwart bewegen und er­zeigen mir die Ehre, meine Ansichten darüber zu fordern. Ich muß mich beschränken, auf Ihre Anschauung über den Krieg von meinem Standpunkte aus zu antworten. Sie erklären den Krieg bedingungslos für ein Verbrechen, wenn auch ein in Versen besungenes; ich halte chn für ein letztes, aber vollkommen gerechtfertigtes Mittel, das Bestehen, die Unabhängigkeit und die Ehre eines Staates zu behaupten. Hoffentlich wird dies letzte Mittel, bei fortschreitender Kultur, immer seltener in Anwendung kommen; aber ganz darauf verzichten kann kein Staat. Ist doch das Leben des Men­schen, ja der ganzen Natur, ein Kampf des Werdenden gegen daS Bestehende, und nicht anders gestaltet sich das Leben der Völkereinheiten. Wer möchte in Abrede stellen, daß jeder Krieg, auch der siegreiche, ein Unglück für das eigene Volk ist; denn kein Landerwerb, keine Milliarden, können Menschenleben ersetzen und die Trauer der Familien aufwiegen. Aber wer vermag in dieser Welt sich dem Un­glück, wer der Notwendigkeit zu entziehen? Sind nicht beide nach Gottes Fügung Bedingungen unseres irdischen Daseins? Nicht den Wallenstein, sondern Max läßt unser großer Dichter sprechen:Der Krieg ist schrecklich wie deS Himmels Plagen, doch ist er gut, ist ein Geschick, wie sie." Und daß der Krieg auch seine schöne Seite hat, daß er Tugenden zur Ausführung bringt, die sonst schlummern oder erlöschen würden, kann wohl kaum in Abrede gestellt werden.

Gewiß ist eS viel leichter daS Glück des Friedens zu preisen, als anzugeben, wie er gewahrt werden soll. Um die so vielfach sich kreuzenden Jntereffen der Nationen auszugleichen, ihre Streitigkeiten zu schlichten, somit die Kriege zu verhindern, wollen Sie an Stelle der Diplo­matie eine dauernde Versammlung von Auserwählten der Völker. Mehr Vertrauen als zu diesem Areopag habe ich zu der Einsicht und der Macht der ^Regierungen selbst. Die Zeit der Kabinetskriege gehört der Vergangenheit an, und es gicbt heute schwerlich einen Staatslenker, welcher die schwerwiegende Verantwortung auf sich nimmt, ohne Not das Schwert zu ziehen. Möchten nur überall die Regierungen stark genug sein, um zum Kriege drängende Leidenschaften der Völker zu beherrschen.

Kredo.

Roman von Emily Cameron. Deutsch von August Frenzcl.

(Autorifirte Uebersetzung.) (Fortsetzung.)

Ich erinnerte mich nicht, was weiter geschah, als wir dort anlangten. Alles ging wie im Wirbel um mich her, nur der eine Gedanke stand klar vor meiner Seele, daß mein Vater im Sterben lag und ich seinen Tod verschuldete.

Meine Flucht, mein Brief, meine Lossage von George Curtius war der Schlag, das fühlte ich sicher, der sein schwaches und betagtes Leben endete.

Kapitän Thistleby nahm ein Billet, drängte es in meine Hand und brachte mich in ein Coup«. Ich überließ mich seiner Führung wie im Traume; er kaufte mir einige Er­frischungen und legte sie auf den Sitz vor mir, doch ich berührte sie nicht. Wir hatten noch eine Viertelstunde zu warten, ehe der Zug abging. Er stieg zu mir ein und sprach zu mir; aber ich hörte nicht, was er sagte und antwortete nur mechanisch ja und nein.

Mein Geliebter, der mir alles in der Welt gewesen, meine Liebesgeschichte und meine vernichteten Hoffnungen, welche mich so kurz zuvor noch fast erdrückten, waren alle, dem neuen Elende gegenüber, das mich bedrohte, ganz ver­gessen.

Selbst als Mark mirLebewohl" sagte und meine Hand an seine Lippen hob, hatte ich kein Wort für ihn und war mir kaum bewußt, daß dieser traurige und doch so leidenschaftlose Abschied wahrscheinlich der letzte zwischen uns sei für immer.

Ich fühlte keinen Kummer darüber, daß ich von ihm

Ihr Memorandum betont die besonders kriegerische Neigung der germanischen Rasse, ich bitte Sie die Geschichte unseres Jahrhunderts durchzumustern und zu urteilen, ob von Deutschland die Kriege ausgegangen sind. Deutschland hat sein Ziel, die Wiedervereinigung erreicht, es hat nicht die mindeste Veranlaffung, auf kriegerische Abenteuer aus­zuziehen; aber es kann zur Abwehr gezwungen werden und muß darauf vorbereitet fein. Mit Ihnen wünsche ich aufrichtig, daß diese Notwendigkeit nicht eintreten möge.

Hochachtungsvoll ergebens!

Graf v. Moltke.

Deutsche» «eich.

Berlin, 8. März. DerReichs-Anzeiger" bringt folgende Veröffentlichung des Prinzen Wilhelm: Potsdam, 5. März. Aus Anlaß Unserer Vermählung sind ^Keiner Gemahlin und Mir so zahlreiche heimliche Glückwünsche in Telegramm, Briefen und Adreffen zuge­gangen, so viel sinnige Gaben dargebracht worden, daß es zu Unserem lebhaftem Bedauern nicht möglich ist, dm Ein­zelnen, wie Wir wünschten, zu danken. Wir sahen, wie Wir schon an anderer Stelle aussprachen, in diesen Hul­digungen vornehmlich den Ausdruck der innigen Liebe und Treue, welche die Angehörigen Unseres geliebten Vaterlandes stets ihrem Fürstenhause bezeugten, und werden immer da­nach streben, durch unausgesetzte Teilnahme an der Wohl­fahrt der Nation deren Siebe zu verdienen." Der Vorstand des Reichstage» und andere Abgeordnete folgen heute Nachmittag einer Einladung des Reichskanzlers zu einem parlamentarischen Diner, das trotz des inzwischen eingetretenen Unwohlseins des Reichskanzlers stattstndet. Die Budgetkommission beendete die Beratung des Marine- EtatS und lehnte den Bau der Korvette E mit 22 gegen 12 Stimmen und die Wiederherstellung der Korvette Nymphe" mit 15 gegen 10 Stimmen ab. Bezüglich des RordostseekanalS erklärte auf Befragen Minister v. Stosch, die Regiemng bringe dem Projekte ihre volle Sympathie entgegen, auch Generalfeldmarschall von Moltke habe seine frühere ablehnende Stellung wesentlich modifiziert, zu einer Vorlage an den Reichstag sei das Projekt aber noch nicht genügend vorbereitet. Die Hebung desGroßer Kurfürst" habe die Marineverwaltung eigentlich niemals für aus­führbar gehalten, die Geschütze und die meisten anderen losen Gegenstände desselben feien geborgen. Die jüng­sten Bemerkungen des Fürsten - Reichskanzlers über den fortschrittlichen Ring" haben ihre Bestätigung, wenn es einer solchen überhaupt bedurft hat, überraschend schnell in den allerorten laut werdenden Gegenäußerungen der libe­ralen Preffe gefunden. Auch die weitschauendeWeser- Zeitung", die sich so gern die Allüren eines großen und tonangebenden Blattes zu wahren sucht, dabei aber von dem Glanze früherer Tage kaum mehr als den Schatten.

scheiden mußte, wohl aber eine schwache Freude, als der Zug endlich abging.

O! die schreckliche Heimreise!

Sollte ich meinen Vater noch lebend finden? Diese Frage legte ich mir in nutzloser Angst wieder und wieder vor. Sollte es mir vergönnt sein, ihn noch einmal zu sehen, an seiner Seite zu knieen, um seine Vergebung zu bitten, seine Abschiedsworte, seine Verzeihung und seinen Segen zu erhalten? Oder sollte er sterben, ehe ich ihn erreichte?

War ich Schuld an seinem verzweifelten Tode, ich seine Tochter, sein einziges Kind? Welch' ein schrecklicher Ge­danke war das!

Wieder und wieder beklagte ich die Thorheit und lieber« eilung, meines Vaters Haus verlassen zu haben, wie ichS gethan.

Wäre ich geblieben, hätte ich ihm gestanden, daß meine Verlobung mich unglücklich mache, er hätte es sicher milber und freundlicher erfahren. Aber der Schrecken über mein Verschwinden und die unerwartete Erklärung meine» Briefes hatten dieses Unglück über ihn gebracht. Daran konnte kein Zweifel fein.

Endlich, nach der für mich endlosen Eisenbahnfahrt, hielt der Zug in Marborough. Ich konnte nicht nach Slopperton gehen und mußte einen Wagen nehmen. War mir schon die Eisenbahnfahrt langsam erschienm, so war dies bei der Fahrt mit dem Wagen noch viel mehr der Fall. Ich wagte nicht, ben Kutscher zu fragen, ob er wisse, wie es meinem Vater gehe. Der Mann kannte mich und e» schien, als ob eine respektable Sympathie in der Art liege, wie er seinen Hut lüftete. Aber ich wollte ihn nicht fragen, ob er es wisse. Ich fürchtete feine Antwort

noch an sich hat, kann nicht umhin, ihr Salz dazu zu thun und die Berliner Steuerzahler über ihre Jntereffen aufzuklären. Wir haben bereits vor kurzem Veranlaffung gehabt, dieWeser-Ztg." darauf aufmerksam zu machen, wie unklug es von ihr ist, und wie wenig es ihr ansteht, angesichts ihrer eigenen heimatlichen Verhältnisse auf dieses Terrain sich zu begeben und eine so provozierende Kritik zu üben. Vielleicht ist es ben Landsleuten derWeser- Ztg." aber interessant, bet dieser Gelegenheit die Abneigung deS genannten Blattes gegen die Mahl- und Schlachtsteuer kennen zu lernen, die ja in der Stadt Bremen al» Tell der dort zur Erhebung kommenden und auf eine Reihe ganz anderer Artikel noch sich erstreckenden KonsumtionS- fteuern (Wein, Bier, Branntwein u. a. Getränke, Stein­kohlen, Baumaterialien) eine sehr große Rolle spielt, und die dort von derWeser-Ztg." stets verteidigt worden ist. An sich mag nun die gymnastische Gewandtheit, die die Weser-Ztg." dabei an den Tag legt, Bewunderung ver­dienen, aber für ein politisches Blatt ist sie jedenfalls be­denklich, und dies Schielen über beide Schultern streift leicht an die Karrikatur. Die Bremer Leser derWeser- Ztg." finden es vielleicht nicht nach ihrem Geschmack und nehmen Anlaß, sich mit ihrem offiziösen Moniteur über dies Doppelspiel auseinander zu setzen.

Der RegierungS-Präfident v. Wolf aus Trier ist gestern von Sr. Majestät dem Könige empfangen worden. Wir deuten dies im Zusammenhänge, mit den uns sonst zugehenden Nachrichten über die Ministerkrisis als eine weitere Entwickelung derselben in d e r Richtung, daß Herr v. Wolf eines der bekannten Ministerien übernehmen soll. In konservativen Kreisen will man freilich wissen, daß derselbe vorzugsweise Kandidat für daS Oberprästdiurn in Sachsen fei, daneben aber bezeichnet ihn die Preffe als einen der bevorzugten Kandidaten für das Ministerium des Innern. Ein glaubwürdiges Gerücht will allerdings wiffen, daß auch die Chancen des Kultusministers von Puttkamer für die fei es eine provisorische, fei es eine definitive Uebernahme des Ministeriums deS In­nern keineswegs erloschen seien, und daß, wenn nicht Herr v. Wolf, wahrscheinlich Herr v. Puttkamer der tun tige Minister des Innern fein werde. Von allen sonst gen Kandidaturen ist es still geworden und jene Beiden scheinen allein noch auf dem Plaue zu stehen. Einem weitver­breiteten Gerüchte zufolge, dem man Glauben schenken möchte, würde auch der Oberprästdent von Ostpreußen, Herr v. Hom, in Kurzem seinen Abschied nehmen. Es würde hierdurch noch eins der Oberprästdien vakant werden.

DieNattonal-Ztg." enthielt am Sonnabend einen Artikel, in welchem sie, offenbar als Einleitung für die Besprechung der deutschen Wahlen, auch auf die fran­zösischen näher eingeht. Sie ist der Ansicht, daß die fran«

und fürchtete um die Hoffnungen gebracht zu werden, die ich jetzt immer noch hegen durfte. Ich mochte das Schlimmste lieber nicht wiffen.

So fuhren wir weiter die feuchten, nebeligen Landstraßen, die so traurig wie monoton aussahen, kamen durch viele gut bekannte Dörfer und Weiler, durch Gehölze und vorüber an dem hohen Parkzaune von Eddington, hinter dem ich Rudel von Hirschen und Rehen wahrnehmen konnte. Wir kamen an der Kirche von Slopperton vorbei, wo der An­blick des Pfarrers und Küsters, die in eifrigem Gespräch auf dem Kirchhofe bei einander standen, mich zitternd in die Wagenecke zurücksinken ließ, damit sie mich nicht sehen möchten.

Sie wählten vielleicht einen Platz für das Grab aus.

Und dann ging eS die lange gerade Chauffe weiter, die von dem Dorfe nach unserem Hänschen führte.

Der Wagen hielt an, der Kutscher flieg schwerfällig vom Bocke herunter und zog die Schelle; sie klang laut und scharf in die Stille de» Herbstnachmittages. Ich war zu Hause.

19. Kapitel.

Ein feindlicher Angriff.

Mein Vater war gestorben!

Er war eine Stunde vor meiner Rückkehr gestorben.

E» war gekommen, wie ich befürchtet hatte. Er war des Morgens aufgeftanben und hatte mein Billet auf seinem Tische gefunden. Tante Selina, deren Zimmer neben dem seinen lag, war durch einen plötzlichen Schlag, als ob jemand zu Boden falle, erschreckt worden. Sie war in das Zimmer meine» Vaters geeilt und hatte ihn bewußtlos auf dem Boden liegend gefunden, auf dem Tische geöffnet mein Billet.