xvi Jabrmii
GnMchk Zeitm
xvi. )ahr,<.
UlrtrfiitrA WHtnnrfi 9R Qtnntmr 1RR1 TU «ffiijr/» hk. __«oo«
Jüarßlirg, Sonntag, 23. Januar 1881.
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Mattel sowie b. Annoncen-Bureaur von E. L- Daube & Co. in Frankfurt a.M; Jäger>sche Buchhandlung daselbst«; Hermann'sche Buckhandl. ♦ daselbst; Juvalideudaut in
Berlin; rB Lhiene« in
Elberfeld: 4. Schlotte in
Ä>— il»"K
Nr. 19.
t Anzeigen nimmt entgegen: J die Expedition d.vlattes, sowie d.Annoncen-Hureauz von LH, Dietrich & So. in staffel und Hannover; LH Dietrick in Frankfurt a.M.; Haasenstein & Bögler in Frankfurt a M., Berlin. Leipzig, Sein Rudolf Äoff« in Berlin, Kraut» htr* e. ’•)
Das Uufall-BersicherrmgSgesetz.
Die neue Unfallversicherungt-Vorlage findet, wie man vorauösehen konnte, auf fortschrittlicher Seite, wo der Geist, der alles, verneint, die Herrschaft hat, keine Billigung. Ludwig Löwe Hal schon in einer Berliner fortschrittlichen Versammlung dagegen gekämpft, und das Gesetz wurde in einer Resolution dadurch zu verdächtigen gesucht, daß behauptet wurde, das Gesetz verlege in der Hauptsache die Lasten der Haftpflicht von den Arbeitgebern auf die Arbeiter und die Gesamtheit der Steuerzahler, und der Ersatzanspruch des verunglückten Arbeiters werde geschmälert. Nun sagt aber der Entwurf ausdrücklich, daß die Arbeiter, welche weniger als 750 Mark Lohn bekommen, gar keine Beiträge zu den Haftpflichtkassen zu zahlen haben, sondern die Arbeitgeber haben zwei Drittel und die Gemeinden, welchen dadurch die Armenlast sehr erleichtert wird, sollen ein Drittel der Beiträge zahlen. Nur diejenigen Arbeiter, welche jährlich mehr als 750 Mark Lohn erhalten, sollen die Hälfte der Prämien zahlen. Das bisherige Haftgesetz hatte für die Arbeiter um deswillen so gut wie gar keinen Wert, weil an dem schwierigen Nachweis, daß der Unfall ohne Schuld de) Arbeiters und lediglich durch die schlechte Einrichtung der Arbeilsmaschinen, Werkzeuge u. s. w., also infolge Vernachlässigung des Arbeitgebers eingetreten sei, in der Regel alle Entschädigungsansprüche der Arbeiter scheiterten. Diese unleidlichen Nachweise der Schuld beseitigt der Entwurf und läßt alle verunglückten Arbeiter an der Wohlthat der Unterstützung teil nehmen. Daß die Arbeiter, welche einen Lohn bekommen, der z. B. dem des Schullehrers gleichkommt, und ihre Lage besser gestaltet, als z. B. die vieler kleiner Bauern, auch zu ihrer Versicherung selbst beitragen, ist doch nicht mehr wie recht und billig. Die „Volkszeitung" spricht im anschluß an § 16 des Entwurfs die Befürchtung, ja den Verdacht au^ der Entwurf würve den Arbeitgebern es leicht machen, ihre (der Arbeitgeber) Prämimbeiträge durch Lohnherabsetzung auf die Arbeiter abzuladen. Vor solchen Maßregeln schützt aber der Entwurf schon dadurch, daß er die Versicherung auf alle Arbeiter ausdehnt und sie für alle verbindlich macht. Eine Lohnbeschränkung ließe sich nur dann denken, wenn der Arbeitgeber auch solche haben könnte, welche auf die Unfallversicherung verzichteten. In dieser Bestimmung, welche die t iersicherungSwohlthat ohne Ausnahme allen ob mit oder ohne Schuld verunglückten Arbeitern zu gute kommen läßt und worin also gerade die große Wohlthat des Entwurfs besteht — sieht dir „Vossische Zeitung" „nicht mehr eine soziale, sondern eine" — man höre — „kommunistische Tendenz" und „diese Bestimmung widerspreche ferner den sittlichen Anschauungen der Gegenwart!" Die »Voss. Ztg." hätte sagen sollen: den „sitllichen Anschauungen der Fortschrittspartei oder des Naturalismus", dann
Kretz«.
Roman von Emily Cameron.
Deutsch von August Frenzel.
lAutorisirte Uebrrsetzung.) r Fortsetzung.)
Da ich dies sehe, schaue ich ihn lange an, begünstigt von der Dunkelheit. Es ist nicht schicklich, jemanden so anzustarren, das weiß ich wohl und von mir gewiß eine Sünde, die ich büßen muß, denn jeder Sünde folgt die Strafe nach. Allein ich kann nicht anders, ich blickte ihn an und — werde dabei betroffen. Meine Strafe folgt sofort, doch sie ist süßer als meine Sünde.
Mark Thistleby schließt seinen Arm ein wenig fester um mich und mich damit ein klein wenig dichter an seine Seite. Ich unterwerfe mich dieser Strafe: um Liebe leiden, thut nicht weh.
O, glückliche Stunde, warum währest du nicht ewig? Du fliegst schnell dahin!
Die Lichter der kleinen Stadt Seacliff find bereit» in Sicht und jeder Augenblick bringt uns ihnen näher.
Wie schnell diese Dummköpfe rudern! grollte Mark.
Dann, als wir noch ein paar hundert Ellen von der Küste sind, beugte er plötzlich seinen Kopf tief zu mir herab und schaute mir in das Gesicht. ES ist so dunkel, daß ich kaum seine Züge unterscheiden kann und doch scheint eS mir, als ob ich das Licht in feinen Augen und den Ton der Leidenschaft in seiner Stimme sehe.
„Nur einmal?" flüsterte er; und ehe ich noch weiß, was er von mir will, hat er — mich geküßt.
Im nächsten Augenblicke knirschte der Kiel des BooteS auf dem Strandgerölle, unter einer Menge von Männern
hätte sie recht gehabt, denn die letzteren heben jeden sitt- lichen Zusammenhang und jede gegenseitige sittliche Der- pfltchtung auf — das nennen sie schon Kommunismus! — und stellen jeden Menschen auf sich und seine Selbsthilfe — auch den atmen, hilflosen Arbeiter, dem sie dann als rettendes Brett die fortschritllich-gewerkvereinlichen Genossen- schastskassen Hinhalten. Aber diese fortschrit liche Beschuldigung des UnfallgesctzeS als „kommunistisch" und een „sittlichen Anschauungen der Gegenwart widersprechend", verdient doch wirklich zum ewigen Gedächtnis der „Voss. Zeitung" und der Fortschrittspartei festgenagelt zu werden.
Diesen sortschritttichen Anschauungen geg müber teilen wir die schönen, herzrrquickendrn Worte aus den amtlichen Motiven zu dem Gesetzentwurf mit, welche ausdrücklich auf die in der christlichen Weltanschauung begründete Pflicht der Solidarität der menschlichen Gesellschaft Hinweisen, gegenüber der zersetzenden Gesellschaft lediglich auf die Selbstsucht und den Kampf umö Dasein stellenden naturalistischen Weltanschauung. Die Worte der Mottve lauten:
Daß der Staat sich in höherem Maße als bisher seiner hilfsbedürftigen Mitglieder annehme, ist nicht blos eine Pflui t der Humanität und des Christentums, von welchem die staatlichen Einrichtungen durchdrungen sein sollten, sondern auch eine Aufgabe staatserhaltender Politik, welche das Ziel zu verfolgen hat, auch in den besitzlosen Klassen der Bevölkerung, welche zugleich die zahlreichsten und am wenigsten unterrichteten sind, die Anschauungen zu pflegen, daß der Staat nicht blo» eine notwendige, sondern auch eine wohlthätige Einrichtung sei. Zu dem Ende müssen sie durch erkennbare direkte Vorteile, welche ihnen durch gesetzgeberische^ Maßregeln zu teil werden, dahin geführt werben, den Staat nicht als eine lediglich zum Schutz der fituierterten Klassen der Gesellschaft erfundene, sondern als eine auch ihren Bedürfnissen und Interessen dienende Institution aufzufassen.
Das Bedenken, daß in die Gesetzgebung, wenn sie dieses Ziel verfolge, ein sozialistisches Element eingeführt werde, darf von der Betretung dieses Weges nicht abhalten. So weit dies wirklich der Fall, handelt es sich nicht um etwas ganz neues, sondern um eine Weiterentwickelung der s»uS der christlichen Gesittung erwachsenen modernen StaatS- idee, nach welcher dem Staat neben den defensiven, auf den Schutz bestehender Rechte abzielenden, auch die Aufgabe obliegt, durch zweckmäßige Einrichtungen und durch Verwendung der zu seiner Verfügung stehenden Mittel der Gesammtheit das Wohlergehen aller seiner Mitglieder und namentlich der schwachen und hilfsbedürftigen positiv zu fördern. In diesem Sinne schließt namentlich die gesetzliche Regelung der Armenpffege, welche der moderne Staat im Gegensätze zu dem des Altertums und des Mittelalters als eine ihm obliegende Aufgabe anerkennt, ein sozialistisches und Frauen, die versammelt sind, unS zu begrüßen. Man hört durcheinander laute Ausrufe, Fragen und Antworten, während deren Kapitän Thistleby mir avs dem Boote hilft.
Sehr steif und gliederlahm klettere ich das Ufer nach der Gartenlreppe zu empor.
Das Boot ist gerade unserem Hause gegenüber gelandet worden und als wir die Treppe erreichten, kommt Bella aus dem hell erleuchteten Gartensaal mit Ausrufen des Schreckens und der Freude.
„Freda, liebes Kind, wie bin ich in Angst um dich gewesen, —, Gott sei Dank, daß du glücklich wieder da bist! AlS ich vor einer Stunde nach Hause kam und eine Botschaft von Mark fand, die er herauf gesandt hatte, da er die Leute holte, war ich so bestürzt, daß ich jetzt noch an allen Gliedern zittere. Dich so lange allein in solcher Gefahr zu wiffen! Mein armer Schatz, wie müde, wie durchfroren du bist!"
„Ja, Bella, Miß Clifford ist müde und muß halb erstarrt sein; thue sie herein, steh nach ihr, und nötige sie Nicht eher zum Sprechen, als bis sie sich erholt hat."
Damit schreitet Herr Thistleby fort und überläßt mich Vella s Fürsorge.
Was machten sie diesen Abend ein Wesen mit mir; na$ de.n Essen wurde ich in einem großen Armsessel bequem am Kamin placiert, Mark erwies mir alle mög- llchen Aufmerksamkeiten und Bella wurde nicht müde, zu fragen, als hätte ich Gott weiß was für ein Wunder vollbracht.
E^^^^ud wieder wutde die ganze Geschichte erzählt und jede Wiederholung trug mir neue Worte der L ebe und des Mitleids und meinem unfreiwilligen Heldentum neue Bewunderung ein.
Moment in sich, und in Wahrheit handelt es sich bei den Maßnahmen, welche zur Verbesserung der Lage der besitzlosen Klassen ergriffen werden können, nur um eine würdigere Ausgestaltung der staatlichen Armenpflege und um eine Weiterentwickelung der dieser bereits zu gründe lieaen- den Idee.
Im einzelnen wird der Entwurf ja noch der sorgfältigen Beratung bedürfen, zumal er keine Bestimmung über die Höhe und Festsetzung der Prämienbeiträge enthält; aber in seiner Gesamtheit ist der Entwurf für alle, die es wohl meinen mit unserem Arbeiterstande, eine außerordentlich erfreuliche Erscheinung, und diese Freude wird durch das grieskrämige Gesicht der Fortschrittspartei, welche eS nicht verwinden kann, daß die Regierung einen gesunden, christlich fundierten sozialen Boden betritt, nicht getrübt werden.
Deutsche« «eich.
Berlin, 21. Januar. Der Kaiser konferierte gestern längere Zeit mit dem Fürsten Bismarck. — Der Kaiser unternahm Nachmittags 1 Uhr im geschlossenen Wagen bie erste Ausfahrt. Der Statthalter Feldmarschall von Manteuffel trifft morgen hier von Straßburg ein. Der von Petersburg eingetroffene Großfürst Nikolaus machte vormittags dem Kaiser, der Kaiserin und dem Kronprinzenpaare Besuche und reiste mittags weiter. — Gegenüber den vielfachen Behauptungen, daß die Publikation der Briefe des Reichskanzlers über seine Stellung zu Camphausen und Delbrück an die Adresse des gegenwärtigen Finanz- mimsterS gerichtet seien, sagt die „Nordd. Allg. Ztg" : Soviel wir wissen ist hiervon nicht die Rede gewesen, wir sind vielmehr der Ansicht, daß, wenn zwischen dem Reichs- kanzler und dem Finanzminister eine Veranlassung zu Meinungsverschiedenheiten vorläge, was, soviel wir wissen, nicht der Fall ist, der Reichskanzler am wenigsten den Weg der Oiffentlichkeit betreten würde, da ihm die persönliche Verständigung nach allen Seiten jeden Augenblick offen steht und er derartiger künstlicher Direktiven durch den Mund der Zeitungen nicht bedürfen würde. Wir glauben die Sache richtiger zu verstehen, wenn wir annehmen, daß dre sezessio.iiftische Entstellung der Thatsachen die Publikation veranlaßt hat. — In parlamentarischen Kreisen ging gestern das Gerücht, daß die Anschauungen de» Finanzministers Bitter neuerdings auch im Reichsschatzamte in Bezug auf die Matrikularbeiträge für das nächste Etatsjahr nicht ohne Einfluß gewesen sind, und daß die Matri- kularbeiträge in Folge der erhöhten Einnahmen aus den indiretten Steuern und der davon schon jetzt fühlbaren Erhöhungen der Einnahmen des Reiches nicht in dem ursprünglich angenommenen niedrigen Maße zur Erscheinung kommen werden. — Nach der neuesten „Provinzial-Corre- spondenz" kann man wohl kaum bezweifeln, daß bie Regie-
p« «fpetaotte Zärtlichkeit, mit welcher Mark meine Rücken-Kissen zurechtlegte, den Schemel unter meine Füße breitete und mir den Thee brachte, machte mich sehr schüchtern und befangen mit ihm; ich errötete jedesmal in schuldbewußter Art, wenn ich seinem Blicke begegnete.
ES bedarf wohl kaum der Erwähnuilg, daß wir in der Schilderung der Heimreise es nicht gerade für nötig hielten, Bella die DetallS derselben mitzuteilen. Ich konnte die Erinnerung an jenen hurtig gestohlenen Kuß nicht ans meinem Geiste bannen und versuchte sehr böse zu sein.
Es schien mir eine unverzeihliche Freiheit, eine über- legte Beleidigung zu sein, gegen welche sich jedes wohlerzogene Mädchen zu verwahren hat. Leider aber wollte mir der rechte, tugendhafte Zorn trotz aller Versuche nicht llrlrngen. Ich füllte mich im innersten Herzen nur sehr glücklich!
E» ist gut, daß ich morgen abreisen werde, dachte ich, Marrs große, graziöse Gestalt beobachtend, da er mir gegenüber am Kamin lehnte; und bann mußte ich lächeln darüber, wie vollständig sich meine Gedanken gegen den vorhergegangenen Abend geändert hatten, an dem er mir al» ein so abscheulicher, unangenehmer Mann erschien.
War es in Wirklichkeit nur erst ein Tag, daß ich ihn kannte? Und war eS möglich, daß ich in so kurzer Seit mein Herz an diesen Mann verloren? Nein; ich konnte eS nicht glauben. Es ist ja wahr, daß ein Tag, wie der heutige, ein Tag so völlig im Einklänge miteinander verlebt, die Menschen oftmals inniger mit einander bekannt macht, als es sonst ganze Monate langer Bekanntschaft vermögen; aber war ich denn nicht mit George CurtiuS v-rlobt und gefeit und geschützt dadurch gegen die Reize aller anderen Männer? O, wie schwach und schlecht hätte