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jliaröutg, Sonnabend, 8. Januar 1881.

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(fc^eiatWid? süßer an den Magen nach Tonn- «n» Jeiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen BeUag. „3tuftxtrte6 Lo«nta,S»latt" durch die Erveditw« (Äo»’f*e Suchdrrrckeret) bezogen 8} Äiirt, durch die Postämter deS Deutschen Reiches 3 Mark 50 Psg. (exel. Bestellgebühr). — Jnsertionsgebühr für die gehaltene Seile 10 Vsa

Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 35 Psg. berechnet. **

Anzeigen nimmt1 entgege. die Gxxeditrrm d. vlatteb sowie d- Äniwneen-Bureaux von @. L- Daube & 6o. in Frankfurt a. M; JSger'sche Buchhaublung dsselbstL Hermann'sche vuchhandL daselbst; Jnvalidendouk in Berlin; SB. LtzieneS in Elberfeld: S. Schlotte in cremen.

Anzeigen nimmt entgegen: Sie Expedition d.Blattes, sowie d Ämioncen-Bureaux von Tb. Dietrich & Eo. in staffel und Hannover; Th, Dietrich in Frankfurt a.M.; HaaseusteiN L Bögler in %wntfcst M., Berit«, leipjii». LSI» re.; Rudolf Üiotfe m öttün, Kram- fsrit S. M° 14.

Bestellungen für das L Quartal 1881 der Bberhessischru Zeitung mit deren Gratisbeilage

JllustrirteS Sonntagsblatt

bitten wir baldigst machen zu wollen.

SwäK*- Die Landpostboten nehmen auf dem Lande Bestellungm entgegen.

Die Exped. d. Oberh. Zeitung.

Der Vortrag des Herrn Hofprediger Stöcker

im Stadtparksaale zu Kassel hatte einen Erfolg, wie man ihn unter kasseler Verhältnissen kaum erwarten durfte und dessen Bedeutung um so höher anzuschlagen ist, als der überwiegend große Tell des den Stadtparksaal in allen seinen Räumen füllenden Auditvriums bisher gewiß nicht zur Partei des Vortragenden gehörte. Zudem war Herr Stöcker persönlich in Kassel noch unbekannt und die Meisten hatten sich ihr Urteil über ihn wohl nur aus jenem aller Ehre und allen Anstandes baren Teil der Berliner Presse und ihres Anhanges gebildet, der nicht müde wird, Herrn Stöcker und seine Richtung bei jeder Gelegenheit in der schamlosesten Weise in den Staub zu ziehen. So kamen denn viele, um den „Erzreaktionär", den „schwarzen Ortho­doxen und Judenfeind" Stöcker kennen zu lernen, vielleicht auch in der Erwartung eines kleinen SkandälchenS. Und nun nichts von alledem! In lautloser, nur von häufigen Beifallsäußerungen unterbrochener Stille verharrte das Auditorium bis zum Schluß des Vortrags, wo es jedem Zweifler wie eine Binde von den Augen fiel und er zu seiner Beschämung erkennen mußte, daß er sich einem überzeugungstreuen, ehrenwerten und gewiß von einem seltenen Mut beseelten Manne gegenüber sich von einer durchaus frivolen Presse habe verblenden lasten. Herr Stöcker besitzt eine seltene Rednergabe, die im Verein mit dem Gedankcninhalt den Zuhörer vom ersten Moment an fesselt. — Den nachfolgenden Bericht über den Vortrag entnehmen wir dem „K. Tagebl. u. Anz.".

Es sei ein merkwürdige- Zusammentreffen, so begann der Redner, daß er heute, am Tage des 50 jähr. Jubi­läums der kurhestischen Verfassung über wahren und falschen Liberalismus rede. Es sei über ihn (Redner) geschrieben worden, er komme im Dienste der Reaktion; er komme aber, wie er sagen dürfe, getrieben von derselben Vaterlandsliebe, die jeden beseele, der es mit der Wohl­fahrt seines Landes gut meine. Was sei denn überhaupt Reaktion? Reaction sei ein Schlagwort, das aber einen großen Teil seiner Wirkung längst verloren habe, und es

Karneval.

Skizze nach dem Leben von Fritz Stahlberg-Lex.

! Fortsetzung.)

Erst spät Abends durfte er die Hand vom Drücker des, klappernden Apparates ziehen, um zu den Seinen zu eilen die ihn mit Sehnsucht erwarteten. Zu stolz, um bei seinen ehemaligen Freunden die Unterstützung zu suchen, ohne welche er bei dem erbärmlichen Gehalte nicht existieren konnte, opferte er die meisten Stunden der Nacht, um für eine Zeitschrift Aufsätze humoristischen Ge«es zu fertigen, und verschaffte sich auf diese Weise ein Nebeneinkommen, das mit seinem Gehalte zusammen so weit reichte, um die laufenden Ausgaben notdürftig zu decken.

Heute, mitten im Karneval, sitzt er mit bewölkter Stirn und kummervoll blickenden Augen vor der schwach­leuchtenden Lampe. Seine fleißige Rechte hat die Feder fallen lasten und ein unsäglich trauriger Zug gleitet über sein Gesicht, als er schweraufatmend einen raschen Blick auf die Thür des Nebenzimmers wirst. Diese öffnet sich eben, und ein junges schlankes Weib überschreitet die Schwelle. Die einfache, natürlichen Geschmack verratende Hauskleidung umschließt einen elastischen ebenmäßigen Körper von nicht zu vollen aber sanft gerundeten Formen. Ein Gesicht voll Sanftmut und Müde, dessen stnnigschöne Züge Kummer und Sorge nicht zu entstellen vermochten, blickt ihn mit Rehaugen schüchtern an. Leisen, schwebm- den Schrittes nähert sie sich dem bleichen Manne, besten Züge bei ihrem Erscheinen von feinem glücklichen Lächeln verklärt werden.

„Sei nicht ungehalten, lieber Richard, daß ich Dich wieder einmal stören muß," redete fie ihn mit einer

fei ein gutes Zeichen der Gegenwart, daß man nicht mehr so viel auf Schlagworte höre, sondem Thaten verlange. Reaction heiße Gegenwirkung. Wenn eine sogenannte libe­rale Zeitströmung ihre Verheißungen nicht erfüllt, wenn statt des verheißenen Eindringens allgemeiner Bildung eine sittliche Verwilderung eingetreten sei, warum solle da nicht eine Gegenwirkung eintreten, um die vielfach gestörten Fundamente Micher Weltordnung wieder herzustellen? Wenn das Reaction sei, dann komme er allerdings im Namen der Reaction, dann aber sei Jeder ein Reactionär, dem es um die Heilung der Schäden politischer Ver­irrung zu thun sei, und wenn er, Redner, an die Väter jener Verfassung zurück denke, die heute vor fünfzig Jahren gegeben wurde, dann zeige sich doch zwischen ihnen und den heutigen Fortschrittlern ein gewaltiger Unterschied, denn der Altliberalismus stand in kirchlicher Hinsicht doch auf einem anderen Boden.

Redner knüpfte nun an einen kürzlich in der „Hessischen Morgenzeitung"*) abgedruckten Arttkel an, welcher die Brochüre „Stöckers Rede vom 22. November 1880 im Lichte der Wahrheit" behandelte und ihm eine Reihe von Unwahrheiten vorhielt. Er glaube es nun schuldig zu fein, derartige Vorwürfe aus dem Wege zu räumen, ehe er zu seinem eigentlichen Thema übergehe. Der Vor­tragende knüpfte nun an die in dem qu. Artikel berührten einzelnen Punkte aus der sogenannten Judendebatte deS Abgeordnetenhauses an, indem er zuvor bemerkte, daß es sonst nicht Sitte sei, Verhandlungen des Abgeordneten­hauses in die Oeffentlichkeit zu ziehen, daß er aber in diesem Falle darauf zurückkommen muffe, weil er derartige Vorwürfe nicht anders als ehrabschneidend bezeichnen könne. Der Redner kam zunächst auf die bekannte Affaire mit der Gründer­liste zu sprechen; er habe nur den Gründungstaumel der 70er Jahre gemeint, seine Angaben über die Gründer aber nach Notizen in einer unverdächtigen Wochenschrift gemacht; weiter besprach Redner seine Behauptungen in Bezug auf Horwitz, Professor Cassel, Schleiden, Crömicux und Brandes; so er­wähnte er namentlich mit Bezug auf Professor Cassel, daß jene von ihm citierte Stelle aus dem Bliche eines Lehrers an einem jüdischen Seminar, namens Cassel, herrühre, daß Schleiden allerdings kein Jude fei, daß aber sein Buch Über die Romantik des Märtyrertums der Juden im Mittel­alter von einer jüdischen Genossenschaft herausgegeben sei, daß Crsmieux, der Mann, welcher 1870 das Decret zur Ausweisung der Deutschen aus Frankreich unterzeichnet, bei uns in Synagogen, wenn auch nur in kleinen, gefeiert worden sei, bis ein Mann der christlich-socialen Partei da­gegen auftrat. Die Irrtümer, die ihm, Redner, bei An­führung jener Thatsachen untergelaufen, habe man zu un«

*) Der auch von dem „Marburger Tageblatt" reproduciert wurde.

Stimme voll sympathischen Wohllaut's an. „Der Bote brachte einige Briefe für Dich; vielleicht willst Du dm einen ober den anderen noch heute erledigen."

Er ergreift die zarte Hand, welche die Briefe auf den Tisch legt, und drückt sie an feine Lippen.

„Warum soll ich ungehalten sein,-mein gutes Weib? Du störst nicht," spricht er und blickt ihr zärtlich in die braunen Augen. „Doch laß' sehen, wer schreibt."

Er erbricht den ersten Brief und läßt feine Augen über die kurzen Zeilen schweifen, während sie an seiner Schulter lehnt und ihre feinen Finger durch sein weiches Haar gleiten läßt. Die Zeilen enthalten eine Anfrage der Redaktion der Zeitschrift, für welche er öfter- arbeitet, ob er für die nächste Nummer einen Beitrag in Bereit­schaft habe.

Mit einem bitteren Lächeln des scharfgeschnittenen Mundes legt er das Schreiben auf den Tisch zurück.

„Sie sprechen ein großes Wort gelassen aus, Herr Redattenr," murmelt er ironisch. „Woher soll ich den Stoff, woher die Zeit, vor Allem aber woher die Stim­mung nehmen, um dem Verlangen nachzukommen? Und dennoch — ich muß! Wie soll ich sonst den Doktor be­zahlen, der nicht gerne wartet? Herr Redakteur, Ihnen kann geholfen werden. — Was macht unser krankes Fritzchen?" setzt er mit plötzlich veränderter Stimme hinzu.

„Er ist vor einem Augenblick eingeschlafen und ich hoffe, der Schlaf wird ihm gut thun. Das Fieber scheint endlich Nachlassen zu wollen."

Blicke in da- offene Nebenzimmer, so wird Dein Auge auf ein Brüchen fallen, in dessen Kissen das glühmde Ge­sichtchen eines scharlachkranken Kindes ruht, auf dessen

geheuerlichen aufgebauscht; aber habe man auch die Wahr­heiten, die er angeführt, widerlegt? habe man feine Behauptungen von der Zügellosigkeit der Berliner Juden- Preffe widerlegt, oder habe man eS als einen Irrtum nachgewiesen, wenn er sagte, daß die Notlage der ober- schlesischen Bevölkerung zum Teil eine Folge jüdischen Wuchers fei? Habe man es widerlegt, daß ein Schank- steuergesetz, für welches die konservative Partei eintrat, der Trunksucht Schranken setze, indem man sagte, der Mucker trinke heimlich? Man möge sich doch durch eine schlechte Presse nicht beirren lassen. Als eine Anzahl von deutschen Staatsbürgern von ihrem Petition-recht — das sei auch eine Freiheit des Staatsbürgers — Gebrauch machen wollte, habe die Fortschrittspartei dagegen eine Interpellation ein­gebracht — heute würde sie es vielleicht nicht noch einmal thun (Heiterkeit). Es sei in Berliner Fortschrittsblättern gesagt worden, daß man seine, Redners, politische Thätigkeit einschränken wolle; während man auf liberaler Seite also für sich die größte Freiheit beanspruche, rufe man gegen Andersdenkende nach der Polizei. Und da- sei das Kenn­zeichen eines falschen Liberalismus, der uns Freiheiten an» preise, die wir durchaus nicht brauchen, und uns nicht die­jenigen Freiheiten gewähre, die wir brauchten, lieber nichts sei in der letzten Zeit so viel geredet worden, als über Handelsfreiheit und von fortschrittlicher Seite werde, natürlich nur mit Rücksicht aus die Wahlen im nächsten Sommer, der Freihandel als das allein Richtige gepriesen, während der Schutzzoll für jede Einzelheit einer schlechten Geschäftslage verantwortlich gemacht werde. Stamme aber nicht z. B. ein Aktiengesctz aus liberalen Anschauungen? Wenn aus Einzelheiten hervorgehen solle, daß eine Besse­rung nicht eingetreten sei, so könne man daraus doch nichts geben; müsse man aber nicht volles Vertrauen entgegen­bringen, wenn ein Minister aus der vollen Gesamtheit der Thatsachen eine Besserung konstatiere? Trotzdem würden von allen Seiten Verdächtigungen gegen die neue Zoll­politik laut. Er gebe nichts auf Einzelheiten, aber er wolle eine solche doch auch einmal anführen, und dies sei, daß ihm in Neumünster in Schleswig-Holstein ein Industrieller gesagt, daß seit Einführung der neuen Zollpolitik sich die Geschäfte gehoben. Weiter könne man z. B. auch wohl behaupten, daß Garfield nicht den Sieg bet der Präsidenten­wahl in Nordamerika davongetragen haben würde, wenn man im Volke von ihm nicht eine Befolgung der Schutz­politik erwartet hätte. Man behaupte, daß durch die er­höhten Zölle teure Preise herbeigeführt würden. Das I scheine begreiflich für jedes Kind, aber auch nur für ein Kind, nicht für die Wissenschaft. Ein Aufschlag der Zölle könne wohl für einen Moment die Preise erhöhen, die Preisschwankungen aber regelten sich nach der Spekulation und nach dem Zwischenhandel. Mit dem Schlagworte „Billiges Brot" wolle man gegen die neue Zollpolitik

Stirn die Fieberglut helle Schweißtropfen getrieben hat. Mehrere Arzneiflaschen, eine Schachtel voll Pulver und ein GlaS Wasser stehen auf dem Nachttisch, um den Tod von dem Kranken fern zu halten. Aber — ach! Während sich die zärtliche Mutter in der frohen Zuversicht wiegt, ihr einziges Äinb außer Gefahr zu wissen, hat der TodeS- engel die fiebernden Lippen bereits geküßt nnd nicht lange wirds dauern, wird er sich einfinden, um seinen Tribut in Gestalt der unschuldigen Kindesseele in Empfang zu nehmen. Arme ahnungslose Eltern!

Unterdessen ist die besorgte Mutter an das Brüchen geeilt, hat die schweißperlende Stirn ihre- kranken Lieb­lings vorsichtig getrocknet und kehrt nun zu dem Gatten zurück, der während der Zeit die beiden anderen Briefe geöffnet hat.

„Fritzchen schläft ruhig, wie feit langer Zeit nicht mehr," versicherte sie und freudige Hoffnung klingt in dem bewegten Tone. „Doch warum bist Du so traurig, mein Theurer; hast Du unangenehme Nachrichten erhalten?" frägt sie teilnahmsvoll.

„Sieh' her, zwei Wermutstropfen in die Schale unserer Freude. Schneider und Schuhmacher bringen sich ergeben^ in freundliche Erinnerung. Nun, der erstere kann noch ein Weilchen warten; bei den Preisen, die er stellt, kommt er dadurch nicht zu kurz weg. Gern möchte ich aber dem braven Meister Knieriem die Schuld bezahlen. Der Mann hat ein Häuflein Kinder und eine kranke Fran. Die fünf Thaler, mit denen mein Conto belastet, ist, wird er wohl sehr nötig haben. Wie aber soll ich dem braven Manne Helsen?" Meine Kasse ist vollständig leer, und Dich darf ich wohl erst nicht fragen, mein gutes Weib; die Arznei-Flaschen, Pulver und Pillen werden