Einzelbild herunterladen
 

Marburg, Mittwoch, 5. Januar 1881.

XVI. JWrjjtig

GkWsche Zcitiiiig

Anzeige» nimmt emgegeu , tteSxpedttion 6. Blattti 1 sowie d. Annoncen-Burraük U von ®. L- Daube & §r>. :» ■ Frankfurt a. M; Jäger's.^« W Buchhandlunü bcfdb82'*

dajelVA; Jnsaliden^ank i» ®«lia: W Lrimrk i, Etb^fild; L. Schlots, i« Bremen

Kna eigen nimmt entgegen: Mt Expedition b.Blattes, sowie d Aunoncen-Bureaur von LH, Dietrich & Co. in Raffel und Hannover; Tb. Dietrich in Frankfurt aM.; Haajenstein & Bögler in Frankfurt a. M>, Berlin, Leipzig, LLiu tu; Rudolf MsIe ix Berlin, Fran!» fnrt a. M- re.

Erscheint tSglich außer an den Werktagen nach Sonn- un> Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöckentliLen Beilaat ‘Xinwvi.t.» «ZZZZZääZZn x—* v - «= _ . .

«uchdruckereii oezogen ft Mark durch die Postümter °deS ^utfche7Reiches> 5»

Jüi m der Exped'.iwn zu ertheilende Auskunft und AnnaL ne von Adressen werden 35 Pf^. berechnet. ”’**

Bestellungen für das 1. Quartal 1881 der SderdeMschen Zeitung mit deren Gratisbeilage

Jllustrivtes Sonntagsblatt

bitten wir baldigst machen zu wollen.

VE- Die Landpostboten nehmen auf dem Lande Bestellungen entgegen. >

Die Ex-ed. d. Oberh. Zeitaug.

Ein Wort über den Bettet.

Anläßlich der in neuerer Zeit so stark hervorgetretenen und so fast allseitig anerkannten Notwendigkeit, dem Vaga­bundentum eiitgegenwirken und die Quellen desselben durch Gesetz und Sitte verstopfen zu müssen, ist mehrfach auch wieder vom „Kettel' die Rede gewesen und ist lebhaft die Notwendigkeit betont worden, demselben gegenüber einen durchaus prinzipiellen, jede Unterstützung desselben mit schärfstem Tadel belegenden Standpunkt einzunehmen. Diesem Standpunkt hat man in anderen, und zwar zum teil gerade in konservativen Blättern entgegenhalten wollen, daß die von ihm geforderte Unterschiedslosigkeit im Ver­halten, sei der Bettler wer er immer wolle, die „würdigen" Bettler ebenso wie die unwürdigen treffen würde und daß derselbe sich mit der christlichen Charitas nicht vereinigen ließe. Es möge uns, die wir den angedeuteten Standpunkt vollständig teilen und ihn sowohl persönlich wie im Fami­lienleben aus's Schärfste zur Durchführung bringen, ge­stattet sein, diese Vorwürfe zurückzuweisen, und in einer unseres Erachtens für jeden unbefangenen Menschen zwin­genden Weise darzuthun, daß das gemäß dem oben ange­deuteten Standpunkte zu fordernde Verhalten ein logisch notwendiges ist, nicht nur hinsichtlich der Staatsgesetzgebung und Staatsordnung, sondern gerade auch hinsichtlich einer geordneten Armenpflege.

„Würdige" Bettler giebt es überhaupt nicht. Mag der Bedürftigkeit eines Almosenheischenden noch so groß und seine persönliche Mitschuld an seinem Elende noch so gering fein, (ganz ohne Mitschuld an seiner Lage ist wohl kein Bettler, wenn wir von bettelnden Kindern und allenfalls von Krüppeln absehen), so hat er doch nur durch die bloße Thatsache des Bettelns die „Würde" eingebüßt, die unsere Sprache so sinnig mit der „Würdigkeit" in Verbindung gesetzt hat. Der bettelnde Mensch hat unter allen Um­ständen das Recht seiner Individualität aufgegeben, er hat die Gesamtheit berechtigt, über ihn als ein unnützes, ledig­lich zehrendes Glied der bürgerlichen Gesellschaft zu urteilen, er hat darauf verzichtet, in einem auf Gegenseitigkeit be­ruhenden Rechtsverhältnis zu seinen Mitmenschen zu stehen;

Toteuliste des Jahres 1880.

1) Fürstliche und Standespersonen. Herzog Friedrich August von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg, 14. Januar zu Wiesbaden im 51. Lebensjahre. — Maria Alexandrowna, Kaiserin von Rußland, Gemahlin Kaiser Alexanders II., geb. Prinzessin von Hesien-Darmstadt, 3 Juni, 56 Jahre. — Sophie Adelheid Henriette, verwittwete Fürstin von Reuß j. L., 25. Juli, 80 Jahre. — Der Fürst Ludwig zu Solms-Hohensolms.Lich, Mitglied des Herrenhauses, 29. Februar, 75 Jahre.

2) Militärs. August v. Soeben, General der In­fanterie uud kommandierender General des 8. Armeecorps, 13. November zu Koblenz, 63 I. — August v. Witzleben, Generallieutenant a. D-, Militärschriftsteller, Redakteur des „Militär-Wochenblatts", am 7. Mai zu Berlin, 73 I.— Freiherr v. Rheinbaben, General der Kavallerie z. D., 2. November zu Berlin, 66 I. — Graf Coronini, K. K. österr. Feldzeugmeister, am 26. Juli zu St. Peter bei Görz, im 86. I. — Etienne Marcel, Veteran jder sran- zösischen Generale, im April zu Paris im 89 I. — Vinoy, General, als Corpsführer hervorragend bei der Verteidi­gung von Paris 1870—1871, 29. April in Paris. — Baron Aymard, Divisionsgeneral, Gouverneur von Paris, 11. Juni zu Paris. — Verchere de Reffye, General, Er­finder der Mitraillaise und der stebenpfündigen Kanone, 7. Dezember zu Paris, 59 I. — Philipp Westphal, ältester Offizier der britischen Flotte, 17. März zu Rhyde, Insel Whig!, 88 I.

3) Staatsmänner, Minister und Gesandte, höhere Ver- waltungs- und Justizbeamte. Heinrich v. Gagern, 1848 Präsident der Frankfurter Natioual-Verfammlung, später

dabei ist seine Lage eine solche, welche mindestens die schwersten sittlichen Gefahren für ihn selbst und die schwer­sten Versuchungen gegenüber der öffentlichen Sicherheit in sich schließt. Trüge nun unsere Staatsordnung keinerlei Sorge dafür, daß jeder Mensch vor dem gänzlichen Zu­grundegehen aus Not geschützt werden muß, so möchte trotz allem der Bettel für manchen Menschen die einzige Mög­lichkeit der Existenz darbieten und oadurch wieder eine ge­wisse sittliche Berechtigung erhalten; denn die Sorge für die Erhaltung der Existenz ist schließlich eine Pflicht. Da dies aber entschieden nicht zutrifft, der Staat vielmehr die bezeichnete Obsorge getroffen hat, letztere auch (wie unsere Gemeindebudgets bezeugen können!) keineswegs auf dem Papiere stehen geblieben ist, sondern in ausgiebigster Weise fungiert, so fällt offenbar die Ausrede des absoluten Be­dürfnisses weg und treten hiernach alle unsere obigen Er­wägungen voll und ganz in Kraft. Kein Bettler bettelt, weil er sonst verhungern würde, sondern jeder bettelt nur, um in einer besseren Lage zu sein als derjenigen, in wel­cher die öffentliche Armenpflege ihn zu erhalten vermag. Diese Lage mag bisweilen ärmlich genug sein, aber immer werden sich Familien redlicher Arbeiter finden, die auch nicht bester daran sind, als die von der Gemeinde oder dem Landarmenverband unterhaltenen Armen. Hat es einen Sinn, die letzteren noch durch Almosen zu begünstigen und die ersteren ruhig ihrem Schicksal zu überlasten? — Eben weil nun der Bettel seinem Wesen nach die persönliche Würde des Bettelnden zerstört ober ein Verschwundensein dieser Würde voraussetzt, wird auch die Möglichkeit hin­fällig, daß Leute, die sich aus Stolz ober Scham der ge­meindlichen Unterstützung nicht überliefern mögen, sich lieber dem Bettel in die Arme werfen; denn der Bettel ist moralisch unmöglich, so lange ein Mensch noch Stolz ober Scham hat, während sich diese Eigenschaften mit der Be­anspruchung der ordentlichen, durch das Gesetz vorgeschrie­benen Unterstützung noch sehr wohl vertragen. In dem Bettler einen möglicherweise „verschämten Armen" erblicken zu wollen, ist ein innerer Widerspruch der stärksten Art. — Noch schlimmer ist es, wenn man zu gunsten von Kindern eine Ausnahme machen zu sollen glaubt. Schwerlich dürfte eS einen Punkt geben, über den alle Sachverständigen so, einmütig sind, wie darüber, daß Kinder, die einmal ge­bettelt haben, In der unendlichen Mehrzahl von Fällen ein­fach verloren sind. Auch erklärt sich dies vollkommen daraus, daß diese unglücklichen Geschöpfe mit dem ersten in Empfang genommenen Almosen Würde und Selbst- ständigkeitsgefühl unrettbar eingebüßt haben. Und doch wie unendlich viel wird aus falsch verstandener Humanität an diesem Punkte gesündigt, ja wie viele Kinderherzen werden ganz unnötigerweise vergiftet! Da gehen so ein paar arme Kinder umher und halten Sträußchen, Streichhölzer, Kalender rc. feil. Wie unzählige Mal muß man da nicht erster Reichsminister unter dem Reichsverweser Erzherzog Johann, 22. Mai zu Darmstadt, 80 I. — Leonhardt, Dr. jur., preußischer Justizminister a. D, 7. Mai zu Hannover. — v. d. Pfordten, bairischer Minister a. D., 18. August zu München. — Frhr. v. Dalwigk, heffen- darmstädtischer Minister-Präsident a. D., 28. Septbr. zu Darmstadt, 77 I. — Frhr. v. Spitzemberg, württembergischer Gesandter und Bevollmächtigter zum Bundesrate, 13. Sep­tember zu Berlin, 54 I. — Anton Agenor Alfred, Herzog von Grammont, französischer Minister des Auswärtigen vor dem Kriege von 1870, 18. Januar zu Paris, 61 I. — Lord Stratford de Redcliffe, Veteran der englischen Diplomaten, während des Krimkrieges Gesandter Englands bei der Pforte, 14. August zu London, 92 I. — Baron Bettino bi Ricasoli, italienischer Staatsmann und Minister a. D., 24. Oktober zu Rom, 71 I. — v. Bitter, Wirk­licher Geheimer Rat, Präsident der preußischen Seehand­lung, 20. Mai zu Berlin, 68 I. — v. Möller, Wirk- licher'Geh. Rat, Oberpräsident von Elsaß-Lothringen a. D., 2. November zu Kassel, 66 I. — Erwin Stammann, Dr. jur. deutscher Ministerrestdent bei den Der. Staaten von Venezuela, 9. November (auf einer Geschäftsreise zu Maracaibo). — Jules Favre, französischer Staatsmann, Vermittler beim Friedensschluffe 1871, 20. Januar zu Paris im 71. I. — Karl Hermann Merck, Dr. jur., Syndikus zu Hamburg 16. Oktober daselbst im 72. I. — Samuel Gottfried Müller, Dr. jur., Senator, Syndikus, auch erster Bürgermeister in Frankfurt a. M., 2. Dezember daselbst 79 I. alt.

4) Parlamentarische und politische Charaktere. H. B. Oppenheim, Dr. jur., hervorragender Parlamentarier und publizistischer Schriftsteller, 29. März zu Berlin, 60 I.

von „gutherzigen Leuten" das Wort hören „ich brauche nichts, aber da hast du doch was?" Das Kind will viel­leicht nur ganz redlich sein Geschäft treiben (leider Gottes ist dieses letztere allerdings sehr ost nur ein Vorwand), aber ans lauter „Gutmütigkeit" wird es mit Gewalt zum Bettler gemacht, werden ihm mit oder ohne seinen Willen Bettelpfennige aufgedrungen. Wahrlich, die so handeln, ahnen nicht, welche furchtbare Verantwortung sie auf sich laden 1, Was endlich die Krüppel betrifft, so mag es sein, daß für diese noch nicht so durchgreifende und systematische Sorge getragen ist, wie dies wohl der Fall sein sollte, und daß die notdürftige Unterstützung der öffentlichen Armenpflege hier schon um deswillen nicht genügt, weil der Krüppel noch auf die persönliche Pflege durch andere angewiesen ist. Halte man aber auch hier zweierlei fest! daß öffentliche Veranstaltungen für die zweckmäßige Unter- briugung von Krüppeln um so schwerer zu bewerkstelligen sein werde, je leichter man es den Krüppeln macht, sich vurch Betteln zu unterhalten und baß hierunter insbeson­dere schwerer diejenigen Krüppeln leiden, welche eben nicht betteln wollen oder können; und ferner, daß der Betrug durch angebliche oder künstlich hergestellte ober erhöhte Krüppelhaftigkeit massenhaft vorkommt — damit haben wir alle Kategorieen erledigt, die für die mögliche „Wür­digkeit" von Bettlern in Betracht kommen können, und müffen hiernach, so schneidend dasselbe klingen mag, unser' Wort aufrecht erhalten: „es giebt gar keine würdige Bettler".

Deutsche» «eich.

"trlitt, 3. Januar. Bei dem diesmaligen diplomati­schen Empfange am Neujahrstage im kaiserlichen Palaiö erschien der Kaiser im besten Wohlsein und frischester Haltung. Er empfing die Gratulanten in freundlich-heiterer Stimmung und unterhielt sich mit ihnen ungefähr zehn Minuten. Es wurde dabei kein politisches Thema berührt. Großes Interesse erregte es, als der Kaiser sich zu dem Vertreter Oesterreich-UngarnS wandte und demselben mit gewinnender Liebenswürdigkeit mitteilte, eS bereite ihm Freude, durch Kaiser Franz Josef davon benachrichtigt worden zu fein, daß das Gerücht von einer Verschiebung der Hochzeit des Kronprinzen Rudolf unbegründet wäre. Er (Kaiser Wilhelm) habe beschloffen, sich bei den Hoch- zeitSfeierlichkeiten in Wien durch seinen Sohn, den Kron­prinzen, vertreten zu lassen, welcher deshalb nach Wien kommen würde. — In Betreff der in hiesigen Zeitungen befindlichen Notiz, daß der Präsident des Herrenhauses die Mitglieder habe aufforberh lassen, sich Ende Januar in Berlin einzufinden unb so einzurichten, daß sie bis zum Schluß bet Session hier bleiben könnten, wirb uns mit­geteilt, baß bieselbe nicht zutreffenb ist. An bie Mitglieder des Herrenhauses ist keine derartige Aufforderung ergangen, alt. — Emanuel Wulsshein, Geh. Regierungsrat a. D., fortschrittlicher Abgeordneter, 30. März zu Berlin, im 73- I. — Gramer de Cassagnac, bouapartistischer Porteigänger, 31. Jan. auf Schloß Couloume im 74 I. — Adolf Cremieux, Advokat, 10 Februar zu Paris.

5) Gelehrte, Aerzte, Geistliche, a UniversitätSprofefforen (aktive und inaktive.) August Wilhelm Heffter, Professor der Jurisprudenz an der Berliner Universität, Geh. Ober- tribunalsrat a. D., 5. Januar zu Berlin im 84. I. — v- Wächter, Professor der Jurisprudenz an der Leipziger Universität, 14. Januar in Leipzig im 83. I. — Alfred Weltmann, Professor der Kunstgeschichte an der Straß­burger Universität, 6. Februar zu Mentoue, 39 I. — Hagen, Profeffor der Kunstgeschichte an der Königsberger Universität, am 22. Februar zu Königsberg im 75 I. — Christ. Aug. Peters, Prof, und Direktor der Sternwarte zu Kiel, 8. Mai daselbst im 74. I. — August Wilhelm Bohtz, Professor der Aesthetik an der Göttinger Universität 7. Mai zu Göttingen, 81 I. alt. — G. v. Ringeis, Prof, der Medizin an der Münchener Universität, 22. Mai zu München, 95 I. alt. — Karl Wilhelm Nitz'ch, Prof, der Theologie an der Berliner Universität, 20. Juui zu Berlin, 61 I. alt. — Karl Philipp Falck, Prof, der Medizin an der Marburger Universität, 30. Juni zu Marburg, 64 I. alt. — F. Steudner, Profeffor der Anatomie an der Hallenser Universität, 26. Juli zu Halle, 41 I. alt. — Karl Textor, Professor a. D. der Chirurgie an der Würz­burger Universität, 31. Juli zu Würzburg, 68 I. alt. — Ludwig v. Buhl, Professor Der pathologischen Anatomie an der Münchener Universität, 2. August zu München 64

(Schluß folgt.)