Marburg, Dienstag, 4. Januar 1881.
XVI. Zchkg»
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Anzeigen nimmt entgeae.
dir Expedition d. Blatte» sowie d-Annonren-Burranx »on 0. L- Daube & So. in Frankfurt a- M; Jägerschr Buchhandlung drseldtzi; Hermann'sche Buchdandl. ♦ daselbst; Juvalidendank in
Berlin; SS. LhieneS in Elserfeld; 4. S Flotte in Bremen.
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Die «xped. Oberh. Zeitung.
Der Abgeordnete Freiherr v. Minnigerode hat in einer am 29. v. M. zu Elbing stattgehabten außerordentlich zahlreich besuchten Sitzung des dortigen konservativen Vereins einen eingehenden Vortrag über die Stellung der konservativen Partei gegenüber der gegenwärtigen politischen Situation gehalten, welcher von seinen Zuhörern sehr beifällig und mit großer Anerkennung ausgenommen wurde. Diese Darlegungen sind indeß ihrer Natur nach auch für andere Kreise von großem Interesse; wir lassen daher nach dem ausführlichen Bericht der „Elbinger Ztg." das Wesentliche jenes Vortrages in Nachstehendem folgen:
Mit der Schilderung der Parteiverhältnisse beginnend, konstatierte der Redner bezüglich der Parteien den erfreulichen, konservativerseits eingetretenen Wechsel. Noch vor 5 Jahren hätte er mit nur 20 Gesinnungsgenoffen im Reichstage die eigentliche Rechte gebildet. Jetzt umfasse im Reichstage die konservative Partei etwa 60, mit den Freikonservativen ca. 120 Stimmen; im preußischen Landtage sei die konservative Partei allein 110 Stimmen stark, wozu noch gegen 60 Freikonservative hinzutreten, so daß die Rechte jetzt einen nicht unwesentlichen Einfluß auf den Gang der Gesetzgebung auszuüben berufen sei. So »erde zugleich die Kraft und Freudigkeit des Schaffens auf konservativer Seite gestärkt. Die zeitige Signatur der Parteien drücke sich auch in dem Präsidium aus; die Liberalen hätten so lange daS Recht, zu präsidieren für sich in Anspruch genommen; jetzt befinde sich daS Präsidium im Reichstage wie im Abgeordnetenhause in konservativen Hänoen; die gute Leitung der Geschäfte gerade durch die konservativen Präsidenten werde von allen Parteien anerkannt. Betreffs der anderen Parteien führte Freiherr v. Minnigerode aus, die Zentrumspartei sei als Ganzes nicht als konservative Partei anzusehen, eS wäre aber dankbar anzuerkennen, daß die konservative Tendenz in letzter Zeit lebhafter in ihr hervorgetreten. Was die liberale Partei anlange, so biete sich ein seltsames Schauspiel da. Seit circa 12 Jahren glaubten die Liberalen die Gesetzgebung förmlich gepachtet zu haben, der jetzt eingetretene Verfall dieser Partei, die vor einigen Monaten geschehene Trennung 1T . i.i ,
Ein fahrender Spielmau«.
Von Elise P o l k o. (Schluß».
Es geschah aber auch, daß der Spielmann urplötzlich in einer oder der andern italienischen Stadt wieder auftauchte, um sich hören zu lassen und die Macht seiner Kunst muß geradezu überwältigend gewesen sein. Geschichten wie die Sage von jenem unwiderstehlichen Rattenfänger vou Hameln, heftete sich an seine Schritte — und alle Triumphe der Künstler unserer Zeiten sind arm und lau im Vergleich zu dem Enthusiasmus, den man einst einem David Funk entgegenbrachte. Wir sind wohl in unserem Empfinden kälter und besonnener geworden: —man überschüttet unsere Künstler wohl mit äußeren Ehren und klingendem Lohn — auf jene wie Sonnengluten daherströmende echte Herzensbegeisterung und Freude, wie sie die „Spielleute" ftüherer Zeiten überflutete, müffen sie aber verzichten. Ob sie's schmerzlich empfinden--wer
kann's sagen? —
Starb nun jene schöne Frau, die den deutschen Spielmann so leidenschaftlich geliebt und so lange gefangen gehalten, oder trieb ihn das Heimweh nach seinem Vaterland fort von chr, daö weiß Niemand mit Sicherheit zu berichten, — Thatsache ist nur, daß David Funk eines Tages wieder in Deutschland auftauchte, aber wie jener zu Grunde gegangene fahrende Geselle in Eichendorfs Sang:
--„müde und alt — Sein Schifflein, das lag im Grunde, So stille war's rings in der Runde
< Und über den Wassern weht'S kalt--*
oder Sezession sei lehrreich für alle außerhalb derselben Stehenden, eine Mahnung für die anderen Parteien zu festem Zusammenschließen. Anzuerkennen sei, daß durch die Ausscheidung v. Forckenbeck's, Rickert's, v. Stauffen- berg's und ihrer Parteigenossen die Verhältniffe sich geklärt hätten. Mit den nun verbliebenen gemäßigt Nationalliberalen sei eS für die Rechte leichter, sich zu verständigen. Die Fortschrittspartei machte sich ganz besonders gern bemerkbar. Wenn man die fortschrittlichen Zeitungen lese, die Berichte über irgend eine Rede, dann könnte man glauben, daß diese Partei mit erdrückender Macht auftrete. Wer aber die Verhältniffe in Berlin, von wo aus die fortschrittliche Presse angefacht werde, kenne, der werde zugeben, daß die Fortschrittspartei vollständig abgewirtschaftet habe. In Wahrheit sei diese Partei nur noch ein Schatten und müsse das auch im Wahlkreise Elbing-Marienburg werden. In kurzen Worten stellen sich die Parteiverhältnisse demnach so: Die Fortschrittspartei ist ganz zurückgedrängt, aus dem Zentrum heraus ist die konservative Tendenz im Wachsen und auch die Nationalliberalen sind zur Zeit geneigt, im PZesentlichen im konservativen Fahrwasser mitzugehen.
Zu den sachlichen Punkten übergehend, welche im Vordergrund der politischen Diskussion stehen, bedauert der Redner zunächst, daß der Kirchenkampf noch bestehe, wenn er auch wesentlich ruhiger geführt werde. Hoffentlich werde eS gelingen, Mittel und Wege zur Beendigung des Streites zu finden.
Die Beziehungen unseres Vaterlandes zu Rußland und Frankreich besprechend, wendet sich Freiherr v. Minnigerode zur Militärfrage. Was helfen uns Wohlhabenheit und befriedigende Zustände im Innern des Reiches, wenn wir sie nicht nach Außen hin zu schützen im Stande sind. Die Beziehungen zu Rußland sind nicht die besten, zeitweise waren sie gespannt, Frankreich steht uns dauernd drohend gegenüber. Dazu kommt die besorgniserregende Thatfache, daß die Franzosen ihr Heer, besonders die Zahl der Geschütze, wesentlich vergrößert und die deutsche Armee bereits überflügelt haben. Nicht in einen Wettstreit will sich die deutsche Regierung mit den Nachbarmächten einlassen in Bezug auf die Vermehrung der militärischen Kräfte; nein, nur die Notwendigkeit, die nationalen Güter zu schützen, zwingt zu den großen Ausgaben für das Heer, und in diesem pflichtgemäßen Ermessen hat der Reichstag die neuen Mittet für den Militärerat bewilligt. Gerade hier ist das Verhalten der Fortschrittspartei sehr lehrreich. Diese Partei lärmt über die schwere Belastung des Volkes durch die Unterhaltung des Heeres. Wir fühlen Alle diese Schwere, wäre aber nach dem Willen der Fortschrittspartei verfahren worden, dann wären wir 1866 und 1870 wehrlos gewesen und hätten uns unter unseren Feinden verblutet.
Winter war's, als er in abgeriffenen Kleidern, seine Geige unter dem Arm, ohne Stiefel vor dem Schlvßthvr zu Schleiz ankam. Die Wache wollte den bettelhaften Musikanten abweisen — aber das Glück führte ihm einen alten Freund entgegen, den dortigen Kapellmeister Liebich, der ihn enffetzt erkannte. „Ich will wieder einmal ein Christfest in Deutschland feiern, erschreckt nicht", sagte Funk mit melancholischem Lächeln. „Aber ich bin des Frostes entwöhnt und möchte mich zunächst wieder einmal ein wenig auSwärmeu, — erbittet doch für mich die Erlaubnis, den Herrschaften, denen ich früher gar manches Lied aufgespielt, eine Welle die Zeit vertreiben zu dürfen!"
Und die Bitte wurde auch gewähtt, nachdem der arme fahrende Musikant notdürftig mit den Kleidern seines College», die für seine mächtige Gestalt viel zu kurz und eng waren, ausgestattet worden.
Drinnen in dem gewölbten schonen Saale des Schlosses herrschte große Aufregung: die Bewohner, wie die dort eben versammelten Gäste, kannten ja genug von dem geheimnisvollen Märchen dieses Künsllerlebens, um voll Neugier und wohl auch mit heftigem Herzllopfen dem seltsamen Spielmann entgcgenzusehen, der sich plötzlich ange- mttdet. — Und als er nun wirklich vor ihnen Allen erschien, da war trotz der entstellenden Kleidung sein Wesen so stolz, seine Haltung so imponirend, sein Antlitz, wenn auch ohne Jugend, doch noch immer so dämonisch anziehend, daß der Schloßherr ihn wie einen wiedergekehrten Freund begrüßte, die Frauen aber — heimlich jene Tote beneideten, die ihn so lange festhalten durfte.
Unfreundlichen Blick's ichaute nur der Hoforganist Krämer auf den sclffamen 'indringling hin. Sollte der
Zu der Steuer- und Zollfrage übergehend, bemerkt der Redner, daß gerade im Norden und Osten unseres Vaterlandes das Fundament des allgemeinen Wohlstandes der Landmann bilde. Anders verhalte es sich im Westen der Monarchie, wo die Industrie mehr entwickelt ist. Durch die weitreichenden Eisenbahn- und Dampfschiff - Verbindungen^ werden die fremden landwirtschaftlichen Produtte in Massen auf den heimischen Martt geworfen. Nun sagt man zwar: „Je billiger wir kaufen, desto vorteilhafter ist es für uns." Was helfen uns aber die billigen Getreidepreise, wenn wir das Geld nicht haben, um das Getreide kaufen zu können! Wir müssen also darauf bedacht sein, in unserer Provinz einen gut fundierten Grundbesitzerstand zu erhalten. Man soll daneben nicht scheel sehen, wenn auch der Industrie ein Schutz gewährt wird. Vom Wuchergesetz, das er als einen Anfang auf dem wirtschaftlichen Gebiete bezeichnet, erhofft er einige Abhülfe. Einer der Hauptträger des wirtschaftlichen Lebens in der Stadt, führt der Vortragende weiter aus, ist der Handwerkerstand. Die Konservativen haben diese Frage jetzt in die Hand genommen und sich bemüht, die schreiendsten Uebel- stände zu beseitigen. Es ist im Reichstage gelungen, in Form einer Resolution Verbefferungen der Gewerbeordnung und korporative Verbindungen unter den Handwerkern anzubahnen Im Reichstage sei die Mehrheit für die Handwerkerbestrebungen gesichert, insbesondere habe die konser- vative Partei den Handwerkern gegenüber ein gutes Gewissen.
Die Verstaatlichung der Eisenbahnen sei ein weiterer Puntt, der die allgemeine Aufmerksamkeit in Anspruch nehme. Durch den Ankauf wichtiger Verkehrslinien ist der Staat in der Lage, daS Bahnsystem nach Wunsch ausdehnen zu können, nichts hindert ihn mehr, Anschlüsse zu begründen und Verbindungen zu schaffen mit anderen Linien. Der Staat kann nun auch dem Publikum Vorteile bieten durch einheitliche Tarife, wie das früher bei den Privatbahnen nicht der Fall war. Bei der eifrigen Thätigkeit des Herrn Eisenbahnministers Maybach sind dauernde Erfolge zu erwarten. Auch dem Bau der Sekundärbahnen könne jetzt mehr Aufmerksamkeit zugewendet werden, weil die großen rentierenden Strecken die schlechter rentierenden kleineren mit übernehmen.
Bezüglich des Budgets müßten jetzt die Konservativen ausessen, was Nationalliberale und Fortschrittler eingebrockt haben. Die Finanzlage sei jetzt derart, daß in Folge der neuen Bewilligungen endlich die Bedürfnisse im Reich durch die Einnahmen wieder gedeckt werden. Man will jetzt noch weiter gehen, einen Teil der Klassensteuer erlassen und den Kommunen die Grund- und Gebäudesteuer überweisen. Natürlich läßt sich hier nicht zaubern: Was an Steuern erlassen wird, muß anderweit aufgebracht werden. Es fragt sich nur, was das prattischere ist: direkte oder in
Bettler ihn in den Schatten zu stellen wagen wollen? „Spielt zuerst", befahl ihm sein gräflicher Herr, „aber macht Eure Sache gut, damit dieser Eine doch erfahre, daß ich auch hier tüchtige Musiker habe."
Und der Herr Hoforganist setzte sich an das Spinett und that sein Möglichstes, bis ihm der Schweiß von der Stirne lief. Als er geendet, wandte er sich zu dem Fremden, um ihn ein wenig spöttisch zu fragen: „Könnt Ihr denn auch Clavier spielen?" „Wenn es die Herrschaften befehlen?!" lächelte David Funk, mit feiner Verbeugung geg'ii die Frauen. ®ann_ legte er zuerst beide Arme auf die Tasten und als der Schloßherr ihn verwundert fragte, was er mit dieser seltsamen Musik bezwecke, antwortete der fahrende Spielmann: „Mein Herr College hat es zu gut gemacht, ich muß zunächst wieder das Gehör etwas verderben."
Und nun überließ sich David Funk seinem wunderbaren Genius und spielte so hinreißend, daß der Kreis der Hörer sich allmählich immer näher und dichter um das Instrument drängte und Thränen in schönen Augen schimmerten und die Herzen höher klopften. — Dann aber nahm er seine Geige in den Arm und der berückende Rattenfänger von Hameln war wieder da — fascinirender wie je--
Von einem Verlassen des SchlvffeS durfte nun nicht mehr die Rede sein — der Graf selber bat den Künstler, bei ihm zu bleiben als sein lieber und geehtter Gast, so lange es ihm gefalle, und schickte ihm am nächstem Morgen die schönsten Stoffe zur Auswahl, um ihn neu kleiden zu lasten vom Kopf bis zum Fuß.--
Aber nur kurz- Zeit gelang eS — so erzählt man — diesen ruhelosen Wanderer festzuhalten: einige Tage vor