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eingenommen, eine weise „Zurückhaltung beobachtet, wie sie selbst sagen. Sie vermögen der Führung des Fürsten Bismarck nicht mehr zu folgen und so stehen sie rathlos da. Vor der Hand behandeln sie den Reichskanzler „dilatorisch", d. h. sie zögern und zaudern, sie mäkeln an den Vorlagen herum und wissen weder recht Nein noch recht Ja zu sagen. Darum ist ihr Wirken ein unfruchtbares. Das Wenige, was in der letzten Zeit zu Stande gekommen, ist ohne ihr Zuthun oder gegen ihren Willen erreicht worden. Um nun den Wählern doch etwas in die Pfingst- ferien mitzubringen, haben sie eine Erklärung, eine Art Vertheidigungsschrist ausgehen lassen. Dieselbe zeichnet sich zwar weder durch Neuheit noch auch durch Klarheit der Gedanken aus, kennzeichnet aber doch die Eigenthümlichkeit der Partei recht hübsch und verdient deshalb einige Beachtung.
Der viel versprechende Anfang lautet: „Die nationalliberale Partei steht in unverbrüchlicher Treue zu Kaiser und Reich." Wer thäte das nicht? Eine Partei, die das nicht einmal wollte, wäre keine deutsche Partei mehr. Die Treue der Liberalen empfängt aber ein eigcnthümliches Licht durch den Satz: „Alle Bestrebungen, welche auf die Schmälerung der verfassungsmäßigen Rechte der Volksvertretung gerichtet sind, wird die Partei mit Entschiedenheit bekämpfen." Die Rechte der Volksvertretung! Es ist eine grundverkehrte Auffassung, zu meinen, die Abgeordneten hätten lediglich die „Rechte" des Volkes zu „vertreten". Pflichten haben sie zu erfüllen, die Pflicht vor allen, mit der Regierung über das Wohl des Volkes zu berathen, Hand in Hand mit der Regierung die Wege zum Heil des Volkes zu suchen. Glaubt man denn wirklich, unsere Regierung, die Regierung Seiner Majestät des Kaisers Wilhelm, an deren Spitze Fürst Bismarck steht, wolle die Rechte des Volkes schmälern, und die Vertreter des Volkes seien gleichsam die Rechtsanwälte und Vertheidiger des Volkes? Wenn ein Volk das Glück hat, von einem solchen Könige und Kaiser wie unser König und Kaiser regiert zu werden, dann sind die Befürchtungen von einer „Schmälerung der Volksrechte" grundlos. Und was bildet sich denn die nationalliberale Partei ein? Die verfassungsmäßigen Rechte würde, wenn es nöthig wäre, jede Partei vertheidigen, nicht am wenigsten die eonservative. Die nationalliberale aber sollte sich ernstlich an das Wort erinnern: Gebet dem Kaiser, was des
Kaisers ist! Wer war es doch, der nach dem ersten fluchwürdigen Attentat auf unfern Kaiser gegen das Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie stimmte? Als es sich vor etwa 2V2 Jahren um eine Vermehrung der Einnahmen durch indirecte Steuern handelte, da wollten die Liberalen der Regierung diese Mehreinnahmen nur dann bewilligen, wenn Bürgschaften für eine nützliche Verwendung gegeben würden; sie wollten „konstitutionelle Garantien" haben, d. h. sie vertrauten der Regierung nicht, sie trauten ihr das „kindische Vergnügen" zu, Geld über den Bedarf hinaus zu sammeln und aufzuhäufen. Daß Bismarck aber nichts anderes bezweckte, als die Steuerlast dem Volke zu erleichtern, daran dachten sie nicht. Die Vertreter des Volkes stellten ihre vermeintlichen Rechte über das Wohl des Volkes. Noch vor Kurzem, als wegen Verlängerung der Legislaturperioden berathen wurde, wollte Herr von Bennigsen die Bestimmung in das Gesetz bringen, daß der Reichstag jedes Jahr zum 1. Oktober berufen werden müsse, d. h. er wollte Sr. Majestät den Termin vorschreiben, ihn also in seinen Hoheitsrechten schmälern. Mit einem Worte: den Liberalen ist es hauptsächlich um Erweiterung ihrer Machtbefugniß zu thun; sie wollen den Schwerpunkt der Regierung in das Parlament verlegen. Zu dem Zwecke haben sie auch immer verlangt, daß der König seine Minister wähle und entlaste nach den Wünschen der Mehrzahl der Abgeordneten. Wir aber wollen die Rechte der Krone ungeschmälert erhalten wissen; wir wollen, daß nicht die wechselnden Majoritäten des Parlaments regieren, sondern daß der König herrsche und regiere. Das halten wir einfach für unsere Pflicht, denn uns kann nur eine starke monarchische Regierung frommen. Das Recht, mitzu- rathen und mitzuthaten, ist uns durch die Ver-
Fortschrittliche Republikaner.
Der deutsche Botschafter bei der französischen Republik, Fürst von Hohenlohe-Schillingsfürst, ist zur Zeit der Gegenstand lebhafter Angriffe seitens der fortschrittlichen Preste geworden. Zunächst macht man ihm zum Vorwurf, daß er in den Städten seines Wahlkreises Reden gehalten hat. Wenn aber die Herren Richter und Konsorten die ihnen von den Eisenbahnen gewährten Fahrkarten I. Elaste dazu benutzen, in ganz Deuffch- land herumzufahren und überall Hetzreden zu halten, so finden die fortschrittlichen Zeitungen das nun ganz in der Ordnung. Vorzüglich aber
fastung gesichert und bisher nicht im geringsten angetastet worden. Wer das sagt, erhebt eine falsche Beschuldigung gegen die Regierung Sr. Majestät und täuscht die Leute im Lande.
Die nationalliberale Partei spricht in ihrer Rechtfertigungsschrift ihr „unerschüttertes Vertrauen aus zu der das Ansehen Deutschlands und den Frieden Europas sichernden Leitung unserer auswärtigen Angelegenheiten." Daran thut sie recht. Aber dies Kompliment für den Fürsten Bismarck bedeutet wenig. Von der auswärtigen Politik wissen die Herren Abgeordneten gerade so viel und so wenig wie wir, ihre Wähler. Wir hören bloß von den Erfolgen, die allerdings groß genug sind, um unsere volle Dankbarkeit zu ernten. Sollten wir nun nicht auch auf dem Gebiete der innern Politik unserm Kaiser und seinem Kanzler mit Vertrauen entgegenkommen? Zwar verspricht die nationalliberale Partei, sie werde „alle Vorlagen der Regierung auch auf dem Gebiete der innern Gesetzgebung unbefangen und sachlich prüfen und dem als nützlich Erkannten ihre Unterstützung leihen." Allein wir haben davon wenig gemerkt. Die Liberalen sind/ weil befangen in ihrer Theorie, nicht vorurtheilsfrei. Ihr Urtheil wird getrübt durch die Furcht vor einem Gespenst, dem Gespenst der — Reaktion.
Diese Reaktion wittern sie auf den Gebieten der Kirche, Schule und Ehegesetzgebung nicht minder wie auf dem der wirthschaftlichen Gesetzgebung.
Was ist denn geschehen, um dies Gespenst heraufzubeschwören?
I Zunächst hat der Kampf gegen die christliche Kirche und Schule, der sogenannte Kulturkampf, an Heftigkeit und Schärfe verloren. Das bedauern die Herren aufs lebhafteste, denn sie lebten zum guten Theil von diesem Kampfe. Wenn sie erklären, den „nothwendigen und unveräußerlichen Rechten des Staates gegenüber der Kirche würden sie keinen Abbruch geschehen lasten", so hätten sie nur bestimmt und deutlich sagen sollen, welches denn diese nothwendigen und unveräußerlichen Rechte sind. Mit allgemeinen Redensarten, wenn sie auch noch so schön klingen, wird niemandem gedient. Einstweilen mögen sie sich beruhigen. Die Männer, welche das deutsche Reich gegründet haben, werden es auch zu erhalten wissen. Bisher haben sie wenigstens den Willen und die Kraft dazu bewiesen. Die liberale Partei aber hat es noch zu beweisen, daß sie „die große Bedeutung des kirchlichen Lebens für unser Volk zu würdigen weiß." Sie muß die Bedeutung und den Segen der Kirche nothgedrungen anerkennen, zu würdigen weiß sie Kirche und Christenthum nicht. Warum verhielte sie sich sonst so gleichgültig, so feindlich dagegen? — Wo die Eingriffe „kirchlicher Reaktion" in die Ehegesetzgebung zu finden sind, wisten wir nicht. Oder fürchtet man sich vor den Petitionen um Abänderung des Gesetzes über die Zivilehe, damit die Unbequemlichkeiten, Scherereien und Plackereien das ganzen Zivilstandswesens endlich aufhören möchten?! Wenn ich eine Last, die mich drückt, abschütteln will, so ist das allerdings eine Reaktion, ebenso wie es Reaktion ist, wenn der gesunde Theil des Körpers gegen den kranken reagirt und so die Genesung herbeiführt. Und wenn wir den übermäßigen Anforderungen entgegentreten, die in gänzlicher Verkennung ihres Zweckes an die Volksschule gestellt werden, so üben wir auch eine sehr vernünftige und heilsame Gegenwirkung aus. Was die Schule neuester Ersindung geleistet hat, spricht sehr gegen sie. Die Neuerungen wenigstens haben zu nichts Gutem geführt, waren aber auf dem besten Wege, Unheil anzurichten.
ist es eine Aeußerung des Fürsten, die den Nagel auf den Kopf trifft und deshalb den Unwillen der Männer vom Forffchritt auf das höchste erregt hat, nämlich das von dem Fürsten zur Bezeichnung derselben gebrauchte Wort: „Fortschrittliche Republikaner".
Wir haben gesagt, daß dieses Wort den Nagel auf den Kopf treffe. Hierfür den Beweis zu liefern, ist nicht schwer. Wer in einer Monarchie republikanische Bestrebungen verfolgt, dessen nächstes Ziel muß fein, die bestehenden monarchischen Einrichtungen zu bekämpfen, ihnen ihre Stützen zu rauben. Die treueste festeste Stütze der monarchischen Einrichtungen aber ist von jeher die kon- ervative Partei gewesen und gegenwärtig mit ihr der Reichskanzler. Darum muß das Bestreben aller derjenigen, welche die Republik herbeiführen möchten, gegen diese beiden Stützen der Monarchie gerichtet fein. Und bedarf es noch eines Nachweises, daß dieses bei den Führern der Fortschrittspartei der Fall ist? Bietet nicht jeder Tag, jede Verhandlung im Reichstage ein oder mehrere Beispiele für den Haß, mit welchem die fortschrittlichen Führer Eugen Richter, Ludwig Löwe, Dr. Virchow, unterstützt von den „entschieden Liberalen" Rickert, Bamberger und anderen, de» Reichskanzler und die Konservativen verfolgen? Giebt es ein Mittel, das zu niedrig ist, um von den fortschrittlichen Agitatoren gegen diese ihm natürlichen Feinde verwendet zu werden? Nicht einmal, sondern hundertfach sind speziell in den Reden des Diktators der Fortschrittspartei, des Volksmanns Eugen Richter, Unwahrheiten und ungerechte Verdächtigungen nachgewiesen worden und die große Mehrheit des Volkes und seiner Vertreter wendet sich mit Widerwillen von diesem Manne und seinen Bundesgenossen. Wer solche Mittel anwendet, um die festesten Stützen unseres greisen Kaisers zu erschüttern, in dessen Munde nehmen sich die Versicherungen der Treue gegen Seine Majestät denn doch sehr sonderbar aus!
Alle Republiken zeichneten sich, wie die Geschichte mit tausend Beispielen beweist, durch den schmählichen Undank aus, den sie denen zu Theil werden ließen, die sie zu Ruhm und Größe geführt hatten. Und wer zeigt bei uns diesen Undank am grellsten? Diejenigen, die den Reichskanzler, den Mann, dem wir es danken, daß Deutschland aus ohnmächtiger Zerrissenheit zu einem mächtigen Reich geworden ist, mit Nadel: stichen zu Tode quälen möchten. Und die Herren Richter und Konsorten sind es grade, die dieses hervorstechende Merkmal des Republikaners am ausgeprägtesten aufweisen.
Freilich leugnen die Männer vom Forffchritt, daß sie Feinde der bestehenden Regisrungsform seien. Und dennoch verbünden sie sich beständig mit denen, die offen als Feinde des Reiches auftreten, dennoch stimmen die Sozialdemokraten mit den Fortschrittlern, dennoch trug noch vor wenigen Wochen der Volksmann, Eugen Richter, in einer Agitationsrede in Hannover den Welfen ein Bünd- niß offen an, das diese von der Hand wiesen, weil sie mit solchen Leuten nichts zu thun haben wollen. Diese Herren aber, welche sich mit offenen Feinden der bestehenden Regierungsform verbündet haben und mit andern sich zu verbünden wünschten, wollen dennoch keine Feinde deffelben, keine Republikaner sein!
Und wenn es weiter keinen Beweis für die Richtigkeit der vom Fürsten Hohenlohe gewählten Bezeichnung gäbe, so wäre es die Art und Weise, wie sich die Fortschrittspartei gegen den ihr gemachten Vorwurf vertheidigt. Nichts weiß sie ihm entgegenzusetzen, als leere Phrasen und schale Witze. Was ist es anderes als eine leere Phrase, wenn die „Berliner Zeitung" schreibt, daß „der offizielle Angriff des deutschen Botschafters am Pariser Hofe an dem Schild der patriotischen Ehre der Partei wirkungslos abprallen werde!" Dieser Schild der patriotischen Ehre der Fortschrittspartei ist längst durchlöchert durch die Bündnisse mit den Rerchsseinden und der treffende Vorwurf bringt hindurch! Und wenn die „Vossische Zeitung", das verbreitetste Organ der Forffchrittspartei, sagt: in allen Republiken kämen auf einen Cato hundert Mösles, ist das etwas Anderes als ein schaler Witz? Welch ein Zwerg ist der moderne Herr Eugen Richter, der Mann der
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