s. ...... __. ■ $ Berlin, -en 10. Juli 1881,
DciltslheDVlltliiit.
HerauSgegeben und verlegt vom Wahlverein der Deutschen Conservativen.
Wünsche beziehungsweise Cor- respondenzen bezüglich des „Deutschen Patriot" sind an das Bnreau des Wahlvereins, Berlin W., Wich- mannstraße 1», zn richten.
Ein ausrichtiges Wort an alle Wähler.
Mitbürger, Wahlgenossen! Hört ein ruhiges Wort von Einem, dessen Herz warm fürs allgemeine Wohl schlägt, der Eure Leiden kennt und Eure Freuden! Was Ihr hören werdet, sind keine Worte, die schön klingen, hinter denen aber nichts steckt, sondern offne, ehrliche Worte, die so klar und deutlich sein sollen, daß sie jeder, auch der schlichteste Verstand, begreifen muß. Jedes Staatswesen, mag sich's nennen, wie's will, braucht Steuern, denn es muß sein Heer, seine Beamten erhalten, und die tausend anderen Ausgaben bestreiten zum Wohle des Ganzen wie des einzelnen Bürgers. Wo nehmen wir nun die Steuern her? „Die am schwersten zu tragende Steuer ist die auf die nothwendigsten Lebensbedürfnisse!" so hört Jhr's alle Tage rings um Euch her rufen. Und die Leute haben Recht. Das nothwendigste Lebensbedürfniß aber istdasGeld, denn ohne Geld bekommt man heutzutage nirgends etwas. Die direkten Steuern aber besteuern Eure Einnahme, Euer Geld direkt und sind daher für Euch am schwersten zu tragen. — „Die gerechteste Steuervertheilung wird bewirkt durch die gewissenhafte Sclbsteinschätzung jedes Einzelnen," so hört Jhr's ferner überall Predigen. Und die Leute haben wiederum Recht. Gewissenhafter aber ist keine Selbst- cinschätzung, als der eigene Verbrauch! Dieser aber wird durch die indirekten Steuern getroffen und deshalb sind diese die gerechtesten. Die indirekten Steuern bilden ein Sparsystem Aller für Alle, ein Zurücklegen kleiner Beträge Seitens jedes Einzelnen für Zwecke des Ganzen. Wer das Sparen als rathsam anerkennt, der muß auch die Zölle und indirekten Steuern als ein richtiges Steuersystem anerkennen. Soviel von den Steuern, nun zu den anderen Tagesfragen!
Es sind der Stellen genug. Wo uns der Schuh drückt, ste brauchen gar nicht erst aufge- zählt zu werden. Warum wollen wir uns aber gegen die Besserung sträuben? Wenn Einer von uns krank ist und ein verständiger Arzt bietet ihm seine Hilfe an, wird er's nicht mit ihm versuchen, wird er etwa auf die Einflüsterungen alter Weiber hören, die ihm sagen: „Der kann Dir doch nicht helfen!" — Was die Reichsregierung
von uns will, ist nichts als Vertrauen. Vertrauet dem Fürsten Bismarck, der Deutschland nach außen so groß gemacht hat, der wird ihm auch wider seine inneren Feinde helfen! Aber die Regierung braucht zu dem inneren Kriege treue Soldaten, so gut wie in den Feldzügen. Ihr müßt hinter ihr stehen! Die Regierung kann und will uns nicht helfen gegen unseren Willen, sondern mit unserer thätigen Unterstützung und redlichen Beihilfe. Die Verführer werden Euch sagen: „Es nützt ja doch nichts. Ihr habt nichts und ihr bekommt nichts!" — Antwortet ihnen: „Nun gut, dann können wir nichts verlieren und nur gewinnen. Wir haben früher, als wir die Fortschrittspartei unterstützt haben, nicht gesehen, daß diese für uns etwas gethan hat, versuchen wir's einmal mit der Unterstützung der Regierung. Sie hat wenigstens die Macht, uns zu helfen, wenn sie will und daß sie es will, wollen wir so lange glauben, bis wir das Gegentheil sehen!" Und das werden wir immer sehen, denn warum sollte uns die Regierung nicht Wohl wollen, warum sollte sie sich nicht am liebsten auf die breiten Schultern des Volks, nicht auf den starken Gliederbau und gesunden Sinn aller Männer deutscher Arbeit stützen wollen?!" —
Seid versichert, daß die Leute, die Euch gegen den Fürsten Bismarck aufhetzen wollen, nur ihren eignen Vortheil, nicht den Euren im Auge haben. Sie wollen mit Eurer Hilfe Einfluß auf die Gesetzgebung gewinnen, damit sie in dieser dann das Feld beackern und günstig für sich bestellen können, damit so ihr Weizen am besten blüht. Der Fürst Bismarck für seine Person ist uninter- essirt bei all den Fragen, die jetzt in der inneren Politik vorliegen, aber daß er die ehrliche Arbeit achtet und hochschätzt, das hat er gezeigt durch seine Thaten und seine Reden. Er ist selbst der erste Mann deutscher Arbeit. Er hat gegen den Willen der Fortschrittspartei durchgesetzt, daß im Volkswirthschastsrath auch der Arbeiter seine Stimme geltend machen kann, er hat dafür gesorgt, daß den Aermsten unter uns die direkte Steuer ganz und den Minderbemittelten zum Theil erlassen wird, er denkt an die Arbeiter-Invaliden und will ihnen einen sorglosen Lebensabend verschaffen. Das und noch viel mehr hat Bismarck für uns gethan, und er würde noch weit mehr gethan haben, wenn die Fortschrittspartei und der Liberalismus ihn nicht fortgesetzt durch ihre Opposition in den Parlamenten daran gehindert hätten!
Was aber haben die Fortschrittler für uns gethan? — Nichts! Und wcnn's nach ihnen ginge, so würde auch ferner nichts geschehen für
uns und unsere Interessen. Alle diese fortschrittlichen Blätter predigen es ja täglich laut, die Gesetzgebung dürfe nicht eingreifen in die Beziehungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, in die Erwerbs- und Handelsverhältnisse, in das ganze staatliche Wirthschaftsgebiet! Das müffe sich Alles ganz von selber regeln nach Angebot und Nachfrage! — Wie weit wir dabei mit unserer ganzen Volkswirthschaft gekommen und wie wir Arbeiter speziell durch dieses System ausgebeutet worden sind, das hat jeder von uns wahrgenommen, der Augen zu sehen und Ohren zu hören hat.
Noch eins zum Schluß! Glaubt doch nicht an den Popanz „Reaktion!" — Fragt einmal die Leute, die dieses Wort im Munde führen und es Euch als Vogelscheuche aufstellen möchten, was sie sich selbst dabei denken! Was gilt die Wette, sie wiffen's nicht! — In unserem heutigen Zeitalter ist in Deutschland, zuinal unter dem milden Szepter des Hohcnzollerngcschlechts, eine Reaktion im schlimmen Sinne des Worts überhaupt eine baare Unmöglichkeit, eine undenkbare Wandelung unserer gcsammten Staatseinrichtungen. Reaktion in dem Sinne aber, daß wir abschaffen und abändern alle jene Verhältnisse, die unseren wirth- schaftlichen Aufschwung hemmen, die an unserem Lebensmark zehren, daß >vir uns herausreißen aus dem Gewohnheitsdusel des „eben Gehen- und Geschehenlassens, wie's Gott nicht gefällt," das ist eine gesunde Reaktion, das ist die Genesung nach überstandener Krankheit und die wollen wir! —
Laßt Euch also nicht von dieser Phrase schrecken, sondem sagt Jedem, der Euch damit kommt, er sei ein Narr!
Mitbürger, wir stehen jetzt vor einem wichtigen Abschnitt unserer Zeitgeschichte! In unsere Hand ist's gelegt, ob wir innerlich stark und gekräftigt in die neue Zeit hineingehen wollen, oder geschwächt durch innern Hader, gelähmt nach Außen und darniedergehalten in unserer wirthschaftlichen Entwickelung. Es wird Keiner kontrolirt in seiner geheimen Stimmabgabe bei der bevorstehenden Wahl, wenn aber Jeder von uns mit dem vollen Bewußtsein seiner Bürgerpflicht, nüchtern und ernst an die Wahlurne tritt und so wählt, wie er es vor seinem Gewissen verantworten kann, dann muß es ein Sieg der guten Sache sein!
Die Erklärung der Nationalliberalen.
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Die Nationalliberalen haben in der letzten Session des Reichstags eine zuwartende Stellung