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Wöchentliche Beilagen: Kreis-Blatt für die Kreise Marbnrg nnd Kirchhain. —

Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Äug. Koch.

Illustriertes Sonntagsblatt.

M 267

Bebel unter solchen Umständen den Abg. v. Cuny, als er die Ueberzeugung aussprach, daß es mit der Vereins-, Preß- und Versammlungsfreiheit bald zu Ende sein würde, wenn die Sozialdemokraten ans Ruder kämen, durch den Zuruf unterbricht: «Pro­bieren Sie es doch!" Nein, diese Proben wollen wir lieber nicht machen, sondern uns gegen die so­ziale Revolution, mit der die Sozialdemokraten Staat und Gesellschaft bedrohen, mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln wehren. Der seit 1878 betretene Weg, die Agitation kräftig zu unterdrücke«, aber auf der anderen Seite berechtigte Wünsche der arbeiten­den Klassen zu erfüllen, ist der allein richtige und zweckmäßige. Sicher ist das der beste Weg, aber man muß mit diesen Revolutionären wahrhaftig nicht so viel Federlesens machen; man soll für die ordentliche», ruhigln Arbeiter auf dem Wege der Gesetzgebung alles mögliche zur Besserung ihrer Ver- hältniffe thun, man soll aber auch die Umstürzler und solche, die mit ihnen unter einer Decke spielen, nicht mit Handschuhen anfassen, sondern derb und energisch anpacke». Ernst und Energie wird die Sozialdemokratie zu Boden werfen, mag ihr auch der auf Irrwege geratene Fortschritt noch so sehr unter die Arme greifen "

Ottweiler, 12. Nov. Minister von Maybach ist einstimmig zum Landtagsabgeordneten gewählt worden.

BreSlan, 12. Nov. Die Viehsperre auf dem hiesigen Schlachtviehmarkte ist seitens deS Polizei­präsidenten vom 11. d. M. ab aufgehoben.

Dresden, 12. Nov. Die zweite Kammer wählte mit Akklamation Haberkorn (Zittau), Oberbürger­meister Streit (Zwickau) und Handelskammerpräsident Georgi (Plauen) wieder in daS Präsidium. Als Schriftführer wurden Speck und Ahnert einstimmig wiedergewählt. Die stellvertretenden Schriftführer sind MöbiuS und Härtwig.

Mönche«, 12. Nov. Vom Abgeordnetenhause wurden der Etat deS Finanzministeriums und kleinere Etats genehmigt. Morgen kommt die Redemptoristenfrage zur Beratung.

Ausllmr.

Prag, 12. Nov. Im Landtage beantragte die jungtschechische Partei eine Aenderung der Landtags­wahlordnung und Aufhebung des Paragraphen 54 des Gesetzes vom Jahre 1877, wonach die Landes­ordnung nur in Anwesenheit von */* der sämtlichen Abgeordneten und mit * * - Majorität abgeändert werden kann.

heitsagenten befinden sich auf dem Platze, in den benachbarten Kasernen sind die Truppen konsigniert. Man glaubt, die Boulangisten werden, da das Pub­likum sich bezüglich der geplanten Manifestation sehr gleichgültig zeigt, dieselbe überhaupt unterlassen. — Der Senat hat sich nach kurzer geschäftlicher Sitzung bis Montag vertagt. — Heute nachmittags 2 Uhr bewegte sich eine zahlreiche Menschenmenge, Tscou» löbe, Laisant, Pauly, Mery, Castelin, Menorval, Mermeux und andere boulangistische Deputierte an der Spitze, über den Konkordienplatz. Die Polizei ließ nur die Deputierten passieren und zerstreute das Gefolge. Eine Abteilung der republikanischen Garde zu Pferde verhinderte eine Maffenansammlung. An den Zugängen zum Konkordienplatze hatten sich zahl­reiche Menschen angesammelt, dieselben wurden durch einen Polizeicordon zurückgehalten. Die Ankunft Joffrins und anderer boulangistischer Deputierten ging ohne Zwischenfall vorüber.

Sofia, 12. Nov. Die Sobranje nahm eine Adresie in Beantwortung der Thronrede an. Die Adresie ist im wesentlichen eine Umschreibung der Thronrede, ausgenommen an der Stelle, in welcher die Hoffnung betont wird, daß die suzeräne Macht die Initiative wegen der Anerkennung deS Fürsten Ferdinand ergreifen werde, damit die Bande, welche den Prinzen an sein Volk knüpfen, eine weitere Befestigung erfahren würden. Im Laufe der Debatte hielt das Mitglied der Opposition Tichatcheff eine Rede, worin er die Vorteile der Versöhnung Bulgariens mit Rußland unter Beibe­haltung des Prinzen Ferdinand als Staatsoberhaupt betonte. Stambuloff erwiderte mit großem Beifalle, indem er die Anstrengungen aufzählte, welche von der Regentschaft und der jetzigen Regierung im Sinne einer Verständigung mit Rußland aufgeboten worden, aber resultatlos geblieben seien. Die Welt kenne die Gründe hierfür, die Schuld liege nicht an Bulgarien. Andererseits betonte Stambuloff die Lobsprüche, welche Bulgarien von verschiedenen Seiten empfangen habe und führte auS, daß Bulgarien in seiner inneren Konsolidierung unentwegt fortschreiten müffe.

Athen, 12. Nov. Der Prinz von Wales ist nach Venedig abgereist. — In der Depuliertenkammer interpellierte Delyannis die Regierung betreffs Kre­tas. Er kritisiert die an die Mächte gerichtete Note, wie sie in den Zeitungen veröffentlicht wurde, hebt die darin enthaltenen Widersprüche hervor und be­hauptet, daß die Pforte imstande sei, die Ordnung wieder herzustellen. Ministerpräsident Trikupis habe

Dttttschrs Leich.

Berlin, 12. Nov. Aus Sansibar wird gemeldet: Die von Hauptmann Wißmann in die Küstenland­schaften Useguha und Usambara entsandten Streif­korps erstürmten ein befestigtes Lager der aufständischen Araber und zersprengten die feindlichen Banden. Die Beruhigung der genannten Küstenlandschaften »mmt einen günstigen Verlauf. — Aus Melbourne meldet daS Büreau Reuter: Die Berichte über Konflikte zwischen den Anhängern Mataafa's und Tamafefe'S auf Sawaii werden durch wertere samoanische Depeschen nicht bestätigt.

— Der «Anh. St.-Anz." beschäftigt sich mit den Er- zebniffen der Sozialistendebatte im Reichstage und führt dabei folgendes aus: «Die Rede des Abg. Liebknecht erhält dadurch eine gewisse Bedeutung, daß sie dem Reichstage bewiesen hat, wie unerläßlich auch die zukünftige Unterdrückung der Ausschreitungen der Sozialdemokratie ist. Die Bewegung besteht in ihrem vollen Umfange fort, eine Aenderung ist nur inso­fern eingetreten, als die Sozialdemokraten zu der Einsicht gelangt find, daß der gewaltsame Weg nicht zum Ziele führen würde. Die Bewegung hat eine ruhigere Form angenommen, aber die Sozialdemokraten ober vielmehr die Führer der sozialistisch ange­hauchten Massen haben noch keineswegs die Hoffnung aufgegeben, die Staats- und Gesellschaftsordnung nach ihren theoretischen Phantasiegebilden umzuge­stalten. Liebknecht sagt: «Sie haben die sozialdemo kratische Partei nicht zerstört, Sie haben ihr eine andere Organisation aufgenötigt, aber sie ist dabei käftiger geworden. Haben Sie irgend etwas von sozialdemokratischen Unruhen und Exzeffen gehört. Das erklärt sich daraus, daß wir die Leute nicht demagogisch behandelt, sondern belehrt und aufge­klärt haben. Oder meinen Sie, wenn wir nach dem Muster nihilistischer Agitatoren verfahren wären, wie uns fälschlich oft vorgeworfen wird, daß bann noch ein einziger der Väter des Sozialistengesetzes am Leben wäre?" Diese Worte find charakteristisch für den Geist, in welchem die sozialdemokratischen Agita­toren ihre Aufgabe erfafien. Die gegenwärtig schein­bare Ruhe im sozialdemokratischen Lager ist nur künstlich hervorgerufen, die Agitatoren machen blos von dem ihnen zu Gebote stehenden Mittel, die Mafien in Fluß zu bringen, keinen Gebrauch, weil sie ihren Zweck auf weniger geräuschvolle Weese zu erreichen hoffen. Die verstellten Drohungen Lieb­knechts sind wohlverständlich, und es macht einen eigentümlichen Eindruck, wenn sein Parteigenofie

Bern, 12. Nov. Der große Rat von Bern genehmigte mit Namensaufruf einstimmig die Fusion der Jura-Bern-Linie mit den Westbahnen, sowie den Verkauf der Linie Bern-Luzern an die fusionierte Gesellschaft. Der Beschluß unterliegt noch der Volksabstimmung. — Der Bundesrat beschick daS Gesuch des Schweizer Bürgers in Zürich, welcher für eine schweizerische Unternehmung die Ermächtigung zur Führung der eidgenössischen Flagge auf der See nachsuchte, abschlägig.

Venedig, 12. Novbr. Der Kaiser und die Kaiserin wurden bei ihrer Ankunft im Hafen von Malarnocco von den städtischen Behörden empfangen und von einer zahlreichen Volksmenge enthusiastisch begrüßt. Musikkorps spielten die preußische National­hymne; die Majestäten grüßten dankend von der Brücke des Dampfers «Hohenzoller»" und fuhren nach Venedig weiter, gefolgt von den Dampfern mit den Behörden und den Vereinen. Um 12V, Uhr langte der .Hohenzollern" unter dem Salut der Geschütze im Hafen San Marco an, wo der Dampfer von zahllosen Gondeln umschwärmt und jubelnd be­grüßt wurde. Der Kaiser fährt heute nachmittags 4 Uhr nach Monza weiter, die Behörden geleiten ihn in geschmückten Gondeln nach dem Bahnhofe. Die Kaiserin bleibt an Bord des «Hohenzoller»."

Paris, 12. Novbr. Eine Proklamation des Zentralkomitees der Boulangisten rät den Parisern an, sich jeder Kundgebung bis zur Gültigkeitserklä­rung der Wahl Joffrins zu enthalten. Die boulan- gistischen Journale raten gleichfalls von allen Kund­gebungen ab. ES wird behauptet, einige Partei­führer seien für eine sofortige Kundgebung, um die Schritte der Delegierten von Montmartre zu unter­stützen, welche dem Kammerpräsidenten einen Protest gegen Joffrins Wahl überreichen werden. Die Ab­reise Bonlangers von Jersey wird dementiert. — Boulanger erließ von Jersey aus einen Aufruf an die französische Nation, in welchem er sagt: Die Revision hat keine Niederlage, sondern nur einen Aufschub erlitten, ihr Sieg ist dadurch noch mehr gesichert. Die nationale Partei wird ohne Unterlaß den Kampf für die Befestigung der vvlkstümlichen Republik fortfetzen, welche Frankreich eine feiner Würde angemessene Stellung geben, den Frieden sichern und dem Lande die absolute Untauglichkeit des Parlamentarismus zeigen wird. — Die Minister beschlossen, bis zur Beendigung der Wahlprüfungen im Amte zu bleiben. Auf dem Konkordien - Platze sind umfassende Vorsichtsmaßregeln zur Aufrecht- erhaltnng der Ordnung getroffen. Zahlreiche Sicher­

Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- nnd *•♦!•**••* Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blattes,

Feiertagen. — Ouattal-Monnernents-Preis bei der Expe- ijy WM-VW-FII» sowie die Annoncen-Bureaux von Haasenstein und Vogler

ditton 2‘/t Mk., bet den Postämtern 2 Mk. 50 Pfg. (exkl. •» in Frankfurt a. M., Caffel, Magdeburg ».Wien; Rudolf XXIV

Bestellgeld). Insertion?gebühr für die gespaltene Zeile DüNNerstilll, 14 NüVeMbkr 1889. Mosse in Frankfurt e. M., Berlin, München u. Köln; ®. 2.

10 Pfg-, Reklamen für die Zeile 25 Pfg.u Daube u. So. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover, Paris.

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Jugeborg

Ei» Haide-Idyll von Johanna Berger.

(Fortsetzung.)

„Also, wen« ich nicht dagewese« wäre, dann V* — fragte da» junge Mädchen mit vielsagendem Ton in der Stimme.

.Ich glaube, ich glaube wahrhaftig, ich hätte bei Zuge von Neuern um die verlorene Liebe geworben; Net seine ehrliche Antwort.

Evchrn» Arm glttt jetzt völlig von seiner Schuller herab; sie kaute schmollend a« ihrer Unterlippe. «Höre ■al, Schatz', sagte sie vergeffen, „ich liebe er nicht, Nenn Du solch dumme Rede» führst!'

«Aber Evcheu!' Ein feuriger Snß begleitete diese Sorte, ,3a, ich bin ein närrischer Kerl, doch Dich hebe ich viel lieber, Wieste — tausendmal, Millionen« ■al lieber. Du, Dn — süßer Schalk!"

.Da» ist gut, Erich, denn Dn wärest nicht glücklich ■it der Inge geworden. Sie ist so alltäglich, so nüchtern, — sie kennt weder Liebe noch Leidenschaft. Ich glaube fast, sie hat gar kein Herz. Darum macht sie sich auch nicht» au» Dir. Sie fühlt überhaupt Acht tief!'

»Aber Jugeborg ist gut, herzensgut!'

»Ja, gut, aber pedantisch — die reine Vernunft! hsteißt Du, Schatz, so eine echte, alle Jungfer.' Sic lachte au» vollem Halse und die überwüttge Mädchen- stimme fand ihren Weg hinauf durch da» offene Fenster m ein von schwerer Qual zerriffene» Menschenherz.

Der junge Mann erwiderte nicht» darauf, er schloß ihr den lachenden Mund mit Söffen und schaute ihr heiß in die berückenden Augen hinein. Dann bat «innig: ,Nnn, Evcheu, sei vernünfttg und sage wir ■blich, ob Dn mich auch gern hast, ob Dn mich liebst, die ich Dich liebe?'

»Ich möchte ans der ganzen Welt keinen anderen Bchatz haben, al» Dich. Und Du nimmst mich auch

bald fort, an» der öden, schrecklichen Haide, iu die große, herrliche Well? Nicht wahr, Erich?'

»Bildest Du Dir etwa ein, daß ich Dich auch nur einen Tag hier lasten werde, wenn Du erst mein Weib geworden bist? Unten in St. Andrew» liegt eine schöne kleine Brigg vor Anker. Sie heißt »Die Haideblume'. Der Rheder fragte mich, ob ich für die nächste Zeit Sapttäu de» Schiffe» sein wollte. Doch daun muß ich schon in drei Wochen in See gehen. Wenn e» Dir aber recht ist, »nehme ich das Anerbieten an, und bann heiraten wir gleich.'

Da» Mädchen stieß einen lauten Freudenruf au» und warf ungestüm ihre weißen Arme um Erichs Hals. ,O Du Einziger, da» ist ja himmlisch! Nun werde ich ganz schnell Deine Frau «nd reise mit Dir in die wunderschöne wette Welt. Daun sehe ich große Städte und frembe Länder und Meere. Und Du zeigst mit Alle», HerzeuSschatz?'

»Du sollst Alle» sehen, wa» Dir Freude macht, Alle»! O Evcheu, mein Sieb, mein Engel!' Et preßte ste feurig a« feine Brust. ,Uud wenn wir bann ein. mal in die Haide zurückkehren', sagte er zärtlich, so kann mein Weibchen den Ihren erzählen, wie geschickt ich die eine Blume zu führen verstand, während ich die andere behütete!'

»Nein, wa» für ein prächtiger Schatz Du doch bist!' jauchzta sie auf. Wieder hing fie an seinem Halse und küßte ihn.

»Kleine süße Schmeichelkatze Dn! Aber nun steh mir ehrlich in die Auge« und sage mir, ob Dn mich wirklich liebst?'

Sie gab ihm mtt der Hand einen leichten Schlag auf die Wange und machte ein böse» Gesicht. Ach, so geh doch und frage nicht immer, ich liebe Dich ja I Und was nur die Inge für ein Geficht machen wird, wenn fie nn» morgen als Brautleute vor sich steht. Da» giebt einen Hauptspaß, Erich, nicht wahr ?' Bon Neuem lachte fie hell und filberu auf. Erich beugte fich zu ihr herab. »Sprich nicht von Inge', flüsterte

et ihr in» Ohr. »Und nun, gute Nacht! Noch einen K°ß, mein süße», süßes Lieb!'

»Gute Nacht, Erich, nnd morgen ganz früh sprichst Dn mit den Ellern, so rief Evchen und lief zur Hau», thüt hinüber, während der junge Seemann, umflatet vom bläulichen MoudeSscheiu, noch gedankenvoll am Bache verweilte, ohne zu ahnen, daß nicht wett von ihm ein verratene» Mädchenherz den schwersten Kamps de» Leben» kämpfte.

Jugeborg hatte hastig da» Fenster geschloffen, heiße Thränen floffen über ihr stille» blaffe» Geficht, fie preßte die Hände in namenlosem Schmerz ineinander nnd sank wie gebrochen aus die Knie herab.

»Sie hat kein Herz, fie kennt weder Liebe noch Leidenschaft,' so flüsterte fie mit zuckenden Lippen vor fich hin. — Etwas wie Haß stieg gegen die junge Schwester in ihrem Innern auf. O, wenn diese jetzt hätte sehen können, so aufgelöst in|3ammer und Herzeleid — wenn fie gewußt, wie sie mtt aller heißen Sehnsucht einer ersten starke» Liebe auf Erich ge» »artet — lange traurige Iahte hindurch — fie hätte die grausamen Worte nicht sprechen können. Und er — ach er! et war treulos, flatterhaft und leichtferttg wie fie. Sie waren einander würdig —. Jugeborg sprang wild vom Boden empor, zog hastig ein Schub­fach ihrer Kommode ans und wühlte mit fliegenden Fingern darin nmher, bi» fie einen in Seidenpapiet ge. düllteu Ericastrauß hervotriß. Eine Weile starrte fie mtt überströmenden Augen auf die verdorrten farblosen Blnrnen, dann schleuderte fie diese wett von sich zum Fenster hinan» in de» leise anfranschenden Bach. Nnn fuhr fie krampfhaft mit den Händen »ach der brennende» Sttrn. »Nichts mehr!' schrie fie auf. »Allein, verlaffeu auf der ganzen Welt. Beständig allein — allein bi» au» Ende!'

War e» nicht bester, dort unten zu liegen bei den Biomen im tiefen, tiefen Wasser unter dem Mühlen- stege, wo schon einmal vor langer Zett die Tochter eine»Müller»Lergeffeuhett gefunden! — Obe» wohl so furchtbar war? — Jugeborg schauderte bei diesen

Gedanken zusammen und hielt fich wie im Schwindel am Fensterkrenz fest. — Aber nein, nein, e» mar ein süßer Tod gegen die enfetzliche Qual in ihrem Jooeren. Nur ein kleiner Sprung und fie hatte Ruhe für immer. — Und nnn wankte sie ein paar Schritte vorwärts, um fich hinan» zu schwiugeu. Da stolperte ihr Fuß über einen Gegenstand, der vorhin beim hesttgen Kramen an» der Komode geflogen war. Es wat ihr Nene» Testament, da» aufgeschlagen vor ihr an der Erde lag. Sie bückte fich und hob e» auf. Da fiel ihr verstörter Blick ans die tm Hellen Mond- licht devtlich lesbaren Worte der heiligen SLrist:

»Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal hallet an im Gebct.'

Jageborg schlug die Hände vor da» Geficht und schluchzte laut

»Geduldig in Trübsal, hallet au tm Gebet', flüsterte ste vor fich hin. »Geduldig in Trübsal!' wiederholte ste noch einmal. Ein paar schwere Thränen raunen ihr von den Wangen herab. Sie drückte da» Buch gegen die Brust und bann begann fie im Zimmer hin unb her zu wandern, den Kops gesenkt, mtt ge­falteten Händen. Mitternacht war längst vorüber, ste wachte noch. Wie ein Schatten schritt fie auf und wieder, unaufhörlich, ruhelo». Zuweilen bewegten sich ihre bleichen Lippen wie tm heißen Gebet.---

Der andere Tag brach an. Jugeborg stand schein­bar ruhig aber mit totbletchem Geficht und mit tiefen bläulichen Ringen unter den Augen in der Wohnstube unten und besorgte wie immer den Früh, stückstisch. Sie hatte den Entschluß gefaßt, auch in den schwersten Stunden ihre gewohnte Gelaffenh:tt zu behaupten. Keiner sollte ahnen, welche bange Nacht fie durchwacht; Niemand durfte wiffeu weichet Sturm fie dnrchschüttell. MU ihrem Mädchenstoize und mit Gebot hatte ste da» totwunde Herz bezwungen.

Ihre Arbeit war beendet. Der Dull de» frisch bereiteten Kaffee» zog kräfttg durch da« große wette Gemach.

(Fortsetzung folgt.)