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Illustriertes Somitagsblatt
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Marburg,
Mittwoch, 20. Juni 1888.
Wöchentliche Beilagen: Kreis-Blatt für dir Kreise Marburg md Kirchhain
Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Ang. «och.
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d Blatte-, sonne d. Annoncen-Bureaux von Haasenstei» und Bögler m Frankfurt a.R., Cassel, Magdeburg u. Wien; Stabelf XXIII Moste in Frankfurta. M., Berlin,München u. Köln; S- L- AA11L Daube u. Co. tn Frankfurt a. M-, Berlin, Hannover. Baris.
Wilhelm
malern. Bis zur Brust an deckt eine dunkelrote Decke mit weißem Überschlag die Leiche, die rechte wachsbleiche Hand ruht auf dem Ehrensäbel, der, dem siegreichen Feldherrn einst verehrt, schrägüber gelegt ist. Um den Hals schlingt sich der «Pour le merite» am schwarzweißcn Bande. Die äußeren Anzeichen lassen in dem Toten den vom Felde heimkehrenden, ruhmreichen Heerführer erkennen; an diesen erinnert auch der auf der Brust ruhende Kranz, den einst die Gemahlin mit eigener Hand für den hcimkehrenden Sieger gewunden hatte, und dessen grün und rote Rose, die Zeugen schöner, glücklicher Tage, nun verwelkt sind. Vor dem Lager auf einem Tische liegen Sträuße von frischen Rosen, dabei ein großer Kranz von Wasserrosen, den die Offiziere des Garde - Husaren-Regimentes vor dem Totenbette nndergelegt haben. Die Stille des Todes ringsum, jeder Schritt gedämpft durch den dunkelroten Teppich. Am Fenster steht noch der Schreibtisch, an welchem der Kaiser jüngst so viel und ernst gearbeitet hatte, von den rotdamastenen Wänden mit den vergoldeten Rokoko-Ornamenten schauen die großen Ölbilder seiner Ahnen, namentlich der Beiden, zu denen sein Geist mit hoher Verehrung emporgeblickt hat, des Großen Kurfürsten und Friedrichs des Großen. Im Momente, wo wir vor das Sterbelager hintraten, hielt derjenige Flügeladjutant Wache, der in der letzten Lebenszeit am längsten um seinen Herrn gewesen war, Freiherr von Vietinghoff. Vor dem Zimmer stand als Wache ein Krongardist und ein Garde-Jäger. Weiter in einem anstoßenden Gemach saßen in stummer Trauer die Leibdiener, darunter der älteste Kammerdiener Wetterling, deren Treue und Aufopferungsfähigkeit während der ganzen Leidenszeit ihres hochseligen Herrn sich hoch bewährt hat.
Die Lektion der Kaiserleiche hat am Sonnabend Abend stattgefunden und als Krankheit .Krebs-, als direkte, letzte Todesursache „Lungenlähmung" ergeben. An der Sektion nahmen Teil der Hausminister Graf Stolberg, Generaladjutant von Winterfeld, ein Flügeladjutant, sowie folgende Arzte: Sir Mackenzie, Dr. Hovell, Generalarzt von Wegner, die Professoren Bardeleben, von Bergmann, Virchow, Waldeyer, Dr. Bramann, Dr. Langerhans. Die Sektion führte Professor Virchow aus, während Profesior Waldeyer die für die Untersuchung erforderlichen mikroskopischen Präparate ansertigte und Virchows Assistent Dr. Langerhans das Protokoll führte. Eine vollständige Sektion wurde aber nicht gemacht, sondern nur die direkt erkrankten Organe: Hals, Kehlkopf und Lungen eröffnet, während die anderen Organe vollkommen
Kaiser Friedrich
Ueber die letzten Augenblicke des hochseligen Kaisers wird noch bekannt, daß im letzten Momente, als der Tod eintrat, der Sterbende nur von der Kaiserin, von seinen sämtlichen Kindern, dem Erbprinzen von Sachsen-Meiningen und dem Prinzen Friedrich Leopold umgeb.n war. Die Kaiserin hielt die Rechte ihres Gemahls in den Händen. Leichter Schlummer hielt den Kaiser wieder seit 11 Uhr vormittags umfangen, dann seufzte er eine Viertelstunde später noch einmal tief auf; es schien, als wolle der Kaiser sich noch einmal erheben, aber kraftlos sank der Körper in die Kissen zurück, leicht neigte sich das Haupt zur Seite, Kaiser Frieorich hatte ohne Todeskampf vollendet. Von den Ärzten trat Sir Morell Mackenzie ein, um zu konstatieren, daß das Herz zu schlagen ausgehölt habe. Tie Kaiserin brach tn lauter Schmerzeosklage an der Leiche nieder, der Sohn, der Kaiser, führte seine Mutter aus dem Sterbezimmer hinweg.
Auf dem Sterbebette.
Am Sonnabend Vormittag — nicht während des ganzen Tages — stand der Zutritt zum Sterbebette des Kaisers für Jedermann aus dem Volke frei. Hunderte strömten herbei und schritten thränenden Auges durch das Gemach. Zahllose Kränze wurden niedergelegt. Das Sterbezimmer liegt in der Nähe des Muschelsaales, nicht weit von jenem entfernt, in welchem Kaiser Friedrich einst das Licht der Welt erblickte. Vor einem Bettalkoven steht das breite, schwarz und goldene eiserne Bettgestell, das zum Sterbelager geworden ist. Auf weißem Linnen liegt die Heldengestalt, zu der das deutsche Volk mit Stolz und Jubel aufgeschaut; der Mann, um den Deutschland von anderen Nationen beneidet worden ist, ist nun vom Würger Tod dahingestreckt, auf weißen Linnenkissen das totbleiche kaiserliche Haupt noch im Tode die edlen Züge zeigend, die einst so gütig, so mild, so die Herzen erfreuenb und hoffnungsreich in die Zukunft geschaut hatten. Die Augen sind gebrochen, geschloffen. Selbst das entsetzliche Leiden, selbst der Tod haben dem Antlitze weder die Ähnlichkeit noch die Hoheit rauben können, kein Zug spricht von ausgestandenen Leiden; es sind vielmehr die Züge Eines, der Alles in sich in Frieden beglichen hat und dessen reines Leben auf der klaren hellen Stirn geschrieben erscheint. Das Haupt erscheint etwas kleiner, Haupthaar und Bart sind leicht ergraut, aber die Form dieses, die durch das schmale weiße aufgebundene Tuch gegeben ist, erinnert an die Häupter in Erz auf mittelalterlichen Grab
unversehrt blieben. Die Sektion ergab in der Hauptsache eine vollständige Zerstörung des Kehlkopfes durch Krebs und putride Bronchitis, d. i. Entzündung der feineren Luftröhrenäste infolge des Eindringens fauliger Substanzen. Ter ganze Kehlkopf war vollkommen vereitert und präsentierte sich als eine weiche, schlaffe Masse; namentlich waren von dem Knorpelgerüst des Kehlkopfes kaum nennenswerte Reste übrig geblieben. An Stelle des Kehlkopfes war eine fast zwei Fäuste große Höhle entstanden. Dagegen war ein Durchbruch der Speiseröhre nicht zu konstatieren. Das in den letzten Lebenstagen des Kaisers ausgetretene Verschlucken, welches als Zeichen des erfolgten Durchbruches auf- ■ gefaßt wurde, ist offenbar dadurch enistanden, daß der Kehlkopf nach der Vereiterung des Knorpelgerüstes jedes Haltes entbehrte und zufammenfiel. Hierdurch mußten bei der Zuführung flüssiger Nahrung kleine Mengen überfließen und in den Kehlkopf und von da in die Lungen gelangen. Die von den Ärzten als letzte, direkte Todesursache ausgesprochene Diagnose „Lungenlähmung" wurde durch die Sektion bestätigt. Die traurige Arbeit der Ärzte begann um 4V, Uhr nachmittags und dauerte bis kurz nach 5'/, Uhr. Zum Schluß wurde über die ganze Handlung ein Protokoll abgefaßt, welches von allen Ärzt.n unterzeichnet wurde und dem das eigentliche Sektionsprotökoll beigefügt wurde. Der Hausminister Graf Stolberg nahm das Aktenstück sofort an sich, um dasselbe den Staatsakten einzuverleiben. Mackenzie hat auf ausdrücklichen Befehl Kaiser Wilhelms einen Bericht über die Krankheit Kaiser Friedrichs erstattet. In diesem Schriftstück erklärt er etwa folgendes: „Es kann keinen Zweifel unterliegen, daß die Krank- i-H heil Kaiser Friedrichs Krebs des Kehlkopfes gewesen . 8 ist. Die Diagnose war aber in hohem Grade it dadurch erschwert, daß von Anfang an die Knorpel des Kehlkopfel von der Krankheit ergriffen waren, daß der Krankheitsprozeß sich vorzugsweise in den tieferen Schichten des Knorpelgewebes abspielte, was zu einer Verdunkelung des Krairkheitsbildes führte u. s. w." - Der Bericht ist in englischer Sprache geschrieben und umfaßt im Ganzen l*/i Quartseiten englischen Briefformates.
Die Beisetzung.
Nach der Einläutung der Trauerfeier versammelten sich die Gäste zu derselben. Die Staatsminister traten mit den Insignien des Reiches hinter die Tobourets. Ter Generalfeldmarsch ill Graf Blumenthal stand am Kopfende des Sarges mit dem Reichspanier, ihm zur Seite die Generaladju- tanten v. Mischke und v. Winterfeld mit gezogenem Degen, Dem Sarge des hochseligen Kaisers gegen«
Der „Staatsanz" enthält folgende Allerhöchste Proklamation:
An Mein Volk! |
Goikes Ratschluß hat über uns aufs Reue die schmerzlichste Trauer verhängt. Nachdem die Gruft über der sterblichen Hülle Meines unvergeßlichen Herrn Großvaters sich kaum geschloffen hat, ist auch Meines heißgeliebten Herrn Vaters Majestät aus dieser Zeitlichkeit zum ewigen Frieden abgerusen worden. Die heldenmütige, aus christlicher Ergebung erwachsende Thatkrast, mit der Er Seinen Königlichen Pflichten ungeachtet Seines Leidens gerecht zu werden wußte, schien der Hoffnung Raum ,n geben, daß Er dem Vaterlande noch länger erhalten bleiben werde. Gott hat es anders beschlossen Dem Königlichen Dulder, dessen Her, für alles Große und Schone schlug, find nur wenige Monate beschieden gewesen, um auch au, dem Throue die edlen Eigenschaften des Geistes und Herzens zu betätigen, welche Ihm die Liebe Seines Volkes gewonnen haben. Der Tugenden die Ihn schmnikten, der Siege, die Er ans den Schlachtfeldern einst errungen hat, wird dankbar gedacht werden, so lange deutsche Herzen schlagen, nnd unvergänglicher Ruhm wird Seme ritterliche Gestalt in der Geschichte des Vaterlandes verklären W 9
. m , äru’ben V«er berufen, habe Ich die Regierung in. Ausblick ,n dem Könige aller Könige übernommen und Gott gelobt, nach
?!‘m °er*r und -"Uder Fürst zu sein, Frömmigkeit nnd Gottessnrcht zu pflege», den Frieden zu schirmen, die Wohlfahrt des Landes zu fordern, den Armen und Bedrängten ein Helfer, dem Rechte ein treuer Wächter zu sein- 8
. „ .®“n 3 V“, “ Rr"fLbi“t' bi-l- Königlichen Pflichten zu erfüllen, die Sein Wille mir auferlegt, so bin Ich dabei von dem Vertranen znm Preußischen Volke getragen, welches der Rückblick ans unsere Geschichte Mir gewährt. In guten und in bösen Tagen hat Preußen« Volk stets «reu ;«“f bATXte”' 1““ $mb W meinen W-Nüber in jeder schweren Zeit nnd Gefahr als unzerreißbar bewahrt hat, zahle auch Ich m dem Bewußtsein, daß Ich sie aus vollem Herzen erwidere, als treuer Fürst eines treuen Volkes, beide gleich stark in der Sin- getmng für bas gemetrifanie iBaterlanb. tiefem Bewußtsein der Gegenseitigkeit der Liebe, welche Mich mit Meinem Volke verbindet, entnehme Ich die Zuversicht, daß Gott Mir Kraft und Weisheit verleihen werde. Meines Königlichen Amtes znm Heile des Vaterlandes zu walten. $
Potsdam, den 18. Juni 1888.