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Wöchentliche Beilagen: Kreis-Blatt fiir die Kreise Marburg und Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.
Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck nud Verlag von Joh. Lug. Loch.
JH 78.
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Marburg,
Sonntag, 1. April 1888.
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blattes, sowie d. Annoncen-Bureaux von Laasenstein und Vogler in Frankfurt a. Coffel, Magdeburg u. Wien: Rudolf Moste in Frankfurt a. M., Berlin, München u. Köln; G- 2. Daube u. Co. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover. Paris.
XXIII. Jahrgang.
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Kreisblatt für -ie Kreise Marburg «nd Kirchham und
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_ Ostern 1888.
„Und währt der Winter noch so lang, es muß doch endlich Frühling werden!" Das sind wohlseile Worte, mtt denen leicht alljährlich die Osterbetrach- tungcn ausgeschmückt wurden, aber kaum hat Jemand daran gedacht, daß die Schwere dieser anmutigen Zeilen einst mit ganzer und voller Wucht uns treffen würde. Es giebt Zeiten, wo die Hoffnung wirklich das einzige wertvolle Gut bildet, das wir haben, in welchen wir die Schwere der Verhälwiffe mit solchem Truck empfinden, daß dabei alles leichte Phrascntum ein Ende nimmt und wir erschüttert, fassungslos dastehen. Dem einzelnen Menschen kommen solche Momente häufiger; so viele Tausende auch das schöne Osterfest stets als den Erlösung verkündenden Boten nach den Drangsalen des Winters mit lachenden Augen und frohem Gesicht gefeiert haben, es fehlte doch auch nie an solchen, denen in Winterssturm und Wintersnot etwas teures verloren gegangen, die nur mit schmerzverzogenem Munde die Eingangsworte dieser Zeilen vor sich hin gesprochen. Tas Leben ist oft hart und grausam, sehr hart und es scheint, als habe es den Einzelnen sich ausersehen, über sein Haupt die ganze Fülle menschlicher Prüfungen zu ergießen. Da ist es denn
Oster« 1888.
Ostern schon? Kaum wtll's uns scheinen, Daß herangerückt das große, Hehre Fest des schönen Frühling. Traurig war die Zeit des Winters, Lang', schier endlos seine Herrschaft, Und es war fast zum Verzagen!
Aber allem Winterfrost und Schneesturm Hätten wir noch Stand gehalten, Denn gestählt ist deutsche Art, Und bewährt ist ihre Stärke.
Mutvoll durch die Winterwocheu Wären wir hindurchgedrungen Hin zum neuen, milden Lenz, Uns erfreuend seiner Gaben, Die nach Eis. und Schnee vergehen Endlich doch ersprießen müssen! Doch so schwer ward uns die Last, Abwärts senkt' das Haupt fich nieder, Aus den Augen raunen Thräneu. Denn des D utschen Volkes Vater, Ur.fern guten Kaiser Wilhelm, Dessen Wiegenfest so herrlich Einweiht' Frühlings erster Schimmer, Unfern Kaiser nahm der Winter. Und nun ruht er still im Sarge, Sieht nickt mehr die Ostersonue, Hört nicht wehr die Osterfreude!
Das war Winters schwerster Kummer, Das das Leid fast zum Verzagen, Das der Gründ, daß wir vergaßen, Fast, wie nahe uns das Fest. Und nun ist unS Ostern kommen; Trüb' schau» aus noch Wald und Fluren, Gleich als ob auch sie die Trauer Bisher nicht verwinden konnten! Ach, eS ist ein stilles Ostern, Wie wir eS seit manchen Jahren
ein schwaches Ding um allezeit bereite allgemeine Trostworte, sie versagen leicht im allzuschweren Leid. Ta bleiben nur Thräneu, da bleiben nur Glaube »nd Hoffnung in eigener Menschenbrust. Die allein können helfen, aus ihnen muß neuer Mut und neue Thatkraft hervorgehen. Ist die Trauer groß in weiteren Kreisen aber schon, wenn einen Menschen gerade alles Ungemach trifft, so wird sie herzerschütternd, wenn ein ganzes Volk unter schweren Schicksalsschlägen sich beugt. Und hart, hart ist Alldeutschland getroffen, tief, tief haben wir uns beugen muffen. Es war der böseste Winter, der jetzige, den wir feit manchen Jahren gehabt. Seine Rauheit und fein stürmisches Wüten hätten wir schon noch ertragen und ausgehalten, dem Einzelnen hätte die opferwillige Unterstützung der Allgemeinheit die Not erleichtert, aber wie ein Keulenschlag traf das Verhängnis die Nation. Unter Sorge und Kummer um das Leben und die Gesundheit des geliebten Kronprinzen traten wir in das neue Jahr ein, von dem wir so vieles Gute erhofften, unter Sorge und Kummer schritten wir durch die Monate dahin, unter Trauer nähern wir uns dem Osterfest, als Abschluß des schlimmen Winters, welcher uns Kaffer Wilhelm geraubt, viel schneller geraubt, als irgend Jemand es gedacht hat. Wir haben schwer an dieser Trauerbotschaft zu tragen gehabt, und sie verursacht es auch, daß es wie ein Flor über der sonst so Hellen Osterfreude liegt. Wie können wir leichten Mutes uns über des Winters Schwinden freuen, der uns das Teuerste entrissen, was Deutschland besessen? So ost hat Kaiser Wilhelm nach den gefährlichen Winterwochen ans der warmen Frühlingssonne neue Kraft geschöpft, nur diesmal ist alles, alles vorbei, fein Leib ruht in der stillen Gruft von Charlottenburg, sein Geist schaut aus lichten Höhen auf sein Lebenswerk, das geeinigte deutsche Vaterland herab.
In unsere Trauer tritt hinein das Osterfest und bringt uns den Balsam der Hoffnung. Lauere Lüfte zerteilen die Eis- und Schneelagerungen, welche Flur und Feld bedecken, sie verheißen schönere Tage, in welchen die warme Sonne ein frisches und sroheS Wiederaufnehmen all' und jeder Arbeit gestattet, welche durch den Winter gehemmt worden ist. Die besseren Aussichten auf Erfolg der Arbeit und höheren Verdienst taffen die Herzen freudiger schlagen, denn manche Familie hatte im Verlauf der Winterwochen Einschränkungen vornehmen, entbehren müssen, was ihr sonst das Leben angenehmer gestaltet hatte. Wir erhoffen aber von Ostern noch Größeres, wir er-
Nicht erlebt und nicht begangen.
Aber Ostern bleibt daS Fest doch Unf'reS Frühlings; heller Glaube Zieht aufs Neu zui Osterfeier In das bange Menschenherz, Zutrau'n wächst auf b-ff're Tage. Auch dies stille Ostern kündet Doch den Frühling, schönste Zeiten, Und wir beten heiß um diese;
Heiß vor allem um G-nesung Für deS sanft entschlaf'uen Kaisers Einz'gen Sohn, für unssten Fritz, Der mit starker Haud das Szepter Griff deS Reich'S, zu aller Wohle Will eS führen alle Tage.
Sei gegrüßt darum uns Ostern, Holder Bote lauer Lüfte Und gewähre Freud' und Frieden Deutschlands Kaiser, seinem Volke!
Oster«.
DaS Fest der Auferstehung ist für die Christenheit wieder genaht. Hinter uns liegt die Zeit des Leidens und der Trübsal, der Bekümmernis und des Schmerzes. Rust schon die Pasfionszeit deutlicher, denu jede andere in aller Christen Herzen die Er- rivneruvg an Den wach, der für unser Seelenheil gelitten und gestorben, wir Deutschen haben diesmal mehr als andere Veranlassung gehabt, uns an dem Beispiel zu erheben, welches uns der Heiland in Slandthaftigkeit und »Ausdauer, Mut und Ergebung hinterlassen. Es starb, was menschlich war an Kaiser Wilhelm, und mit ihm schied ein Herrscher aus seinem Wirkungskreise, dessen erstes und eifrigstens Bestreben darauf gerichtet war, die Lage der weniger B-mittelten zu heben und dem Arbeiter bei seinem Ringen im Kampfe des Lebens mit der Gesetzgebung zu Hülfe zu kommen. Hat nicht der Held, der so manche Schlacht gewonnen, der nm Deutschlands
hoffen, es möge der freudig begrüßte Bote werden, der uns eine wirkliche Genesung unseres Kaisers Friedrich anzeigt. Viel hat der Kaiser feit der pflichttreuen Heimkehr aus dem warmen Süden zum kalten Norden von der Härte des Winters zu erdulden gehabt und sehnsuchtsvoll hat er vor allem dem Eintritt des Frühlings entgegengesehen. Kaiser Friedrich ist unsere Hoffnung nach dem Hinscheiden unseres Kaisers Wilhelm, auf ihn vertraut Deutschlands Volk in der seften Zuversicht, es werde an Kaiser Wilhelms einzigem Sohn einen Fürsten haben, auf dessen Schild hell die Worte glänzen: Arbeit und Friede, Recht und Gerechtigkeit! Die unsagbare Trauer, welche das deutsche Volk nach dem y. März ergriffen hatte, erhielt eine Milderung ganz allein durch diese Hoffnung, dieser Gedanke war es, der uns Kraft verliehen, weiter zu arbeiten und tätig zu sein, wie der Beruf es erfordert. Deutschlanos starke Macht hat auch dem heftigen Anprall der grimmen Märzkatastrophe widerstanden; der entschafene Kaiser hat zu gut gemauert und gefestigt die Grundlage, auf welcher stolz sich das Deutsche Reich erhebt, Dank dem toten Kaiser ist es unentwegt durch alle die Winterstürme hindurchgeschritten, naht sich nun Ostern und dem lichten Glanz der herrlichen Frühlingssonne, die leuchtend die Zinne des ragenden Gebäudes ziert, in welchem der Friede wohnt, dessen Heim Deutschland und sein Kaiser vor allen anderen Staaten und Fürsten in Schutz genommen. Das Osterfest hat so oft überraschend günstige Wendungen für das wirtschaftliche Leben eingeleitet, das im Banne des Winters gelegen, mag es nun auch seine Macht einmal beweisen, dem Staate, dem Staatswesen und dem Fürsten schönere Tage künden. Eine höhere Hand ist von Nöten, um alle Walken zu zerstreuen, die über unserem deutschen Vaterlande sich jetzt noch lagern, aber sie können noch entfernt werden, und Ostern mag uns und soll uns als Bürge dieses Wurischcs dienen.
Ernster als je, trauriger als je, aber doch gefaßt feiern wir Ostern, in dem Gedanken, Hoffnung läßt nicht zu Schanden werden. Wir find entschlosfen und vorbereitet mehr als je, thättg zu sein mit ganzer Kraft im Dienste des Reiches, so viel wir können, zum Ruhme und zur Ehre unseres Vaterlandes. Schwere Zeit heischt von einem jeden vermehrte Kraftanspannung; sorgen wir, daß jeder auf seinem Platze ist und bleibt, ihn treu hält und wahrt. Tas möge ®otf am Auferstehungsfeste unseres eingeborenen Heilands uns allen gewähren!
Einheit zu erringen, ein jahrelanges Mühen nicht scheute, hat er nicht noch am Lebensabend, den andere im frohen Gefühl vollbrachter Thaten in Beschaulichkeit zu »erbringen gewohnt find, auf die Ausgestaltung unserer sozialpolttischen Reformen ge. druugen, setzte er nicht gleichsam den letzen Atemzug daran, nm das von ihm begonnene Werk der Hebung des Arbeiterstandes zu vollenden? Der Arbeiter hatte in Kaiser Wilhelm den beste» Freund verloren.
Und während wir alle noch im Schmerz um den Heimgegangenen das harte Geschick beklagten, das Deutschland in der diesjährigen Passionszeit auferlegt war, tönte von uenem eine Schreckenskunde durch das Land. Die andauernde Kälte des dies, maligen Winters und der in Unmengen herabgefallene Schnee begannen beim Eintritt des Frühlings ihre verheerenden Wirkungen zu üben. Die Flüsse durchbrachen ihre Ufer und brachten mit Wasser nnd Eis über ihre Anwohner namenloses Unglück.
Ein banges Tagen kam über der Mensche» Herz. Doch plötzlich, welch' ein Tönen durchzieht die Laude, welch ein wunderbarer Klang regt neue Hoffnung in uns? Die Osterglocke» veiküude» mtt ihrem Schall, daß der Heiland nach dem Tode wieder auf- erstandeu ist. Und mit dieser Gewißheit, daß Bekümmernis und Trübsal nicht ewig währe», daß im Wechsel der Zeiten der Trauer die Freude folgt, kommt eine zufriedenstellende Beruhigung über uns. Die Natur legt ein ueueS, schöneres Kleid an, uud der Menschen Sinn wendet fich der Hoffnung auf eine beffeie Zukunft zu.
Sehe« wir nicht auch, wie das an uns herangetretene Unglück gemildert, wie die durch deu Tod u»S geriffeue Lücke ausgefüllt wird? Ueberall regt sich die private Mildthätigkeit, um de» Bewohner» der von den Ueberfchwemmungen heimgesuchten Land striche die erste, nvtwnndigste Hülfe zu bringe»; die korporative» Verbände suche» Unterstützungsmittel auf-
Ae«tsches Kelch.
Berlin, 29. März. Die Kaiserliche Familie nahm vormittags 10 Uhr in der Charlottenburger Schloßkapeüe das heilige Abendmahl ein, welches Hofrediger Persius (Potsdam) spendete. Es nahmen Teil die Hofstaaten, das Gefolge, die Adjutanten, Offiziers- und Mannschaftsdeputationen des Char- lott.nburger Wachtbataillons, sowie die Schloßbewohner, insgesamt etwa 100 Personen. — Der Kaiser machte heute mittag eine Ausfahrt in der Richtung nach Westend. — Die Personen, die den Kaiser im Schloßpark zu Charlottenburg und bei seiner heutigen ersten Ausfahrt gesehen haben, schildern sein Aussehen als über Erwarten gut. Wer es nicht weiß, würde es nicht ahnen, daß er von schwerer Krankheit befallen ist. — Wie mitgeteilt wird, hat der Kaiser gestern zwischen 12 und 1 Uhr einen Spaziergang im Charlottenburger Schloßpark gemacht. Die „Nat.-Ztg." erfährt allerdings, daß der Kaiser sich im Laufe des gestrigen Tages zeitweise matt und angegriffen gefühlt hat, daß auch die Nacht zu heute weniger gut und der Schlaf mehrfach unterbrochen war. Infolge dessen bestand das Mattigkeitsgefühl auch heute morgen noch fort und der Kaiser blieb auf Anraten der Ärzte länger als sonst zu Bette. Kurz nach 10 Uhr stand der Kaiser auf, nachdem er sich im Bette mit Arbeiten beschäftigt hatte. Der Auswurf, welcher abwechselnd bald mehr, bald weniger reichlich ist, war heute zum erftenmale seit der Operation frei von blutigen Beimengungen und rein eitrig. Der Appetit ist fortgesetzt ein recht reger und die Ernährung, auf welche die behandelnden Ärzte großen Wert legen, zufriedenstellend. Der Kaiser genießt feste Speisen, allerdings in kleine Stückchen zerschnitten, und die für ihn bestimmte Speisekarte ist eine sehr reichhaltige. Natürlich nehmen die Ärzte bei der Auswahl der Speisen für den Kaiser besondere Rücksicht aus den Nährwert derselben. Seit gestern ist zu den behandelnden Ärzten des Kaisers noch der Massagearzt vr. Zablu- dowski hinzugetreten, welchen der Kaiser auf Vorschlag der anderen Ärzte hinzugezogen hat, um sich von ihm massieren zu lassen. Die Anwendung der Massage bei dem hohen Patienten bezweckt nicht allein, für die mangelnde Körperbewegung durch Übung und Stärkung der Muskeln einen Ersatz zu schaffen, sondern soll auch auf den gesamten Stoffwechsel im Organismus fördernd einwirken, dadurch den Appetit anregen und vor allem einen besseren Schlaf herbeiführen. Dr. Zabludowski steht in der
zubringen, und der Staat wird seinerseits die ihm durch das Strebe» nach Linderung der Not vorgezeichnete Aufgabe voll und ganz erfüllen. Und wenn nun am Ostertage die Glockentöne von den Kirchtürmen an Elbe uud Nogat auch nicht wie sonst über lachende Fluren uud grüne Saaten, wenn sie jetzt über lang, gedehnte spiegelglatte Wasserflächen Hinwegeilen, sie raunen doch dem'Hörer tnS Ohr, daß der Mtt» Menschen Liebe ihm den Beistand in der Not nicht versagt, und daß der Frühling mtt seinem wärmen- den Hauch die Wasser verscheuchen uud die Lande wieder in ihrem alten Schmuck erstehen lassen wird.
Und die Arbeiter, wenn auch Kaiser Wilhelm nicht mehr , unter deu Lebende» weilt, sei» Geist ist »icht gestorben. Er hat ein Vermächtnis hinterlassen, welches die Fortsetzung des von ihm begonnene» Werkes verbürgt und ein Erbe ist ihm erstände», dessen Herz nicht minder warm für des Volkes Glück und Wohl schlägt. Kaiser Friedrich hat mit deu ersten Worten, welche er au seine Nation richtete, im Sivue seines große» Vaters die Durchführung der sozialpolitische» Reform in Aussicht gestellt, und Kaiser Friedrich ist der Manu, seine Worte zur Tbat zu machen. Scho» hört man, daß unter seiner Regierung innerhalb eines ver gesetzgebeuden Faktoren deS Reiches in nächster Zeit die ersten Beratungen über die Alters, und Invalidenversicherung beginnen werden. Drum kann auch der Arbeiter, wenn der Klang der Osterglocken fein Ohr entzückt, im Herze» der Zukunft vertrauen. Kaiser Friedrich führt daS Liebes, und Lebenswelk seines VaterS zu Ende, und wie die PasfionSge. schichte uns lehrt, daß aus dem Tode das L-ben entsteht, so verliert auch auf diesem Gebiete der Tod seine Schrecken.