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Wöchentliche Beilagen:
Illustriertes Sonntagsblatt
mrg und Kirchhain.
Expedition Marit 21. — Redaktion. Druck und Berlag von Joh. Lu-. Koch.
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Erscheint täglich außer an Werktage» nach fconn« und äw Feiertagen. — Ouarial-WonnementS-PreiS bei der Expe»
O l ♦ dition 2«/t Mk., bet den Postämtern 2 Mk. 60 Pfg. (exkl.
Bestellgeld). JnfertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg., Reklamen für die Zeile 25 Pfg.
Marburg,
Sonntag, 12. Februar 1888.
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blattes.
sowie d. Annoncen-Bureaux von Haasenstein und Bögler yÄÄÄÄÄKÄ&TK ™ Jahrgang. Dauben.So.in Frankfurt a.Berlin, Hannover.Paris.
Aentschrs Reich.
Berlin, 10. Febr. Ter Kaiser nahm heute vormittag militärische Meldungen entgegen und empfing um 1 Uhr die Herzogin von Mecklenburg-Schwerin. Um 5 Uhr findet Tmcr mit 34 Couverts statt. — Tem heutigen Diner bei dem Kaiser wohnten bei: Erzbischof Dr. Dinder aus Posen, Bischof Dr. Wcy- land aus Fulda, Propst Aßmann von hier, Kultusminister von Goßler, die Oberpräsidenten von Schlesien, Posen und Ostpreußen und mehrere Reichstagsab.geordnete. — Eine ganz außergewöhnlich zahlreiche Menschenmenge umlagerte heute von früher Mittagsstunde an das kaiserliche Palais, um dem Kaiser die j herzliche Teilnahme der Berliner Bevölkerung an der - Krankheit des Kronprinzen zu beweisen. Immer mehr strömte von allen Seiten die Bevölkerung hinzu, md als die Schloßwache vorbeizog, war die Schar der Harrenden zu vielen Tausenden angeschwollen. Kaum waren die Truppen bis zur Rampe gelangt, da erschien bereits der Kaiser am zweiten Fenster, \ und unaufhörliche Hochrufe, begleitet von Tücher- j und Hüteschwenken, erschollen, für die der Kaiser immer und immer wieder mit Kopfnicken und abwehrenden Handbewegungen dankte. Auf ein Zeichen von ihm nahm alsdann ein Lakai den Fenstervorsatz weg; die Kaiserin ließ sich in ihrem Rollstuhl zum Fenster rollen und von neuem erhob sich die Huldigung des Publikums zu voller Wärme und Kraft. — -Bulletin aus Son Remo vom 9. Februar 6•/< Uhr nachmittaHs.f Tie in letzter Zeit aufgetretene, seit ewigen Tagen ziemlich plötzlich angestiegene Atemnot bei dem Kronprinzen steigerte sich im Laufe des heutigen Tages infolge beträchtlicher Zunahme der Schwellung der rechten Kehlkopfhälfte zu einer gefahrdrohenden Höhe, infolge desfen die sofortige Ausführung des Luftröhrenschnittes unumgänglich geworden H. Die Operation, von Dr. Bramann um 31/* Uhr nachmittags auSgMhrt, verlief in kürzester Zeit ohne jeden störenden Zwischenfall. Augenblicklich läßt das 'Befinden des hohen Patienten nichts zu wünschen ^>rig. — Der „Reichs-Anz." publiziert die Verlängerung des kleinen Belagerungszustandes für Offen- M) bis zum 30. September. — Die Kommission das Sozialistengesetz hat nach Ablehnung aller von der Regierung vorgeschlagenen Zusätze und der von dem Abg. Dr. Wmdthorst beantragten Amendements den Antrag des Abg. Marquardsen aus zweijährige Verlängerung des bisherigen Sozialisten- Tesetzes in der Schlußobstüumung gegen die Stimmen der Abgeordneten Meyer sHalle a. S.f, Träger und
Bebel angenommen. — In der am 9. d. M. unter dem Vorsitz des Staatsministers, Staatssekretärs des Innern von Bötticher abgehaltenen Plenarsitzung erteilte der Bundesrat den Gesetzentwürfen wegen Unterstützung von Familien in den Dienst eingetretener Mannschaften und betreffend Aenderungen der Wehrpflicht, mit den vom Reichstage beschlossenen Abänderungen, sowie dem Entwurf eines Gesetzes für Elsaß-Lothringen über die Fürsorge für Beamte infolge von Betriebsunfällen und dem Entwurf eines Feldpolizeistrafgesetzes für Elsaß - Lothringen die Zustimmung. Von der Uebersicht der Geschäfte des Reichsgerichts im Jahre 1887 nahm die Versammlung Kenntnis und beschloß, den Gesetzentwurf wegen der Löschung nicht mehr bestehender Firmen im Handelsregister dem Ausschuß für Justizwefen, den Antrag Württembergs betreffend die Abänderung des Etats der Zollvcrwaltungskosten für das Königreich Württemberg, den Ausschüssen für Zoll- und Steuerwesen und für Rechnungswesen zur Vorberatung zu überweisen. Endlich wurde über den Sr. Majestät dem Kaiser wegen Wiederbesetzung der erledigten Stelle eines vortragenden Rates beim Rechnungshöfe des deutschen Reiches zu unterbreitenden Vorschlag Beschluß gefaßt.
Anstalt-.
Wie«, 10. Febr. Tas Abgeordnetenhaus nahm mit großer Majorität die österreichisch-deutsche Handelskonvention, sowie das internationale lieber« einkommcn betreffs des atlantischen Telegraphenkabels an. — Verschiedene Blätter dementtren, daß Professor Schroetter nach San Remo berufen worden fei.
Rom, 10. Febr. Die „Agencia Stefani" erfährt: Der König unterzeichnete ein Dekret, betreffend die Erhöhung der Getreidezölle von 3 auf 5 Francs. — Tas englische Geschwader unter dem Kommando des Admirals Hewett ist von Gibraltar gestern Nachmittag in Genua eingelaufen. Das englische Geschwader unter dem Befehle des Contreadmirals Rowley ist von Palmas in Spezia angekommen.
Sa« Remo, 10. Februar. Die Operation des Kronprinzen ist in dem großen Wohnzimmer der Villa, das jetzt in ein Schlafzimmer umgewandelt ist, vollzogen worden. Der Kronprinz war während der Operation nicht ohnmächtig, er verspürte keine Schmerzen. Der Blutverlust war äußerst gering. Der Kronprinz fühlte sich abends sehr erleichtert; er darf zunächst nicht sprechen.
Paris, 10. Febr. Tie Königin von Schweden ist heute Vormittag in Begleitung des Prinzen Oskar und deffen Braut nach England abgereist. Prinz
Eugen verbleibt noch einige Zeit in Paris. Ter Prinz von Wales wird morgen hier erwartet, derselbe begiebt sich alsbald nach Nizza.
London, 10. Febr. jUnterhausj. Bei Beratung der Adresse aus die Thronrede sagte der Sprecher des Hauses Smith, er werde später mitteilen, wie sich die Regierung zu dem von Charles Ruffel zu der Adresse angemeldeten Amendement, worin eine Untersuchung betreffs des öffentlichen Versammlungs- rechtes aus den öffentlichen Plätzen Londons beantragt wird, stellen werde. Aus die Fragen bezüglich Irlands gehe er sofort ein. Tas Amendement hierüber bezwecke eine große Veränderung der Geschäftsordnung des Hauses; er wünsche lediglich, daß die volle Freiheit der Rede auf beiden Seiten gesichert sei, dazu sei notwendig, dem Hause die Macht zu geben, sich der Obstruktion zu erwehren und vernünftige Geschäftsstunden für die Sitzungen einzuführen.
Petersburg, 10. Februar. Der „Graschdanin" hält sich überzeugt, daß die Kriegsfurcht unbegründet fei; die nunmehr im Wortlaute vorliegende Rede des Fürsten Bismarck habe einen großen, tiefen Eindruck gemacht.
Hessen- Nassau.
Marburg, 11. Febr. Heute morgen kurz nach 6 Uhr wurden die Bewohner unserer Stadt durch Feuerlärm erschreckt. Es brannte in einem als Lagerraum tür Spielwaren und Papier benutzten Zimmer des Hauses Barfüßerstraße Nr. 22, das Feuer konnte jedoch alsbald gelöscht werden und beschränkte sich der entstandene Schaden auf die in dem fraglichen Lagerraum enthaltenen Gegenstände.
Marburg, 11. Febr. Ter „Nordverein" hielt gestern abend eine Bereinssitzung im Coss Quentin ab. In derselben wurde im Anschluß an einen von Herrn Professor vr Rubner, Direktor des hygienischen Instituts, gehaltenen diesbezüglichen Vortrag die jetzt allgemein als brennend angesehene Kanalisationsund Fäkalien-Abfuhrsrage hiesiger Stadt in eingehender Weife behandelt, wobei man zu dem Schluffe gelangte, daß, die von der Regierung gewünschte und von der Stadtvertretung vorgeschlagene Einführung des sog. Tonnen- und Grubensystems aus technischen wie prakti- chen Gründen für ungeeignet gehalten werden müsse, die sanitären (Bodenreinigungs)-VerhälMiffe unserer Stadt in einer dem gemachten Aufwande entsprechenden Weise zu verbeffern. Ein detaillierter Sitzungsbericht wird demnächst in den Zeitungen veröffentlicht und auch den städtischen Beratungskörperschaften zur Kenntnis gebracht werden.
Marburg, 11. Febr. Wie wir hören wurde in der letzten Sitzung des Landwirtschaftlichen Zentralvereins für den Regierungsbezirk Caffel als nächster Verfammlungsort Marburg in Aussicht genommen. Verbunden hiermit würde eine ausgedehnte Vieh- prämiirung fein und steht zu erwarten, daß sich die Generalversammlung zu einem großen landmirtschaft- lidjen Feste gestalten wird, welches in den Monaten Juni oder Juli abgehalten werden müßte, da eine spätere Zeit der eintretenden Erntearbeiten wegen ausgeschlossen ist.
Marburg, 11. Febr. Die von uns bereits früher erwähnte Theatervorstellung hiesiger Dilettanten zu Gunsten des Spiegelslustturmbaues findet nun bestimmt am nächsten Donnerstag, den 16. d. M. statt. Zur Aufführung kommen drei kleinere Lustspiele. Alles Nähere wird noch bekannt gegeben werden.
Marburg, 11. Febr. Eine in Handwerkerkreisen oft laut werdende Klage ist die, daß es heutigen Tages außerordentlich schwer halte, tüchtige Knaben als Lehrlinge zu erhalten. Es dürste deshalb manchem Handwerksmeister erwünscht fein zu erfahren, daß Herr Quartiervorfteher Schneider Hierselbst ersucht wurde, für eine Anzahl l ljähriger Knaben Lehrlings- 'tellen ausfindig zu machen, welche zu Ostern angetreten werden könnten, Anmeldungen entgegenzunehmen, und nähere Auskunft zu erteilen. Vorgezogen würden Schlosser-, Blechschmiede-, Anstreicher-, Metzger- und Uhrmacher-Lehrlingsstellen.
— Der Ober-Steuerinspektor Kunckel zu Hanau ist zum Regierungs-Rat ernannt worden.
— Wie es heißt soll der Landsturm Blusen bekommen, welche aus starkem dunklen Tuch angefertigt werden. Die Bluse wird vorn durch sechs schwarze Knöpfe, die durch eine Art Latz verdeckt sind, geschlossen. Um den Leib werden sie durch eine Zug-' schnür, die jeder Körperstärke entspricht, festgehalten. An den Aermeln sind keinerlei Abzeichen; am Kragen ist dagegen zu beiden Seiten vorn em Stück rotes Tuch aufgenäht, auf welchem auch die Unteroffizierabzeichen in Gestalt von weißblauen Litzen, die den Schießauszeichnungen der Linie gleichen, angebracht werden. Die Stelle der Achselklappen vertritt aus >eiden Schultern je eine zwei Finger breite rote Borde. Innen haben die Blusen rechts und links eine Brusttasche. Auffallend ist es, daß nur Blusen, nicht aber auch Beintteider angefertigt werden; es cheint demnach fast, als sollten die Landsturmmänner ihre Zivilhosen zu der Bluse tragen. Möglich ist aber auch, daß die Reichsregierung die großen Her- tellungskosten verteilt und die Hosen erst später nach
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afsel 88. teert.
-Haben Eie gehört, Herr Hofrat, wo» das Mäd. 2<b hier in Hinsicht der Wertpapiere der Fran von awpach deponierte?*
L •3a,* «Hirte der Hofrat, ,eS verhält sich ganz
Die Kapitalien, deren Zinsen der Ermordeten Moffen, werden von einer waisengerichtlicheo Rom» Won in Salzburg verwaltet, und somit liegen natür- »ch auch die Kapitalbriefe in Salzburg.'
.Co verhält sich die Sache!' versetzte der Kri- Wtalrat, sichtlich enttäuscht. .Und demnach beschränkt V der ganze Raub, wegen deffen dieser scheußliche Mord begangen wurde, auf die paar hundert Gulden «aargeld, welche vielleicht diese Geldtasche enthielt, Wo auf das Bischeu Schmuck, da» sich in den ge. «erten (Stnia hort !•
Mit diesen Worten deutete er auf das Spiegel- Mnb, in welchem etliche Dutzend geleerte Etuis lagen, «ährend von einem sonstigen Inhalt nichts in bemerken war.
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05 64 78 97»/, 03»), 06»/, 76»/, 79»/, 77
91'/, 95 .. 98«/, 74»/, 01'/,
Die Nrophereihuug der -Zigeunerin.
Criminal-Roman von Theodor Griesinger.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
.Eie befinden sich in einigem Irrtum, Herr Kri- ^Walrat,' wandte der Hofrat ein. .Der Mörder Me wohl, warum er mordete; denn der Wert des ^chwnckS und des Silberzeugs, das Frau von Am- ^4 befaß, belief sich auf viele Taufende.' t, »Aber,' meinte der Criminalrat, .wer kann uns A einzelnen Stücke bezeichnen? Sie vielleicht, Anna Zöllner, »der Sie, Herr Hofrat?'
.. »Weder ich noch das Mädchen,' «klärte der Hof- **• »Aber nach dem Tote meines Freundes, des ^ofeffors', wurde ein genaues Verzeichnis aufge- S®'ntEn' und eine Abschrift dieses Verzeichnisses be- totbet^* °^ne Z^kel unter den Papieren der Er- «Ans einen Wink des KrimiualratS nahm sofort ” Oberkommissär Nischen den kleinen Baud Schlüssel
0Py‘ ^eu Etuis dort befand!
zur Hand, welchen man in der Geldtasche gefunden hatte, und nach einigen vergeblichen Versuchen gelang es ihm, den im Salon befindlichen Schreibtisch zu öffnen. Auch brauchte man da nicht lauge zu suchen, sondern das bewnßte Verzeichnis lag gleich in der ersten Schublade oben aus.
.Beim Himmel,' rief der Kriminalrat, als er das Dokument mit den Augen überflog, .Sie haben voll- kommen Recht, Herr Hoftat. Der Wert der geraubten Schmuckgegenstäude muß ein äußerst bedeutender sein, und dazu kommt noch ein Silberservice, wie cs nur wenige Privatlente besitzen. Ja wohl,' fiflte er hinzu, „der Mörder wußte, warum er mor- >ktr, und hat jedenfalls vorher, ehe er die That beging, genaue Kenntnis von dem Werte gehabt, der u diesem Spiegelspiude steckte.'
Endlich befahl er Anna Sölluer, zum zweitevmale vorzutreten.
.Sie haben,' ftagte er sie, .dem Henn Ober- ommiffär Nischen alles genan berichtet, was ihnen über die Vorfälle der letzten Tage im Gedächtnis ist?'
,3a, ganz genau,' «klärte das Dienstmädchen.
.Gut,' versetzte Hen von Lama, .so wiederholen Sie es mir fitzt ebenso ausführlich.'
«Selbstverständlich kam Anna Sölluer diesem Be- ehle nach, und ber Gerichtsschreiber protokollierte edes ihrer Worte.
.Sie lagen,* fuhr ber GerichiSrat fort, .also chon zu Bette, als Frau von Ampach vorgestern abend hrem Besuche die Konidorthüre öffnete, nub Sie /oben ben letzteren nicht gesehen?'
.Nein,' war bie sehr bestimmte Antwort.
.Aber gehört werden Sie doch etwas haben?' tagte ber Kriminalrat weiter.
»O ja,' erfiirte das Mädchen. .Ich vernahm r öhlicheS Gelächter nnb Gläser klirren, wie wenn zwei miteinander anstoßen; aber auch dies nur undeutlich; renn zwischen meinem Schlafzimmer nnb bem Robinet ber Frau von Ampach befinden sich brei Thüren.'
.Wohl, wohl,' bestätigte ber Rriminolrat. .Da.
gegen verkehrten Sie in der Zeit vor neun llhr abends mit Frau vou Ampach in der Küche, nnb nach Ihrer ruberen Aussage war bie Dame sehr aufgeregt. Hat sie bau als nicht ein Wort darüber fallen laffen, wen sie zn Besuch erwarte?'
.Nein, keine Silbe,' erwiderte Anna Söllner. .Auch liebte c8 die Gnädige überhaupt nicht,' setzte sie noch hinzu, .verttauliche Mitteilungen zu machen, und sie auszufragen, hätte ich natürlich nicht gewagt.'
„War es etwas Gewöhnliches, baß Frau von Am- pach abeubS Herrenbesuche erhielt?" wollte fitzt ber kiiminalrat wiffen.
„Nun," meinte Anna Söllner, „es kam manchmal vor, daß bie Gnäbige, wenn sie in Gesellschaft ber Frau Wegner ein Berg . . . ."
,-3n Gesellschaft von wem?« unterbrach sie bet kriwinalrat.
»Bon Frau Anna Wegner/ wiederholte bas Mädchen, „welche, so viel mir bekannt, ein KommisfiouS. bntean beim St. Stephan hält."
„Es ist gut," sagte ber Kriminalrat, nachdem er dem Gerichtsschreiber befohlen, ihm den Namen be- bnbeiS vorzumetkeu. „Fahren Sie fort."
„Also," nahm das Mädchen den Faden wieder auf, „wenn die Gnädige in Gesellschaft der Frau Wegner ein Vergnügungslokal besucht hatte, kam es nickt selten vor, daß sie sich von einem Herrn nach Hanse begleiten ließ. Aber diese Herren gingen immer nach wenigen Minuten wieder fort. Eine Ausnahme wurde nur dem Herrn gestattet, der am Siebenund zwanzigsten nm nneu Uhr abends sich einstellte, und bann rüber noch einem. Aber," meinte sie, „dieser letztere kommt wohl nicht in Betracht."
»Und warum das nicht?" irqnirieite der Krimi- ualrat „Sagen Sie alles, was Sie denken, gerade heraus.»
„Ja, sehen Sie," entgegnete das Mädchen, „ganz oben im Hause wohnt bie Frau Dollinger mit ihrer Tochter Resy, und die Resy besitzt einen Bräutigam, ben Herrn Richard Kuppitfch. Weil nun aber die
kleine Wally sehr an Fräulein Resy hing, lud Frau von Ampach die Fran Dollinger mit ihrer Tochter unb bereu Bräutigam einmal am Geburtstag ber Wally zum Abendessen ein, unb dieses Abendessen wahrte bis ziemlich spät in bie Nacht hinein. Damals war es auch, wo ich zum erstenmale Gelegenheit hatte, ben reichen Schmuck ber gnädigen Fran zu sehen."
„Wie kam bas?" fragte ber Kriminalrat, aufmerksam roerbenb.
»Sehr einfach," meinte Anna Söllner; „Wally bat ihre Mutter, ihrer lieben Resy bie glitzernden Goldsacheu zu zeigen, und Fran von Ampach war dazu gern bereit; ich aber sah vom Hintergrund bed Salons bie ganze Herrlichkeit mit an; den» an jenem abenb war ich nicht wie vorgestern schon vor nenn Uhr ins Bett geschickt worben."
.Herr Kriminalrat," mischte sich jetzt plötzlich ber eine der beiben Beisitzer ein, „darf ich mir eine Bemerkung erlauben ?"
„Warum nicht?" versetzte Herr vou Lama, ein wenig erstaunt aufsehend; denn eS kam sehr selten vor, daß ein Beisitzer sich das Wort ausbat.
„Sie wiffen," fuhr ber ehrsame Bürger fort, „baß ch übet breifeig Jahre lang das Gold- und Silber- chmiebehaubwerk trieb, nnb da habe ich denn durch Erfahrung gelernt, wieviel dieses und jenes Stück wiegt. Nach dem Verzeichnis zu nrtdlen, müssen bie Silber- unb Goldgegenstände, ba erstere meist mit Blei auSgefüllt zu fein pflegen, zusammen wohl an hundert Pfund gewogen haben."
„Wohl, wohl," verfitzte bet Rtiminalrat; „aber ich kann nicht begreifen, wo hinaus Sie wollen."
„Hm!" meinte ber Beisitzer. „Eine solche schwere Masse von Golb» nnb Stlbenvaren trägt man nicht o mir nichts, bir nichts in ber Tasche ober in einem Köfferchen unter bem Mantel fort; fonbern es wäre vielleicht eine große Kiste ober Sack nötig gewesen, um ben gangen Vorrat zu transportieren.
(Fortfetznng folgfi)