Wöchentliche Beilagen: «reis-Blatt für die Kreise M-rbnrg Md Kirchhain.
Srfceb'tion Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Ang. Koch.
- Illustriertes ^Sonntagsblatt.
JS. 296
Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn» und Feiertagen. Quartal-Adonnement»-Preis bei der Expedition 2*/. Ml-, bei den Postämtern 2 Mk 50 Pfg. (exll- Bestellgeld). Jnserti'nsgedüdr für die gespaltene Zeile 1<> Psg., Reklamen für die Zeile 25 Pfg.
Marburg,
Sonntag, 18. Dezember 1887.
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. BlatteS, sowie d. Annoncen-Bureaux von Haasenstein und Vogler in Frankfurt a. M-, Caffel, Magdeburg u. Wien; Rudolf XXII. Hahraana. Moffe in Frankfurt a. Ä., Berlin, München u. Köln; G- L. V 1 » u
Daube u. Co. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover. Paris.
Unser Reich slranrler.
Die glücklicherweise unbegründete Nachricht von einer ernstlichen Erkrankung des Fürsten BiSmarck hat m allen Kreisen des deutschen Volkes eine ties- gehende Bewegung hervorgerufen. Wenn freilich in der freisinnigen Presse daraus der Schluß gezogen wird, daß Orgawisations-Anordnungen im Sinne einer Beschränkung der Amtsbefugnisse des Kanzlers notwendig seien, und wenn dabei insbesondere der Gedanke einer Trennung der äußevsn von der inneren Politik aufgewärnrt wird, so befindet sie sich in doppelter Beziehung auf dem Holzwege. Der überwiegende Einfluß des Kanzlers beruht nicht sowohl auf der formellen Ordnung des Geschäftskreises, sondern auf der alles überragenden Persönlichkeit, der überlegenen Staatskuust des Fürsten Bismarck und auf dem darauf gegründeten unerschütterlichen Vertrauen des Kaisers. Ties erhellt unzweifelhaft schon aus der einfachen Thatfache, daß trotz der kollegialen Verfassung des preußischen Staatsministeriums der Einfluß des Reichskanzlers in Preußen kaum geringer ist, als im Reiche. Wie nahe fich übrigens äußere und innere Politik berühren, lehrt ein einfacher Rückblick auf die letzte Reichstagssession. Die auf Erhaltung des Friedens gerichtete auswärtige Politik hätte von Erfolg nicht begleitet fein können, wenn es den Machinationen der Freisinnigen gelungen wäre, Deutschland militärisch und finanziell schwach zu erhalten.
Noch mehr aber, als bezüglich dieser Schlußfolgerungen, irren jene Preßstimmen in der Auffassung der Ursache jener Bewegung. Der von kleinlicher Erbärmlichkeit diktierte Grundgedanke der freisinnigen Partei, alles unter dem Gesichtspunkte zu behandeln, wie eine Verminderung des Einflusses, eine Schmälerung der Stellung des Staatsmannes, welchem Deutschland neben dem Kaiser in erster Linie die Herstellung des Reiches zu danken hat, ist eine Spezialität der Parteipolitiker jener Richtung, er findet in den Herzen des deutschen Volkes keinen Widerhall. Wenn jene Nachricht die Gemüter oewegte, so wirkte neben dem Gefühle der Dankbarkeit und der Bewunderung dabei vor allem das tief in Fleisch und Blut des Volkes eingedrungene Bewußtsein von der nahezu unersetzlichen Bedeutung mit, welche in so ernster Zeit für das Heil und Gedeihen Deutschlands darin liegt, daß das Staatsruder von der bewährten Hand des Fürsten Bismarck geführt wird. So lange dieser in so schweren Stürmen erprobte Steuermann das Staatsschiff lenkt, bewahrt das Volk das Gefühl der
Auter -er Maske.
Novelle von Antonie Haupt.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Es lag eine gewiffe Art von steifer Hoheit in ihrem Wesen, als fie auf ihn zukam mit den klanglos gesprochenen Worten: »Entschuldigen Sie den Aufzug, Herr Doktor; Sie sehen wich in meinem Btbliothek- kostüm. Ich wollte Sie nicht mehr warten lassen, da Konrad mir sagte, daß er mich schon längere Zeit gesucht habe.*
»Ob Tiutenschmarre, blaue Brille und Pechpflaster wohl auch zum Kostüm gehören?" dachte Heinrich, der fich doch eines kleinen Lächelns nicht erwehren konnte.
»Ich bedauere unendlich, verehrtes Fräulein, daß meine Dazwischenkunft Ihre gewiß sehr anregende Beschäftigung unterbrechen mußte,* begann er.
Mit etwas ungelenker Wurde winkte sie ihm, fich zn setzen.
»Meine Beschäftigung ist derart, daß sie jeden Augenblick ohne Nachteil unterbrochen werden kann,' sagte sie ruhig. »Ich habe mir die Aufgabe gestellt, die Bibliothek meines Vaters während feiner Abwesenheit ue« zu ordnen und zu katalogisiere» und gebente ihn bei seiner Rückkehr damit zu überraschen.*
»Was ihm gewiß nicht wenig Freude machen wird,* ergänzte Heinrich, der wirklich Mühe hatte, seine ernste Haltung zu bewahren. »Zu meinem größten Leidwesen erfuhr ich, daß Ihr Herr Vater verreist fei; ich wäre Ihnen daher sehr dankbar, wenn Sie mir seinen Aufenthaltsort verraten wollten,* fügte er bittend hinzu.
Die blauen Brillengläser funkelten wie prüfend zu ihm hinüber.
»Leider bin ich genötigt, Ihnen denselben verschweigen zu müssen. Da die Reise meines Vaters zu seiner Erholung dienen soll, hat der Arzt eS streng verboten, seine Adresse irgend jemand viflen zu lasse»,
Sicherheit und das volle Vertrauen in die Zukunft, wie immer bedrohliche Erscheinungen sich zeigen mögen. Es weiß, was es an seinem eisernen Kanzler besitzt, und gab diesem Gefühle vollen Ausdruck in der besagten Erregung, welche die Nachricht von der angeblichen Erkrankung des Kanzlers hervorrief. (N. R.-K.)
Deutsches Reich.
Berlin, 16. Dez. Der Kaiser nahm heute vormittag die Vorträge des Ober-Hofmarschalls Grafen Perponcher, sowie des General-Intendant» n der König!. Schauspiele Grafen Hochberg entgegen, empfing hierauf den russischen Militärattache Domojirow und nahm eine große Anzahl militärischer Meldungen entgegen. Nachmittags machte er eine Spazierfahrt und empfing nach der Rückkehr den deutschen Boffchafter am russischen Hofe General von Schweinitz. — Zn der gestern abgehaltenen Plenarsitzung des Bundesrats führte zunächst der Staatsminister, Staatssekretär des Innern von Bötticher, später nach eingetretener Behinderung desselben der Königlich bayerische Gesandte, Graf von Lerchenfeld-Koefeiing, den Vorsitz. Der Vorsitzende machte zunächst Mitteilung über den Beschluß des Reichstages zu der Denkschrift, betreffend die Ausführung der Anleihegesetze, Die Zustimmung wurde erteilt: den Gesetzentwürfen, betreffend die Verlängerung der Gültigkeitsdauer des Gesetzes gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie, über den Schutz von Vögeln, und über den Erlaß der Witwen- und Waisengeld-Beittäge von Angehörigen der Reichs-Zivilverwaltung, des Reichsheeres und der Marine. Die Anträge der Ausschüsse für Zoll- und Steuerwesen bezw. für Handel und Verkehr und für Rechnungswesen, betr. die Zuschlagssteuer für landwirtschaftliche Brennereien, die Vergütung der durch die Besteuerung des Branntweins erwachfenden Verwaltungskosten, die Besteuerung des Branntweins in landwirtschaftlichen Preßhefebrennereien und die Abfertigung des Branntweins zur Versendung, wurden genehmigt. Im Anschluß hieran wurde über eine Reihe von Eingaben, welche gleichfalls steuerliche Fragen zum Gegenstand hatten, Entscheidung getroffen. Mit der Anrechnung einer längeren als der gesetzlich pensionsfähigen Dienstzeit bei Festsetzung des Ruhegehaltes eines Reichsbeamten, sowie mit der Bildung einer Berufsgenossenschaft der Unternehmer land- und forstwirtschaftlicher Betriebe für das Gebiet des Herzogtums Sachsen-Altenburg erklärte sich die Versammlung einverstanden und beschloß, einem Gesuch wegen Anerkennung der in Amerika erteilten Diplome als Doktor der Zahnheilkunde keine Folge zu geben.
weil sonst, wie gewöhnlich, Fragen aller Art an ihn herantreten würden, die ihn keine Ruhe genießen ließen.*
Tannhausen blickte finster vor sich hin. Das war doch gar zu unfreundlich! »Dann bitte ich um Vergebung, daß ich meine unbescheidene Bitte Ihnen vor. getragen,* sagte er kühl und wollte fich erheben.
Eine hölzerne Geste des Fräuleins schien ihn jedoch daran verhindern zu wollen; zugleich dämmerte etwas in ihren Gesichtszügen, das man mit einiger Phantasie für ein Lächeln hätte halten können.
»Wenn Sie mir Ihr Anliegen vertrauen wollen- so bin ich gern bereit, meinem Vater darüber zu schreiben,* sagte sie eintönig.
»Sie sind gar zu gütig, mein Fräulein!* rief Tannhausen erfreut. »Ich nehme Ihr Anerbieten dankbar an.*
Darauf begann er mit kurzen Worten ihr die ganze Sachlage zu schildern.
Die junge Dame lauschte mit gespannter Aufmerksamkeit, zuweilen machte sie sogar Bemerkungen, die von großem Verständnis zeugten, und als er geendet sagte sie mit der gleichen kalte» R»he:
.Lasse» Sie mir Ihr Werk hier, Herr Doktor, ich werde es noch heute meinem Vater einfenbe», samt den genaueren Mitteilungen, bte Sie mir darüber gemacht. In acht Tagen, hoffe ich, können Sie die Antwort hier in Empfang nehmen.'
»Ich bin Ihnen sehr, sehr dankbar, mein Fräulein," versicherte Tannhausen und verabschiedete sich dann mit der liebenswürdigste» Verbeugung, die ihm von Seiten der Dame antomateuhaft erwiedert wurde.
S'hnsüchttge» Blickes wandelle Heinrich bann langsam durch die Straßenreihe, deren Schätze in hohem Grade seine Bewunderung erregten. Wie gerne hätte er Stunden, ja Tage hier zugebracht, um die Sammlungen »ach Herzenslust besichtigen zu können.
AIS er daS Haus verließ, war sein Blick nach inn'n gekehrt, das seltsam starre Bild deS jungen Mädchens verfolgte ihn. „Das war also dec ge-
Dem Verbände von Glaser-Innungen Deuffchlands in Berlin wurde auf Grund des § 104h der Gewerbeordnung die Befähigung beigelegt, unter seinem Namen Rechte, insbesondere Eigentum und andere dingliche Rechte zu erwerben, Verbindlichkeiten einzugehen, vor Gericht zu klagen und verklagt zu werden. Endlich wurde über die Vermehrung der Schiedsgerichte der Tiefbau-Berufsgenoffenschaft, über die Unfallversicherung der Ofensetzer, Stubenbohner und ähnlicher Bauhandwerker und über die geschäftliche Behandlung der Vorlage, betr. die Inkraftsetzung des Bauunfall- und des Seeunfallgesetzes, Beschluß gefaßt. — Dem Reichstage ging der Rechenschaftsbericht über die Verhängung des kleinen Belagerungszustandes über Frankfurt und Umgebung zu. Er entspricht nach Form und Inhalt den ähnlichen früheren Berichten. Es sei gelungen, durch die. Ausweisung von etwa 50 Agitatoren der gefahrdrohenden Ausbreitung der Sozialdemokratie Einhalt zu thun. Die geheime Organisation sei aber, wie der letzte Geheimbundsprozeß Mchgewiesen, nicht vollständig zerstört. Es würden regelmäßige Geldbeiträge eingezogen und über 400 Exemplare des „Sozialdemokrat" regelmäßig eingeschmuggelt. Starken Rückhalt finde die Bewegung in einer größeren Zahl gewerkschaftlicher Vereine und Hülsskassen, namentlich den zentralisierten eingeschriebenen Hülfskaffen für Krankenversicherung, die alle unter sozialdemokratischem Einflüsse stehen. Die revolutionäre Richtung habe in Frankfurt die Oberhand und darauf sei der Verlust des Ansehens der gemäßigteren Parteiführer bei den Frankfurter Genossen zurückzuführen. Auch Genoffen der anarchistischen Gruppe befinden sich noch in Frankfurt. — Die Wahlprüfungs-Kommission des Reichstags erklärte die Wahl Richters (Hagen) für ungültig wegen des Verbots von sozialdemokratischen Wahlversammlungen. — lieber die Kommandierung von Militärmusikern zur akademischen Hochschule für Musik veröffentlicht der Kriegsminister neue Bestimmungen. Danach ist der Zweck des auf drei Jahre bestimmten Kommandos, besonders begabte Militärmusiker durch höhere künstlerische Ausbildung und praktische Unterweisung für die Stelle eines Stabshoboisten (Stabshornisten, Stabstrompeters) vorzubereiten. Hervorragende musi- kallsche Begabung, tadellose Führung, Charakterfestigkeit, allgemeine Bildung und eine Dienstzeit von mindestens drei Jahren sind im wesentlichen die Anforderungen, die an den Anwärter gestellt werden, der sich einer Aufnahmeprüfung unterziehen und fich verpflichten muß, nach feiner Rückkehr von der Hochschule für jedes Jahr des Aufenthalts auf der Anstalt
fürchtete Blaustrumpf — noch viel absonderltcher und abgeschmackter, als ich erwartet."
Heinrich lachte laut auf, als er fich die eigentümliche Figur im schwären Talar zurückcief und sich dabei ihre hölzerne Verbeugung vergegenwärtigte. Wenn sein Vater das Zerrbild doch hätte sehen können.
Auffallenderweife mußten feine Gedanken auch in der daraus folgenden Woche sich ungemein viel mit der ungelenken Professorstochter beschäftige». Es lag etwas in ihrem Wesen, daS ihm Interesse ein« flößte, ohne daß er es wollte. „Ob man wohl Leben tn diese Gliedergruppe bringen könnte?" fragte er sich hundertmal. Dann wieder plagte ihn der Gedanke, wie sie wohl auSsehe» möchte ohne die schmückenden Beigaben des widerwärtige» Netzes, der Brille, des Pflasters und der Tintenklexe. „Wie ist es nur möglich," dachte er b-i sich, „daß ein weibliches Wesen so wenig Eitelkeit besitzt, fich einem Manne so unvorteilhaft zu zeigen, und wie ist es möglich, daß ich mich für dieses Geschöpf interessiere!" Nichtsdestoweniger konnte er aber den Tag kaum erwarte», an dem er feinen Besuch wiederholen durfte; eS war ja auch so natürlich, daß er auf die Antwort deS Professors gespannt war.
Als die festgesetzte Stunde endlich gekommen, begab er sich freudestrahlend auf den Weg, nicht ohne vorher die sorgfältigste Toilette gemacht zu haben.
„Wie fie heute wohl aussehen wag?" dachte er bei sich, als er wieder vor dem düsteru Hanse stand und der freundliche alte Bediente ihm die Thüre öffnete.
Diesmal geleitete er ihn ohne vorherige Anmeldung die Treppe hinaus mit den Worten: „Fräulein Valerie ist i» der Bibliothek," und verließ ihn dann.
Erwartungsvoll durchschrittt Tannhausen die hohen Gemächer, bis er endlich in dem letzten derselben die junge Dame emsig beschäftigt vorfand.
Sie saß an einem altertümlich geschnitzten Schreibpult, rechts und links von hohen Bücherwällen umgeben, die fie in einen Katalog eintrug wrd mit
zwei Jahre im Heere aktiv zu dienen. Die Kommandierten erhalten 15 Mark monatliche Zulage. Bei Besetzung von Stabs-Hoboisten- :c. Stellen werden die Hochschüler in erster Linie berücksichtigt.
— lieber das Befinden des Kronprinzen geben wir folgende Zusammenstellung der neuesten Nachrichten. Die „Nordd. 2111g. Zeitung" schreibt: Mit der neuesten Berufung des Dr. Mackenzie nach San Remo sind in der Presse die Erörterungen über das Befinden des Kronprinzen wieder in der Vordergrund getreten, und lange Telegramme, welche zum Teil auf Dr. Mackenzies eigene Mitteilungen, zum Tell auch auf Informationen des Sohnes von Dr. Mackenzie sich berufen, und ebenso pessimistisch lauten, wie wenige Tage vorher in den nämlichen Blättern optimistische Darstellungen verbreitet wurden, haben die weitesten Kreise neuerdings in hohem Grade bekümmert. Die gestern eingetroffene authentische Veröffentlichung der behandelnden Aerzte wird wohl dazu beitragen, den Eindruck übertriebener Darstellungen auf das richtige Maß znrückzusühren und namentlich daran zu erinnern, daß jene Darstellungen — mochten sie mit der Autorität welchen Namens immer auftreten — doch in keinem Falle aus unmittelbarer, persönlicher Wahrnehmung geflossen fein konnten. Sehr berechtigt bemerkt denn auch ein Korrespondent der „Magdeb. Ztg.", man möge stets vor unkontrollierbaren Allarmberichten auf der Hut fein, denn über alle medizinischen Einzelheiten werde an den entscheidenden Stellen nach wie vor unverbrüchliches Stillschweigen beobachtet und alles, was an derartigen Mitteilungen hier und dort auftauche, feien lediglich Vermutungen, für welche die allein befugten Stellen jede Verantwortlichkeit ablehnen." Gegenüber den in den letzten Tagen verbreiteten Nachrichten wird uns nun von wohlunterrichteter Seite mitgeteilt, daß die jetzige Reise des Dr. Mackenzie nach San Remo nicht aufgrund einer besonderen Veranlassung erfolgt, sondern bereits seit längerer Zeit für Mitte Dezember in Aussicht genommen war. Eine Bestätigung unserer Auffassung jener neuesten allarmierenden Meldungen finden wir ferner in einer Londoner Depesche des „W. T. B.", dem am heutigen Morgen berichtet wird: Nach dem Hofbericht vom 15. d. M. abends erhielt die Königin einen beruhigenden Bericht aus San Remo. Viele Zeitungs- depefchen seien entweder unrichtig oder übertrieben. — Aus San Remo, 15. Dezember, Abends, berichtet „W. T. B.": Dr. Mackenzie ist heute Abend 71/» Uhr hier eingetroffen: derselbe begab sich bald nach seiner Ankunft in die Villa Zirio. Ihre kaiserl. und
Nummern versah, während sie ein Gestell fast vollständig abgeräumt hatte.
Bei feinem Eintritt erhob sie sich und schritt ihm langsam, wie mechanisch bewegt, entgegen. Es war ganz und gar dieselbe Erscheinung, mte vor acht Tagen.
Heinrichs Eitelkeit fühlte fich ein klein wenig gekränkt, daß das merkwürdige Geschöpf eS nicht der Mühe wert gehalten, seinetwegen ein kleidsameres Gewand anzulegen. Nicht einmal das verunstaltete Pflaster auf der Nase war gewichen, die Ttuten- schmarre auf der Wange allerdings schien den Sein» lichkeitSbestrebnngen unterlegen zu fein, dafür aber wiesen die feinen Finger, die ihm sein Manuskript samt einem mächtigen Briefe entgegenhielten, desto mehr Spuren bet schwarzen Flüssigkeit auf.
, Hier Ihre Arbeit und einen Brief von meinem Vater," sagte sie nun kurz.
„Ah, welch große Liebenswürdigkett des Herrn Professors, die ich wahrlich nicht verdiene!" rief er freudig. „Wenn Sie gestatten, verehrtes Fräulein, so werde ich von dem Inhalte deS Schreibens sofort Kenntnis nehmen."
„Bitte recht sehr! ES liegt auch mir daran, zu erfahren, ob die Ansichten meines Vaters mit de» Ihrigen überetnftimmen," versetzte sie, indem fie ihm würdevoll einen Stuhl anbeutete.
Mit großer Aufmerksamkeit las Heinrich die Krackelfüße des Professors durch, dann jubelte er:
„3br Herr Vater ist vollständig mit meiner Arbeit einverstanden, er verfichert mir, fie mit Interesse gelesen zu haben, und nennt meine Beweisführung sogar genial."
»Wie mich das freut," sagte sie ruhig.
Der junge Mann sah zu ihr hinüber. Keine Miene tn ihren starren, unbeweglichen Zügen verriet jedoch, daß der Ausspruch ihr von Herzen kam.
»Ich bin Ihnen, meta Sräulein, zu doppeltem Danke verpflichtet für die freundliche Teilnahme, die Sie mit schenken, und liebenswürdige Sermittlnng, die Sie mir bet Ihrem Herrn Vater angedeihen ließen."