Wöchentliche Beilagen: Kreis - Blatt für die Kreise Marburg und Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.
Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck und Berlag von Joh. Ang. Loch.
M 278.
Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn» und Feiertagen. — Quartal-AbonncmentS-Preis bei der Expedition 2‘/4 Ml., bei den Postämtern 2 Ml 50 Pfg. (exkl. Bestellgeld). Jnsertionsgebühr für di- gespaltene Zeile 10 Pfg., Reklamen für die Zeile 25 Pfg.
Marburg,
Sonntag, 27. November 1887.
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatte-, sowie d. Annoncen-Bureaux von Haasenstein und Vogler in Frankfurt a. M., Cassel, Magdeburg u. Wien; Rudolf XXII X'flDrÖttttfl. Moffe in Frankfurt a.M., Berlin, München «.Köln; GL. *x) *7 o o
Daube u. Co. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover. Paris.
Erstes B>aN.
Wochenschau.
Kaiser Wilhelm hat die Anstrengungen der Kaiserbegegnung ohne nachteilige Folgen überstanden. Ein kleiner Katarrh verging ebenso schnell wieder, wie er gckomnien, und wenn der greise Monarch in dieser Woche keine Ausfahrten unternahm, so lag das an der außerordentlich ungünstigen Witterung, aber nicht an seinem Befinden. Ter Kaiser erschien Tag für Lag ani Fenster seines Arbeitszimmers und beantwortete mit freundlichem Dank die ihm entgegengebrachten herzlichen Begrüßungen. Zu der guten Stimmung des kaiserlichen Herrn haben auch die dtsseren Nachrichten vom Kronprinzen aus San Remo viel beigetragen, nach denen wenigstens eine augen- Ilickliche Gefahr ausgeschlossen ist. Das Allgemeinbefinden des Kronprinzen bleibt gut, Athmung und Schlucken sind durchaus schmerzlos und frei. Die Frau Kronprinzessin hat unter großer Anteilnahme der Bewohner von San Remo am Montag ihren 47. Geburtstag gefeiert. Prinz Heinrich von Preußen ist zum Besuch bei seinen Eltern angekommen. Die zahlreichen Teilnahmebezeugungen haben einen geradezu kolossalen Umfang gewonnen, namentlich fehlt es nicht an der Angabe von Mitteln wider den Krebs. Ter Kronprinz hat seine innige Freude über die allgemeine Sympathie geäußert.
Der Reichstag ist vom Staatssekretär v. Boetticher in Vertretung des Fürsten Bismarck eröffnet worden.
Das deutsche Parlament beginnt diesmal seine Arbeiten in sorgenvoller Zeit, die Krankheit des Kronprinzen wirft seine Schatten über das ganze deutsche Reich. Der Reichstag wird deshalb ernst an die Lösung seiner Aufgaben herantreten, aber zum Wohle der Nation wird er sich ihnen doch mit vollem Eifer und aller Pflichttreue widmen müssen.
Von den Ereignissen des Zarenbesuches in Berlin wurde am meisten beachtet und besprochen die Audienz des Reichskanzlers beim Kaiser Alexander. Ueber den Gegenstand dieser Unterhaltung sind bis jetzt ganz sensationelle Enthüllungen veröffentlicht worden. Vielleicht giebt es also noch ein bedeutsames Nachspiel. Fürst Bismarck ist zu anfang der Woche nach Friedrichsruhe zurückgekehrt, nachdem er vorher noch vom Kaiser Wilhelm empfangen war und den Besuch des Prinzen Wilhelm im Reichskanzlerpalais erhalten hatte.
In Wien sind zu Anfang der Woche die Delegationen mit dem Danke des Kaisers vertagt worden. Die Verhandlungen sind noch niemals so ruhig verlaufen, wie gegenwärttg.
Die italienische Königsfamilie hatte den Entschluß gefaßt, dem Papste zu seinem Jubiläum ebenfalls ein Geschenk darzubringen. Man hatte im Vatikan durch eine Mittelsperson anfragen lassen, ob der heilige Vater eine solche Gabe annehmen würde. Der Pabst hat indeffen zur Vermeidung von Mißverständnissen, die aus dieser Höflichkeit entstehen könnten, das Geschenk dankend abgelehnt.
Eine so bunte Woche wie die letztvergangene hat Frankreich seit langer Zeit, nicht gehabt, und noch ist
Der Himmel nicht völlig geklärt. Daß die schmutzige Wilson-Affaire auf die Regierung und den Präsidenten der Republik, Herrn Grevy, unheilvoll zurückwirken würde, ließ sich voraussehen und so ist es auch richtig gekommen. Das Ministerium hat zwar selbst den Antrag in der Kammer eingebracht, Wilson unter gerichtliche Verfolgung zu stellen, und btefer Antrag ward angenommen, aber seine Bemäntelungsversuche der ganzen Angelegenheit hatten ihm den Boden unter den Füßen entzogen und so gelang es dem radikalen Führer Clemenceau, ein Mißtrauensvotum in der Deputiertenkammer durchzubriugen und das Kabinett Rouvier lag damit im Graben. Präsident Grevy wollte an die Bildung eines neuen Ministeriums gehen, aber da zeigte sich, daß auch seinem Ansehen Wilson den Todesstoß gegeben. Alle bekannten Staatsmänner machten die Uebernahme der Kabinettsbildung von Grevys Rücktritt abhängig. Der alte Herr sträubte sich nach Kräften, aber zuletzt blieb ihm nichts anderes übrig, als in den sauren Apfel zu beißen. Mit einer Proklamation an die Nation wird er von seinem Posten zurücktreten. Der greise Mann ist wahrhaft zu bedauern, sein Sturz wird durch die gegen Wilson bewiesene Schwäche herbeigeführt. Aber warum gab er feinem Nichtsnutz von Schwiegersohn nicht längst den Laufpaß? Jetzt hat er den Schaden für feine Unterlassungssünde zu tragen. Wer zu Grevys Nachfolger als Präsident der Republik gewählt werden wird, läßt sich vor der Hand noch gar nicht absehen. Auch das zu bildende neue Ministerium wird sich bei den verwirrten Parteivcr- hältnissen in der Kammer nicht lange halten können,
und als besonderer Knalleffekt bleibt deshalb immer noch die Auflösung der Deputiertenkammer in Aussicht. Boulanger ist immer noch in Paris; er rechnet stark auf seinen Wiedereintritt in das Ministerium.
In London sind die letzten Tage ruhig verlaufen. Am Sonntag hielten die Radikalen zwar mit Musik und Fahnen eine große Protestversammlung gegen die irische Politik der Regierung ab, aber Störungen kamen nicht vor, da die Sozialisten fern geblieben waren.
Der Zar hat bei seiner Heimkehr nach Rußland einen heiteren Empfang gehabt. Die Nihilisten haben eine neue große Aktion begonnen; in allen Bezirks - haupstädten sind tausende von nihilistischen Proklamationen verteilt worden. Die Polizei hat eine Anzahl von nihilistischen Geheimdruckereien und ein Dynamitmagazin aufgehoben, auch sehr viele Verhaftungen vorgenommen, aber ausgerottet ist die nihilistische Propaganda damit doch noch nicht. Immer neue Flugblätter sind erschienen.
Vermischtes.
— Die junge Kunstreiterin Miß Lillie Ruzky feiert feit einigen Jahren in England große Triumphe, besonders applaudierte das Publikum wütend, wenn sie auf ihrem Schimmel „Blanco" die hohe Schule ritt. Vor einigen Tagen erkrankte „Blanco" und verendete trotz der sorgfamsten Pflege. Als Miß Ruzky die treuen Augen des Tieres, dem sie ihre Triumphe verdankte, gebrochen sah, erfaßte sie wilde Verzweiflung, sie sprang ans dem Stalle, eilte in die Manege und schoß sich eine Kugel ins Herz.
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