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Wöchentliche Beilagen: Kreis-Blatt für die Kreise Marburg und Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.

Expedition Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Sag. Koch.

J/s. 268.

Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn» und Feiertagen. Quartal-Abonnements-Preis bei der Expe­dition 2* */4 Mk-, bei den Postämtern 2 Mk 50 Pfg. (exkl. Bestellgelds. Jnsertionsgebübr für die gespaltene Zeile 10 Pia-, Reklamen für die Zeile 25 Pfg.

Marburg,

Mittwoch, 16. November 1887.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d- Blattes, sowie d. Annoncen-Bureaux von Haasenstein und Vogler in Frankfurt a. M-, Cassel, Magdeburg u. Wien; Rudolf Moffe in Frankfurt a. M., Berlin, München u. Köln; G-L. Daube u. Co. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover. Paris.

XXIL Jahrgang.

Der Kronprinz.

Die Nachrichten aus San Remo über die Krank­heit unseres geliebten Kronprinzen lauten sehr ernst und geben zu den schlimmsten Befürchtungen Anlaß. Dazu kommen weitere Befürchtungen wegen des Be­findens der Kaiserin und der tiefe Ernst dieser Nach­richten wird erhöht durch den Hinblick auf unseren teueren Kaiser, der soeben erst selbst von einem ernst­lichen Unwohlsein sich erholt, soweit das auf dieser die Grenze des gewöhnlichen Menschenlebens weil überragenden Höhe des Alters möglich ist. Noch vor kurzem erfreuten wir uns an Bildern, welche die vier Generationen unseres Königshauses in den Ge­stalten unseres Kaisers, der herrlichen kraftvollen Heldengestalt des Kronprinzen, der geschlossenen, energischen Erscheinung des Prinzen Wilhelm und der lieblichen Kindergestalt seines ältesten Söhnchens zur herzerquickenden Anschauung brachten! Und nun sind wir schon um die herrliche Gestalt unseres Kron­prinzen in die schwersten und bängsten Sorgen versetzt.

Am Sonntag nachmittag erstattete im kaiserlichen Palais zu Berlin Dr. Schmidt dem Kaiser in Gegen­wart ves Geheimrats von Bergmann und des kaiser­lichen Leibarztes Professor Leutholdt Bericht über die Krankheit des Kronprinzen. Der Inhalt des Berichts ist, wie man derK. Zig." meldet, dahin zusammenzufassen: Die Untersuchung hatte ergeben, daß das krebsartige Leiden des Kronprinzen sich im Kehlkopfe so verbreitet habe, daß weder eine teil­weise , noch eine völlige Exstirpation des Kehlkopfes ratsam erschienen wäre, daß es vielmehr angezeigt erscheine, durch innere Arzneien das Leiden zu be­handeln und so dem Kronprinzen das Leben zu fristen. Von einer nahe bevorstehenden Rückkehr des Kronprinzen nach Berlin ist jetzt nicht die Rede; es wurde vielmehr bei der herrlichen Temperatur eine Verlängerung des Aufenthaltes beschlossen. An anderer Stelle gilt die Heimkehr des Kranken für wahrscheinlich. Sollten besondere Zwischenfälle, Atem­not u. s. w., eintreten, so würde dennoch der Luft- röhrenschnitt vorgenommen und dieser wohl von Professor von Bergmann ausgeführt werden. Die letzte Veröffentlichung imStaats-Anzeiger" wurde in San Remo auf Wunfch des Kronprinzen be­schlossen, um irrtümlichen Auffassungen, welche durch die günstigen Nachrichten entstehen konnten, vorzu­beugen. Ter Kaiser hörte den Vortrag des Dr. Schmidt mit gespanntester Aufmerksamkeit an und bewies durch verschiedene an den Arzt gestellte Fragen, daß er von dem Gange der Krankheit des Kron-

Böses Gewissen.

Original-Roman von Lr. Rind le r.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung statt Schluß.)

»Das ist Dein Werk!" wiederholt« n seine Lippen flüsternd, dann brach er lautlos zu Füßen des Sarges zusammen.------------

Als er aus feiner Ohnmacht wieder erwachte, lag er auf einem Divan in einem Nebenzimmer. Sein erster Blick fiel durch die geöffneten Thüreu wieder auf den schwarzen Katafalk, der ihm erbarmungslos zeigte, daß eS nicht nur ein entsetzlicher Traum ge­wesen, der ihn gequält. Da vor ihm stand Tante Martha; er fuhr empor, ergriff ihre Hand mit so festem Druck, daß es sie schmerzte, und fragte mit krampfhaftem Zucken der Lippen und heiserer Stimme, indem er auf den Katafalk deutete: »Wer, wer ist das dort!" und wieder antwortete dieselbe harte Stimme, die vorher jene entsetzlichen Worte gesprochen: »Das ist die kleine Grethe von Ar yssee, das rechtmäßige, einzige Kind des Baron Joachim von Hindelang, die Erbin seines Namens und feines BesttztumS, getötet durch Deinen Treubruch!"

Der Körper des jungen Mannes zuckte bei jedem ihrer Worte zusammen und bäumte empor unter dieser furchtbaren Anklage, der er nichts entgegen- zusetzen batte, gar Nichts.

»Wußtest Tu nichts von ihrer Namens-Aenderung ?"

Er schüttelte den Kopf es wollte kein Laut aus seinem Munde kommen.

»Und ihre Briefe? Ich weiß, daß Du fie richtig erhieltest."

Er neigte den Kopfaber ich laS sie nicht" rang es sich fast keuchend von feinen trockenen zuckenden Lippen.

Ein Blick tiefster Verachtung und doch so voll berzzerreißenden Jammers ans den Augen der alten Dame, die er bisher nur voller Freundlichkeit und Liebe gesehen, traf ihn; dann verließ sie schweigend

Prinzen aufs genaueste unterrichtet war; im übrigen nahm der Kaiser den Bericht mit tiefem Ernste und bewundernswerter Fassung entgegen.

DieNationalzeitung" meldet über die ärztlichen Konferenzen betreffs des Kronprinzen: Der Kaiser empfing gestern nachmittag in halbstündiger Audienz den Dr. Schundt-Frankfurt im Beisein des General­arztes Dr. Leutholdt und des Professors v. Berg­mann. Der Kaiser hörte den Vortrag mit gespann­ter Aufmerksamkeit an, bewies durch Zwischenfragen, daß er von der ganzen Angelegenheit auf das ge­naueste unterrichtet sei, und nahm den Bericht tief­ernst und bewundernswert gefaßt entgegen. Hierauf erfolgte die Berufung des Generalarztes Wegner, sowie der Professoren v. Bergmann, Gerhard und Tobold zu dem Minister des König!. Hauses Grafen Stolberg, wo noch Schmidts mündlichen Erläuterungen eine Konsultation behufs Abgabe eines Gutachtens stattfand. Die Aerzte haben in San Remo ein­stimmig den Kreps beim Kronprinzen konstatiert; der Sitz des Geschwulstzentrums rst am linken Gießbecken- knorvel, an derselben Stelle, wo die deutschen Aerzte ihn im Frühjahre gesehen und erkannt haben. Da der Kronprinz nach einstündiger Bedenkzeit die Heraus­nahme des ganzen Kehlkopfes abschlug, wurde im Falle von drohenden Erscheinungen der Luftröhren­schnitt beschlossen. Die bei dem Minister des König!. Hauses behufs eines Konsiliums versammelten Aerzte erklärten, dem in San Remo abgegebenen Gutachten zuzustimmen. lieber den ferneren Aufenthalt in San Remo ist gestern noch nichts beschloffen worden.

Wie aus San Remo telegraphiert wird, ist die Geschwulst', welche zu dem Kehlkopfleiden des Kron­prinzen hinzugetreten war, fast ganz gewichen. Der Kronprinz wird heute bei günstigem Wetter wieder einen Spaziergang unternehmen. Als behandelnder Arzt bleibt Dr. Krause in San Remo; Sir Morell Mackenzie ist schon abgereift. Aus ärztlichen Kreisen werden wir darauf aufmerksam gemacht, daß Mackenzie in «seinem 1880 herausgegebenen Werke über Kehl- kapfkrankheiten, I. Band Seite 462, folgenden Aus­spruch gethan hat:Was die endolaryngeale Behand­lung betrifft, so braucht nur bemerkt zu werden, daß die radikale Entfernung eines undeutlich abgrenzenden Tumors nicht in genügender Weise mittels dieser Art der Behandlung vorgenommen werden kann." Wenn es richtig ist, wie ohne Widerspruch behauptet wird, daß Mackenzie Operationen am Kehlkopf nur durch den Mund, also endolaryngeal, vornimmt, nicht aber Operationen von außen her, die er den Chirurgen überläßt, so lehrt der jetzige Stand der Krankheit,

das Zimmer. Nachdem sie gegangen, fuhr auch Fritz empor.

Nur nicht allein fein mit jenem tobten Mädchen, auf b« ff en bleicher Stirn deutlich eine Anklage gegen ihn zu lesen stand. Er stürzte aus dem Hause, in sinn- loser Hast die Straße hinab. ES war mittlerweile draußen dunkel geworden. Aus dem Potsdamer Platz, die Leipziger Straße hinab Dei breiteten die elektrischen Lampen fast Tageshelle. Plötzlich überfiel ihn eine Schwäche, daß er sich auf die zur Seite des Denk­mals des alten Wrangel befindlichen Bänke einen Augenblick nieberlaffen mußte. Er lehnte den Kops an die Eifenstäbe des Gitters zurück, nm bte in feinem Hirn hastenden Gedanken und Vorstellungen sich beruhigen zu lassen; aber das entsetzliche Wort: Das ist Dein Werk, denn Dein Treubruch hat fie getötet," verfolgte ihn unaufhörlich. Wenn es hier eine Heilung gab gegen den Wahnsinn, der mit diesen Worreu seine ersten Schatten über fein klares Denken zu werfen begann, so konnte er fie nur bei Hortense finden, bei ihr, um deretwillen die kleine Grethe sterben wußte; an ihrem Herzen, in ihrer Liebe. Aber da zuckte plötzartig ein neuer, schrecklicher Ge­danke durch fein Hirn, der ihn feine Schwäche ver­gessen ließ, der ihn emporschnellte von feinem Ruhe­platz und ihn die Straßen entlang hetzte. DaS war Gedanke:Woran ihr sündigt, damit sollt ihr ge. ftraft werden'" Wenn Hortense mit ihm es machte wie er mit jener

Er fuhr mit beiden Händen an die brennende Stirn; aber dieser Gedanke war ja schon Wahnsinn. Hortense ihm unken!? O, eher konnte der Himmel etnstürzen! Aber dennoch Und wieder erwachte die Eifersucht der letzten Zeit in ihm mit tausend­fältiger Qual. Und wohin er blickte, las er in Flammenschrift die drohenden Worte: »Woran ihr sündigt, damit sollt ihr bestraft werden!"

Da war er beim Eingang zum Hotel angekommen. Auf der Treppe begegnete er dem Kammermädchen Hortensens.

daß Mackenzie schon längst aus seinem eigenen Werke seine Unzulänglichkeit hätte erkennen und auf die Zu­ziehung eines Chirurgen dringen müssen.

Nach demKleinen Journal" äußerten beide Aerzte, Schmidt und Bergmann, die Meinung, daß die Operation schon vor Monaten hätte geschehen müssen; der Verzug vermindere die Aussicht auf Erfolg und die Verantwortung des Operateurs. Aber die Möglichkeit der Genesung sei vorhanden.

Nach derÜreuzzeitung" erklärte der Kron­prinz, er wolle keine Operation, er lege sein Schicksal in Gottes Hand. Die Aerzte Prof. v. Bergmann, Gerhardt und Tobold erklärten vor dem Hausminister, daß sie mit den Ergebuiffen der Konsultation in San Remo übereinftimmen. Nach derNat.-Ztg." geht das einstimmige Urteil der in San Remo versammelten Aerzte dahin, daß der ganze Kehlkopf gleichmäßig vom Krebse und daß auch die Lymphdrüseu mit ergriffen seien und daß die völlige Exstirpation unvermeidlich sei. Einstweilen ist nach dem Verzichte des Kron­prinzen auf die Operation die Verlängerung des Aufenthaltes in San Remo beschloffen worden. DaSBerl. Tagebl." will toiffen, der Kaiser habe entschieden, der persönliche Wille seines Sohnes habe betreffs der Operation den Ausschlag zu geben. Die Operation ist also definitiv aufgegeben. Nach den allerletzten Meldungen ist das Oedem geschwunden und das Allgemeinbefinden des Kronprinzen ein gutes.

Der Berichterstatter derFranks. Ztg." meldet: Auf Grund einer Unterredung mit einer in der An­gelegenheit maßgebenden Persönlichkeit kann ich über die inbetreff der Krankheit des Kronprinzen getrof­fenen Entscheidungen authentisch Folgendes mitteilen: Die Aerzte sind nach der letzten Untersuchung ein­stimmig zu dem Resultat gekommen, daß das Leiden Krebs ist, und sie sind ebenso einstimmig, daß die einzige Operation die möglich wäre, in Exstirpation des ganzen Kehlkopfs bestände. Denn das Krebs­geschwür greift auf beiden Seiten des Kehlkopfs über. Die Chancen einer totalen Kehlkopf- Exstirpation sind aber sehr unsicher und auch, wenn die Operation gelingt, ist die Möglichkeit von Rezidiven nicht aus­geschlossen. Andererseits weiß man, daß Krebs des Kehlkopfes zuweilen mehrere Jahre lang bei verhält­nismäßig gutem Allgemeinbefinden andauert, ohne das Leben zu gefährden. Nachdem der Kronprinz über den Stand der Sache vollkommen aufgeklärt worden war, hat er sich entschieden, daß die Operation nicht stattfinden solle. Dr Schmidt aus Frankfurt a. M. hat gestern in einer langen Audienz dem Kaiser aus­führlichen Vortrag über den Stand der Sache ge­

»Jst das gnädige Fräulein zu Hause?" fragte erste.

»Jawohl, eS ist Besuch da!"

»Wer?"

Ich weiß nicht. Erst kam ein Mann mit einem Brief, dann antwortete das gnädige Fräulein mit ein paar Zeilen und bald darnach Hütte ich im Salon sprechen. Aber dann kam das gnädige Fräulein und übertrug mir mehrere Besorgungen, die ich noch vor dem Souper machen muß."

Schon gut!" Und mit leichtem Gruß ging er vorüber. An dem nächsten Treppen-Absatz aber blieb er stehen und bedeckte die Augen mit der Hand, als schwindele ihm. Dann stieg er weiter hinauf in seine Zimmer. Sie lagen denen Hortensens gegenüber an dcm langen Korridor. Drinnen sand er Joseph b<- schäftigt, einen Teil feiner Sachen aus einem Koffer tn einen anderen zu räumen, lieber Tiscke, Stühle und Fußboden lagen die verschiedensten Dinge bunt durcheinander verstreut. Er schickte den Diener mit einem wichtigen Auftrag fort, und als dieser ge­gangen, schlich er sich leise an Hortensens Schlaf, gemach, öffnete vorfichttg lautlos die Thür, schloß sie hinter fich wieder und schlich bann langsam, jedes Geräusch ängstlich vermeidend, zu der Thür, welche das Schlafzimmer mit dem Salon verband. Mit angehaltevem Atem neigte er fich zum Schlüsselloch nieder. In dem Salon brannte die Lampe schon und so konnte er durch die kleine Oeffnnug einen großen Teil des Zimmers übersehen.

* *

*

Was Hortense während oll dieser letzten Tage schon erwartet, Felix nach Berlin kommen zu sehen, war heute geschehen. Am späten Nachmittag war ihr ein Brief gebracht worden, in welchem ihr Felix feine Ankunft mitteilte und fie sobald als thunlichst zu sprechen verlangte. Es traf fich im Ginnde noch günstig, dachte Hortense, da gerade heute Fritz fich bei ihr für den ganzen Nachmittag und Abend ent­schuldigt hatte;beim", hatte er lachenb gesagt,Tante Martha wirb es wohl nicht anders zugeben, als daß

halten. Der Kaiser war tief erschüttert, aber gefaßt. Daraus erstattete Dr. Schmidt auch in einer Sitzung des Staatsministeriums Bericht, und daraufhin ist nunmehr definitiv enffchieden, daß keine Operation stattfinden solle. Es wird von keiner Seite mehr auf den Kronprinzen eingewirkt werden. Auch Ein­griffe von innen, die das liebel nur verschlimmern könnten, sollen nicht mehr stattfinden. Eine etwa neu auftretende Entzündung oder Schwellung würde zunächst durch gewöhnliche Mittel bekämpf! und falls einmal Erstickungsgefahr eintreten sollte, ein Luft­röhrenschnitt gemacht werden. Das ist der definitive Stand der Sache, die nunmehr hoffentlich, auch im Interesse aller Beteiligten, den polemischen Erörterungen in der Presse entrückt ist. Im übrigen kommt es jetzt darauf an, daß das Allgemeinbefinden des Kron­prinzen so vortresflich bleibt, wie es zur Zeit ist; denn in diesem Falle wird um so langsamer das Krebs- leiden fortschreiten. Deshalb bleibt der Kronprinz auch in San Remo, das von sämtlichen Aerzten für einen vorzüglichen Aufenthaltsort erklärt worden ist. Der Kronprinz, der sehr wohl aussieht, daß Dr. Schmidt ihn seit zwei Jahren nicht verändert gefunden, hat die entscheidende Mitteilung angehört, ohne mit den Wimpern zu zucken. Er trägt sein Geschick mit heroischem Mute.

Nicht unermähnt mag zum Schluffe bleiben, daß auch die französische Presse in ihren anständigeren Organen an dem Kummer des deutschen Volkes in sympathischer Form für den Kronprinzen Anteil nimmt. DerFigaro" empfiehlt dringend, doch auch an die französischen Heilkünstler zu appellieren und macht einen französischen Arzt namhaft, welcher viele erfolg­reiche Kuren gerade auf dem in Rede stehenden Felde der Wissenschaft aufzuweisen habe.

Deutsches Reich.

Berlin, 14. Novbr. Der Kaiser hat recht gut geschlafen und stand heute um elf Uhr auf, empfing um 11 Uhr den Prinzen Wilhelm, später den Herzog und die Herzogin Albrecht von Mecklenburg und nahm um l/i Uhr den Vortrag des Geheimen Kabinettsrates von Wilmowski und um 3 Uhr den des Oberstkämmerers Grafen Stolberg entgegen. Die zu Ehren des russischen Kaiserpaares stattfindenden Festlichkeiten werden dem Vernehmen nach in einem großen Galadiner bei dem Kaiser und in einer Gala­vorstellung im Opernhause bestehen. Fürst Bismarck wird morgen hier eintreffen; die anscheinend offiziöse Darstellung, daß er in erster Linie wegen der durch den Zustand des Kronprinzen geschaffenen Situation

ich heute in Onkel Wilhelms Zimmern übernachte/' So brauchte sie also bei der nu.i einmal nicht zu umgehenden Auseinandersetzung mit Felix wenigstens keinerlei Störungen zu befürchten. Sie hatte ihn also zu sich beschicken. Als er nach einer kurzen Be» grüßung ihr gegenüber Platz genommen und sich ein GlaS Wein eingeschenkt hatte, fragte er mit einem erwartungsvollen Blick:Nun?"

Dietz Geschwisterpaar verstand fich, ohne viel Worte zu machen; denn Hortense antwortete auf diesen Blick auf eine sehr verständliche Art, indem sie ihre beiden Hände mit gespreizten Fingern empor» hielt und dazu sagte:Zehntanseud l"

Mark?" fragte er wieder.

Sie nickte.

Und das und das?" Er wies auf daS Diamant» Kollier und das Armband, das fie trug.

Sie nickte wieder.

Felix stieß einen pfeifenden Laut aus und sagte: Bravo, bravo!" Dauu hielt er fein Glas prüfend gegen das Licht und schlürfte den Inhalt mit vollem Behagen. Hortense lehnte fich in ihren Schankelstnhl zurück, und, sich leise darin hin- und herwiegend, be­trachtete sie aufmerksam ihre Fingerspitzen. Nach einer längeren Pause erst blickte fie auf, dem Bruder tn das Gesicht, und sagte:Felix, hast Du die Eben» tuatität einer Auswanderung bereits einmal ins Ange gefaßt?"

Er stellte fein GlaS nieder, als glaubte er nicht recht verstanden zu haben.

Eine Auswanderung meine ich, nach Amerika oder Australien."

Nein!" kam es gedehnt von seinen Lippen.

Nun, so bitte ich Dich, diese Eventualität einmal ernsthaft ins Auge zu fassen."

Ja, warum denn aber; ich dächte wir hätten jetzt nicht Zeit zum Scherzen."

O, wir werden diesen ganzen Abend ungestört bleiben. UebrigenS spreche ich im vollsten Ernst."

(Schluß folgt)