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Marburg, Donnerstag, 21. Juli 1887.

M. 168

XXII. Jahrgang.

WerMche Zeitung

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Illustriertes Sonntagsblatt

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. BlatteS, sowie d.Annoncen-Bureanx von Haasenstein undVogler in Franlfurt a. M., Cassel, Magdeburg und Wien; Rudolf Mvffe in Frankfurt a. M., Berlin,München und Köln; G- L. Daube und Co. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.

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Wöchentliche Beilagen: Kreis-Blatt für die Kreise Marburg Md Kirchhain.

Expedition Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Ang. Koch.

Erscheint täglich außer an «pttagen nach Sonn- und vertagen. Quartal- LynnementS-PreiS bei der Edition 21/. Mk.. bei w* Postämter 2 Ml- 50 ffg. (erd. Bestellgeld). LsertionSgebühr für die Äpaltene Zeile 10 Bfg., Reklamen für die Zeile 25 Pfg.

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Die Nahrungsmittelverfälschung.

Der Reichstag hat in der letzten Session drei Gesetzentwürfe angenommen, welche auf gesundheit­licher Grundlage beruhten, resp. der Nahrungsmittel- »ersälschung steuern wollten. Es sind das: Gesetz,

6etr. den Verkehr mit blei- und zinkhaltigen Gegen- Mden, Gesetz, betr. die Verwendung gesundheits­schädlicher Farben und endlich das vielbesprochene Kmistbultergesetz. Mit Ausnahme des im letzteren Gesetze erst nachträglich beschlossenen Mischbutterver­botes haben alle drei Vorlagen eine sehr große Mehr­heit im Reichstage für sich gehabt; man kann eigent­lich sagen, die gesamte Volksvertretung war dafür. . Sie bekundete damit, daß die Volksernährung und

die Volksgesundheit zwei sehr wichtige Punkte sind,

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r bereit gewesen, die Vorlage anzunehmen. Wie mit der Kunstbutter, steht es aber auch auf manchen anderen Gebieten. Das Nahruugsmittelgesetz bedroht zwar die bewiesene Verfälschung von Nahrungs- und Genußmitteln mit Strafe, und es wird auch oft genug : zur Anwendung gebracht; aber es stellt die Frage der Gesundheitsschädlichkeit, auf die es doch vor allem ankommt, noch nicht genügend klar. Außerdem ist

denen der Gesetzgeber die größte Aufmerksamkeit zu widmen hat. Die Kunstbutterangelegenheit ist nur ein dunkler Punkt unter vielen. Ein großer Teil von Geschäftsleuten hat wohl zweifelsohne die Kunst- bntter bereits als Kunstprodukt und nicht als Natur- butter verkauft; daß aber auch zahlreiche Täuschungen vorgekommen sind, beweist die prinzipielle Zustimmung, welche der Gesetzentwurf im Reichstage gefunden. Ohne triftige Gründe wäre man wohl nicht so schnell

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seine Anwendung noch nicht so gewährleistet, wie es der Fall sein müßte. Die jetzigen, schon zahlreichen Fälle von Verurteilungen auf Grund des Gesetzes beweisen, daß noch manches vorhanden ist, was mit aller Schärfe getroffen werden müßte, aber nicht ge­troffen wird.

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Gedacht, gethan. Nachdem der Besitzer ihm die Thür zu dem Wohnzimmer der Frau Johannes be- Nichnet hatte, klopfte er laut au dieselbe au, und als er ein deutlichesHerein' vernahm, öffnete er sie Md trat über die Schwelle.

Das Nahrungsmittelgesetz hat Lücken; in zu vielen Fällen besteht noch Unenffchiedenheit über das, was gesundheitsschädlich ist, und diese Unentschiedenheit fördert die Fälschung und ermutigt sie. Sind wir doch noch nicht einmal soweit gekommen, daß über die Fälschung der beiden am meisten verkonsumierten Genußmittel, des Bieres und des Weines, bestimmte Vorschriften bestehen. Die Gerichte enffcheiden oft dirett entgegengesetzt. Wie mag es nun erst bei anderen Artikeln aussehen, die weniger in die Oeffent- lichkeit treten? Der Preisdruck, der auf allen Ge­bieten herrscht, zeigt sich auch auf dem in Rede stehenden. Es muß alles billig sein! Bei der Her­stellung mancher Artikel finden deshalb Surrogate Md Ersatzmittel Verwendung, die den billigen Preisen wohl entsprechen, aber nicht den Anforderungen der Gesundheit. Man kann und darf nun freilich nicht ms Extrem übergehen. Wollte man bestimmen, daß alles, was zur täglichen Nahrung gehört, streng nach

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Unter einem Dache.

Roman von Karl Hartmann-Plön.

(Fortsetzung.)

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Mit raschem Blick überflog er das Zimmer, sah iär»l>k r1 8° seinem Verdruß nur die Mutter au einem i'b^ ^ineu Tisch am Fenster fitzen, wahrscheinlich mit vriefschreibeu beschäftigt, denn sie hielt einen Feder- Mter in der Hand.

Verzeihen Sie, gnädige Frau/ sagte Hans, sich «n der Thür verbeugend,wenn ich mir die Freiheit Ahme, ohne vorherige Anmeldung zu Ihnen ins Zimmer zu dringen; da ich aber mich Ihnen mit tiner Frage nahe, deren Beantwortung mir sehr am Herzen liegt, so durfte ich eS nicht vagen, von Ihnen »lS ein Unbekannter zurückgewieseu zu werden.'

Frau Johannes erhob sich mit einem sehr strengen Elick, mit einem ebensolchen Gesicht, wie eine Arivo- «atin, die sich dmch Mißachtung der geselligen Formen bftletzt fühtt. Und in der That, wie sie so dastand, volle und üppige Figur, machte sie den Eindruck ttner Fürstin, deren Stolz herauSgefordert worden war.

«Mit wem habe ich die Ehre?' fragte sie kalt tu einem Tone, aus dem deutlich der Vorwmf

Nachdmck verboten.

Hans v. Bela wollte sich der Gefahr nicht anssetzen, - - 1 von der Dame nicht empfangen zu werden. Er Marl, fürchtete, wenn er eine Karte mit seinem Namen ihr iberreichen lasse, daß sie, die einsam stehende Frau, die erst vor kurzem ihren Gemahl verloren, sich vor ihm, ihr gänzlich ftemdeu Manne, verleugnen laffen würde. Daher hatte er sich vorgeuommen, au die Thür zn klopfen und ans einHerein', welches i>ohl nickt auSbleibeu würde, mutig ins Zimmer zu beten. Die notwendigen Worte der Entschuldigung [dürden ihm dann wohl einsallen.

der Gesundheitslehre hergestellt sein müßte, so könnten viele Leute leicht in den Fall kommen, die Nahrungs­mittel nicht mehr bezahlen zu können. Was zu be­kämpfen ist, das sind die Auswüchse. Es giebt da auch schon so viel zu thun, daß noch manches Jahr vergehen wird, bevor da gründliche Ordnung geschaffen ist. Denn gerade die Fragen, welche am tiefsten in das Alltagsleben eingreifen, sind auch am schwersten zu lösen.

Die gesetzliche Bekämpfung der Lebensmittelver- fälschunng kann aber nur dann wirklich ihren Zweck erreichen, wenn sie durch eine kräftige Sanitätspolizei unterstützt wird; und diese Sanitätspolizei muß eine kräftige Basis in fachmännischer Unterstützung haben, in einem praktischen Arzte. Ein Polizeibeamter kann der tüchtigste Mann sein, und braucht deshalb doch nicht zu wiffen, wo die Gesundheitsschädlichkeit an­fängt und das der Gesundheit Zuttägliche aufhört. Deshalb kann der wahre Leiter der Sanitätspolizei nur ein Arzt fein, respektive alle Handlungen der Gesundheitspolizei müssen seiner Aufsicht mit unterstellt sein. In vielen deutschen Städten ist man in dieser Richtung bereits vorgegangen; aber die einheitliche Regelung, auf welche es doch schließlich ankommt, fehlt. Die Gesundheitspflege von Staatswegen bildet überhaupt noch einen Punkt, in welchem noch viel geschehen kann. Wie oft kommt es nicht vor, daß erst der Arzt bei der Polizei auf ein Einschreiten, z. B. Räumung gesundheitsschädlicher Wohnungen, bringen muß? Ein Teil der Bevölkerung giebt nicht viel auf sanitätspolizeiliche Vorschriften, bekundet im Gegenteil geradezu eine kurzsichtige Abneigung. Viele von denen, die nicht hören wollten, haben dafür freilich fühlen müssen!

Deutsches Reich.

Berlin, 19. Juli. Anläßlich der im Reichstage erfolgten Bewilligung neuer Steuergefetze wurde in der Presse vielfach über die sogenannte Franckensteinsche Klausel verhandelt, deren Aufhebung mehrseitig befür­wortet wurde, worauf natürlich von anderer Seite Widerspruch erfolgte. DieKöln.Ztg." läßt sich zur Sache dahin aus:Unter den vielen theoretischen Erörterungen, mit welchen sich die Zeitungen in der jetzigen stillen Sommerzeit beschäftigen, gehört auch einmal wieder die vielgenannte Frankensteinsche Klausel vom Jahre 1879, wonach das Reich gehalten ist, die Zolleinnahme über 130 Millionen an die Einzelstaaten abzuführen. Den Bedarf über'die Einnahmen hat es von den Einzelstaaten in der Gestalt der Matti- knlarumlagen einzuziehen. Die Urheber der Francken- steinschen Bestimmung wollten verhindern, daß das Reich, wie sie sich ausdrücken, in den Finanzen zum UnitariSmuS" gedrängt werde, Einnahmen in großer Höhe erhielte, über die cs frei verfügen könnte. Die Nationalliberalen mären der Meinung, daß dem Reich die Einnahmen, die ihm verfassungsmäßig gehören,

herauSklaug, daß er sekundenlang zu ihr geredet, ohne sich ihr vorher vorgestellt zu haben.

HanS fühlte, daß er einen Verstoß gemacht, er war soust nicht leicht auS der Fassung zu bringen, diesmal verlor er sie aber doch für einen Augenblick. Es war ihm indeffeu die Gabe verliehen, sie rasch wiederzufinden. Es gelang ihm auch in diesem Augen­blick und zwar ausreichend. Er entschuldigte sich auch nicht, sondern sagte, sich abermals verbeugend:

Darf ich mir gestatten, gnädige Frau, meinen Namen noch einige Minuten zu verschweigen?'

Was wünschen Sie eigentlich?' kam eS in dem­selben Tone von Frau Johannes Lippen.

Wenn ich nur wüßte, wie ich meinen Wunsch ju Worte kleiden solll Oh, glauben Sie nicht,' fuhr er fort,daß ich iu müßiger Neugier die Absicht habe, mich iudiskreterweise nach Dingen zu erkundigen, die Sie persönlich betteffen, eS haudett sich nur um ein Musikstück.'

Um ein Musikstück? Ich verstehe Sie nicht.'

Ju diesem Augenblick erschienen hinter HanS Rücken, ohne daß er eS merkte, in der Thür, die zum Nebenzimmer führte, zwei bloudköpfige junge Mädchen und blieben regungslos auf der Schwelle stehen. Es war ein Zwillingspaar von etwa siebzehn Jahren, aber merkwürdigerweise sahen* sie sich sehr wellig ähnlich. Es waren die beide» Töchter der Frau Johannes, Anna und Georga. Die Letztere war noch etwas kleiner, als die Erstere. Nur in Bezug auf das aschblonde Haar, die dunklen Wimpern und Brauen wäre» sie die gleichen, im übrigen aber sehr verschieden. Georgas Gesicht war ein wenig runder, als das der Schwester, ihre Gesichtsfarbe um einen Ton tiefer, Nase und Mund feiner geformt. Ihre kleinere Figur war etwas voller, dabei aber doch vom schönsten Ebenmaß. AnuaS Wangen.waren ein wenig schmaler, ihre Gestalt die einer schlanken Hebe. Der größte Unterschied lag in dem Ausdruck der Augen, der bei Georga ein lustiger, schelmischer, während AnuaS Blick ein tieferer, mehr innerlicher war.

auch zu freier Verfügung stehen müßten, und waren deshalb gegen die Franckensteinsche Bestimmung, die ihnen vom ganzen neuen Zollgesetz die anstößigste war. So viel wir wissen, waren die Fortschrittler damals der gleichen Meinung wie die Nationalliberalen, aber mit ihnen zusammen zu gering an Zahl, um die konservativ-ultramontane Vereinigung zu überstimmen. So kam denn die Franckensteinsche Klausel in die Gesetzsammlung. Daß die Nationalliberalen einen Uebelftanb beseitigen möchten, gegen den sie bisher erfolglos angekämpft haben, wird man wohl nicht unnatürlich finden. Die Konservativen und Fürst Bismarck nahmen die Franckensteinsche Bestimmung mit innerem Widerstreben an, um die Schutzzölle durchzusetzen, da das Zentrum für letztere nur unter der Bedingung der Annahme jener Klausel zu haben mar. Heute liegen die Verhältnisse im Reichstage anders. Es ist dort eine Mehrheit vorhanden, die an dem Zolltarif nicht rütteln will, die aber gleich­wohl die Franckensteinsche Bedingung bedauert. Und so ist es begreiflich, daß in nationalliberalen und kon- fervativen Zeitungen die Frage erörtert wird, ob man nicht die anstößige Klausel beseitigen solle. Das ist eigentlich natürlich und wir verstehen nicht, wie nicht nur ultramontane, sondern auch freisinnige Blätter sich darüber wundern, ober gar entrüsten können. Wir wollen im übrigen nicht gesagt haben, daß der Gedancke, die Franckensteinsche Bestimmung abzuschaffen, bis jetzt irgendwie über die Erörterung in der Presse hinaus gediehen wäre." Anknüpfend an die letzten Boulanger-Demonstrationen bringenStandard" und Daily Telegraph" ausführliche Betrachtungen über die Lage in Frankreich.Standard" meint, diese jüngsten Auftritte seien ebensowenig dazu angethan, großes Ver- trauen in das jetzige Ministerium einzuflößen, als eine hohe Meinung von der militärischen Disziplin, sowie von dem »good sense«, der jetzt in Frankreich herrsche, zu erwecken. Der Ausschlag gebende Grund, welcher zur Beseitigung Boulangers geführt habe, sei der ge­wesen, daß er von der öffentlichen Meinung des Jn- unb Auslandes als der Revanche-General angesehen worben sei. Gerabe bies aber habe das Toben der Boulevarbschreier verursacht. Diese Helben, welche bereits vor 17 Jahren durch ihre Rufe »L Berlin« ihr Land in das Unglück gestürzt hätten, würben aber gut thun, sich aus ber jetzigen Haltung ber deutschen Presse bie Lehre zu entnehmen, baß, wenn sie nicht wirklich ben Wunsch hätten,zu beißen, ober gebissen zu werden", es jetzt Zeit sei,bas An­bellen Deutschlanbs" zu lassen. Die Beziehungen zwischen Deuffchlanb seien seit Jahren nicht so schlechte gewesen, wie jetzt.Es war eine Zeit" , so fährt ber Artikel fort,ba Fürst Bismarck sich nicht geringe Mühe gab, diese Beziehungen günstiger zu gestalten, und in ber That schien ber Erfolg eine Zeit lang nicht ausbleiben zu wollen. Wir sinb jeboch ber Meinung, baß ber Kanzler von bem hochherzigen

Ich fuhr gestern Abend gegen nenn Uhr,' er­widerte Haus,in einem Boote nahe am Ufer Ihres Gartens vorbei. Da erklangen aus einem offenen Fenster dieser Billa aus diesem Fenster, gnädige Frau die Töne eines PianoforteS zu mir durch die stille Nacht herüber. Jeder Ton war deutlich zu erkeuueu. Es war eine Sonate ich kenne sie ich habe sie ost gehört.'

Schwerlich, mein Herr, diese Sonate ist, so viel ich weiß, noch nicht im Druck erschienen.'

Wohl möglich, und dennoch kenne ich sie. Wollen Sie nicht die Güte haben, wir zu sagen, wer dieselbe komponiert hat?'

Mau sah eS der Frau Johannes au, daß sie ein wenig in Verlegenheit geriet, ihr Gesicht verlor den strengen Ausdruck.

Der Komponist heißt Hans von Bela,' ertönte es plötzltch hinter Haus Rücken.

Diese Worte kamen aus GeorgaS Munde, die, ihre Schwester mit sich fortziehend, jetzt über die Schwelle ttat.

HanS drehte sich sofort herum und machte eine tiefe Veibeugnng.

Jetzt matte sich auf dem Gesicht der beiden Schwestern ein unverkennbares Erstaune».

Ja sind Sie es nicht gar selbst?' sagte Georga, ihren Blick ans ihn heftend. Ihren Arm auf ben der Schwester legend und sie eigentümlich lächelnd dabei ansehend, fuhr sie zu dieser gewendet fort:Ist das nicht der Herr, den Du mir im Theater als den Komponisten der Sonate bezeichnetest?'

Annas Gesicht übergoß sich bei dieser Frage mtt tiefer Röte, sie schlug verwirrt die Augen nieder und vermochte kein Wort zu erwidern.

Da stand sie mm vor ihm, hold verschämt, in ihrer ganzen lieblichen Schönheit. Auch er fühlte, daß seine Wangen erglühten, auch er wurde einen Augenblick verlegen. Der Umstand aber, daß sie ihn ihrer Aufmerksamkeit gewürdigt, wodmch sich immer-

Glauben an einen dauernden Erfolg dieser Bemühungen zurückgekommen sein dürste. Er hat gesehen, daß sein Entgegengekommen so lange erwidert wurde, als die Franzosen sich den Deutschen unterlegen fühlten. Aber mit dem Z^ehmen des volkstümlichen Glaubens an die russische Unterstützung ist die versöhnliche Haltung auch sofort vor Gefühlen ganz anderer Art gewichen. Wie genau und sorgfältig diese Zeichen der Zeit in Deutschland beobachtet werden, kann man aus den erbitterten Kommentaren der deutschen Presse zu den Enthüllungen des Leipziger Prozeffes ersehen." In ähnlichem Tone sind die Auslassungen desDaily Telegraph" gehalten. Auch dieses Blatt hebt hervor, das Deutschland lange Zeit hindurch dem Toben der Revancheschreier mit Nachsicht zugesehen habe, daß aber die durch den Leipziger Prozeß bekannt gewor­denen Thatsachen im allgemeinen tiefgehende Ent­rüstung hervorgerufen hätten.

Eine Zusammenkunft des deutschen und öster­reichischen Kaisers in Gastein gilt für sicher, und es beginnen schon die üblichen Betrachtungen über den politischen Wert derselben. DieKrenz-Ztg." meint, daß die Entrevue in diesem Moment durch die all­gemeine europäische Sage eine ungewöhnlich hohe Be­deutung erhalte. Es werde dadurch wiederum der unwiderlegliche Beweis erbracht, daß die deutsch- österreichische Allianz nicht im geringsten erschüttert und überhaupt unerschütterlich fei und daß, Dank einer unvergleichlichen Staatskunst, sie den Eckstein des europäischen Friedens bilde. DieKruz - Ztg." er­örtert dann in einer weiteren Artikelserie über Ruß­land die Politik dieses Staates und verurteilt die­selbe mit einer Schärfe, die weit über den Zweck ber Verbrängung ber russischen Werte aus Deutschland hinausgeht. Das Blatt kommt zu bem Resultat, daß Deutschland der letzte Staat ist, der Rußland Kredit giebt und fährt bann fort:Unb Deutschland stand ja auch am längsten und treuesten in Freund­schaft zu diesem Nachbar, in einer Freundschaft, welche letzterem unendlich mehr Nutzen zuwendete, als Deutsch­land selber daraus holen konnte, wobei die Thatsache noch nicht einmal ihrem vollen Werte nach in An­schlag gebracht ist, daß Rußland vornehmlich mit Hilfe deutschen Geldes das innere Gefüge seines Reiches zu erhalten, Eisenbahnen zu bauen und Armeen auszurüsten, im Stande war. Trotzdem ver­mochte es die Politik der Slavophilen, den Zar aus dieser Freundschaft herauszuziehen und ihn mit Gedanken und Plänen zu beschäftigen und zu Maß­regeln hinreißen zu lassen, welche die Gefahr eines kriegerischen Zusammenstoßes nahe gerückt." Es stellt weiterhin die Umwandlung der Geldanleihen in Kreditrubelanleihen in Aussicht:Man poche doch nicht so sehr auf russisches Rechtsgefühl. Spricht etwa die über alles Deutsche in Rußlandhereingebrochene wirtschaftliche und soziale Bedrückung für Rechts-, ja auch nur für Billig­keitsgefühl ? Sucht man nicht in den Ostseeprovinzen

hin schon et» gewisses Jutereffe offenbart hatte, gab ihm seinen Mut zurück.

Ich habe die Ehre, mich Ihnen als HanS von Bela vorzustellen,' sagte er.

ES entstand nun ein Pause, die durch ihre Länge etwas peinlich wurde.

Der Name ist mir nicht fremd,' nahm Frau Johannes zuerst wieder das Wort, diesmal aber in einem viel fteundlichere» Tone,er wurde mir schon ftüher von kompetenter Seite genannt und der Träger mtt als sehr ehrenwert und talentvoll bezeichnet. Nehme» Sie, bitte, Platz!'

Sie sind sehr gütig,' sagte HanS und ließ sich ungezwungen auf den nächsten Stuhl nieder.

Nun aber, meine Damen,' fuhr er fort,mfiffen Sie mir die Frage erlaube», auf welche Weise ist diese Sonate in Ihren Besitz gelangt?"

Mutter uud Töchter sahen sich ganz eigenartig an, schwiegen aber alle Drei.

Ich habe," sprach HanS weiter, als er sah, daß keine Antwort erfolgte,diese Sonate bis jetzt nur einem einzige» Manne zur Begutachtung übergeben, derselbe hat sie nur eine Nacht in seinem Hanse ge­habt und sie mir am «nber» Morgen zurückerstattet. Sie können sich daher meine grenzenlose lleberraschung vorstellen, als ich hier in Stiel plötzlich die mtt wohl­bekannte» Töne vernahm. Der Einzige, der meine Komposition in Händen gehabt uud einer Durchsicht unterworfen hat, war mein Frenud und Lehrer, der Profeffor v. Becker in Leipzig."

So war mein Vater Ihr Freuud?" stieß Georga unvorsichtig heraus.

Orga! Um Gottes Mlleul" rief Frau Johannes in vorwnrstvollem Tone.

Ach, was habe ich da gesagt! Vergebung Mama!"

Habe ich denn recht gehört," sagte HanS,der Professor v. Becker Ihr Vater Ihr Gemahl, gnä­dige Frau? Sie sehen mein Erstauuen! Ader, mein Gott Sie ttagen Trauergewäuder »»er Herr Profeffor ist doch nicht tot?"