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Ar. 164.

Marburg, Sonnabend, 16. Juli 1887.

XXH. Jahrgang

»rschrint täglich außer an gnÄftagen nach Sonn-und Nagen. - Quartal- ZdonnementS-Prns beider (jrpebition 21/. Mk., bei 5« Postämter 2 IRt. 50 L. (ercl. Bestellgeld). ?Fertioasgebahr für die Äxaltene Zeile 10 Vfg, LAamen für die Zeile 25 Pfg.

GerMche MW.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. BlatteS, sowie d.Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVogler in Frankfurt a. M-, Gaffel. Magdeburg und Wien", Rudolf Mofse in Frankfurt a. M., Berlin.München und Köln; G- L. Daube und Co. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.

Wöchentliche Beilagen: Kreis-Blatt für die Kreise Marburg Md Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.

Exved'lion Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Job. Ang. Koch.

Die Verwilderung der politischen Leidenschaften in Frankreich hat gegenwärtig eine Höhe erreicht, daß jpegen des Verlaufes der Nationalfeier des 14. Juli Besorgnisse sehr ernster Art geäußert werden und auch ganz am Platze erscheinen. Der Fremdenhaß, oder, um das Kind gleich beim rechten Namen zu nennen: der Deutschenhaß macht das Volk gegen alle Erwägungen der Vernunft und Gerechtigkeit blind und taub; wer im Vertrauen auf das internationale Kölkerrecht und die französische Gastfreundschaft als Deutscher in die Oeffentlichkeit tritt, begeht ein Wagnis, das ihm möglicherweise teuer zu stehen kommen kann, sofern es nämlich dem französischenPatriotismus" belieben sollte, an einem harmlosen Ausländer sein Mütchen zu kühlen. Dahin ist es also mit der Nation, welche sich so gerne rühmt,an der Spitze der .^hstlisaiion zu marschieren", gekommen, daß sie ihren ^D,n republikanischen Fest- und Ehrentag nicht WMMer zu begehen vermag, als dadurch, daß sie Mkch» ihrer Mitte weilenden Ausländer, insonderheit fljgot die Deutschen, der Verfolgungswut des Pöbels denunziert, ohne zu ahnen, welches beißenden Pasquills auf den eigensten Wahlspruch der Republik: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, sie sich aus diese Weise schuldig macht! Was ist das für eine Freiheit, welche »Verfolgung der Fremden predigt, was für eine Gleich­heit, welche den Fremden vorenthalten wird, was fiir eine Brüderlichkeit, welche jeden Nichtfranzosen ohne weiteres zu einem Feinde stempelt!

Die Ironie der Geschichte will es, daß gerade die Republik in Frankreich berufen sein muß, ihren vielgepriesenen Wahlspruch an sich selber ad absurdum zu führen. Unsere Arbeiter könnten, abgesehen von der guten Lehre, sich vor jeder Berührung fran­zösischen Bodens zu hüten, noch manches daraus zu Gemüte führen, nämlich, daß mit den schönsten Worten, den idealsten Begriffen häufig der schnödeste Miß­brauch getrieben wird. Fehlt es doch auch bei uns nicht an Leuten, die dem Volke, den Arbeitern mit schönen Redensarten um den Bart gehen, die ihnen einreden möchten, sie wären im Besitze der Zauber­formel, um schon hinieden das Paradies aufzurichten. Wer, gleich wie die Franzosen ihre Freiheit, Gleich­heit und Brüderlichkeit nur für sich allein ausnutzen, so machen es auch unsere professionellen Volksbe­glücker :. sie halten den Arbeitern allerlei hochtrabende Phrasen als Lockmittel vor, und nutzen sie doch nur fiir ihren, der Volkstribunen, eigenen Geldbeutel aus. Heuchelei führt hier wie jenseits der Vogesen bei ben Volksverführern das Regiment, und die ehrlich gesinnte, aber leicht zu bethörende Menge muß die Kosten zahlen. (9t. R.-C.)

Deutsches Reich.

Berliu, 14. Juli. Fürst Bismarck ist heute morgen nach Varzin abgereist. Der Finanz­minister hat durch eine Zirkularverfügung die Pro-

Unter einem Dache.

Roman von Karl Hartmann-Plön.

Nachdruck verboten.

t Fortsetzung.) ,

Erst später erwachte die Neigung zu dem Knaben, aber ohne daß Frau Jnnominate den Gedanken fassen konnte, daß er ihr eigener Sohn sei. Unter dem NamenFrau Jnnominate* (die Namenlose) war sie, weil sie ihren Namen nicht nennen konnte oder ab­sichtlich hartnäckig verschwieg, in das Register des Hauses eingetragen. Barlandt und seine Frau hatten gerade damals ihreu einzigen Sohn verloren und sahen wein Erscheine» als eine Fügung des Himmels an. Sie erhielten die Erlaubnis, mich zu adoptieren, and so wurde ich auf den Namen ihres verstorbenen Lohnes Roderich Barlandt getauft. Als ich drei Jahre alt war, hatte ich schon die Liebe der Frau Junomiuate gewonneu. Sie, die sonst gegen alles, was sie umgab, stumpf und gefühllos erschien, zeigte für mich ein Interesse, das immer mehr zunahm. Mein Adoptivvater begrüßte es als ein gutes Zeichen, daß ihre Gedanken eine bestimmte Richtung annahmen; ks gelang ihm, sie zu veranlassen, Handarbeiten zu wache», sie schuf aber nur für mich, nur solche Sachen, die ich gebrauchen konnte. Irgend etwas anderes zu arbeiten, verweigerte sie hartnäckig. Auch ich fing an, die Kranke herzlich zu liebe», und da sie sonst harm­los und ungefährlich war, litt der Direktor e8, daß ich mich oft in ihrem Zimmer aufhielt.

Am letzten Osterfeiertage vor vier Jahren traten die ersten Spuren einer wirklichen Besserung des Zu­stande« meiner armen Mutter ein. AIS meta Vater wo Morgen iu ihr Zimmer trat, sagte sie zu ihm: 3» dieser Nacht ist Er vom Schlage gerührt, ei» Traum hat es mir gesagt, jetzt weiß ich bestimmt, daß meine Baude sich löse» werde», und wenn er verschieden ist, wird auch der Ring fallen, der um weine Stir» fitzt, daun werde ich wieder denken können.*

Und wirklich trat seit jener Zett, langsam zwar, Mer doch fichtbar, eine Genesung ein. Sie spricht,

viuzial - Steuerdirektoren nunmehr veranlaßt, allen Besitzern von Brennereien, welche in den Etatsjahren 1879/80 bis 1885/86 einen regelmäßigen Betrieb gehabt und im Etatsjahre 1886/87 keine erhebliche Vergrößerung ihrer Betriebsanlagen erfahren haben, den ermittelten Durchschnitt der von1 ihnen in den Etatsjahren 1879/80 bis 1885/86 einschließlich unter Weglassung der geringsten und der höchsten Jahresziffer, gezahlten Steuerbeträge, und soweit nicht dieser, sondern ein geringerer Betrag (nämlich bei der Preßhefe- und anderen Getreidebrennereicn) die Grundlage für die Bemessung der in jeder ein­zelnen Brennerei zum niedrigen Abgabesatze herstell­baren Branntweinmenge bildet, auch diesen geringeren Betrag mit thunlichster Beschleunigung bekannt zu geben. In gleicher Weise sei den Besitzern von Brennereien, welche am 1. April 1887 zwar vor­handen waren, aber in den Etatsjahren 1879/80 bis 1885/86 einen regelmäßigen Betrieb nicht ge­habt haben, oder welche am 1. April 1887 erst in der Herstellung begriffen waren, oder welche in dem Jahre 1886/87 erhebliche Veränderungen ihrer Be­triebsanlagen vorgenommen haben, die Summe be­kannt zu geben, von welcher anzunehmen sei, daß sie dem durchschnittlichen Steuerertrage der betreffenden Brennerei, falls dieselbe iui regelmäßigen Betriebe gewesen wäre, entsprechen würde, und welche daher der Bemessung des von der einzelnen Brennerei zum niedrigeren Abgabesatze herstellbaren Branntweins ge­mäß § 2, Absatz 2 des Branntweinsteuergesetzes zu Grunde zu legen sei. Für Preßhefe- rc. Brennereien sei auch in diesem Falle, wie oben bestimmt, zu ver­fahren. Die Brennereibesitzer seien gleichzeitig auf­zufordern, binnen einer Woche präklusivischer Frist von der Empfangnahme der betreffenden Mitteilung an etwaige Einwendungen gegen den Inhalt derselben bei dem zuständigen Hauptamte schriftlich vorzu­bringen. Nach Ablauf dieser Frist hätten die Pro­vinzialsteuerdirektoren, unter Entscheidung der etwa eingelaufenen Reklamationen, die für die einzelnen Brennereien künftig maßgebenden wirklichen bezw. fingierten Durchschnittsziffern festzusetzen. Auf die Materialsteuer entrichtenden Brennereien seien diese Ermittelungen und Festsetzungen nicht auszudehnen. Die Einreichung der für die einzelne» Provinzen aufzustellenden Nachweisungen an das Ministerium soll spätestens bis zum 10. August erfolgen. Das Direktorium desZentralverbandes deutscher Industrieller tritt am nächstenMontag inBerlin wieder zu eincrSitzung zusammen, in welcher wohl auch die Frage derAlters- und Jnvalidenversorgung zur Besprechung gelangen wird. Der hiesige engere Ausschuß des Deutschen Lehrer­tages hat an die Lehrervereine des deutschen Reichs eine Aufforderung gerichtet, worin er auf die Ver­handlungen hinweist, welche über die Einführung des Unterrichts in der Gesetzkunde in die Fortbildungs­schulen und 'der Volkswirtschaftslehre in den öffent-

sobald nicht die Rede auf ihre noch immer nickt ganz geschwundene fixe Idee kommt, sitzt ganz klar und Vernünftig, jedoch reicht ihr Gedächtnis nur bis zu dem Augeublick, wo sie im Gasthof zu Weißenberg von ihrer Krankhett befallen wurde, hier ist es wie abgeschnitten, und alles, was dahinter liegt, ihre Kind­heit, ihre ganze frühere Vergangenheit, ist darin völlig erloschen.

Du weißt, daß ich vor sechs Wochen eine Reise nach Weißenberg machte, um meinen lieben Adoptiv­vater zu beerdigen. Einer neuen Direktion des Irren­hauses wollte ich meine Mutter nicht überlassen, ich war vom Gericht zum Vormund meiner eigenen Mutter bestellt und hatte damit das Recht erlangt, über ihren Aufenthalt zu entscheiden.

Du wirst den Wunsch begreifen, sie so nahe wie möglich zu wissen, und aus diesem Grunde habe ich sie in die Nähe von Kiel, in der Irrenanstalt Horn- Heim untergebracht. Willig folgte sie mir, als ich ihr den Vorschlag machte, hierher überzufiedeln. Fast täglich wandere ich zu ihr hiuauS, um sie zu sehen. Noch heute war ich da, ich fand sie so geistig klar und verständig, wie nie zuvor. Schon längst habe ich geglaubt, und auch mein Adoptivvater war der Ansicht, daß ihre fixe Idee früheren Volkommnissen entsprungen sein müsse und daß dieselbe auf der ein­zigen ihr gebliebenen, wenn auch verworrenen Erin­nerung aus ihrem Leben vor dem Eintritt ihres Wahufinns, beruhen muffe. Heute zum erstcumale wagte ich selbst, auf diese Idee das Gespräch hinzu- letten und sie zu fragen, wer denn dieser Er sei, der sie an Händen und Füßen gebunden, der ihr eine Binde um die Stirn gelegt und der jetzt, wie die Träume eS ihr sagten, krank und hinfällig sei und mit jedem Tage rascher seinem Grabe zueile. Schon vor einem Jahr, als sie noch i» Weißenberg war, wollte ich, von dem Drange geleitet, einen Anhalts­punkt zu Nachforschungen über die Vergangenheit meiner Mutter zu gewinne», dieselbe Frage an sie richte», aber meta Adoptivvater verbot eS mir, wett

lieben Unterricht geführt worden sind, und dazu be­merkt, daß zu beiden Fragendie Lehrerschaft Stellung nehmen muß" und die wohl geeignet sein möchten, auch den nächsten Deutschen Lehrertag zu beschäftigen. Die Klagen über die Maßnahmen, welche in Rußland und Russisch-Polen gegen Deutsche ergriffen werden, mehren sich, ohne daß eine Abhülfe voraus­zusehen ist. DieThorner Ostdeutsche Zeitung" meldet, daß dieser Tage sämtliche deutsche Wirtschafts­beamte, Gärtner, Kaufmanns-, Handwerksgehülfen, Arbeiter u. s. w., die im Kreise Ryxin (Russisch- Polen) auf preußischen Paß sich aufhalten, amtlich aufgefordert worden sind, innerhalb zweier Monate Russisch-Polen zu verlassen. Die Gutsbesitzer, Kauf­leute bezw. Gewerbetreibende mußten sich schriftlich verpflichten, die bei ihnen in Arbeit stehenden Deutschen innerhalb des angegebenen Zeitraums zu entlassen. Anläßlich der durch die Erklärung derCoburger Zeitung" hervorgerufenen Zeitungserörterungen darüber, ob der Prinz von Coburg zur Annahme der bulgarischen Fürstenwürde der Zustimmung des Herzogs von Coburg und des deutschen Kaisers bedürfe, sagt die Nordd. Allg. Ztg.": Ob der Prinz der Zustimmung des Herzogs von Coburg als Hauschefs bedarf, ent­scheidet sich nach dem uns nicht bekannten Coburgschen Hausgesetze, dagegen ist aus der Reichsverfassung nicht erfindlich noch erllärlich, daß der deutsche Kaiser mit der Angelegenheit etwas zu thun hätte. Nach dem Berliner Beiträge hat der Kaiser bei der Gut­heißung der Wahl eines Bulgarenfürsten mitzuwirken, aber nur als Mitunterzeichner des gedachten Vertrages und nicht mehr und nicht weniger als die übrigen Unterzeichner; seine Biitwirkung bei der Fürstenwahl ist also lediglich eine Folge der Großmachtsstellung des deutschen Reichs zu dem von den Großmächten unterzeichneten Berliner Verttage. Aus irgendwelchem anderen Grunde ist dieselbe nicht herzuleiten.

A Berlin, 14. Juli. Die Stimmung in der Reichshauptstadt ist eine sehr erregte.Wird es Krieg geben? Werden wir mit Frankreich und Ruß­land zugleich zu thun bekommen? Wird Italien auf unserer Seite stehen? Was wird England thun?" Das sind die Fragen, welche in der Luft hin und her schwirren, ohne daß man auf dieselben eine be­stimmte Antwort zu geben vermöchte. Es ist schwül hier, so schwül wie vor dem Ausbruch der Kriege 1866 und 1870. Trotzdem glauben wir, gestützt auf die Informationen, welche wir an maßgebender Stelle cingezogen haben, nicht an einen baldigen Aus­bruch der Feindseligkeiten. Es ist richtig, daß der Leiter der deutschen Politik entschlossen ist, die lange bewährte Geduld, welche weder von Seiten Frank­reichs noch von Seiten Rußlands gebührende Aner­kennung fand, sondern im Gegenteil als Schwäche ausgelegt wurde, nunmehr fallen zu lassen und Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Indessen, es ist noch immer gegründete Aussicht zu der Annahme

es noch zu früh sei, ihren Geist nach dieser Richtung hin anguftrengen. Auch heute bereute ich im ersten Augenblick, es gethan zu haben, denn meine Mutter sprang erregt von ihrem Sitz auf, ihre Augen fun­kelten, ich möchte sagen, fast rachsüchtig, sie ging mehrmals schweigend im Zimmer auf und ab, darauf stellte fie sich vor mich hin, legte ihre Hand auf meine Schulter und sprach die mich aufs Höchste über­raschenden Worte:Zwar habe ich alle Erinnerungen an meine Jugend verloren, ich weiß nicht einmal, wer ich bin, wo ich geboren und wo ich war, bevor ich nach Weißenberg kam. Aber eins ist mit unaus­löschlichen Zügen meinem Gedächtnis eingegraben, das sind die Mißhandlungen eines Teufels! Oh, der Schmach! Sie banden mir, er und fein Diener, Hände und Füße! Ja, hätten sie es nicht gethan, ich würde fein grauenhaftes Gesicht mit meinen Nägeln zerfleischt haben! Ich habe lange Zett geglaubt, daß die Stricke, mit denen ich gebunden wurde, »och jetzt sich um meine Gelenke wänden, doch schon seit längerer Zeit ist eS mir klar, daß ich mir das nur eingebildet habe, aber noch in dieser Stunde fühle ich einen leisen Druck, wo früher mich die Bande geschmerzt.*

Und in zuversichtlichem Tone fügte fie hinzu: Aber auch dieser Druck wird »ach einigen Tage» voll­ständig verschwinden, wen»*

Sie vollendete nicht den Satz, fuhr aber gleich darauf fort:

Wer er war, der mich in so roher Weise miß- handelte, kann ich Dir nicht sagen, ich habe seine» Namen vergeffen, und ebenso wenig weiß ich, wo es geschehe». Dessen aber erinnere ich mich noch, daß ich aus dem Fenster sprang und entfloh und auf meiner Flucht den liebe» Gott bat, meinen Geist mit Wahnsinn zu »»machten, damit ich die Erinnerung für alle Zeiten an diese» fürchterlichen Mann ver- löte, und nicht eher ihn z» lichten, als bis mein Peiniger gestorben oder von einer Krankheit befallen würde, die ihn zum sichere» Tode führen müffe. Den Wahnsinn hat er mit geschickt, alle Erinnerungen mir

vorhanden, daß man an der Seine sowohl als an der Newa, sobald man nur erst den Ernst der Situation klar erkennt, vor der ungeheueren Verant­wortlichkeit zurückschrecken werde, welche derjenige auf sich nimmt, der die Kriegsfackel entzündet. Dieser Krieg würde, daran kann kein Kundiger zweifeln, ein Weltkrieg werden. Andererseits darf man, so leb­haft auch bei uns der Wunsch nach dem Frieden sein möge, nicht außer Acht lasten, daß der gegen­wärtige Moment in müitärischer Beziehung für Deutschland außerordentlich günstig ist. Wir sind die einzigen, welche ein neues, gut bewährtes Magazingewehr haben. Nicht allein die Linie ist mit demselben ausgebildet, sondern die unablässigen Ein­ziehungen der Reserven in den letzten Monaten haben dafür Sorge getragen, daß die Feldarmee in voller Stärke diesen neuesten Forffchritt in der Waffenkunde sich zu Nutzen machen kann. Die französische Armee dagegen ist durch die fortwährenden Reorganisations- Experimente, welche die in raschem Wechsel aufein- anoer folgenden Kriegsminister, jeder nach eigenem neuen System mit ihr vornehmen, in ihrem inneren Zusammenhänge erschüttert und, was vielleicht noch bedenklicher ist, zum Tummelplatz der verschiedenen politischen Meinungen geworden. In Rußland regen sich die Nihilisten wieder sehr stark, und es wäre ein gefährliches Wagstück, das Land von Truppen zu ent­blößen. Dagegen sind unsere Beziehungen zu Gigland und Italien gegenwärtig sehr freundschaftliche und Oesterreichs Bundesgenossenschaft uns absolut sicher. Diese Umstände legen auswärtigen Diplomaten in erhöhtem Maße die Pflicht der Vorsicht auf. In der letzten Woche sind von Leuten, welche vorsichtig genug waren, die Gefahren, welche gegenwärtig Ruß­land drohen zu erkennen und dementsprechend zu handeln, für ca. 72 Millionen russische Staatspapiere verkauft worden. Es ist zweifellos, daß diese Ziffer in der nächsten Zeit noch rapide steigen wird.

Der unheilvolle Einfluß theoretischer Wissen­schaft, welche mit Anspruch auf lebendige Unfehlbar­keit auftritt, hat auf dem Gebiet der Schule in nicht wenigen Beziehungen große Verwirrung erzeugt. Eins der von der heutigen Zeit am meisten mißver­standenen Kapitel ist die Schulhygiene. So ver­nünftig das Bestreben ist, die Forderungen der geistigen Ausbildung mit einer möglichst großen Schonung der körperlichen Gesundheit in Einklang zu bringen, so verkehrt ist das moderne Stieben die Erziehung unter wesentlich körperliche Gesichtspunkte zu stellen und dem Arzte eine Art Oberherrschaft über den Lehrer zu geben. Wir haben bereits früher die gerechte Abfertigung erwähnt, welche ein Haupt­agitator auf diesem Gebiete, der Professor Dr. Her­mann Cohn in Breslau, mit seinem Ansinnen von Schulärzten von dem dortigen Magistrat erhalten hat. Die Niederlage des Herrn Cohn, der Jahr aus Jahr ein die Schulen mit seinen statistischen Untersuchungen genommen, nur die eine, die ich verlieren wollte, hat er mir gelassen zur Strafe. Deutlich stehen jener Mann und fein Diener mir vor Augen, ich könnte fie malen, wenn ich im Staude wäre, den Pinsel zu führen.*

Meine Mutter schwieg, trat an einen Nebentisch, trank ein Glas Wasser und setzte sich dann auf eine» Stuhl neben dem meinigen.

Auch ich schwieg und dachte darüber nach, wie ich wohl die Frage stellen könne, deren Beantwortung für mich von so ungeheurer Bedeutung war. Zwar erwartete ich nicht, irgend eine Aufklärung zu be­kommen, und dennoch zitterte meine Stimme, als ich jetzt, ihre Hand ergreifend, sagte:Kannst Du Dich entsinne», Tante Jnnominata" von Jugend auf hatte ich sie so genannt in welchem Verhältnis der böse Mann zu Dir stand? War er Dein Gatte?"

Mein Gatte?" rief sie höhnisch lachend,er meta Gatte? Dieser Teufel?"

Aber plötzlich sprang fie wieder empor, faßte mit beiden Händen ihre Schläfen und starrte lange Zeit vor sich hin, als wenn sie in weite, weite Femen blicke. Ja, als wenn der erste Lichtschimmer in die dunkle Kammer ihres GedächtaiffeS bringe, als wen» die Thür zu dieser Kammer sich leise geöffnet und durch die Spalte das Bewußtsein einen schüchternen Blick in das dämmerhafte Innere gethan habe, so sprach sie endlich, wie zu sich selbst:War er den» meta Gatte?"

Ach, Hans," rief Roderich Barlandt mit er­hobener Stimme,mein liebster, bester Freund, was ich bei diese» Worte» empfand, kann ich nicht be­schreibe»! Noch steht ei» großer Augenblick mir be­vor, HanS, von dem ich mir viel verspreche und von dem ich hoffe, daß er ein weiteres Vordringen In die verödete» Teile ihres Gehirns verursachen wird, in denen die Erinnerungen aufgestachelt sind. Und hat meine Mutter mit ihren eingebildeten Propbe Recht, daß jenerEr" schon nach

das Zeitliche gesegnet und bann ihre völlig 8