Marburg, Freitag, 8. Juli 1887.
XXII. Iahlg rig.
GkchrsW ZeitW
tbfun
Illustriertes Sountagsblatt.
phie
fest
-eigen.
irtci
c Leitui
»intzc.
Jahre 1869 war die Kurpfuscherei gesetzlich mit Strafe belegt; man darf nun aber nicht annehmen, daß früher keine Kurpfuscherei bestanden hätte. Sie war kaum geringeren Umfanges als heutzutage, wenn sie auch nicht so in die Oeffentlichkeit trat. Aber das geheimnisvolle Treiben hat die Leute nicht ab-
e La
'illigll,
-in Laz, inneruy
den
>r, find, ausgese
Sürste,
•f mein,
larlii
Jütem
Die Kurpfuscherei
und ihre Unterdrückung bildet gegenwärtig wieder ein vielbesprochenes Tagesthema. Die deutschen Aerzte haben sich auf ihrer diesjährigen Generalversammlung in Dresden dahin ausgesprochen, „daß die Wiederherstellung des gesetzlichen Verbotes der Ausübung der Heilkunde durch nicht hierzu approbierte Personen unter der Voraussetzung anzustreben sei, daß die vom zehnten deutschen Aerztetage bei Beratung der Grundzüge einer deutschen Aerzteordnung als fundamental
85, vom 1. Juli 1886 ab nur 80 Pfg. gekostet habe. Ueber den Effekt der Abänderung nach dieser Seite hat Herr von Stephan aus einer Statistik, die er aus allen einzelnen vorgekommenen Telegrammen für 3 Monate aufstellen ließ, in der Reichstagssitzung vom 30. November v. I. folgende Auskunft gegeben: Teurer sind geworden die Telegramme mit 1 bis 7 Worten, diese machen 12,36 Prozent aller Telegramme aus. Ferner sind teuerer geworden die Telegramme von 21 bis 25 Worten, sie machen 3,77 Prozent aus; außerdem die Telegramme über 25 Worte, sie machen 3,31 Prozent aus. Die Taxen sind gleich geblieben, wie bei der früheren Berechnung, bei Telegrammen von 8 Worten, sie machen 8,73 Prozent aus; bei allen zwischen 16 und 20 Worten, sie machen 9,71 Prozent aus. Billiger geworden sind die Gebühren für alle Telegramme zwischen 9 und 15 Worten, das macht 62,12 Prozent aus. Bei der überwiegenden Zahl der Telegramme, 62,12 Prozent, ist also eine Ermäßigung eingetreten. Ob diese Berechnung beweiskräftig ist, würde sich erst dann entscheiden lassen, wenn man wüßte, wie groß die Wortzahl und demnach auch die Gebühr bei den gegen früher ermäßigten oder erhöhten Sätzen gewesen. Indes rühmt der Bericht der Berliner Aeltesten: „Der wesentliche Fortschritt, der hauptsächlich au: Deutschlands Initiative im internationalen Telegraphenverkehre durch die Berliner Konferenz erreicht ist, wird von keiner Seite in Abrede gestellt und vor allein ist ein fester Standpunkt gewonnen, von welchem aus sich weitere Verkehrserleichterungen ohne Schwierigkeit werden ermöglichen taffen." Noch nach einer anderen Richtung hin sind die Stephanschen Einrichtungen ein Gegenstand des Lobes in dem gedachten Jahresberichte. Es heißt darin: „Das Fernsprechnetz erwirbt immer zahlreichere Teilnehmer und in keiner Stadt hat dasselbe eine so rasche Verbreitung und vielseitige Benutzung gefunden, als in Berlin. Von den ausländischen Einrichtungen zählt keine einzige so viel Teilnehmer wie die hiesige und keine von ihnen wird auch nur annähernd so stark benutzt wie die hiesige Anlage. Von den hiesigen Vermittelungsämtern müssen im Durchschnitte täglich 22 Verbindungen für jede Sprechstelle hergerichtet werden — wahrlich keine geringe Aufgabe für unsere wohlgeschulten Beamten. Daß die Gebührensätze hier und in Deutsch- land geringer sind, als fast überall im Auslande, ist bekannt."
— Es ist bekannt, daß der Wucher auf dem Lande sich vielfach in solchen Formen vollzieht, daß demselben auf Grund der bestehenden strafrechtlichen Bestimmungen kaum beizukommen ist, daß aber derselbe in einzelnen Landesteilen einen Umfang gewonnen hat, welcher diese Manipulationen zu einer wahrhaften Kalamität hat erwachsen lassen. Aus ftüheren Mitteilungen ist des Weiteren bekannt, wie sich in einzelnen Landesteilen besondere Vereine zu dem Zwecke
gebildet haben, der in dem ländlichen Wucher beruhenden wirtschaftlichen und sozialen Gefahr entgegenzu- treten. Unter diesen Umständen war das Thema „Der Wucher aus dem Lande" eine für den Verein für Sozialpolitik überaus geeignete Aufgabe, welcher flch dieser Verein in dankenswerter Weise durch eine Art von Enquete unterzogen hat, deren Ergebnisse im 35. Bande der Schriften hes Vereins für Sozialpolitik aus dem Verlage von Duncker u. Humblot nunmehr vorliegen. Es handelte sich darum, zur Vervollständigung der früheren Berichte über die ländlichen Verhältnisse, über das Vorkommen des Wuchers auf dem Lande das thatsächliche Material zu sammeln, zu welchem Zwecke ein vom Geh. Ober.- Reg.-Rat Dr. Thiel entworfener besonderer Fragebogen im Frühjahr 1886 verschickt wurde. Nachdem inzwischen auf Veranlassung des Ministers für Landwirtschaft, Domänen und Forsten, Dr. Lucius, auch das preußische Landes - Oekonomiekollegium sich im Herbst 1886 mit dieser Wucherfrage befaßt hatte, publiziert der Verein für Sozialpolitik nunmehr die ihm in Beantwortung jenes Fragebogens zugegangenen Berichte, welche mit Genehmigung des Herrn Ministers durch das Material des Landes-Oekonomiekollegiums für solche Landesteile ergänzt wurden, wo geeignete Berichterstatter für den Verein nicht gewonnen wurden; so daß in dem eben erschienenen Bande ein vollständiges das ganze deutsche Reich umfassendes Material vorliegt. In der den Berichten vorangehenden Einleitung spricht sich Herr Geh. Ober - Reg. - Rat Dr. Thiel dahin aus: „Ueber das mehr oder minder häufige Vorkommen des Wuchers in seinen verschiedenen Formen ist es leider nicht möglich, positive , statistische Daten zu ermitteln; die Kriminalstatistik ' zeigt nur die geringe Zahl der zur gerichtlichen Kognition gekommenen Fälle des eigentlichen Geldwuchers, im Uebrigen ist man auf Stimmungsberichte mit der Sache vertrauter Personen angewiesen. Da die Praktiken des Wuchers ziemlich überall dieselben sind, so muß die Zusammenstellung der Berichte an einer gewissen Gleichförmigkeit und häufigen Wiederholung derselben Schilderungen leiden; was aber der Natur des Stoffes nach nicht zu vermeiden war, wenn man nicht statt der Originalberichte nur einen trockenen Auszug hätte geben wollen. Wenn es erlaubt ist, ein Gesamtergebnis aus den Berichten hier zu ziehen, so dürfte es dieses fein, daß der Wucher überall verbreitet ist, daß er aber in größerem, gemeinschädlichem Umfange sich nur da entwickelt hat, wo uu- wirtschafiliche Formen der Besitzverhältnisse, also vor allem eine, keine genügende Existenz bietende Zweigwirtschaft oder unwirtschaftliche Charaktereigenschaften in der Bevölkerung weit verbreitet auftreten, ohne daß mit entsprechenden Mitteln gegen die Ursachen dieser Schäden angekämpft wird. Neben den trüben । Bildern, welche die Berichte von dem wirtschaftlichen Kranksein ganzer Gegenden entrollen, melden sie doch
Regierung eine bezügliche Vorlage unterbreitete; aber man könnte nicht daraus rechnen, durch die bezügliche Abänderung der Gewerbeordnung allein die Kurpfuscher zum Lande hinanszntteiben. Sie würden ihr Handwerk heimlicher betreiben, den ja wohl etwas verminderten Kunden mehr Geld abnehmen, um schließlichen Ersatz sür die Sttafgelder zu erhalten, welche ihnen im Betretungsfalle zudiktiert würden.
Die Kurpfuscherei hat leider einen viel, viel
Deutsches Reich.
Berlin, 6. Juli. Wegen der vorjährigen Abänderung des Telegraphen-Tariss ist Statssekretär von Stephan von manchen Seiten angegriffen worden, jetzt ersteht ihm ein Schildknappe an einer Stelle, an der er es vielleicht nicht erwartet hätte. Bekanntlich war die Neuerung, daß an Stelle des bisherigen Tarifs von 20 Pfg. Grundtaxe für ein Telegramm und 5 Pfg. Wortgebühr lediglich eine Wortgebühr bon 6 Pfg. trat, vielfach als eine Erhöhung angesehen worden. Der neueste Jahresbericht der Aeltesten der Berliner Kaufmannschaft vertritt nun die Ansicht, wie schon die einfache Rechnung ergebe, daß ein Telegramm von Durchschnittslänge, von 13 Worten, früher
SulU
ms-
Aber diese Kurpfuscher, die öffentlich auftreten, sind nicht die schlimmsten; weit gefährlicher für die Kranken find jene still vor sich hinlebenden Männer und yrauen, die ein Mittel gegen alle Leiden, oder doch gegen die Mehrzahl derselben zu besitzen behaupten. Es mag nun schon der Fall fein, daß eins ihrer Mittel in einem Spezialfalle wirklich hilft; aber wie kann, mau so törig sein, zu glauben, daß sie alles kurrieren können, klüger als der Arzt sind? Der menschliche Körper ist doch kein offenes Buch, aus dem ohne weiteres das Leiden herausgelesen werden kann; dazu bedarf es umfangreicher wissenschaftlicher Kenntnisse, die nur der Arzt haben kann. Wäre für den Arzt nicht ein langes und sehr schwieriges Studium wirklich notwendig, wahrhaftig die modernen Finanzminister würden die Zuschüsse für die Universitäten gewaltig kürzen.
Der Zulauf zu den Wunderdottoren ist, wie gesagt, leider Gottes viel zu groß; weil ein solcher Mann aus Zufall einmal einen Patienten kurierte, soll er Bescheid mit allen Krankheiten wissen. Hat er dann das Leiden gründlich verschlimmert, dann kommen die Angehörig:.. * '"• mm Arzt gelaufen, und sagt der ihnen tüchtig Beschew, dann giebt es finstere Gesichter. Aber solche Thorheiten fernen nicht unerörtert bleiben, wenn sie nicht sich wiederholen sollen! Jeder üernünftige Mensch muß gegen den Hokus - Pokus der klugen Leute und gegen die Kurpfuscherei wirken, mit aller Entschiedenheit in seinen Kreisen gegen diese nicht nur kostspieligen, sondern auch gesundheitsschädlichen Firlefanzereien sprechen. In unteren Volksklaffen scheut man sich ost deshalb zum Arzt zu gehen, weil dieser für seine Mühewaltung ein entsprechendes Honorar fordert. Man denkt aber gar nicht daran, daß der Arzt seinen Stolz darin setzt, einen Kranken so schnell wie möglich gesunden zu lassen, während die Kurpfuscher die Krankheit hinziehen, um möglichst viel Geld heraus- zuschlagen. Und zuletzt muß doch zum Arzt gegangen werden. Wird derselbe zeitig herbeigerufen, so dient der Kranke nur sich selbst; holt man ihn zu spät, dann ist eben jede Kunst und Erfahrung umsonst.
Bestellungen
guf das dritte Quartal» der
Oberhessischen Zeitung
mit ihren Beiblättern nehmen alle Postanftatten, auf dem Lunde die Landpostboten, in Kirchhain unsere Agentur, sowje die Expedition entgegen.
in ei die Versammlung sich also für ein gesetzliches Verbot [35! der Kurpfuscherei ausgesprochen, tote es vor Einführung der Gewerbcfreiheit bestand. Bis zum
. . Verbot der Kurpfuscherei würde der heutige Reichs- tag wohl sicher beschließen, wenn ihm die Reichs-
grfSeint täglid) außer an Verklagen nach S onn- und Feiertagen. — Quartal- Udonnements-Preis bei der »rtebition 2*/* Mk., bei tot Postämter 2 Mk. 50 efg. (ejcl. Bestellgeld), qwscrtionsgebühr für die «fpaltene Zeile 10 Pfg., Eeßamen für die Zeile 25 Pfg.
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Plattes, sowie b.3lnno nren -SButeaur von Haasenstem undVogler in Frankfurt a. M , Caffel, Magdeburg und Wien, Rudolf Mofse in Fran'surt a. M., Berlin.Munchen und Köln; G. L. Daube und Co. in Frankfurt a. M, Berlin, Hannover u. Paris.
1 Mixturen abgekauft, welche wenig oder gar keinen ® Heilwert hatten. Die Tasche der Kurpfuscher stand sich gut dabei, um so schlechter aber die Gesundheit der Patienten. Die Behörden gehen gegen diesen Unfug in erfreulicher Weise kräftig vor. Die Medi- tamente werden amtlich untersucht und ihr wahrer Wert wird schonungslos mitgeteilt. Das hilft viel!
m'st.s.
!N bis
[19 j
■ und <
Wöchentliche Beilagen: Kreis-Blatt sür die Kreise Marburg Md Kirchhain
©mebitinn Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Ang. Koch.
geschreckt, hat sie vielmehr erst recht angezogen. Es [37! ist ja eine bekannte Thatsache, daß die verbotene nten sn Frucht doppelt zum Genuß reizt. Ein gesetzliches
n Jägi größeren Umfang, als mancher es sich träumen läßt. Es giebt Personen, welche ihre Spekulation auf die Thorheit ihrer Mitmenschen reich gemacht hat. Für teueres Geld, welches oft das ärztliche Honorar übersteigt, haben Leidende den Wunderdoktoren allerlei
lachkl Nr. 157
ime.
«r. ■ i. _ .
ei, so«, bezeichneten Rechte der approbierten Aerzte nnge- kib- ui schmälert aufrecht erhalten bleiben." Im Prinzip hat
mit
100
104
82
104.
292.
99.
Unter einem Dache.
Roman von Karl Hartmann-Hlön.
Nachdruck verboten.
1'/« 9*/. $l/i 5 1*/
W. i3/« 53/b
l1/, i*/»
LI») irburg, ssionirl (27!
bürg,- 40.
t> 8*W
Zu dem adeligen Gute Hcllenborn gehörte die psern d romantisch gelegene Wassermühle, welche nebst einer großen Morgenzahl Ländereien der Müller Steffens auf Lebenszeit gepachtet hatte. Da diese Vergünstigung auch schon der Vater und Großvater desselben genossen hatten^und der Pachtzins von je her ein verhättnißmäßig geringer gewesen, so konnte eS nicht fehlen, daß der letzige Inhaber durch das, was seine sparsamen und wirtschaftlichen Väter ihm hinterlassen, uud bunt das, waS er in fünfundzwanzig Jahren selbst zurück- gelegt, zu einem sehr wohlhabenden Manne geworden war. Sein Wohnsitz jedoch verriet nichts davon; das fihr große, mit einem Strohdach versehene Gebäude, worin sich die Mühle uud die Wohnung für den Müller befanden, war alt und morsch, uud olle Re- baratureu halten nicht verhindern können, daß die M/8 oq c e Seite des Daches sich gesenkt und der Giebel »i io» P bedenklich geneigt hatte. Ebenso einsturzdrohend •-8 n s mhru Scheune und Stall aus, die an der andern 'beite des umfangreichen Hofplatzcs lagen.
. Es hätte nun zwar bei der Gutsherrschaft nur 66 mies Wortes von Seiten des Müllers bednrft, und 82 das verfallene Haus und die alten Wirtschaftsgebäude 9« wären abgebrochen uud neu uno stattlich wieder auf- lOf, »baut worden, aber Johann Hinrich Steffens war 7» 5'1 r» stolz, dies Wort zu sprechen, denn vor vielen A wahren war ihm vom Gutsherrn bei einer besonderen 82 Iklegeuhett die Thür gewiesen worden, uud seit jenem 97 Tage hatte sein Fuß niemals wieder das Schloß betreten. iSJ . So mußte man sich denn in der alten Wohnung 96 behelfen, so gut «S eben gehen wollte, uud sich nach 76 «sten Kräften darin einzurichten suchen. Aber gerade 99, w der letzten Zeit war eS fühlbarer denn je geworden, 'Ä ■“ niedrig die Zimmer und schlecht die Fenster waren io!' L , wie wenig Raum der Mühlenbetrieb zum Wohnen «rig ließ, denn Steffens einziger Sohn, Reimer,
der vor einem halben Jahr seine Militärzeit beendet hatte und mit allerlei modernen Ideen und Ansprüchen auS der Residenz zurückgekehri war, hatte sich mit der Tochter des Müllers auf dem Nachbargute verlobt uud hätte seine Frau gar zu gern in eine hübsch ausgestattete Wohnung geführt. Da ein Neubau vor- läufig nicht in Aussicht stand, so that man wenigstens, was möglich war. Auf dem Boden des Hauses hatte man aus Vorratskammern Zimmern hergerichtet, in denen künfttg der alte Müller mit Frau und Tochter wohne» sollte; für das junge Paar waren die unteren Räume in Stand gefitzt worden. In der sog. .besten Stube" hatte man die Wände mit Glanzmpeten beklebt, olles Holzwerk mit weißer Lackfarbe angestrichen, einen neuen Fußboden gelegt und vor die Fenster schöne Tvllgardinen gehängt. Und in der That sah nun das Zimmer, nachdem die neuen Möbel, die zur Ausstattung der Braut gehörten, hineingestellt waren, sehr elegant aus. Auch die täglichen Wohnzimmer waren neu tapeziert und gemalt worden.
Erst gestern war man mit der Einrichtung voll- tändig fertig geworden, und heute war Reimer Steffens Hochzeit. Dieselbe sollte auf dem Nachbargute bei dem Schwiegervater gefeiert weiden, und nm zwei Ihr nachmittags wollte die Familie auf dem mit Blumen geschmückten HochzeitSwagen dahi« abfahren, so einfach alle Mitglieder derselbe» für gewöhnlich lebten und sich kleide ten, so sehr trat bei einer solchen Feierlichkeit die Wohlhabenheit des Müllers zu Tage. Vater und Sohn trugen einen Anzug vom feinste» chwarze» Tuch, Mutter und Tochter ein Kleid von chwerster schwarzer Seide. Auch der Goldfchmuck ehlte nicht. Erstere hatte eine lange goldene Kett, um de» Hals und eine goldene Uhr an der Seite, Litztere ein Armband um das Handgelenk und ein Medaillon vor der Brust. Selbst der Pflegesohn, ein armer Verwandter, der in der Mühle erzogen eine Lehrzett daselbst durchgemacht hatte, mit Reimer zusammen Soldat gewesen war und jetzt als Geselle hier arbettete, unterschied sich nicht von de» ander»
beiden Männern; ihm war von dem freigebigen Pächter ein ebensolcher schwarzer Anzug zur Hochzeit geschenkt worden, wie er für sich und seinen Sohu ihn angeschafft.
Es war ein glutheißer Augusttag. Eine halbe Stunde vor der angesetzten Abfahrt waren alle mit ihre» Vorbereitungen fertig und erwarteten den Knecht, der mit dem Hochzeitswagen aus der großen Scheune herausfahren sollte. Auf einer hölzernen Bank neben der Hausthür saß Frau Steffens, einen Hut mit Blumen und Federn auf dem Kopf, einen Haubenkorb über dem Arm. Sie war groß und stattlich gebaut, in ihrem klugen und noch immer hübschen Gesicht mit den großen blauen Augen und der hervortretenden Nase lag ein leise angedeuteter Zug, den man bei einer Aristokratin mit Ahnenstolz bezeichnen würde, uttb den man hier wohl Bauernstolz nennen konnte. Die Müllerin fühlte sich ein wenig in dem Bewußtsein ihrer Wohlhabenheit und de8 Ansehens, welches ihr Mann in der ganzen Umgegend reichlich genoß.
Neben ihr stand die Magd, eine k-ästige, dralle Person mit einem etwas frechen Gesichtsausdruck.
„Kann ich mich nun fest daraus verlasse», Ma- riken," sagte Fra» Steffens, .daß Du mit keinem Fuß die Mühle verläßt und gehörig aufpaßt?."
,DaS wissen die Frau ja,* erwiderte die Magd
„Ans bet Erfahrung weiß ich bas nun freilich nicht, beim als wir neulich vom VerlobnngSfest zmück- ! ^rten unb Du, wie heute, allein hattest z» Haufe I »leiben müsse», ba fanben wir bie Mühle leer, ber Knecht mußte Dich erst suche» u»b traf Dich im Gehölz mit dem Schmiebegeselle». Mache eS heute nicht ebenso, hörst Du? Gerabe heute liegt bem Müller >aran, baß baS Haus keine Minute unbewacht ist, »eShalb sollst Du nicht die Kühe melken, sonder» Frau BehrenS soll es ihn», und wenn sie die Milch gebracht hat und fortgegangen ist, verschließt Du so- ort die Thür! Du hast mir Dein Versprechen gegeben, hafte diesmal Wort!'
„Die Frau kann ganz ruhig sein, ich werde zu Hanse bleiben."
„Jetzt geh unb sieh nach, ob der Peter bald mit bem Anspanuen fertig ist!"
Mariken entfernte sich und gleich darauf trat der Müller auS der Thür.
Johann Hinrich Steffens war ein Mann von vierundfünfzig Jahren, groß und breitschulttig, mit einem intelligenten Gesicht, in bem sich zugleich bie Ehrenhaftigkeit seines Charakters aussprach. Sein noch volles Haar war stark ergraut, über sein ganzes W.seu war ein ruhiger Ernst gebreitet. In biefem Auge», blick schien aber dieser Ernst ein noch tieferer zu sei», wie gewöhnlich: die Falten zwischen den Augenbraue» waren sichtbarer, und auf seiner Stirn lagerte eS wie eine unruhige Sorge.
„Daß auch heute gerade ber Hochzeitstag sein muß!" sagte er unb setzte sich neben seine Frau auf die Bank. „Der Tod des Barons, die ganze ergreifende Szene vor seinem Ende, seine Rene, — das alles hat einen so nachhaltigen Eindruck auf mich gemacht, daß mir bie ganze Festfreude verdorben ist."
„Beherrsche Dich, Johann Hinrich, laß eS nicht merken, solche Stimmung steckt an."
„Ich werde mich zusammennehmen, aber meine Gedanke» bleiben hier zurück. Du glaubst nicht, wie ehr es mich beunruhigt, dies hochwichtige Aktenstück im Hanse lassen und davonfahren zn müssen! Am liebsten steckte ich eS in die Tasche und nähme eS mit, aber Du weißt, wie eS auf solchen Hochzeiten hergeht, man wird gezwungen zu trinken, ich kann nicht viel »ertragen, steigt der Punsch erst einem zu Kopf, wird man leichtsinnig und nachlässig, ich könnte vergeffen, waS ich bei mir führe und eS verlieren. Nein, nein, das wage ich nicht!"
„ES ist auf der Bodenkammer ja gut aufgehoben, zu größerer Sicherhett hat Dir der Schmidt soeben noch zwei eiserne Stangen vor die Thür legen müssen."
,.Z« erbrechen ist sie nicht, davor bitt ich sicher, und dennoch gehe ich mit Sorge von hier. Aber ich