Rr. 153.
Marburg, Sonntag, 3. Juli 1887.
XXil. Iahrgaog.
tzrickeint täglich außer an L-«rltagen nach Sonn- und Feiertagen. — Quartal« xbonnements-Preis bei der grpedition 21/* Mk.. bei ken Postämter 2 Mk. 50 Pfa. (excl. Bestellgeld). Insertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Vfg, Reklamen für die Zeile 25 Pfg.
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Deutsches Reich.
Berlin, 1. Juli. Der Kaiser nahm heute vormittag die Monats-Rapporte der Kommandeure der Leibregimenter entgegen, empfing daraus den Besuch der Großherzogin-Mutter von Mecklenburg-Sch'oerin, sowie des Prinzen Albrecht und hörte den Vortrag des Staatssekretärs v. Schelling. Nachmittags machte der Kaiser eine Spazierfahrt. — Die Abreise des Kaisers nach Ems erfolgt am nächsten Montag. — Tie Verhandlungen der aus Mitgliedern des Auswärtigen Amts und des Kultusministeriums gebildeten Kommission zur Errichtung eines orientalischen Seminars haben, der „N Pr. Ztg." zufolge eine festere Gestalt gewonnen, und die Eröffnung desselben Mitte Oktober scheint gesichert. Nach dem vom Abgeordnetenhause angenommenen Etat für 1887/88 sind nur zwei etatsmäßige Stellen für deutsche Lehrer an dem Seminar geschaffen, und in diese Stellungen sind bereits zwei bisherige Dragomane aus deutschen Mis- sionen berufen. Im nächsten Etat (y$88/89) sollen dem Vernehmen nach zwei weitere etatmäßige Lehrerstellen in Vorschlag kommen. In der Vereinbarung zwischen dem Reiche und Preußen über die Errichtung eines orientalischen Seminars war bestimmt, daß an dem Seminar vorläufig und vorbehaltlich künftiger Aenderungen im Verwaltungswege folgende 6 asiatische Sprachen gelehrt werden: Türkisch, Arabisch, Persisch, Indisch, Japanisch und Chinesisch. Auf Grund der Befugnis einer Aenderung auf dem Verwaltungswege hat die orientalische Kommission auch das Suaheli unter die zu lehrenden Sprachen ausgenommen und ist so einem im Reichstage ausgesprochenen Wunsche entgegengekommen. Als Lektor für die ostafrikanische Sprache scheint Missionsinspektor Büttner, welcher vor kurzem eine Suaheli-Grammatik herausgegeben hat, in Aussicht genommen zu sein. Ferner finden Erwägungen darüber statt, ob das Neugriechische, welches in Kleinasien weit verbreitet ist, einbezogen werden soll, da bezügliche Vorschläge Eingegangen sind. Für den theoretischen Unterricht können nach den Bestimmungen des Gesetzes nur mit den Landesverhältnissen und der Landessprache ver- traute deutsche Lehrer angestellt werden, während ihnen je ein aus den Eingeborenen der betreffenden Länder entnommener Assistent zum praktischen Unterricht beigegeben wird. Bei der Anwerbung dieser Assistenten hat sich herausgestellt, daß nur höchst selten solche der deutschen Sprache Kundige zu finden
Durch eigene Schuld.
Ei« Original «Roman au8 der Handelswelt von Friedrich Friedrich.
(Fortsetzung.)
Ein Diener trat leise und schüchtern in das Zimmer. Ruhig wandte sich Damkeu zu ihm um, uud blickte ihn fragend an.
»Ein Herr wünscht Sie zu sprechen," sprach der Diener.
„Wer ist es?" fragte Damken mit tonloser, aber fester Sttmme.
Der Diener wurde verwirtt, er schien es zu wissen uud verschweigen zu wollen. Verlegen antwortete er: ,Zch kenne ihn nicht."
Die Verwirrung des Dieners war Damkens scharfen Augen nicht entgangen. Er schien zu ei raten wer es war, uud mit derselben festen Stimme erwidette er: »Laß ihn eintreten I"
Ruhig blieb er stehen, feine Augen auf die Thür geheftet, und als gleich darauf zwei Männer eintraten, glitt ein bitteres Lächeln um feinen Mund, als ob er zu sich sagen wollte: „Ha, ich habe mich nicht getäuscht I"
Mst schweigendem stolzen Neigen seines Hauptes erwidette er bett Gruß und fragte fest und ruhig: ,Mas wünschen Sie?"
Kein Zug seines Gesichts verriet das krampfhafte Zucken feines Herzens, kein Zug das letzte Schwinden seiner Hoffung und jeder Rettung. Er »kannte die beiden Männer — es war der Untersuchungsrichter und ein Kriminal-Kommissar.
Ruhig trat der Untersuchungsrichter zu ihm herau uud sprach:
Dte Königliche Staatsanwaltschaft hat eine Untersuchung wider Sie wegen Verdachts des bettügnischen BanknottS eingeleitet; ich Bin Beauftragt, Sie im Namen des Gesetzes zu verhaften. Das Gettcht hat die Untersuchungshaft Beschlossen —*
sind, dagegen kommen häufiger solche vor, welche eine andere europäische Sprache sprechen. So hat der Khedive von Egypten einen Assistenten empfohlen, welcher des Französischen mächtig ist. Der egyptische Assistent hat bei Annahme des ihm gemachten Angebots die Bedingung gestellt, daß er zu Berlin seine heimische arabische Tracht tragen darf, und diese Bedingung scheint ihm gewährt zu sein. Bei der Bedeutung und der Ausdehnung, welche das Arabische durch die Verbreitung über die ganze muhamedcmische Welt erlangt Hai, gilt es für wahrscheinlich, daß für diese Sprache von vornhinein gleich zwei Lehrer und zwei Assistenten angenommen werden. Besondere Schwierigkeiten wird der Unterricht im orientalischen Seminar den Lehrem deshalb machen, weil die Hörer (neben den Dollmetscherkandidaten) zum Teil ans Angehörigen der Geschäftswelt bestehen, welche eine ganz andere Vorbildung mitbringen, als die Besucher der Universität. — Nachdem das Branntweinsteuer-Gesetz Gesetzeskraft erlangt hat, treten heute, am 1. Juli, folgende transitorische Bestimmungen in Kraft: „Für die Zeit vom 1. Juli bis zum 30. Sept, dieses Jahres wird a. der Betrieb jeder Brennerei mit Ausnahme der Hefebrennereien auf drei Viertel des Umfanges desjenigen Betriebes beschränkt, welchen dieselbe in dem entsprechenden Zeiträume des Vorjahres gehabt hat, unter sinngemäßer Anwendung der Bestimmungen des § 2, Absatz 2: b. die Maisch- bottichsteuer auf das Dreifache des bisherigen Satzes und dementsprechend die Steuervergütung für Branntwein, welcher aus dem deutschen Zollgebiete ausgeführt oder zu gewerblichen Zwecken einschließlich der Essigbereitung verwendet wird (§ 1 des Gesetzes be= treffend die Steuerfreiheit des Branntweins zu gewerblichen Zwecken, vom 19. Juli 1879, Reichs- Gesetzblatt, Seite 259), auf 48,03 Mark für das Hektoliter reinen Alkohols festgesetzt. Hefebrennereien unterliegen jedoch nur einer Erhöhung der Maisch- botttchsteuer um 100 Prozent, andere Getreidebrennereien einer solchen um 175 Prozent des bisherigen Satzes. Zu dem bisherigen Satze der Maischbottichsteuer ist der nach vorstehender Vorschrift beschränkte Betrieb denjenigen landwirtschaftlichen Brennereien gestattet, welche Getreide verarbeiten und an einem Tage durchschnittlich nicht mehr als 1050 Liter Bottichraum bemaischen. Der Bundesrat ist ermächtigt, allen Brennereien, soweit abgeschlossene Verträge dazu Anlaß geben, den Betrieb über das im Absatz 3 unter a bezeichnete Maß hinaus und zu dem einfachen Maischbottich - Steuerbetrage zu gestatten." — Der „Reichs-Anzeiger" publiziert die Gesetze betreffend den Verkehr mit bleizinkhaltigen Gegenständen, sowie die Abänderung des Nahrungsmittelgesetzes und des Gesetzes über die Postdampferverbindungen mit überseeischen Ländern. — Den Abendblättern zufolge ist Kontreadmiral Knorr zum Inspekteur der 1. Marine- Inspektion ernannt
Damken unterbrach ihn mit einem Zeichen der Hand. „Lassen Sie," sprach er, „ich weiß Bescheid. Ich werde Ihnen folgen, nur einen Augenblick Geduld."
Er forderte die Männer mit der Hand auf, Platz zu nehmen, und schritt dann fest und ruhig in das Nebenzimmer, dessen Thür er hinter sich schloß. Er stand still, er schien zn wanken, und die Hand auf die Stirn gepreßt, lehnte er sich einen Augenblick an die Wand. Ein banger schwerer Seufzer rang sich aus feiner Brust empor. Seine Kniee erzitterten, fein ganzer Körper erbebte heftig; er drohte niederzusinken; da raffte er gewaltsam seine letzten Kräfte zusammen.
Mit einem bitteren, fast spöttischen Lächeln schritt er an die gegenüberliegende Zimmerwand und nahm eine an derselben hängende Pistole herab. Er zog den Hahn auf, blickte auf das Schloß und langsam erhob er sie zu feinem Herzen. Seine Hand zitterte heftig und sank wie erschlafft wieder zurück.
Ein unendlicher Schmerz prägte sich in diesem Augenblick offen in seinem Gesichte aus und tonlos rief er: „Arme Gabriele!"
Er preßte mit der Linken fest das pochende Herz und erhob sie dann und legte sie auf seine Stirn, als sei dort der Ort, wo der Schmerz am hefttgsten nage, als habe er dort am meisten Linderung nötig. Etneu Augenblick stand er gebeugt und vom Schmerz fast erdrückt da, dann richtete er sich plötzlich fest empor, erhob mit sicherer Hand die Pistole, setzte sie an feine Stirn, der Finger zuckte — ein Schuß hallte laut dröhnend durch die Villa — und der einst so reiche, stolze Handelsherr hatte aufgehört zu leben.
Eine halbe Stunde später fuhr ein Wagen rasch in die Lindenallee der Villa zu. In ihm saßen der alte Steider und Hermann. Ans ihren Augen blickte eine erwartungsvolle Freude und Ungeduld, welche das Ziel nicht schnell genug erreichen zu können schien. Es war ein frischer, duftig heiterer Morgen und ringsum in dem sorgfältig gepflegten Park herrschte eine friedliche Stille, die nur von dem Gesänge der
— Die „Pädagog. Ztg." führt folgende die Lehrerinnen betreffende Stelle aus der letzten littera- rifchen Arbeit des großen Frauenarztes Karl Schröder an: „Die Erfahrung der Frauenärzte lehrt, daß anhaltende, eifrige, geistige Thätigkeit gerade in der ersten Zeit der Pubertät von den nachteiligsten Folgen ist. Die Lehrerinnen-Prüfung schon knickt die körperliche Entwickelung vieler Mädchen; bleichsüchtig, schlecht genährt, mit vielfachen nervösen und hysterischen Beschwerden gehen sie zu ihrem Berus über." Leider beruht dieser Ausspruch auf von jedem beobachtbaren Thatsacheu. In der höheren Lehrerinnenprüfung werden so horrende Anforderungen nicht an das wirkliche Wissen, sondern an das Gedächtnis der Kandidatinnen gestellt, daß die zwei Jahre, welche diese auf einem Seminar zur Vorbereitung verbringen, sich zu einer Marter für dieselben gestalten. Bis in die späte Nacht hinein Tag für Tag über dem ödesten Wissenskrame der verschiedensten Att (z. B. in Geographie, Naturgeschichte, Physik) sitzen, muß für eine so ausgedehnte Spanne auch noch einen anderen Körper erschöpfen, wie den zarten eines Heranwachsenden Mädchens. Die meisten Damen beginnen auch bald die Folgen zu merken, aber die Notwendigkeit, ihr Ziel zu erreichen, besiegt alle Bedenken und wir haben manchen traurigen Fall erlebt, wo die bestandene Lehrerinprüfung zugleich der Anfang eines langen Siechtums war. Fühlt der Staat sich nicht dazu berufen, hier aus christlicher Humanität Erleichterung und Vernunft zu schaffen, so sollte ihn wenigstens die finanzielle ökonomische Berechnung dazu treiben, daß ein derartig vorher nervös angegriffenes Lehrerinnenmaterial das denkbar schlechteste zur Erziehung der Jugend ist, daß man als Pädagog wohl dieses und jenes Wissen, zumal wenn es so nebensächlich und geistlos ist, wie die Hälfte von dem auf den Lehrerinnenfemenarien Getriebenen, aber nie die Gesundheit des ganzen Menschen, der sich denn auch im Denken und vor allem in dem Empfinden ausprägt, entbehren kann.
Ausland.
Bern, 1. Juli. Die Bundesversammlung hat heute ihre Sitzungen geschlossen. Die Neuwahlen für den Nationalrat finden am letzten Sonntage des Oktober statt.
Rom, 1. Juli. Der „Moniteur de Rome' ist in der Sage, die Existenz eines Aktes des heiligen Stuhles in Abrede zu stellen, welcher dem auf die römische Frage Bezug nehmenden Teile der päpstlichen Allokution vom 23. Mai widersprechen würde. Der „Moniteur" bemerkt, der heilige Stuhl wünsche noch immer, wie es in der Allokution hieß, die Beendigung des unheilvollen Zwiespaltes zwischen Italien und dem Papsttum unter der Bedingung, daß letzteres in eine solche Lage gebracht werde, wo der Papst keine Befugnis einbüße und volle, dieses Namens wahrhaft würdige Freiheit genieße.
Vögel unterbrochen wurdet Die Blätter fingen bereits hier und dort an, sich zu färben und bildeten einen fast wehmütigen Kontrast zu dem noch frischen Grün der Rasenplätze.
„Haft Du noch den festen Glauben," fragte Hermann seinen Begleiter, „daß Damken mir Gabriele willig geben wird?"
„Willig nicht," erwiderte der Alte. „Die Not, in der er sich befindet, läßt ihm indessen keine Wahl, nicht einmal eine Zögerung gestattet sie ihm. Deshalb mußt Du es ihm auch heute noch sagen, ja so. gleich jetzt. Du kennst ihn noch nicht so gut wie ich."
„Und wenn er nun in seinem Stolz und Trotz auch unsere Hilfe zurückweist?" warf Hermann ein.
Der Alte blickte ihn überrascht, fast erschrocken an. „Nein, nein, das kann er nicht," erwiderte er bann ruhig. „Er würde es thun, wenn sich ihm ein anderer Ausweg böte, aber er kann es nicht."
Sie fuhren in diesem Augenblicke durch das Hof- thor der Villa ein.
„Was ist das?" rief Steider erschreckt. Sein Blick fiel auf einen vor der Villa stehenden Gerichtsbeamten. „Ha, Hermann, wenn wir zu spät kämen, wenn — doch nein, es kann nicht sein, es darf nicht sein, wir müssen Damken retten, es mag kosten was es will."
Der SBaflw hielt vor der Villa still. Unruhig und rasch sprang Hermann aus demselben. „Was gtebt es hier?" wandte er fich ftageud an den Ge- richtsbeamten. „WaS ist hier vorgefallen? Wo ist Herr Damken? — wir müssen ihn sofort sprechen."
„Sie kommen zu spät," erwiderte der Gefragte mit einem ernsten, fast traurigen Gesicht.
„Zu spät!" ries Hermann erschrocken.
„Ich leiste Bürgschaft für ihn," sprach der alte Steider, der rasch hinzugetteten war, „ich werde alles für ihn bezahlen. Wo finden wir ihn?"
„Sie kommen zu spA," wiederholte der Gerichts- beamte. „Herr Damkeu selbst hat fich unserer Hand entzogen."
Paris, 30. Juni. Die „Republique Francaiie" antwortet heute der „Justice" und den übrigen radikalen Blättern, welche heulten und Ragten, daß man den General Boulanger deportiert habe: Ist die Ernennung des Generals Boulauger zu einem Kommando nicht vollständig gerechtserttgt? Die allein bestreiten dies, welche der Ansicht sind, daß ein General nicht dienen müsse, sondern seine Rolle darin bestehe, in den Redakttons-Bureaus der ultra-radikalen Blätter zu paradieren und einen politisch-militärischen Salon im Hotel du Louvre zu haben! Der General Boulanger stand ungeachtet seiner angeblichen Ermüdung, die ihn „niederschmetterte", im Begriff, eine neue Ausgabe der Umtriebe und Ränke zu veranstalten, die er schon einmal nach seiner Rückkehr aus Tunisien in demselben Hotel du Louvre mit einigem Erfolg gesponnen hatte. Der Kriegsminister machte diesem wiederbeginnenden Aergernis dadurch ein Ende, daß er den General Boulanger mit einem Kommando betraute, wo er, indem er sich zugleich von seinen politischen Erregungen auszuruhen Gelegenheit hat, endlich Beweise von seiner militärischen Fähigkeit ablegen kann. Der Kriegsminister hat recht gehandelt. General Boulanger thäte wohl, seinen begeisterten Freunden, die ihm schon so viel geschadet haben, heute mehr als je zu mißtrauen. Die „Republique Franeaise" wendet sich insbesondere gegen eine Schrift, die seit zwei Tagen auf den Boulevards und an den Eisenbahnhöfen verkauft wird, eine von einem gewissen Maqus angefertigte unsinnige und mit ganz falschen Angaben gespickte Lobhudelei des Generals, in der zugleich die Regierung und der Präsident Grevy in unverschämtester Weise angegriffen werden.
Krakau, 1. Juli. Die Abreise des kronprinz- lichen Paares von Oesterreich erfolgte heute unter dem Enthusiasmus der Bevölkerung. Die Würdenträger, der Adel, die Geistlichkeit und das Offizierkorps waren am Bahnhofe anwesend. Die Gemahlin des Statthalters überreichte der Kronprinzessin ein Bouquet. Die Kronprinzessin reifte um 7 Uhr 15 Min. nach Wien, der Kronprinz bald darauf nach Tarnow- äancut ab.
Konstantinopel, 1. Juli. In der geftrigen Zusammenkunft zwischen Sir H. Drummond Wolff und den türkischen Delegierten verlangten die letzteren neuerdings einen Aufschub der Ratifikation der englischtürkischen Konventton über den 4. Juli hinaus.
Rio de Janeiro, 1. Juli. Der Kaiser von Brasilien schiffte sich an Bord' der „Gironde" nach Europa ein.
Hessen - Nassau.
Marburg, 2. Juli. Morgen, Sonntag, den 3. Juli, findet in der hiesigen Universitäiskirche akademischer Gottesdienst statt. Die Predigt hält Herr Professor Dr. Achelis.
„Sprechen Sie, sprechen Sie," drängte Steider ungeduldig, „was ist mit Damken?"
„Er hat vor kaum einer Stunde seinem Leben durch einen Pistolenschuß ein Ende gemacht."
„Allmächtiger Gott 1" klang es von SteiderS Lippen und bewußtlos sank er nieder.
Hermann fing ihn in seinen Armen auf und trug ihn von dem Beamten unterstützt, in das HauS. Ihm schwindelte und der Schreck raubte ihm fast die Kraft. Dieser Schlag hatte das Leben des Greises noch nicht vernichtet, aber nur au einem Fade» hing es. Endlich richtete er sich langsam empor uud blickte, wie aus einem festen Schlaf erwachend, um sich.
„Bringe mich zu ihm," bat Steider Hermauu mit matter Stimme. „Ich muß ihn noch einmal sehen."
„Du bist schwach jetzt. Der Schmerz würde Dich aufs neue überwältigen. Erhole Dich erst," bat Hermann.
Er schüttelte ablehnend tritt dem Haupte. „Ich bi» gefaßt und stark genug, ihn zu sehn," erwiderte er. „Führe mich zu ihm, ich muß ihn sehen. Er ist mein Herr, ich kann nicht so von ihm scheiden.'
Alle Bitten Hermanns, nur noch kurze Zeit zu märten, waren vergebens. Mit ungeduldiger Heftigkeit verlangte der Alte zu dem Leichnam seines unglücklichen Herrn gebracht zu werden. Er mußte ihm endlich nachgeben uud von dem Beamten unterstützt geleitete er ihn zum Zimmer des Handelsherrn.
„Laßt mich allein zu ihm eintreten," bat der Greis, indem er einen Augenblick an der Thüre stillstand, um für deu letzten schweren Gang alle Kräfte zusammenzunehmen und dem Schmerze, der seine Brust so ungestüm erfüllte, Fassung aufzuerlegen. „Laß mich allein eintreten, um von ihm Abschied zu nehme« Er hat mir im Leben nahe gestanden, und jetzt — und jetzt!"
„Der Schmerz wird Dich überwälttgen, die Aufregung Dich aufreiben," erwiderte Hermann, „ich darf Dich nicht allein lassen." Der Mte schüttelte verneinend mit dem Kopfe. „Ich muß es in Fassung