91 r. 151
Marburg, Freitag, 1. Juli 1887
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Erved'tion Mart« 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Ang. Koch.
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>Jm Feuilleton kommt nach dem Schluß der gegen- lwärtigen Erzählung der höchst spannende Original- l Roman:
। Unter einem Dache
von Karl Hartmann-Plön "zum Abdruck, sowie im Erzähler nach Schluß der gegenwärtigen Novelle ein höchst interessanter Abschnitt aus der
Geschichte Marburgs.
Die neue bulgarische Fürstenwahl.
Die bulgarische Frage wird binnen wenigen Tagen wieder in den Vordergrund des allgemeinen Interesses gerückt werden, denn es steht abermals ein Versuch bevor, die Thronfolgefrage definitiv zu regeln. Nach langem Hin und Her hat die Regentschaft in Sofia beschlossen, die große Nationalversammlung für den 3. Juli nach der alten Landeshauptstadt Tirnowa einzuberufen. Vor einiger Zeit hieß es noch, die Versammlung werde sich nur mit inneren Angelegenheiten beschäftigen, die Fürstenfrage aber ganz außer Acht lassen. Das klang sehr begreiflich, denn da Rußland immer noch die Anerkennung der Regentschaft verweigert, würde eine neue Fürstenwahl wenig Chancen haben und an eine Bestätigung des Gewählten durch den Zaren nicht zu denken sein. Ohne eine einstimmige Bestätigung aller Großmächte kann aber der bulgarische Thron nicht bestiegen werden; das wiederspräche dem Berliner Vertrag und würde nur ein neues Abenteuer herbeiführen. Der Widerspruch Rußlands gegen alle Maßnahmen der bulgarischen Regentschaft dauert auch heute noch fort; aber ungeachtet dessen heißt es nun doch, die Sobranje
werde sich ausschließlich mit der Fürstcnwahl beschäftigen. Diese Meldung konimt sehr plötzlich und überraschend, indessen ist an der Wahrheit nicht mehr zu zweifeln, und es lassen sich auch bereits die Gründe erkennen, welche zu diesem Entschluß geführt haben.
Die bulgarische Regentschaft hat siegreich gegen alle von russischen Agitatoren veranlaßten Aufstandsversuche gekämpft; sie hat ferneren Revolutionsgelüsten durch die Hinrichtung der acht Führer des Rust- schuker Ausstandes die Spitze abgebrochen. Das Land ist ruhig, die Partei, welche die nationale Unabhängigkeit Bulgariens will, ist unumstrittene Siegerin. Tie drei Regenten, Stambulow, Oberst Mutkurow und Ziokow haben das bei ihrer neulichen Rundreise durch das Land gefunden, aber sie haben auch zugleich erkannt, daß der Wunsch mächtig rege ist, einen neuen Fürsten zu erhalten. Man hat ferner erkannt, daß die Offiziere, so treu sie auch für die Unabhängigkeit Bulgariens einstehcn, doch einen Militär an der Spitze des Staates zu sehen wünschen, sei e§ nun ein Fürst oder ein Präsident. Der eigentliche Herrscher von Bulgarien ist gegenwärtig der erst im Anfang der dreißiger Jahre stehende Stambulow, welcher im vorigen Jahre die Gegenrevolution leitete und die kurze Rückkehr des Fürsten Alexander in sein Land veranlaßte. Stambulow besitzt Energie und große staatsmännische Gaben, aber, und hier ist der heikle Punkt, auch den Herren Ministern in Sofia ist die Herrschaft eines ihnen ursprünglich gleichen Mannes für alle Zeiten nicht angenehm; deshalb drängt auch die Mehrheit von ihnen nach der Entscheidung. Man möchte ja schließlich Stambulow als einzigen Regenten oder Präsidenten vorläufig noch behalten, aber mit eingeschränkten Besugnisien, erachtet indessen den jetzigen Zustand nicht mehr als lebensfähig. Die Ansicht der Minister wird verstärkt durch die Haltung der Offiziere. Daher die neue Fürstenwahl!
Der bulgarische Justizminister Dr. Stoilow, der fast den ganzen Frühling dieses Jahres in Wiei. gewesen, hat von dort aus wiederholt versucht, den Fürsten Alexander zur Rückkehr nach Sofia zu ver- aulassen. Wohl wissend, daß ein solcher Entschluß die Einmischung Rußlands veranlassen werde, hat der Fürst diese Aufforderungen zurückgewiescn, und in Bulgarien ist man nun wieder auf den Prinzen von Koburg in Wien gekommen, von deffen Kandidatur schon früher sehr viel die Rede war und der auch kaum Proteste zu erwarten hätte, wenn Rußlands Haltung nicht die bekannte wäre. Die große Sobranje wird ihn voraussichtlich zum Fürsten von Bulgarien und Rumelien ausrufen; aber ob er zum tzhronbe- 'teigen kommt, das ist wieder das Fragezeichen. Eine einfache Wahl zum Regenten wird der Prinz schwerlich annehmen uud diese steht auch nicht im Einklang mit dem Berliner Vertrag. Am Ende bliebe somit den Bulgaren nichts anderes übrig, als sich einen Regenten oder Präsidenten aus ihrem eigenen Lande zu wählen.
Tie jetzige Dreimänner-Herrschaft wird schwerlich bestehen bleiben, sie eignet sich auch nicht für die Dauer ; trotzdem steht aber soviel fest, daß Rußland noch für geraume Zeit vor der bulgarischen Thür stehen bleiben wird. Eine russenfreundliche Stimmung herrscht nicht im Lande.
Deutsches Reich.
Berlin, 29. Juni. Der Kaiser machte heute vormittag gegen 11 Uhr eine Spazierfahrt, kehrte kurz vor 12 Uhr zurück und hörte darauf den Vortrag des Geh. Kabinettsrats v. Wilmowski. Heute nachmittag empfängt der Kaiser den Oberstkämmerer Grafen Otto zu Stolberg zum Vortrage. Auch gestern nachmittag machte derselbe eine Spazierfahrt, er war abends bis nach 9 Uhr in der Oper. — Der Kaiser fährt gemäß den Bestimmungen am 6. Juli nach Ems. Ter Aufenthalt daselbst wird nur 14 Tage dauern, weil unser Kaiser mit dem Kaiser von Oesterreich zusammentreffen will. — Der „Kreuzzeitung" zufolge soll die Nachricht, daß Oberst Graf von Wartensleben, der Kommandeur des 12. Husaren-Regiments, zum Kommandeur des Garde-Husaren-Regiments ernannt worden sei, auf Erfindung beruhen. Prinz Wilhelm werde voraussichtlich noch einige Monate das Regiment behalten. — Dr. Mackenzie extrahierte einem Telegramm des „Bert. Tagebl." zufolge aus dem Halse des Kronprinzen einen weiteren Teil der Wucherung, sodaß nur ein kaum merklicher Teil zurückblieb. Leibarzt Dr. Wegner schickte sofort den extrahierten Teil an Profesfor Virchow. Trotzdem der Kronprinz sich am Sonnabend beim Heraustreten aus dem warmen Zimmer ins Freie eine Erkältung, die an sich absolut unbedeutend ist, zugezogen hat, ging die Extrahierung in günstigster und raschester Weise vollständig schmerzlos vor sich; im Zeitraum einer Sekunde war sie vollzogen. Immerhin verhinderte diese Erkältung eine genauere Untersuchung der um die Wucherung liegenden Teile des Halses. — Ter „Staatsanzeiger" veröffentlicht die Versetzung des Oberlandgerichtspräsidenten Struckmann in Kiel an das Oberlandesgericht in Köln, ferner die Ernennung des Senatspräsidenten Florschutz in Breslau zum Präsidenten des Oberlandesgerichtes in Kiel, die Versetzung des Oberlandesgerichts-Präsidenten von Kunowski von Posen nach Breslau und die Beförderung des Landgerichtspräsidenten Franz zu Düsseldorf zum Oberlandesgerichtspräsidenten in Posen.
— Wie die Minister für Handel und des Innern den königlichen Regierungen jüngst eröffnet haben, ist seitens verschiedener Handelskammern lebhaft über die schwere Schädigung geklagt worden, welche dem 'tehenden Gewerbe ungeachtet der durch das Gesetz vom 27. Februar 1880 über die Besteuerung des Wanderlagerbetriebes herbeigeführten Besserung der Verhältnisse aus dessen Ueberhandnehmen noch immer ertvachse. Nach der Behauptung jener Handels
kammern suchen sich die beteiligten Kreise der durch jenes Gesetz dem Wanderlagerbetriebe neben der allgemeinen Steuer vom Gewerbebetrieb im Umherziehen zu Gunsten der Gemeinden auferlegten Steuer dadurch zu entziehen, daß sie ihre Waarenbestände nicht selbst in vorübergehend errichteten Verkaufsstellen feilbieten, sondern Inhabern ortsansässiger Firmen oder gewerbsmäßigen Versteigerern zum vorübergehenden Betriebe oder zum Verkaufe im Wege der Versteigerung übergeben. Dieser Steuerumgehung, durch welche gleichzeitig die beabsichtigte Beschränkung des Wandergewerbebetriebes auf angemessene Grenzen trügerisch gemacht wird, soll, wie die „K. Ztg." mitzuteilen in der Lage ist, von den Behörden durch eine aufmerf- same und thatkräftige Handhabung der bestehenden Anordnungen gewehrt werden, wobei auf eine entsprechende Unterstützung der beteiligten Kreise gerechnet wird. Das Abhalten sogenannter Wanderversteigerungen ist überhaupt durch die Gewerbe-Ordnung bereits untersagt und gegen gewerbsmäßige Versteigerer, welche bei oem Vertriebe von Wanderlagern in der geschilderten Weise Beihülfe leisten und dadurch zur Umgehung der Steuer mitwirken, ist auf Grund des § 35 der Gewerbeordnung einzuschreiten, auch die Aufmerksamkeit der Polizei allgemein auf die Bekämpfung der beim Wanderlagerbetriebe hervorgetretenen Mißbräuche und Uebertretungen wiederholt hinzulenken. „Endlich ist die Abstellung der Mißbräuche, welche bei dem sogenannten Ausverkaufsgeschäfte getrieben werden, wiederholt angeregt worden. Dieselben sind im wesentlichen auf eine Reihe von Geschäftsgebahrungen zurückzuführen, welche, wie z. B. marktschreierifche und falsche Ankündigungen über den Ursprung und Wert der zu verkaufenden Gegenstände, auf die Täuschung des Publikums berechnet sind und unter den strafrechtlichen Begriff des Betruges fallen. Um hier, so weit möglich, helfend einzugreifen, sind die Polizeibehörden anzuweisen, ihr Augenmerk auf die bei Versteigerungen und Ausverkäufen hervor- tretenden strafrechtlichen Ausschreitungen zu lenken und solche mit allem Nachdruck zu verfolgen."
— Durch das kürzlich veröffentlichte Gesetz vom 21. Juni d. Js über Quartierleistungen und Naturalleistungen für die bewaffnete Macht während des Friedenszustandes haben die entsprechenden Gesetze vom 25. Juni 1868 und 13. Februar 1875 eine Reihe von Abänderungen und Ergänzungen erfahren, welche einesteils den Ouartiergebern die Last der Einquartierung erleichtern, anderenteils die Entschädigung für Naturalverpflegung und die damit verbundenen Mühewaltungen den heutigen Preisverhältnissen entsprechender gestalten. Die „Voss. Ztg." giebt über die neuen Bestimmungen folgende übersichtliche Zu- ammenstellung: „An den Einquartierungsvorschriften bezüglich der Militärpersonen Dom Feldwebel abwärts ist nichts geändert, es verbleibt vielmehr sowohl hinsichtlich des Raumverhältnisses, als auch der
Durch eigene Schuld.
Ein Original - Roman auS der Handelswelt von
■ Friedrich Friedrich.
(Fortsetzung.)
Mir selbst ist diese Verlegenheit äußerst peinlich, wie Sie sich leicht denken können. Ich könnte mehrere Wechsel verkaufen oder diese mit anderen Wechseln bezahlen, aber mein Haus hat bis jetzt stets bar bezahlt und kann sich solche Blöße nicht geben. Nur Ihnen gegenüber, lieber Freund, kann und darf ich es, denn Sie find mir noch mehr als ein Freund. Sie würden mir einen außerordentlichen Gefallen erweisen. Natürlich können Sie die Summe in wenigen Tagen zurückerhalten."
_ Letzingen hatte während dieser Worte mehreremale süchtig uud bitter gelächelt. Er war im Herzen über Damken auf das Heftigste empört, aber er bezwang sich und blieb ruhig.
»MU dem größten Vergnügen würde ich es tijun," tief er, »aber es ist mir jetzt unmöglich, keine Fünfhundert, so leid es mir thut. — Aber denken Sie sich, lieber Freund — so eben fällt mir erst wieder tin — ich hörte gestern, Kleuser sei geflohen, mit bedeutenden Summen; denken Sie sich solch Gerücht!" , Er blickte dem Handelsherrn scharf und forschend In die Augen und bemerkte, wie dessen bleiches Gesicht poch bleicher wurde. Sonst verriet er nichts.
»Ich habe auch von dem Gerüchte gehört," ent» Mgnete Damken ruhig lächelnd. »Kleuser befindet M wie ich auf telegraphische Anfrage weiß, ruhig Iw M. Es ist eine Thorheit, solches Gerücht — es $ zu thöricht, um sich darüber zu ärgern."
»Und ich habe gehört, daß Kleuser in M. nicht »ufzufinden ist, daß niemand weiß, wo er ist. Er Iloll sämmtliches Geld mit sich genommen haben."
Damken zuckte zusammen und erhob sich, um seine «Hube zu verbergen. „Ich begreife wahrhaftig nicht, es möglich ist, daß solche Gerüchte aufkommen
Muren.-
»Ich begreife es auch nicht," entgegnete Letzingen. „Ferner habe ich gehört, daß es nur ein Vorwand von Ihnen gewesen wäre, eine Kommandite in M. zu errichten, Sie hätte» die fünfundzwanzig Tanseud Thaler nur von mir verlangt, um den Fall — um den Bankerott Ihres Geschäfts zu verhüten. — Und auch diese Summe soll Kleuser mit sich genommen haben. — Ist dies auch ein Gerücht, daß Ihr Haus unfähig sei, die Wechsel zu zahlen?"
Er war dicht vor Damken hingetreten und blickte ihn so scharf an, als ob er ihn mit dem Blicke seines Auges vernichten wollte.
Damken schwieg. Nichts an ihm verriet seine heftige innere Aufregung als das feste, fast krampfhafte Aufeinander pressen seiner Zähne.
»Sprechen Sie, Herr Damken, sprechen Sie," rief Letzingen drängend. »Ist dies alles nur ein Gerücht? Ich habe es aus einer glaubwürdigen Quelle."
Damken schwieg noch einen Augenblick, dann erwiderte er ruhig: „Nein, es ist kein Gerücht — es t Wahrheit. Ich wollte sie Ihnen verberge», um Ihnen den Schrecken zu ersparen und nicht unnötige Sorgen zu machen."
»Oh, oh! — Sie sind sehr freundlich, — sehr renndlich Herr Damken!" rief Letzingen, deffen Erbitterung sich immer mehr und mehr Luft machte, mit höhnischer Stimme.
Damken ertrug diesen Hohn. »Geben Sie mir üuf Tausend Thaler — oder — oder ich bin verloren. Geben Sie mir diese nud ich hoffe, mich noch retten zn können."
»Ha, das ist lustig!" rief Letzingen. »Ich soll Ihnen zu den fünfundzwanzig Tausend noch fünf Tausend hinzugeben! Ha, ha, wahrhaftig, das ist lustig, das gäbe eine schöne runde Summe! Und wo haben Sie eine Sicherheit? Wo?"
„Ist Ihnen das Opfer zu groß für meine Tochter und für mich?" fragte Damken, und feine Stimme erbebte. „Können Sie auf Gabrielen- Herz rechnen, wenn Sie ihren Vater erbarmungslos dem Verderben
hingegeben haben?" „Ha, ha, das ist lustig!" rief Letzingen. »Ich rechne auch nicht auf das Herz Ihrer Tochter. Ich danke für die Ehre, die Tochter eines — Bettlers mit dreißig Tausend Thalern zu erkaufen."
„Herr von Letzingen!" unterbrach ihn Damken und stellte sich in seiner ganzen Höhe und imponierendem Stolze vor ihn hi». „Herr von Letzingen," wiederholte er, und seine Stimme erklang ernst und fast drohend — „ich habe nie eine niedrige Belei- digung ohne Genuglhuung hingehen lassen."
Er wandte sich dann ruhig und mit Stolz ab, und verließ das Zimmer.
„Ha, ha, Gennqthuung!" rief ihm Letzingen nach. .Immer! Genugthuung für fünfundzwanzig Tausend Thaler, uw welche ich schändlich betrogen worden bin. Aber Geduld, Geduld, Herr Damken, ich schenke sie Ihnen nicht!"
Damken hörte diese Worte nicht mehr. Rasch hatte er das Haus verlassen und ruhig und gemeffen schritt et fort, nicht wie ein gedemütigter und vernichteter Mann, dem sich keine einzige Rettung mehr darbot, sondern fest nnd stolz wie ein Sieger.
Kein Wort kam über seine Lippen, sie waren krampfhaft geschlossen. In seinem sonst so männlich schönen Gesicht schien kein einziger Tropfen Blut wehr zu sein. Sein Körper war gerade, wtt aller Gewalt angespannt; aber lange vermochte et diese gewaltige, seine Kräfte übersteigende Spannung nicht mehr zu ertragen. Er zitterte, zwar nur leise und ‘aum bemerkbar, aber es war ein Zittern, das ans dem tiefften Innern seines Herzens hervorging.
Auf Letzingen hatte er noch gehofft — jetzt war auch diese letzte Hoffnung dahin, und er sah sein Ge- chick mit einer dumpfen, fast gleichgültigen Gefühllosigkeit heranrücken, die bereits alle Stofen des bangen Schreckens, des quälenden, ängstlichen Ringens und Hoffens nach Rettung, dcS wilden und aufreibenden Schmerzes und endlich der lachenden nnd elbstvernichtenden Verzweiflung durchgemacht hatte.
Langsam ließ Damken das Pferd nach eigenem Willen
und Gefallen weiter schreiten. Es schlug den Weg zum Park ein. Er lttß eS ruhig geschehen und er würde eS auch ebenso ruhig haben weiter gehen taffen, wenn eS einem Abgrunde zugeeilt wäre und sich mit ihm hinabgestürzt hätte. Er hätte es nicht gehindert, denn dem Abgrunde, der sich finster und drohend vor seinen Augen öffnete, vermochte er doch nimmer zu entrinnen.
Nur als er in seinen Park einritt und bekannten Gesichtern begegnete, riß er sich aus feinen dumpfen, finsteren Gedanken empor. Er war zu stolz, um anderen zu zeigen, was in ihm vorging. Er war anfangs entschlossen gewesen, in die Stadt zn reifen, aber was sollte er dort? Sollte er aufs Neue sein Geschick, das er mit Bestimmtheit voraussah, im Geheimbuche aufgezeichnet sehen? Was sollte er in ber Stadt? — Rettung gab es dort für ihn nicht. Er übergab sein Pferd einem Diener, der ihm begegnete, und schritt zu Fuß tiefer in den Park hinein. Er wollte allein fein, um den neugierigen und forschenden Blicke», welche selbst seine Diener auf ihn richteten, zu entgehen.
Da sah er Gabriele auf sich zueilen. Sie hatte ihn auch an diesem Morgen nicht gesehen und die Angst um ihn hatte fie hinausgetrieben, ihn zu suchen. Er wollte ihr anSweichen, aber ein eigentümlich weiches Gefühl zog ihn zn ihr hin. Er fohlte, daß er ihr von allen Menschen das größte Unrecht gethan. Er batte das Verwöge», auf welches auch fie als eine Tochter des Hauses Damken einen gerechten Anspruch »alte, er hatte ihr Lebensglück verkauft und feinen Leidenschaften zum Opfer gebracht, und doch sah er ie mit besorgtem und zugleich liebenden Blicke ihm entgegen eilen.
Wenige Schritte war Gabriele noch von ihm entern!, da erblickte fie sein bleiches Antlitz nud er- chrocken blieb sie stehen. Welche Veränoerung war mit ihm vorgegangen.
Damken bemerkte den Schrecken nnd die Angst seines Kindes, er schnitt ihm tief ins Herz hinein