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Marburg, Sonnabend, 11. Juni 1887.

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Erscheint täglich außer an Verklagen nach Sonn- und Feiertagen. Quartal- xbonnements-Preis bei der Expedition 2*/4 Mk.. bei den Postämter 2 M. 50 Wg. (excl. Bestellgeld). Nnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg, Leuamen für die Zeile 25 Pfg.

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Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatte-, sowie d.Annoncen-Bureaux von Haasensteiu undVogler in Frankfurt a. M., Cassel, Magdeburg und Wien, Rudolf Mofse in Frankfurt a. SW., Berlin.München und Köln; G- L. Daube und Co. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris

Wöchentliche Beilagen: Kreis-Blatt f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.

Expedition: Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

Vor dem Reichsgericht

in Leipzig beginnt nächsten Montag, wie früher schon mit­geteilt, ein Prozeß gegen 8 Angehörige des Reichslands wegen Hochverrats. Es handelt sich znm Teil um Männer, die bis zu ihrer Verhaftung in ihrer Heimat einer sehr an­gesehenen Stellung sich erfreuten, ihr reiches Auskommen hatten, und es wahrhaftig nicht nötig gehabt hätten, sich in Konspirationen gegen das Deutsche Reich einzulas'en. Die Einzelheiten der Anklage wird erst der Beginn der Ver­handlung selbst bringen; sie können auch jetzt noch nicht mitge­teilt werden, da eine vorzeitige Veröffentlichung der An­klageschrift gesetzlich verboten ist. Die 8 Angeklagten sind Mitglieder der Pariser Patriotenliga gewesen, jener ersten französischen Revanchegesellschaft, deren langjähriger Präsident der berüchtigte Agitator Paul Töronlede gewesen ist. Eine Mitgliedschaft der Pariser Patriotenliga bedeutet einen Kampf gegen das Deutsche Reich bis aufs Messer, denn in den Satzungen der Liga heißt es wörtlich:Die Patriotenliga hat zum Zweck die nochmalige Durchsicht des Frankfurter Vertrages, die Wiedererstattung Elsaß-Lothringens an Frank­reich. Alle ihre Mitglieder verpflichten sich, durch alle in ihrer Macht stehenden Mittel die vollständige Wiederauf­richtung des Vaterlandes (Frankreichs) unablässig zu er­streben und die Ideen der Liga zu verbreiten und zu ver­teidigen." Die Patriotenliga erstrebt also ganz offen die Losreißung Elsaß - Lothringens vom Deutschen Reiche durch den Krieg; denn daß die Reichslande für gute Worte oder ein paar Millionen zurückerftattet werden könnten, daran denkt doch in der That von den Mitgliedern der Patrioten­liga niemand. Wer innerhalb des Deutschen Reiches sich zu dieser Verbindung bekennt, mit ihren Zielen einverstanden ist und die Erreichung derselben durch Wort und That er­strebt, treibt also Hochverrat, den das Gesetz mit ganzer Schwere bedroht.

Im Gegensatz zu früheren Hochverratsprozessen hat das Reichsgericht beschlossen, den gegenwärtigen gegen die acht Elsaß-Lothringer in öffentlicher Sitzung zu verhandeln. In den letzten Prozessen waren die Verhandlungen nicht öffent­lich; allerdings hatte es sich bei denselben hauptsächlich um militärische Verrätereien gehandelt, die bei dem jetzigen Prozeß kaum so sehr hervortreten werden. Der eigentliche Grund für die Oeffentlichkeit der Sitzungen aber ist wohl, einmal Deutschland und ganz Europa zu zeigen, welches Treiben die Franzosen im deutschen Reichslande entwickeln. Wie bekannt, haben in den letzten Monaten in Elsaß-Loth- ringen verhältnisinäßig zahlreiche Verhaftungen wegen Hoch­verrats stattgefunden, und zwar sind dieselben nicht eitlem Mißtrauen entsprossen, sondern wirklichen Thatsachen, was

dadurch belegt wird, daß die Mehrzahl der Arrestanten ihre Schuld cingestanden hat. Die militärischen Verrätereien haben ihr Schlimmes; aber nicht minder ernst sind ver­räterische Wühlereien, wie sie die Patriotenliga treiben läßt. Da wird die Bevölkerung systematisch gegen das Deutsche Reich aufgehetzt, die schlimmsten Schilderungen werden ge­geben, um nur gar keine Neigung für das neue, alte Vater­land auftreten zu lassen. So etwas kann und darf sich kein Staat gefallen lassen, und gipfeln diese Agitationen gar in direkten Bestrebungen, das Deutsche Reich zu ver­nichten, denn nur in diesem Falle kann Frankreich Elsaß- Lothringen zurückerlangen, dann muß im Interesse des Ganzen der Einzelne die volle Schwere des Gesetzes fühlen.

Deutsches Reich.

Berlin, 9. Juni. Tas Allgemeinbefinden des Kaisers ist unverändert; die Reizung der Augen geht zurück. Der Kaiser ist heute vormittag nach 10 Uhr aufgestanden. Der Kronprinz besuchte vormittags den Kaiser. Die ärztliche Untersuchung des Kehlkopfleidens des Kronprinzen bei der gegenwärtigen Anwesenheit des Dr. Mackenzie hat durchaus befriedigende Resultate ergeben. Wie derKöln. Ztg." unterm gestrigen telegraphiert wird, hat im Laufe der heu­tigen Untersuchung des Kehlkopfleidens des Kronprinzen der gestern abend aus London eingetroffene Dr. Mackenzie im Beisein der deutschen Aerzte Professor Gerhardt, v. Berg­mann, Tobold, des Leibarztes Dr. Wegner und der Frau Kronprinzessin einen operativen Einschnitt gemacht, der in­des von einer so geringen Bedeutung ist, daß die Abreise des Kronprinzen nach England jetzt als endgültig auf den 13. d. M. festgesetzt zu betrachten ist. Der Kronprinz wird auf einem Landgute in der Nähe von London Wohnung nehmen und außer von seinem Leibärzte voraussichtlich auch vom Geheimrat Professor Dr. Gerhardt begleitet werden. Der Bundesrat hielt gestern unter dem Vorsitz des Staatsministers, Staatssekretärs des Innern von Boetticher, eine Plenarsitzung ab. In derselben wurden genehmigt: die Gesetzentwürfe für Elsaß-Lothringen über die Einführung der Gewerbeordnung in Elsaß-Lothringen und über die An­wendung abgeänderter Reichsgesetze auf landesgesetzliche An­gelegenheiten, ferner die durch den Reichstag abgeänderten Gesetzentwürfe, betreffend die Abänderung bezw. Ergänzung des Gesetzes über die Quartierleistung für die bewaffnete Macht währeno des Friedenszustandes, vom 25. Juni 1868, und des Gesetzes über d'e Naturalleistungen für die bewaff­nete Macht int Frieden, vom 13. Februar 1875, über den Verkehr mit blei- und zinkhaltigen Gegenständen, sowie über die Unfallversicherung der bei Bauten beschäftigten Personen,

letztere Gesetzentwürfe in der vom Reichstage beschlossenen Fassung, endlich die mit dem ersten Bericht der Vollzugs- Kommission für den Zollanschluß Hamburgs vorgelegten Entwürfe zum Privatlager-Regulativ, dem Weinlager-Regu- lativ und dem Konten-Regulativ. Allerhöchsten Orts sollen zur Ratifikation vorgelegt werden die am 9. September v. I. zu Bern zwischen dem Reich und mehren anderen Staaten abgeschlossene Uebereinkunft wegen Bildung eines internatio­nalen Verbandes zum Schutze von Werken der Literatur und Kunst und die am 1. Dezember 1886 bezw. 23. März 1887 in Paris vollzogene Deklaration der Art. 2 und 4 des internationalen Vertrages zum Schutze der unterseeischen Telegraphenkabel, vom 14. März 1884, zur Vollziehung durch Se. Majestät den Kaiser der Entwurf eines Gesetzes zur Ausführung des eben erwähnten Vertrages. Der Vor­sitzende machte Mitteilung von den durch den Reichstag zu dem Bericht der Reichsschuldenkommission vom 7. April 1886 über die Verwaltung des Schuldenwesens des Reiches :c. gefaßten Beschlüssen. Die Angelegenheit wurde dem Aus­schuß für Rechnungswesen überwiesen. Ebenfalls den zu­ständigen Ausschüssen wurden übergeben die vom Reichstage mitgeteilten Petitionen über das Töten der Schlachttiere und der Entwurf des amtlichen Warenverzeichnisses zum Zolltarif. Von der Nachweisung des Ergebnisses des Heeres- Ergänzungsgeschäfts int Jahre 1886 nahm die Versamm­lung Kenntnis und beschloß, einer Eingabe wegen Doppel­besteuerung keine Folge zu geben. Bezüglich der in der Uebersicht der Ausgaben und Einnahmen der Landesver­waltung von Elsaß-Lothringen für das Etatsjahr 1885/86 nachgewiesenen und begründeten Etatsüberschreitungen wurde die Genehmigung, vorbehaltlich der bei der Prüfung der Rechnungen sich etwa noch ergebenden Erinnerungen, erteilt. Schließlich wurde über die geschäftliche Behandlung mehrerer Eingaben Beschluß gefaßt. Die Kommission des Reichs­tags zur Vorberatung der Zuckersteuervorlage hat gestern abend, nachdem die prinzipiell wichtigen Fragen, wie mit­geteilt, bereits in der vorigen Sitzung erledigt waren, die erste Lesung des Entwurfs beendet. Für Rechnung der ägyptischen Regierung finden bei der hiesigen Münze fort­dauernd Ausprägungen von Nickel- und Kupfermünzen statt, welchen sich wiederum Ausprägungen von Silbergeld an- schließen werden. Erst in der letzten Woche sind, wie man hört, Kisten im Gewichte von über 20 000 kg mit erstge­nannten Münzstücken nach Aegypten von hier abgegangen. Weiterem Vernehmen nach wird auch das Reichsschatzamt demnächst Kronen (Zehnmarkstücke) prägen lassen, auch dürfte die Prägung der neuen Nickelzwanzigpfennigstücke fortgesetzt werden.

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Durch eigene Schuld.

Ein Original»Roman aus der Hondelswelt von Friedrich Friedrich.

(Fortsetzung.)

Mit diesen Worten schien er wirklich alle Sorgen von sich gebannt zu haben, denn er war heiter und gesprächig. Kleufer gelang es weniger gut und schnell, die Eindrücke zu verwischen, welche ihn so eben noch tief bewegt hatten. In der Gesellschaft feiner Frau und Gabrielens vergaß indeß auch er für einige Stunden feine Sorgen und Pläne. Er fühlte sich feit langer Zeit wieder leicht und frei.

Samten spielte wie immer den splendiden und liebens­würdigen Wirt. Er gab durchaus nicht zu, daß Kleuser, was dessen Absicht gewesen war, vor Abend in die Stadt zurückkehrte. Er war so zuvorkommend und artig, auf­opfernd und unterhaltend, daß Kleuser, wenn es blos seine Person betroffen hätte, ihm gern all' den Kummer verziehen haben würde, den er ihm verursacht. Aber bei aller Liebens­würdigkeit konnte Damken nicht umhin, bann und wann den reichen Handelsherrn und noblen Mann durchblicken zu lassen, der Tausende von Thalern verachtet, weil er noch keinen einzigen durch eigene Arbeit verdient hatte. Dies mußte Kleuser unwillkürlich immer wieder daran erinnern, wie viel dieser Mann schon verschwendet hatte, wie er sich selbst ins Verderben bringen und zahlreiche andere nach sich ziehen mußte.

Bis zu dem Augenblicke, wo Damken seine Gäste bis an den Wagen geleitete, war er stets sorglos und heiter erschienen. Kaum waren jene aber fortgesahren, so schwand der heitere Ausdruck aus seinem Gesicht und machte einer unwilligen, fast finsteren Miene Platz. Nicht Sorgen um sein Haus und um die Zukunft allein waren es, welche ihn bedrückten, vorzugsweise erfüllte es ihn mit Unwillen, daß er sich hatte verleiten lasten, sein Geschick an einen Mann zu knüpfen, von dem er ganz andere Erwartungen gehegt

hatte. Es ärgerte ihn, daß er Kleuser in sein Geschäft aufgenommen hatte. Hatte der alte Steider ihn früher zu­weilen gewarnt und ihn gebeten, doch seine Ausgaben zu beschränken, so war es ihm ein Leichtes gewesen, ihn zurück- zuweisen, denn er war fein Diener. Gegen feinen Kom­pagnon konnte er nicht gleich schroff und herrisch wie gegen den greisen Geschäftsführer auftreten.

Und welchen Gewinn hatte er bis jetzt durch Kleuser gehabt? Er war durch ihn aus einer Verlegenheit befreit, nur um bald darauf in eine neue und noch größere gebracht zu werden. War ihm der alte Steider auch verhaßt ge­wesen, weil er ihn stets in seinen Verschwendungen zube­schränken suchte, das mußte er sich offen eingestehn, daß er es nie nötig gehabt hatte, um den redlichen Willen und die strengste Treue des Alten besorgt zu fein. Kleuser traute er nicht mehr. Der Gedanke lag zu nahe und war zu natürlich, daß Kleuser das Vermögen, welches er in das Geschäft gesteckt hatte, auf jede mögliche Weise sich zu er­retten suchen, daß er stets vorzugsweise sein Jntereste im Auge haben werde.

Dies Alles würde Damken mit seinem leichtfertigen Sinne übersehen oder zum wenigsten nicht beachtet haben, wenn er selbst in seinem Leden und in seinen Ausgaben völlig ungeniert und ungestört geblieben wäre. Das war er keines­wegs und das stimmte ihn unwillig.

Obenein war ihm die bedrängte und gefährdete Lage seines Hauses gerade jetzt im höchsten Grade unangenehm, weil sie einen Plan durchkreuzte, auf den er fo große Hoff­nungen gebaut. Um Letzingen zu gewinnen, mußte er ihm die Krisis seines Geschäftes durchaus verbergen, um dies zu können, mußte er Geld von ihm entleihen. Und lief er nicht gerade hierdurch wieder m Gefahr, seine Verlegenheit zu verraten?"

Er sah sich in eine fo peinliche Lage gedrängt, wie er sie noch nie in seinem Leben kennen gelernt hatte. Zum

ersten male stiegen ernstliche Bedenken an die Zukunft in ihm auf und erfüllten ihn mit Bangigkeit. Letzingen konnte ihn retten, wenn Gabriele ihm ihre Hand reichte. Er wußte, wie abgeneigt sie ihm war, und wenn er hoffte, daß sie endlich seinem Wunsch nachgeben werde, so konnte er dies nur von der Zeit erwarten. Er hatte keine Zeit zu ver­lieren, wenn er nicht alles wollte. Langsam schritt er durch den Park hin. Finstere Bilder zogen durch seine Gedanken hin. Er wollte sie gewaltsam verscheuchen, wollte mit leichtsinnigem Auge der Zukunft entschauen, aber er war es nicht im Stande. Was den Menschen einmal tief und ge­waltig ergreift, zieht auch nicht wie ein Hauch an ihm vor­über. Ein schwacher Wind zieht wohl durch die Bäume hin und läßt ihre Blätter rauschen und läßt ihre Zweige sich wiegen und biegen, ist er aber vorbeigezogen, so be­zeichnet nichts, daß er dagewesen. Ruhig und still stehen die Bäume wieder da, und hat der Wind auch ein trockenes Blatt von ihm losgelöst, so hat er es auch spielend mit sich fortgeführt. Anders ist es, wenn ein Sturm die Bäume rüttelt und ihre Wipfel beugt. Auch er zieht vorüber und die Bäume stehen wieder ruhig da. aber ge­brochene Stämme und Aeste, geknickte Wipfel bezeichnen noch seine Spur.

Auf einer Bank ließ sich der Handelsherr endlich erschöpft nieder. Er suchte Ruhe und fand sie nicht. Der Abend war still. In den hohen Bäumen regte sich kaum ein leichter Lufthauch. Die Mondfcheinstrahlen drängten sich zwischen den dicht belaubten Zweigen der Bäume hindurch und zitterten auf dem grünen Rasen, auf dem die Schatten der Bäume in gewaltigen Umrissen gezeichnet waren. Alles erschien weit größer und riesiger als am Tage. Einzelne Statuen aus weißem Marmor schimmerten zwischen den Bäumen hindurch und in der Ferne erblickte man die weiße Facade der Villa, an welcher sich die Mondschein­strahlen brachen. (Fortsetzung folgt.)