Vir. 133.
Marburg, Freitag, 10. Juni 1887.
XXII. Jahrgang.
WechelW jfitmig
Der Schutz der nationale« Arbeit.
Die Veröffentlichung des Kaiserlichen statistischen Amtes über den Außenhandel Deutschlands im Jahre 1886 ergiebt das ersreuliche Resultat, daß das in den Jahren 1884 und 1885 eingetretene ungünstigere Verhältnis zwischen Ein- und Ausfuhr überwunden und, wie in den ersten 4 Jahren nach der Zollreform von 1879, die Ausfuhr die Einfuhr, und zwar nicht unerheblich überwiegt. Das ungünstigere Verhältnis der Vorjahre rührt zum Teil allerdings von den 1885 vorgenommenen Tariferhöhungen her, welche eine das Bedürfnis übersteigende Einfuhr namentlich von Getreide und Holz zur Folge hatten, zum Tell aber ist es durch die Stockungen auf dem Weltmärkte, durch welche die Entwickelung der deutschen Ausfuhr gehemmt wurde, erzeugt. Die erhebliche Vermehrung der letzteren im Jahre 1886 beweist, daß der tiefste Stand des Weltmarktes überwunden ist, und die allgemeine wirtschaftliche Lage sich wiederum in aufsteigender Linie, wenn auch langsam und mit Schmierigkeiten, bewegt. Auf welchem Gebiete diese letzteren liegen, zeigt der Umstand, daß auf wichtigen Gebieten unseres Außenhandels wiederum ein unerfreulicher Preisrückgang zu verzeichnen ist, welcher nur zu einem kleinen Teile ans der Besserung der Preise in einzelnen Produktionszweigen, vor allen aus dem Gebiete der Textilindustrie einen Ausgleich findet. Die Besserung der Ausfuhrverhältnisie zeigt sich überhaupt nur auf dem Gebiete der Industrie und hier wiederum nimmt die Textilindustrie weitaus den Löwenanteil in Anspruch. Die Landwirtschaft und ihre Nebenindnstrien haben dagegen einen Rückgang zu verzeichnen, wogegen ihr, wie der erhebliche Rückgaug der Einfuhr landwirtschaftlicher Erzeugnisie beweist, der inländische Markt in höhere Maße, als früher, gewahrt war. Die Zollerhöhungen von 1885 und der günstige Ausfall der Ernte haben ohne Frage zu diesem Ergebnis zusammengewirkt, während der deutsche
Konsument bei dem anhaltend niedrigen Preisstande der notwendigen Lebensbedürfnisse von jeder nachteiligen Einwirkung jener Zollmaßregeln bewahrt blieb.
Diese Wahrnehmung berührt insbesondere auch die Interessen der Arbeiter; die andere Seite der Sache ist die, daß durch die steigende Ausfuhr in Verbindung mit der erweiterten Versorgung des inländischen Marktes durch die deutsche Produktion den Arbeitern erweiterte Arbeitsgelegenheit geboten und damit zugleich der andernfalls drohenden Gefahr eines Sinken des Arbeitslohnes vorgebeugt ist. Insofern an dieser für die Arbeiter günstigeren Entwickelung der deutschen Handels- und Verkehrsverhältnisse der nationalen Zollpolitik ein Anteil gebührt, hat sich dieselbe wiederum als Politik des Schutzes der nationalen Arbeit bewährt.
D«rch eigene Schuld.
Ein Original»Roman aus der Handclswelt von Friedrich Friedrich.
(Fortsetzung)
Auf dem Gesicht des Handelsherrn war kein anderer Ausdruck zu lesen, als ein kaltes Lächeln. „Ist das Ihr Ernst, Herr Kleister, daß ich Ihnen Geld schaffen soll?" fragte er. „Sie wissen, daß ich hier auf meiner Billa weder ein Geschäft betreibe noch Geld verdiene, oder soll ich vielleicht zu irgend einem Bekannten in der Stadt gehen, um für das Haus Damken, dessen Leitung, wie es allgemein bekannt fft, in Ihren Händen ruht, Geld zu leihen? Dies kann unmöglich Ihre Absicht sein, eine andere Quelle aller bietet sich mir nicht dar."
„Das ist meine Absicht auch nicht", entgegnete Kleuser, dem das Spöttische dieser Worte nicht entging. „Wo so viel auf dem Spiele steht, glaube ich indeß, dürfen Sie keinen Weg unversucht lasten, und ein Weg bietet sich Ihnen, der das Beste hoffen läßt."
„Und welches ist dieser Weg?" fragte fast hastig der Handelsherr.
Kleuser zögerte einen Augenblick mit der Antwort. „Ich muß es Ihnen offen gestehen, die Not treibt dazu", erwiderte er. „Ich weiß, das Herr von Letzingen um die Hand Ihrer Fräulein Tochter angehalten hat, Letzingen besitzt Vermögen, eine baldige Verbindung mit ihm dürfte —"
„Es wäre möglich" unterbrach ihn der Handelsherr, indem er sich stolz emporrichtete, „aber ich wünsche Familienangelegenheiten und Geschäftssachen stets streng geschieden zu sehen. Ueberdies zweifle ich daran, daß Herr von Letzingen selbst als mein Schwiegersohn geneigt sein würde, dem Hause Damken, von dem er eine ganz andere Meinung besitzt, Geld vorzuschießen. Er ist in Geldsachen überhaupt etwas diffizil."
„Dann sehe ich überhaupt keinen Ausweg mehr, dann sind wir beide verloren!" rief Kleuser bestimmt.
„Sollte sich kein anderer Ausweg zeigen?" fragte Damken mit seiner unerschütterlichen Ruhe. „Ich habe das beste Zuttauen zu Ihrer Klugheit und werde mir dasselbe nicht nehmen lasten. Der Kredit meines Hauses gestattet viel."
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Deutsches Reich.
Berli«, 8. Juni. Der Kaiser hatte eine gute Nacht und ist heute morgen aufgestanden; es ist ihm aber noch Ruhe empfohlen. — Die „Berl. Pol. Nachr," hören „aus zuverlässiger Quelle", daß ärztlicherseits bereits seit Wochen auf eine Uebersiedelung des Fürsten Bismarck aufs Land gedrungen wurde, mit der Motivierung, daß em Luftwechsel und die Ruhe des Landlebens zur Wiederherstellung der durch Ueberarbeitung angegriffenen Gesundheit des Kanzlers unumgänglich notwendig seien. Wenn Fürst Bismarck dem Rate des Arztes bisher nicht Folge geleistet habe, so sei dies lediglich darauf zurückzuführen, daß er durch heftige rheumatische Muskelschmerzen bisher am Reisen verhindert gewesen sei. Infolge dieses Leidens sei es dem Kanzler auch unmöglich geivesen, an den Festlichkeiten in Kiel teilzunehmen. — Gras Moltke hatte am Sonntag Nachmittag in Breslau schon den nach Liegnitz stehenden Zug bestiegen, als er die Nachricht erhielt, daß der Kaiser nicht komme. Er stieg wieder aus und blieb in Breslau zurück. — Dew „Reichs-Anz." zufolge ist der Geheime Medizinalrat Pro- feffor Esmarch (Kiel) in den Adelsstand erhoben worden. — Die Berliner „Nat.-Ztg." erhält folgende Mitteilung über die auswärtige Lage: „Die diplomatischen Vertreter Frankreichs sind beauftragt, den Regierungen, bei denen sie accre- dltiert sind, mitzuteilen, daß Frankreich die Zustimmung zu den englisch-türkischen Abmachungen über Egypten nicht zu erteilen vermöge, da der Artikel, betreffend die Räumung Egyptens und dessen eventuelle Wiederbesetzung unannehmbar
„Es muß zusammenbrechen, wenn er noch mehr angestrengt wird", lautete Kleusers Antwort.
»Und einen andern Ausweg wissen sie nicht?"
„Wie groß würde die Summe sein müssen, um mein Haus zu retten, wie Sie sagen ?" fragte der Handelsherr weiter.
„Mindestens 25 000 Thaler."
»Und bis zu welcher Zeit wären dieselben erforderlich?"
„Sobald als möglich", erwiderte Kleuser. „Es werden bald Wechsel fällig, für welche ich keine Deckung habe und schaffen kann."
„Und wenn ich Ihnen wirklich diese Summe besorgte," fuhr Damken fort, „würden Sie mir Gewißheit verschaffen können, daß sie nicht auch durch eine unglückliche Speku- kation verloren gehen würden. Ich will Ihnen mit diesen Worten keinen Vorwurf über Verluste machen, welche mein Haus unter Ihrer Leitung betroffen haben. Es waren Börsenspekulationen, deren Ausgang der beste Kopf nicht mit Bestimmtheit vorherzusehen vermag."
„Ich weiß," fuhr Damken fort, „daß Sie früher in solchen Spekulationen viel Glück hatten, ich weiß, daß es wiederkehren wird, dennoch würde es für mich selbst zur Beruhigung dienen, wenn Sie mir offen die Versicherung geben könnten, daß Sie im Stande wären, unser Haus damit zu retten und zu seiner alten Größe und Sicherheit zurückzuführen."
„Sie vergesten, Herr Damken," entgegnete Kleuser, „daß es zugleich mein eigenes Interesse, ja meine Existenz ist, für welche ich arbeite."
»Das Glück läßt sich nie berechnen," fuhr Kleuser zu dem Handelsherrn gewendet fort, „aber ich weiß, was Arbeit und Mühen vermögen. Sie würden durch einen Konkurs einen herben Schlag bekommen — ich würde Alles verlieren ; hierin wird für Sie schon eine Bürgschaft liegen, daß ich vorsichtiger und mühevoller arbeite, als irgend Jemand."
„Daran zweifle ich nicht," gab Damken zur Antwort. „Um Ihr eigenes Jntereste an daS Geschäft zu knüpfen, bat ich Sie- als Kompagnon in dasselbe einzutteten. Ich
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fei. Indessen lehne Frankreich nicht ab, auf der Grundlage des Vertrags in Verhandlungen über eine Vereinbarung der europäischen Mächte einzutreten. Tie Stellung Rußlands ist zur Zeit gleichfalls eine ablehnende, beruht aber auf anderen Voraussetzungen, als die Frankreichs sind. Es scheint, daß Egypten und Afghanistan im Augenblick von der russischen Diplomatie vornehmlich unter dem Gesichtspunkt von Kompensationsobjekten für eine Schwenkung Englands in der Haltung gegenüber Bulgarien bettachtet werden. Ein friedlicher Hauch in der russischen Politik wird namentlich Deutschland gegenüber zu konstatieren fein und ein stärkeres Hervortreten des Wunsches, aus der bulgarischen Sackgasse herauszukommen. Ueber Katkoff hat sich der Zar mit einer gewissen Gereiztheit ausgesprochen und ihm namentlich die Einmischung in die äußere Politik vorgeworfen, die der Zar sich selbst vorbehält. Katkoff möge sich auf die innere Politik beschränken, in der er nützliche Dinge geleistet habe." — In seiner heutigen Plenarsitzung genehmigte der Bundesrat nicht nur die Vorlage über Einführung der Reichs-Gewerbe-Ordnung in Elsaß - Lothringen, sondern auch den Gesetzentwurf für Elsaß-Lothringen, betreffend die Anwendung abgeänderter Reichsgesetze auf landesgesetzliche Angelegenheiten (Einführung durch kaiserliche Verordnung), nachdem die Ausschüsse heute vormittag bereits darüber beraten hatten. Die beiden Entwürfe sollen sofort an den Reichstag gelangen.
— Die Branntweinsteuerkommistion des Reichstages beendigte heute ihre Beratungen und beschloß, zu beantragen : der vom Zollauslande in Fässern eingehende Arrac, Cognac und Rum wird vom Tage der Verkündigung des Gesetzes mit 125 Mk., der gesamte übrige Branntwein mit 180 Mk. pro 100 Kilogramm verzollt. Der gesamte, am 1. Oktober d. I. innerhalb des Gebietes der Branntweingemeinschaft im freien Verkehre befindliche Branntwein unterliegt einer Nachsteuer von 30 Pfennig für das Liter reinen Alkohols. Befreit von der Nachsteuer bleibt der Branntwein zu gewerblichen Zwecken, zu Heil-, wissenschaftlichen, Putz-, Koch-, Heizungs- und Beleuchtungs-Zwecken, zur Essigbereitung, ferner der Branntwein in Mengen von nicht über 10 Litern, endlich der Branntwein, für welchen ein erhöhter Zoll bezahlt worden ist. Für die Zeit vom Tage der Verkündigung des Gesetzes an bis zum 30. Sept. 1887 wird der Bettieb der Brennereien, ausgenommen derjenige der Hesebreiinereien, auf Dreiviertel des Umfangs werde versuchen, das Geld zu bekommen, fest zusichern kann ich es Ihnen aber nicht."
»34 muß es haben," rief Kleuser. „Ich habe mich durch Wechsel zu retten versucht — das geht nicht mehr, ohne das Geld find' wir verloren. Kommen Sie selbst in die Stadt, Herr Damken, nehmen Sie Einsicht in die Bücher und überzeugen Sie sich von der bedrängten Lage.
Damken schritt unruhig und überlegend im Zimmer auf und ab. Aus Letzingen hatte er in seinen Gedankeix längst gerechnet für den Fall, daß fein Haus von einem Unglück betroffen werden sollte. Aber nicht für das Haus wollte er das Geld in Anspruch nehmen, sondern für sich selbst, denn in der letzten Zeit war er mehr und mehr zu der Ueberzeugung gelangt, daß sein Geschäft später doch einmal fallen werde. Ehe er Letzingen ansprechen wollte, sollte derselbe für immer mit feiner Tochter verbunden fein, um jeden Rückschritt unmöglich zu machen. Jetzt sah er sich in die unangenehme Lage gedrängt, vorher Geld von ihm zu erlangen, um fein Haus zu halten, denn fiel das, so konnte er mit Bestimmtheit darauf rechnen, daß Letzingen sich znrückziehen werde. — Jetzt stellten sich ihm doppelte Schwierigkeiten entgegen, um Letzingen zu einem Darlehen zu bewegen, denn er durste ihn die bedrängte Lage seines Geschäfts nicht einmal ahnen lassen. Er mußte einen Plan aus sinnen, der sein Geschäft gar, nicht berührte, und verhehlte sich nicht, mit wie großen Schwierigkeiten dies verbunden war. Er verlor indeß den Mut noch nicht, nur suchte er es für den Augen- dlick von sich abzuwälzen. Jetzt war er nicht ruhig genug, um darüber nachsinnen zu können. Er suchte deshalb Zeit zu gewinnen.
„Ich werde es überlegen, was sich thun läßt und in einigen Tagen in die Stadt kommen, um Ihnen Nachricht zu bringen. Brieflich bitte ich diese Angelegenheit nicht zu berühren, denn Briefe sind zu vielen Zufälligkeiten ausgesetzt. Jetzt kommen Sie, unsere Damen werden uns erwarten, und wir dürfen sie ahnen lasten, daß wir Sorgen haben könnten. Kommen Sie, lieber Freund, werfen Sie für heute alle Geschäftsgedanken und Sorgen von sich und machen Sie ein heiteres Gesicht." (Fortsetzung folgt.)
Wöchentliche Beilagen: Kreis - Blatt s. h. Kreise Marburg n. Kirchhain
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