Rr. 131.
Marburg, Mittwoch, 8. Juni 1887.
im. Jahrgang.
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Unwillkürlich drückte Kleuser sie fest und lieb an sich. Er vermochte seine Freude über diese Worte kaum zurückzuhalten, nnd doch mußte er sie verbergen.
In diesem Augenblicke bog der Wagen in den Park Herrn Damken ein und fuhr in der langen Lindenallee Villa zu.
Beide schwiegen, Pauline gab sich still ihren Gedanken und Traumen an em Glück hin, das Kleuser ihr soeben wie ein Spiegelbild vorgehalten hatte. Auch Kleuser war still geworden. Der Anblick dieses herrlichen Parkes und der Villa verstimmten ihn. Sie waren es, welche enorme Summen verzehrt und das große blühende Geschäft vernichtet hatten. Sie waren es, welche auch ihn geblendet und in eine Lage getrieben hatten, aus der er sich nur durch einen Gewalt- ltreich retten konnte. Dieser Streich ließ sich aber nicht auf
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darum freilich noch immer dahin. Boulanger allerdings wird allem Vermuten nach bald aushören, eine Gefahr für dasselbe zu bedeuten, und, wenn sich seine Freunde in der Presse endlich heiser geschrieen haben, auch die bisher auf das reichhaltigste gespendeten Trinkgelder aus den Fonds des Kriegsministers den Eifer der Lobhudeler Boulangers nicht mehr warm halten, seinen Nimbus über kurz oder lang erblassen sehen. Aber die Grundlage, auf der das Ministerium steht, bleibt eine unsichere. Die Monarchisten helfen den Opportunisten, aus denen das Kabinett hervorgegangen ist, jetzt in der Unterstützung desselben, teils weil sie vielleicht wirklich eine patriotische Pflicht in dieser Haltung erblicken, teils weil die Aussicht auf ein Regiment Clemenceau ihben für ihre besonderen Ziele doch bedenklich erscheint, teils endlich weil sie von der gegenwärtigen Entwickelung eine Befestigung ihrer Aussichten erwarten. Die Opportunisten andererseits, und im besonderen Grövy, scheuen die Annäherung an Clemenceau, weil sie wissen' daß der radikale Strudel sie in den Abgrund reißen würde und ein Ministerium Clemenceau - Boulanger das Ausland “ als kleineres Nebel und als letzten Versuch, mit Frank- reich zu einem friedlichen Nebeneinander zu kommen — zu einer Begünstigung der monarchistischen Parteien nötigen müßte. So roirb, zwischen den gemäßigten Republikanern und den Monarchisten also vorläusig das Bedürfnis einer Verständigung vorliegen. Wie lange dieses Spiel der balancierenden Kräfte freilich die gegenwärtige Regierungsmaschine im Betriebs erhalten wird, vermag niemand vorherzusagen. Für uns ist das Wesentlichste, daß Frankreich sich im Augenblick offenbar ernsthaft von einer Polittk der Abenteuer und der fieberhaften Unruhe abgewandt und die Aussicht auf Erhaltung des europäischen Friedens wesentlich befestigt ist.
Dasselbe gilt bezüglich Rußlands. Wir hören hier von einer Wendung zum Besseren in den Beziehungen zwischen den drei Kaisermächten, und auch von einer neuen Zusammenkunft der drei Kaiser ist die Rede. Thatsächlich war in jüngster Zeit, wie u. a. die Verabschiedung des plan- slavistischen und franzosenfreundlichen Generals Bogdanowitsch bewach,. ««-Mückflut in dem Einfluß der zum Bruch mit
Deutschland treibenden Sttömung zu beobachten. Freilich wissen wir zur Genüge aus wiederholten Erfahrungen, wie schwankend und wenig Dauer versprechend solche Stellungnahmen der leitenden russischen Kreise nach der einen oder nach der anderen Seite sind. Wir können auch nicht übersehen, daß dieses Einlenkcn Rußlands Deutschland gegenüber mindestens ebenso sehr auf Rechnung der Not, wie des eigenen Triebes anzusetzen ist; denn die Bemühungen Rußlands, Frankreich mit Deutschland zu verhetzen, um so für seine Orientpläne freie Hand zu erhalten, waren offenkundig, und erst als diese Einflüsterungen ein hartnäckig taubes Ohr bei Grevy fanden und so als unfruchtbar erkannt wurden, erschien eine Wiederannäherung an Deutschland angebracht! Auch der energische Feldzug, den unsere Regierungsblätter in den letzten Wochen gegen die Gejchichtsfälschungen, mit denen man in Rußland die öffentliche Meinung gegen Deutschland einzunehmen versuchte, geführt haben, mag ein gut Teil zu der Neubefestigung einer besonneneren Sttömung. beigettagen haben. Die vexatorischen Maßregeln gegen die Deutschen in den russischen Grenzprovinzen lassen wir hier heute auf sich beruhen; sie fallen mit der Zeit ihrer Be- schließung in eine um einige Monate zurückliegende Periode, scheinen infolge von gemeinsamen Schritten, welche Deutsch! land und Oesterreich, wie es heißt, bei der russischen Regierung thun wollen, auf eine Milderung rechnen zu dürfen und gehören auch an sich nicht ohne weiteres in den Rahmen der Bettachtungen, die uns hier beschäftigen. Alles in allem aber lautet auch bezüglich Rußlands das Endergebnis unseres Rundblicks, daß wir wohl Ursache haben, mit weniger Spannung in die nächste Zukunft zu blicken, daß unsere Aufgabe aber nach wie vor dieselbe bleibt, und zwar: die Waffe fest im Arm und unser Pulver ttocken zu halten.
„Ist das wirklich Dein Wunsch, Pauline?" fragte Kleuser nicht ohne heimliche Ueberraschung. „Würdest Du dem rauschenden Leben der Stadt ganz enffagen können? — Ja, das Geld allein macht nicht glücklich, Tausende macht es sogar namenlos unglücklich, ist aber zum Leben nötig, unumgänglich nötig. Vielleicht ziehe ich mich später auch gänzlich vom Geschäft zurück, wenn ich meine Zukunft gesichert habe; dann würde ich aufs Land ziehen und zwar soweit als möglich von hier. Dann sollte uns nichts in unserem idyllischen Leben stören. Würdest Du Dich aber so leicht entschließen können, diese Stadt, Deine Heimat, für lange ^ahre, ja, vielleicht für immer zu verlasfen?
„Weshalb nicht?" entgegnete Pauline. „Ich würde Dir mit Freuden überall hinfolgen, wenn ich die Gewißheit hätte, daß wir dort ganz ungestört unserem Glück leben könnten."
„Halt, halt, Pauline, sage nicht so viel!" rief Kleuser. „Würdest Du auch mit mir in ein anderes Land, nach Amerika gehen? Oder erstreckt sich Dein Ueberallhin nur auf einige Meilen im Umkreise."
Er hatte diese Frage scheinbar nur im Scherz gestellt, es war ihm aber ernstlich daran gelegen, die Gesinnung seiner ^rau auszuforschen, ohne ihr feine Absichten und Gedanken zu verraten. Forschend hatte er seinen Blick auf ihr Gesicht gerichtet.
„Ja, auch nach Amerika hin würde ich Dir folgen, Leopold," erwiderte Pauline mit ruhiger, bestimmter und fester Stimme.
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Deutsches Reich.
Bern«, 6. Juni. Der Kaiser ruhte heute etwas länger, als gewöhnlich, im Bette, wird nachmittags einige Vorttäge entgegennehmen und um 5 Uhr mit der Groß- herzogin von Baden dinieren. — Der Kronprinz kam vormittags hierher und besuchte die Großherzogin von Baden Wie jetzt verlautet, soll der Kronprinz mit Familie am ehrliche, ftiedliche Weise durchführen. Er rettete durch den- felben zwar sein Vermögen, aber er mußte seine Heimat sein friedliches Leben in derselben und die Ruhe seines Gewissens zum Opfer bringen. Deshalb wurde er jedesmal verstimmt, wenn er hieran dachte.
Der Wagen hielt in diesem Augenblicke vor der Villa still. Gabriele hatte ihre Freundin vom Fenster aus erblickt und eilte/ sie zu empfangen. Der Handelsherr befand sich noch auf seinem Zimmer. Durch einen Diener von dem Besuch benachrichtigt, kam auch er herbei. Er schien überrascht, als er Kleuser erblickte, aber er war ein zu artiger Wirt, um diese Ueberraschung offen zu zeigen. Es wurde ihm ja so leicht, sich zu verstellen und seine wahre Gemütsstimmung zu verbergen.
„Das ist schön von Ihnen", rief Damken Kleuser entgegen, „daß Sie sich einmal von den Geschäften losgerisseu und diesen herrlichen Morgen benutzt haben, uns zu besuchen, Sie sollen sehen, daß Sie hier in wenigen Stunden em ganz anderer Mensch werden, denn hier weht Sie keine Nacht- und Geschäftslnft an."
Kleuser war nicht im Stande, sofort einen gleich heiteren und unbefangenen Ton zu finden.
„Ich werde kaum so viel Zeit haben, diese frische und freie Luft, um welche ich Sie wahrlich beneiden möchte, zu genießen", erwiderte er. Ja, ich fürchte sogar, Herr Damken, daß ich Ihnen diese Luft verderbe und auch hier die geschäftliche Atmosphäre verbreite, denn ich komme in der That in Geschästsangelegenheiten."
„So, so", entgegnete Damken lächelnd, aber diesem Lächeln sah man ein bitteres, unangenehmes Gefühl an. „Ich hatte schon gehofft, Sie würden heute eine Ausnahme gemacht und mir Ihren Besuch ohne geschäftliche Zugabe zugedacht haben. Ich kann deshalb nur Ihre Person und nicht zugleich auch Ihre Absicht willkommen heißen — doch taffen wir das. Ich bin wider meinen Willen selbst auf dem besten Wege, Ihre geschäftliche Mission herauszufordern. Lassen wir das für jetzt, es wird sich schon eine Stunde finden, um das, was Sie bringen zu besprechen. Oder hat es vielleicht eine so große Eile?" fügte er lächelnd hinzu.
Kleuser zuckte mit den Achseln. „Es hängt zum wenigsten sehr viel davon ab." (Fortsetzung folgt.)
D«rch -ige«- Schuld.
Sin Original»Roman aus der Handelswelt von Friedrich Friedrich.
(Fortsetzung)
Sein Besuch erhielt hierdurch einen freundschaftlichen Schein und das streng Geschäftliche, das diesmal obendrein mit so großer Unannehmlichkeit verbunden war, trat nicht fo scharf und offen hervor. Der Handelsherr war ja ohnehin allem Geschäftlichen abgeneigt, während er Gastfreundschaft jeber Zeit gern unb äußerst zuvorkommend übte.
Es war ein wunbervoll schöner Morgen, als Kleuser an ber Seite seiner jungen Frau zum Thore ber Stabt hinausfuhr. Es tag in ber angenehmen Kühle des Morgens so viel Erfrischendes und univillkürlich Erheiterndes, daß dieser Einfluß sich auf die Gemüter der beiden jungen Gatten geltend machte. ,
Kleuser war heiterer, als er seit langer Zeit geivesen war, und welches junge Weib würde wohl nicht von einer solchen Stimmung ihres Gatten angesteckt?
. giebt ein russisches Sprichwort, welches lautet: „Im ersten Jahre ist ein Weib wie feuriger Most, un zweiten entscheidet es sich, ob Wein daraus wird oder Essig." Pauline stand noch in dieser Mostperiode des Weibes, ihre Gefühle hatten sich noch nicht vollständig aufgeklärt, sondern gehörten noch ganz ihrem Gatten an. Ihre Seele war noch ein Spiegelbild der seinigen, in der Freude und Schmerz stets einen Widerglanz fanden.
„Das ist das erste Mal seit Wochen, daß ich Dich wieder heiter sehe", sprach sie, indem sie die Hand ihres Gatten ergriff.
„Muß ich nicht heiter sein, wenn ich an einem solchen schönen Morgen an Deiner Seite in die frische, schöne Natur hinausfahre?" erwiderte Kleuser lächelnd. „Ich würde glücklicher sein, wenn ich öfter im Stande wäre, es zu thun, aber ich bin einmal ein Sklave des Geschäfts."
„Du hättest es nicht nötig gehabt, Leopold", warf die junge Frau ein. „Wir hätten glücklich und sorgenlos leben können. Mit Freuden würde ich mich in jeder Beziehung eingeschränkt haben, wenn ich Dich nur heiter und zufrieden gesehen hätte. Es ist von jeher mein sehnlichster Wunsch gewesen, einmal still und einfach auf dem Lande zu leben. Glaube, .mir, da schlleßen sich die Herzen auch wärmer und inniger an einander an." '
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M« Blick «ach Weste« ««d Oste«!
Das neue französische Kabinett hat bis jetzt alle Klippen zu umschiffen vermocht. Seine Taktik besteht hauptsächlich darin, seinen Gegnern keine Angriffspunkte darzubieten. Wenn das neue Ministerium die von den Radikalen geforderten Reformen und Sparsamkeitsmaßregeln in allen Zweigen der Verwaltung wirklich durchführt oder zunächst vorschlägt, was wollen ihm diese Gegner dann vorwerfen? Oder wenn es sich wohl hütet, die von Boulanger eingebrachte Mllitärvorlage zurückzuziehen ober scharf zu bekämpfen, >vas haben bann die Freunde Boulangers an seinem Verhalten auszusetzen? Daß biefe Militärvorlage Gesetz werben wirb, muß freilich bezweifelt werben. In ber Deputiertenkammer , welche am Sonnabend in die General- diskussiou des Gesetzentwurfs eingetreten ist, haben sich sofort kritische Stimmen erhoben, welche namentlich geltend machten, daß der gegenwärtige Zeitpunkt so schlecht wie nur möglich für die einschneidenden Umwälzungen, welche diese Vorlage mit den französischen Armeeverhältnissen vornehmen will, gewählt sei. Auch an sich wird der ausgeprägt demokratische Grundzug der Boulaugerschen Pläne, der die Armee annähernd auf den Fuß des Milizheeres bringt, wohl nicht nach dem Geschmack der Deputiertenkammer fein. Das Ende rotrö also voraussichtlich eine wesentliche Beschneidung dieser „Reform"-Gedanken fein, in der Richtung der Anschauungen des gegenwärtigen Kriegsministers Ferron, der sich, als Grundlage der ganzen Heereseinrichtungen, für eine dreijährige, allgemeine und für alle gleiche Dienstzeit ausgesprochen hat.
Die weiteren Schicksale des neuen Ministeriums stehen