Nr. 12k)
Marburg, Sonntag, 5. Juni 1887.
xxii. Ja-rgllug.
Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn» und Feiertagen. — Quartal- Nbonnements-Preis bei der Expedition 2*/4 Mk.. bei den Postämter 2 SH. 50 Pfg. (excl. Bestellgeld). Jnsertionsgebühr für die gehaltene Zeile 10 Bfg, Reklamen für die Zeile 25 Pfg.
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Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVogler in Frankfurt a. M-, Cassel, Magdeburg und Wien, Rudolf Moste in Frankfurt a. M., Berlin.München und Köln; G- L. Daube und Co. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.
Wöchentliche Beilagen: tireissBlatt f. d. Kreise Marburg «. Kirchhain.
Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
— Illustriertes SountagsblM
Erstes Blatt.
Für den Monat Juni nehmen alle Postanstalten, auf dem Lande auch, die Landbriefboten Bestellungen auf die
Oberhesfische Zeitung
mit ihren Gratisblättern entgegen.
In Kirchhain nimmt unsere Agentur, Herr Buchbinder Rindt, sowie in hiesiger Stadt die Expedition (Markt 21) Bestellungen an.
Deutsches Reich.
»erlirr, 3 Juni. Dem „Börsenkurier" zufolge würde die neue Berliner Baupolizeiordnung in einem sehr wesentlichen Punkte, nämlich in dem Verbote, die Seitenflügel in der Höhe des Vorderhauses aufzuführen, abgeändert werden; die bett. Aenderung soll bereits in den nächsten Tagen erscheinen. — Unter den höchsten preußischen Justizbeamten hat der Tod in den letzten 5 Jahren gewaltig aufgeräumt. Von den 13 Oberlandesgerichtspräsidenten ist etwa die Hälfte m dieser kurzen Zeit mit Tod abgegangen. Es starben Dr. v. Goßler in Königsberg,, vr. Meyer vom Kammergericht, Mager in Cassel, Dr. Heimsoeth in Köln, Dr. Kühne in Celle und am Dienstag Abend erst wieder ganz plötzlich Vierhaus in Köln, der erst vor wenigen Monaten die höchste richterliche Ehrenstclle in seiner Provinz angetreten hatte. Er war 1819 in Cleve geboren, hatte aber seine Ausbildung nicht im Gebiete des rheinischen (französischen) Rechts, sondern in einem landrechtlichen Departement, dem von Hamm, empfangen. Daß er trotz vielfacher Wanderungen und Wandlungen erst in der Rheinprovinz seinen eigentlichen Wirkungskreis gesunden zu haben glaubte, geht aus dem warmen Nachruf hervor, den der höchste rheinische Gerichtshof und die Oberstiwtsanwaltschast bei demselben ihm widmen. Sie betonen vor allem, daß er in die „heimische" Provinz zurückgekehrt fei, und daß er mit besonderer Freude und Liebe sich dem neuen, seinem letzten Amte gewidmet habe. Dem Justizminister, der schon nach einem Nachfolger für den sein Amt aufgebenden Präsidenten Schultz-Völcker in Breslau sucht und in Dr. Falk ihn nur um den Preis einer Neubesetzung der Stelle in Hamm gewinnen könnte, wird es wegen der eigentümlichen
Durch eigene Schuld.
Original»Roman au- der Handels Welt von Friedrich Friedrich.
(Fortsetzung.)
„Das genügt mir und muß mir genügen", fuhr der Agent fort; denn ich kann mir von Ihnen nichts Schrift- .liches geben lassen, daß ich Sie bei der Ausführung Ihres Planes nicht unterstützt habe. Das geht nicht, denn eine solche Schrift wäre der beste Beweis für meine Mitwissen- fW Run ich will Ihnen auch meinen Plan mitteilen. ®r ist einfach und kurz, aber dennoch von größter Vorsicht und Schlauheit. Sie stellen über eine nicht unbedeutende Summe eine Anzahl Wechsel aus, welche sämtlich im Anfänge November fällig werden. Alle diese Wechsel suchen wir in Buchmanns Hände zu bringen, der sie bereitwillig aufkauft, um Ihr Haus zu stürzen. Er selbst hofft nichts dabei zu verlieren, da er sich auf Deckung derselbe durch die verschiedenen Giros verläßt. Dies soll die Falle werden, in der er sich fängt. Ich werde Ihnen Geschäfte nennen, welche scheinbar fest und sicher stehen, aber schon seit Jahren mit bedeutender Unterbilanz arbeiten. Sie mögen dann mit Ihnen oder nach Ihnen fallen, das kümmert uns nicht, denn sie könnten sich doch nicht mehr halten, aber ihr Fall soll Buchrnann mit sich reißen, oder ihm zum wenigsten bedeutende Verluste bringen. Das ist mein Plan. Unbewußt hoben Sie ihn auf das herrlichste vorgearbeitet. Buchmann hat bereits aus bedeutende Summen. lautende Papiere von Ihrem Hanse in Händen, deren Deckung mehr als unsicher ist, und wovon er noch nichts ahnt. Ja, dieser günstige Umstand hat sogar erst den Plan in mir hervorgerufen. Sehen Sie, Günther und Kompagnon arbeitet schon feit Jahren mit bedeutender Unterbilanz; sie stehen fast noch schlimmer da, als das Haus Samten, ich weiß es aus sicherster Quelle. Und doch steht ihr Kredit unangefochten da; Niemand ahnt etwas davon, ebenso wenig, wie es Niemand von Ihrem Hause ahnt. Im Vertrauen auf die Solidität Ihres Hauses und um von Ihnen im Notfälle eine kleine Gefälligkeit erwarten zu können, werden sie willig die Wechsel annehmen und verkaufen — Niemand argwöhnt
rheinischen Verhältnisse nicht leicht fallen, einen Ersatz für Vierhaus in Köln zu finden. — Die „Kreuzztg." schreibt: „Vor einiger Zeit sind in der Presse Mittheilungen über die Zukunft des Herzogtums Sachsen-Koburg-Gotha aufgetaucht. Wenn es aber danach mit Recht bementirt worden, daß neuerdings der Herzog von Edinburg auf den Thron des zweitklemsten deutschen Herzogtums zu Gunsten seines Sohnes verzichtet habe, so glauben wir doch gut unterrichtet zu sein, wenn wir versichern, daß an den entscheidenden Stellen der Gedanke an eine spätere Vereinigung der Herzogtümer Koburg- Gotha und Meiningen und Erhebung derselben zu einem Großherzogtum keineswegs fallen gelassen worden ist und wesentliche Schwierigkeiten der Ausführung dieses Planes sich nicht entgegenstellen dürften."
Riel# 3. Juni. Der Kaiser fuhr heute vormittag ich offenen Wagen nach Holtenau und traf kurz nach 10 Uhr auf dem Festplatze ein, wo er von dem Staatsfekretär von Bötticher und der Kanal - Kommission empfangen wurde, v. Bötticher verlas in Vertretung des Reichskanzlers die Grundstein-Urkunde. Der bayerische Gesandte und bevollmächtigte Minister Graf von Lerchenfeld-Köfering überreichte dem Kaiser die Kelle, der Präsident des deutschen Reichstages von Wedell-Piesdorf den Hammer. Der Kaiser that drei Hammerschläge, dann folgten die Prinzen, die Minister und stimmführenden Mitglieder des Bundesrates, die Präsidenten des Reichstages und Landtages, die Chefs der Reichsämter u. s. w. Nachdem Hofprediger Kögel die Weihrede gehalten und em Chor Händels Hallelujah gesungen hatte, brachte Minister von Bötticher ein dreimaliges Hoch auf den Kaiser aus, worein die ganze Versammlung begeistert einstimmte. Sodann wurde von allen Anwesenden die Nationalhymne gesungen. Nach Beendigung der Feier fuhr der Kaiser ttotz des hohen Seeganges auf der Segelfregatte „Pommerania" nach Kiel zurück, wo er bei dem reichgeschmückten Schnhmacherthore unter den jubelnden Zurufen der dichtgedrängten Menschenmenge landete.
Gstha, 2. Ium. Die heutige dritte und letzte Sitzung der 27. Allgemeinen deutschen Lehrer-Versammlung, wurde mit dem Gesänge: „Ach bleib mit deiner Gnade" eröffnet. Den ersten Gegenstand der Tagesordnung bildete: „Die erzieherische Bedeutung der Fortbildungsschule." Der Referent, Lehrer Krebs (Gotha), äußerte sich etwa folgendermaßen: „Ich habe wohl nicht nötig, in dieser Versammlung des Näheren auseinanderzusetzen, welch argen Gefahren die aus der Volksschule entlassene Jugend ganz besonders in den etwas dahinter, bis das Ganze zum Ausbruch kommt; doch dann sind Sie längst in Sicherheit. Zugleich werde ich Ihnen noch ein junges Geschäft nennen, das allgemein als sehr gut gilt, das aber, wie ich weiß, mit nur wenig Tausend Thalern angefangen hat und mit der größten Ruhe für chunderttausend Thaler Geschäfte abschlteßt. Das giebt ihm einen großen Namen, weil es großen Kredit hat; aber das ganje Geschäft ruht auf so schwacher und morscher Grundlage, daß es auch bereits zu wanken anfängt. Der Besitzer tjranfe ist fein Name, wünscht mit Ihrem Hause anzn- knüpfen und in Verbindung zu treten; er will sich gleichsam an den festen Kredit des Hauses Damken lehnen, um seinen eigenen dadurch zu stützen. Mit Vergnügen wird er durch meine Vermittelung Wechsel annehmen; er hält Ihr HauS für fo fest, wie die Pyramide des Cheops und so reich wie Crösus. Auch die Wechsel sollen in Buchmanns Hände gelangen, und er mag sich später feine Zigarre damit anzünden, denn bezahlen toiro sie ihm Niemand. Ha, das wird ein großer und allgemeiner Konkurs werden, wie er kaum dage- »efeit ist, die ältesten Häuser werden fallen, weil sie am Börsenspiel der Neuzeit teilgenommen haben. Wenn ich Buchmann zugleich mitstürzen könnte, würde ich selbst noch einmal Bankerott machen. Aber auch dieser Schlag soll ihn schwer und empfindlich treffen. Er soll an mich denken."
®er Gedanke hieran ließ den Agenten für einen Augen- blirf sich selbst vergessen. Er rieb sich vergnügt die Hände und schritt im Zimmer auf und ab. Sein Gesicht hatte in diesem Augenblicke einen diabolisch triumphierenden Ausdruck. Plötzlich blieb er vor Kleuser stehen und richtete feine Augen rasch und scharf auf ihn. .Was meinen Sie dazu? Haben Sie Verttauen zu dem Plane? Scheint er Ihnen richtig angelegt zu fein?" fragte er. „Ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich ihn in Anführung bringen werde. Er soll und muß gelingen!"
Kleuser stand noch immer schweigend da. Kein Wort war ihm entgangen und er hatte wohl begriffen. Seine eigenen Interessen wurden nur dadurch befördert, auch er wünschte, daß Buchmann einen empfindlichen Schlag erhalten möge, und was kümmerte es ihn, ob einige Andere zugleich
großen Städten und Industrie-Zentren ausgesetzt ist, Gefahren, die die Sittlichkeit uud Gesundheit untergraben, das Herz veröden, ja oft den guten Namen beflecken. Diese Gefahren sind durch die modernen Arbeitsverhältnisse, die es bekanntlich mit sich bringen, daß der junge Handwerker u. s. w. nicht mehr ein Mitglied der Meisterfamilie, sondern in seinen Freistunden sich selbst überlassen ist, ganz außerordentlich große geworden. Deshalb sind die Fortbildungsschulen eine dringende Notwendigkeit. Wenn jedoch die Fortbildungsschulen ihrem Zwecke entsprechen sollen, so müssen sie ihr Hauptaugenmerk auf die Erziehung der Jugend legen. Die Fortbildungsschule muß es sich angelegen sein lassen, Geist, Gemüt und Charakter der jungen Leute zu bilden. Die Fortbildungsschule muß sich ferner angelegen fein lassen, die jungen Leute zu charakterfesten, guten und treuen Staatsbürgern zu erziehen. Bei den Fortbildungsschülern muß ganz besonders auf dasjenige Wissen Rücksicht genommen werden, das im praktischen Leben erforderlich ist. Es ist nicht möglich, aber auch nicht unbedingt nötig, daß die Jugend in der Fortbildungsschule eine große Summe neuer Kenntnisse und Fertigkeiten erlange. Wenn die Schüler im Stande sind, die erworbenen Kenntnisse im Leben zu verwerten, und so viel Freude und Lust am Lernen finden, daß sie später aus eigenem Antriebe fortarbeiten, fo hat die Fortbildungsschule ihre Aufgabe bezüglich des Unterrichts vollauf gelöst. Ganz besonders ist es Pflicht der Lehrer, die Fortbildungsschüler mit größtmöglichster Liebe zu behandeln. Die Lehrer sollen sich stets ihrer eigenen Jugendzeit erinnern und kleine Jugendstreiche nicht zu scharf rügen; auch sollen die Lehrer das Ehrgefühl der Fortbildungsschülex zu wecken suchen. Es genügt nicht, daß wir die Schüler warnen, öffentliche Vergnügungslokale, Tanzlustbarkeiten u. s. w. zu besuchen, wir müssen ihnen auch durch Veranstaltung von gemeinsamen Spaziergängen, musikalisch-deklamatorischen Abendunterhaltungen u. s. w. einen Ersatz bieten. In den letzten 10 Jahren sind wohl viele Fortbildungsschulen in Deutschland entstanden, allein Angesichts der dringenden Notwendigkeit, aller Orten Fortbildungsschulen zu haben, ist es erforderlich, das Fortbildungsschulwesen obligatorisch zu machen. Dadurch würde es auch aufhören, daß viele Fortbildungsschüler von Altersgenossen, die keine Fortbildungsschule besuchen, verhöhnt werden, in welcher Folge der Besuch der Fortbildungsschule gewissermaßen als Strafe, ja als Schande gilt. Möge man bei Prüfung dieser Frage alle finanziellen Rücksichten außer Acht lassen. Möge man erwägen, daß
durch ihn mitstürzen würden! Er hatte längst verlernt, an Andere zu denken und auf sie Rücksicht zu nehmen.
Wie fo viele, befand Kleuser sich auf einem wilden, stürmischen Jagen nach einem gesteckten Ziele: nach Geld und Reichtum. Jeder wollte das Ziel erreichen, Jeder machte die größten Anstrengungen, mit rücksichts- und atemloser Hast stürmten Alle dahin, dem Ziele entgegen, unbekümmert, ob sie ihren Nebenmann zu Boden rannten, ob er unter und von ihren Füßen zertteten würde. Es galt Ihnen Alles — Alles gleich, wenn sie nur ihr Ziel erreichten.
„Ich habe das beste Verttauen dazu," entgegnete Kleuser endlich. „Mir ist es gleichgiltig, ob Andere mit mir fallen, oder nicht."
„Was kürnmen Sie Andere!" rief der Agent. „Niemand wird Sie unterstützen und halten, wenn Sie in Gefahr kommen. Eigener Gewinn ist das allgemeine Losungswort. Es gab auch für mich eine Zeit, wo ich nicht im Stande gewesen wäre, aus dem Schaden der Unvorsichtigkeit Anderer Nutzen zu ziehen, wo es mir in der Seele weh that, wenn ein Haus in Konkurs kam. Das ist lange her und ich bin nicht mehr so wie einst, Herr Kleuser. Es freut mich und ist eine stille innere Genugthuung für mich, wenn ich jetzt die ältesten und einstmals soliden Häuser wanken und stürzen sehe. Und manche, welche wir jetzt fest und sicher wähnen, werden mit der Zeit auch fallen, denn fast alle sind mehr oder weniger von der Epidemie der Jetztzeit, von dem Börsenspiel und von dem Börsenschwindel angestellt, und der ruiniert am meisten. Ich spreche aus Erfahrung, ich selbst bin durch das Börsenspiel reich und arm geworden. Doch ich komme von unserem Ziele ab. Ja, wir müffen außerordentlich vorsichtig zu Werke gehen, um jeden Verdacht Buchmanns abzuwehren."
„Ich weiß," fuhr der Agent fort, „daß er Sie und das Haus Damken fortwährend scharf im Auge behält und beobachten läßt. — Haben Sie nicht einen Kommis in Ihrem Geschäft mit Namen Eichel?"
Kleuser bejahte es.
(Fortsetzung folgt.)*