Rr. 127.
Marburg, Freitag, 3. Juni 1887.
xxn. Iqrgang.
AllWsche Jcitimg
— Illustriertes Sonntagsblatt.
Durch eigene Schuld.
Sw Original - Roman auS der Handelswelt von Friedrich Friedrich.
(Fortsetzung)
»Ja, ja, Herr Buchmann", sprach der Agent vor sich hinlächelnd, „es ist der arme Agent Potenz, der Ihnen einen schweren Schlag versetzen will. Ich weiß, daß Sie verächtlich auf ihn herabblicken, weil er ein armer Teufel ist, ein Agent, und weil das Glück Sie zum reichen und angesehenen Manne gemacht hat. Sie halten sich für unübertrefflich schlau und klug, Sie sind mein Schüler, aber Sie vergessen, daß der Meister auch immer etwas vor seinen Schülern voraus hat, und wäre es auch nur die reichere Lebenserfahrung und ein durch häufigere Täuschungen schärferer Blick Sie haben noch wenige Täuschungen erfahren. Ja, ks ist Ihnen fast alles geglückt, was Sie unternommen hoben. Aber gerade Ihr Glück wird auch Ihr Unglück, denn es hat Sie verblendet. Ja, es hat Sie blind gemacht. Die Lage des Hauses Damken haben Sie erkannt und wollen es stürzen, weil sein eitler thörichter Besitzer Ihrer eigenen Eitelkeit und Thorheit im Wege zu stehen scheint. Es wird Ihnen gelingen, dieses ehrwürdige Haus zum Fall zu bringen — aber Geduld, Herr Buchmann, dieser Fall soll ihre eigene Grundmauer erschüttern. Sie kaufen Wechsel auf das Haus Damken auf, aber Sie prüfen nicht genau, ob diese Wechsel auch die genügende Sicherheit für Sie haben, ob die, welche die Wechsel giriert haben, im Stande sein werden, zu zahlen, wenn sich das Haus Damken insolvent erklären muß. Ha, das prüfen sie nicht und das ist Ihre Achillesverse, an der ich Sie treffen werde. Sie sollen erzittern, wenn Sie künftighin den Namen Menz hören. Sie kennen mich nicht mehr, denn ich stehe bereits niedrig genug, aber ich kann Sie hinabstürzen von der unsichern Höhe Ihres Geldthrones, und ich will es. Noch ist Geld und Spekulationsgeist nicht der einzige Beherrscher der Welt, es giebt noch einen Rivalen desselben, das ist der Scharfblick des Geistes, die Erfahrung, die Schlauheit und der Witz, mit denen ein armer Teufel sich durch die Welt helfen muß."
Es schien die innere Aufregung durch dieses Selbstge-
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— da es sich um eine Reichsangelegenheit handelt — von dem Staatssekretär im Reichsamt des Innern, Staatsminister v. Bötticher, vorgenommen werden. — lieber die vorläufige Beseitigung Boulangers äußern sich die hiesigen Blätter auch heute mit großer Zurückhaltung. — Die „Nationalzeitung" meint, sie sei bei der durchaus friedliebenden Tendenz der deutschen Politik hier mit Befriedigung ausgenommen worden und namentlich in militärischen Kreisen sehe man erst jetzt den Frieden als für die nächste Zeit gesichert an. Die „Post schreibt: „Wer in Deutschland jeden Monat Frieden für einen Segen hält, weil er die Hoffnung festhält, daß unter dem Einfluß einer günstigen Wendung eine dauernde Besserung unseres Verhältnisses zu Frankreich erreicht werden könne, der muß über Boulangers Rücktritt sich freuen, auch wenn er einen zehnmal tüchtigeren Nachfolger erhalten haben sollte. Denn unter diesem Kriegsminister gab es keine Stunde Sicherheit, daß nicht durch eine ungeschickte, zweideutige ober verletzende Maßregel der Krieg binnen vierundzwanzig Stunden an den Haaren herbeigezogen würde." Die „Nord. Allgem. Zeitung" behält die Reserve, die sie sich während der ganzen französischen Ministerkrisis auferlegt hat, auch jetzt noch bei.
— Die „Nordd. Allg. Ztg." antwortet auf die sogenannten Enthüllungen des französischen Botschafters in Petersburg, General Leflo, die das oft wiederholte Märchen begründen wollten, als ob Deutschland 1875 einen Angriff auf Frankreich geplant hätte, während das Gegenteil aus den Schriftstücken hervorgehe. Leflö mag aus eigenem An- trtebe oder auf höheren Befehl an die Kriegsabsichten Deutschlands geglaubt und seinen Befürchtungen in Petersburg Ausdruck gegeben haben. Nach seinem eigenen Geständnis erwies sich die Furcht als unbegründet; denn Alexander II, der über die deutsche Politik besser informiert war, antwortete ihm, Deutschland sei sehr entfernt davon, zu wollen; er wisse bestimmt, daß der Kaiser Wilhelm ganz entschieden gegen jeden neuen Krieg fei. Einfach aus der Lust gegriffen fei die Behauptung Leflos, Radowitz fei "uch Petersburg gesandt worden, dem Zaren Kompensationen zu versprechen, wenn er Deutschland ungehindert über Frankreich herfallen lasse. Diese Behauptung habe keine andere Unterlage, als die Dreistigkeit der Erfindung. Die Rückkehr Radowitzs von Petersburg sand früher statt, als der hohle Kriegslärm von Gortschakow imb ben französischen Agenten Wräch beruhigt zu haben, denn er legte sich schlafen und m wenigen Minuten sah er im Traume feinen Feind bereits gedemütigt und gestürzt.
Ja, Polenz war in seiner Art ein ausgezeichneter Mann. Er verstand es, jeden Augenblick seiner Zeit auszunutzen. Man konnte saft nie sagen, daß, wenn er wachte, er irgend einen Augenblick unthätig war; hatte er sich aber einmal zur Ruhe niedergelegt, so nutzte er auch diese Zeit gründlich aus, denn er verstand das Geheimnis, sofort einzuschlafen. 0
Einige Abende darauf trat Polenz, als die Diener des Hauses Damken sich entfernt hatten, wieder still und heim- lich in das Zimmer des Geschäftsführers ein. Wieder schien itjn Kleuser in einer ungeduldigen und unruhigen Stimmung erwartet zu haben, denn als Polenz kaum die Thür geöffnet hatte, rief er ihm entgegen: „Endlich kommen Sie!"
Der Agent konnte wohl erwarten, daß er Kleuser allein treffen werde, da er ihn um eine geheime Unterredung ge- beten hatte; um sich aber fest davon zu überzeugen, ließ er,_ wie er es stets gewohnt war, seinen Blick rasch und prüfend durch das Zimmer gleiten. Dann erst erwiderte er Kleisters Gruß.
„Soeben erst hat der letzte Diener das Haus verlassen", sprach er. „In Ihrem Interesse wollte ich es vermeiden, von irgend jemand bemerkt zu werden. Für mich würde es weiter keinen Nachteil nach sich ziehen, als daß vielleicht mein Plan dadurch scheiterte; für Sie könnte vielleicht Ihre ganze Existenz gefährdet werden."
„Meine Existenz!" fragte Kleuser^nicht ohne Erstaunen. Der Agent nickl bejahend und lächelnd mit dem Kopfe. "Ich werde Ihnen nachher sagen, was ich damit meine," erwiderte er. „Seien Sie indessen unbesorgt, es hat mich niemand gesehen, und ich glaube, daß wir vollstäudig allein sind, um nicht belauscht zu werden."
„Wir sind es," warf Kleuser ein.
»Ich. bin davon überzeugt," fuhr der Agent fort „Doch laffen Sie uns schnell zur Sache kommen. Sic haben jetzt noch keine Hoffnung, Ihr Haus retten zu können? «eine Sage hat sich noch nicht gebeffert?"
Kleuser zuckte mit den Achseln.
in ®cene gesetzt wurde. Radowitz Sendung bezweckte nur tue geschäftliche Vertretung des abwesenden Bostchafters. Die „Nordd. Allg. Ztg." veröffentlicht als Beweis drei Berichte des Prinzen Reuß an die Reichskanzlei vom 22 Aprll, 2. Mai 1875 und 22. Januar 1876. In dem ersten wird berichtet, daß Alexander bei dem Empsana Werders diesem erzählte, daß Leflo ihm von deustchen Rüstungen gesprochen, er ihn aber durch die Versicherung, der friedlichen Gesinnung Kaiser Wilhelms mit Erfolg bfe rufjigt habe. Im zweiten Bericht wird mitgeteilt, daß Alexander dem österreichischen Bostchafter gegenüber eine Störung des Friedens für unmöglich erklärte, so lange ein gutes Verhältnis zwischen den drei Kaisermächten bestehe. Frankreich könne ohne Allianzen nichts unternehmen, wolle auch den Frieden nicht stören; die Besorgnisse in Berlin darüber seien einigermaßen übertrieben. Prinz Reuß knüpfte daran die Bemerkung, daß der Zar künstlich in dem Glauben erhalten werde, die Unruhe gehe von Berlin aus. Gortschakow bekämpfe diese Ansicht nicht; von außen werde sie genährt. Er, der Botschafter, trete solchen Ideen mit den kräftigsten Argumenten entgegen; er hoffe, daß von entscheidender Wirkung erst der persönliche Gedankenaustausch bei der bevorstehenden Zusammenkunft in Berlin sein werde. Gortschakow komme mit Blumen auf den Lippen, aber sehr kühlem Herzen. Der Zar bringe ein warmes Freundschaftsgefühl mit. Das dritte Aktenstück vom 22. Januar 1876 berichtet über die Abschiedsaudienz des Prinzen Reuß beim Zaren. In einem längeren intimen Gespräch bemüht sich der Botschafter, das Mißtrauen zu zerstreuen, welches von übelwollender Seite dem Zar gegen die Politik Bismarcks eingeflößt worden. Dann heißt es: Der Kaiser nahm diese Auseinandersetzungen gut auf und erwiderte: „Sagen Sie dem Fürsten, daß auch ich unbedingtes Verttauen in ihn setze." Er erzählte mir hierauf von den sehr befriedigenden Gesprächen, welche er in Berlin mit Ew. Durchlaucht gehabt, wie er Sie gebeten habe, im Amte zu bleiben, wie er noch heute denselben Wunsch hege, daß es ein Unglück für die leider noch schlecht gekittete deutsche Einheit fei, wenn Sie sich von den Geschäften zurückziehen wollten. Und wüm, was Gott verhüten wolle, ein Regierungswechsel bei uns ein treten sollte, dann würden Sie dem Reiche noch viel nötiger sein als jetzt. Wie gesagt, er habe Vertrauen m Ew. Durchlaucht, er sei im vorigen Jahre sehr isoliert
„^ch hoffe allerdings, aber Sie wissen, wie trüaerito diese Hoffnungen sind."
„Herr Kleuser," entgegnete der Agent mit ernster Stimme. »Ich bin gegen Sie ohne Rückhalt offen und darf auch wohl erwarten, daß Sie es gegen mich sind, denn Ihr Interesse Üt dabei mehr beteiligt, als das meinige. Sie wissen recht gut, daß Sie eben durchaus keine begründete Hoffnung mehr haben, die Firma zu halten, denn zu den in einigen Mo- naten fälligen bedeutenden Wechseln kommen noch bedeutende rückständige Waarenposten. Sie haben keine Deckung dafür. Sie können die Zahlungen nicht leisten, das wissen Sie doch bester als ich, denn sonst würden Sie nicht jetzt schon an Ihre eigene Sicherheit denken."
»An meine eigene Sicherheit?" wiederholte Kleuser erstaunt und zugleich erschrocken, als wenn ein tiefes Geheimnis feiner Brust verraten wäre. Er hatte diese Worte ganz unbefangen sprechen wollen, aber unwillkürlich waren sie hastig hervorgekommen und seine Wangen hatte eine leichte Röte überdeckt.
Dies war dem scharf beobachtenden Auge des Agenten nicht entgangen. Es war bisher eine Vermutung von ihm gewesen, jetzt fand er sie bestätigt und ein kaum bemerkbares triumphierendes Lächeln glitt über fein Gesicht. Dies Lächeln galt mdeß nicht der Verlegenheit dieses jungen Mannes, sondern der Freude über die Schärfe seines Urteils uns die Richtigkeit seiner Vermutung.
»Ja, ja, es ist so, wie ich gesagt-habe," fuhr Polenz fort, „und ich werde Sie deshalb am allerwenigsten verdammen. Ich weiß, daß Damken Sie überredet und überlistet hat, fein Kompagnon zu werden, ich weiß, daß Sie Ihr und Ihrer Frau Vermögen diesem Geschäft anbertraut haben, und verarge es Ihnen deshalb wahrlich nicht, daß, da dies Haus Ihnen wahrlich keine Sicherheit darbietet,' Sie das Ihrige bei Zeiten zu retten suchen und daß Sie außerdem sich anständige Zinsen und eine gute Entschädigung für Ihre Mühen und Sorgen reservieren. Seien Sie indessen vorsichtig damit, übereilen Sie nichts, denn Sie »»nnt-« damit leicht alks verderben und alles verlier«."
(S-rtktzW, stht.)
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Oberhesfische Zeitung
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Deutsches Reich.
Berlin, 1. Juni. Ter Kaiser nahm heute vormittags militärische Meldungen und den Vortrag des Geh. Kabinettsrats v. Wilmowski entgegen, empfing nachmittags den Gesandten in Kopenhagen Stumm und machte alsdann eine Spazierfahrt. Um 3*/i Uhr erscheint der Minister von Puttkamer, um 4 Uhr Staatssekretär Graf Bismarck zum Vortrag. — Der Kronprinz, der dem Stiftungsfest des Lehrbataillons beiwohnte, hatte dabei mehrfach Gelegenheit, sich in befriedigender Weife über sein Befinden zu äußern, lieber die Reise des Kronprinzen behufs Teilnahme an dem Jubiläum der Königin Victoria sind die letzten Dispositionen noch nicht getroffen. Dr. Mackenzie wird Mittwoch kommender Woche nach Berlin zurückkommen und dürfte dann erst die Entscheidung fallen. Als nicht ausgeschlossen gilt es, daß im Falle der Reise der Aufenthalt des Kronprinzen in England sich etwas länger ausdehnt; ja man nennt bereits die im müdesten Klima gelegene Insel Wight, auf der der Kronprinz einen längeren Aufenthalt nehmen würde. — Fürst Bismarck hat wegen des stärkeren Auftretens der Muskelschmerzen den beabsichtigten Psingstausflug nach Friedrichs- ruh nicht unternehmen können und mußte am Pfingstsonntage teilweise, gestern jedoch den ganzen Tag das Bett hüten. War es nun überhaupt schon fraglich, ob der Fürst bei der Rückkehr seines alten Leidens sich ben Anstrengungen der Reise nach Kiel werde unterziehen dürfen, so ist unter den gegenwärtigen Umständen selbstverständlich nicht daran zu denken, .daß derselbe Se. Majestät den Kaiser nach Kiel begleitet. Wie wir hören, wird denn auch auf Anraten der Aerzte diese Reise zur Kanalfeier unterbleiben. Die Funktionen, welche nach dem offiziellen Programm bei der Grundsteinlegung der Holtenauer Schleuse dem Fürsten Reichskanzler zufallen sollten, werden in Vertretung desselben voraussichtlich