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Marburg, Donnerstag, 2. Juni 1887.

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- Illnstriettes Sonntagsblatt.

Durch eigene Schuld.

Ein Original«Roman aus der Handclswelt von Friedrich Friedrich.

(Fortsetzung)

Dem jungen Manne schien dieser Plan sehr einleuchtend zu sein, nur wußte er nicht, wie er ihn zur Ausführung bringen, wie er überhaupt mit Schwabe ein Gespräch über Musik anknüpfen sollte, ohne daß dieser eine Absicht dahinter vermutete. Er sprach dieses gegen den Agenten aus.

Werden Sie bald wieder durch M. kommen?" fragte ihn dieser.

In wenigen Tagen, denn meine nächste Reise führt mich dorthin."

Das trifft sich herrlich," fuhr Polenz fort.Der beste Anknüpfungspunkt bietet sich Ihnen dar. Gerade jetzt gastiert die Sängerin Marie Wäller von hier in M. Sie gehen ganz einfach zu Schwabe, berühren die Geschäftssachen gar nicht, sondern bitten ihn um sein Urteil über die Wäller. Sagen Sie eine hiesige Familie interessiere sich sehr dafür, Sie hätten von mehreren Seiten gehört, daß er ein sehr feines vorurteilfreies Ohr habe, selbst ein hiesiger Kapell­meister habe Sie darauf aufmerksam gemacht, sich an ihn zu wenden, weil Sie ftch bei ihm versichert halten dürften, daß für sein Urteil nur die wahre Kunst maßgebend sei. Er wird dann sehr bescheiden thun, ich kenne das, wird sich aber außerordentlich geschmeichelt fühlen, namentlich wenn Sie noch einige Lobeserhebungen über sein Spiel und Ge­sang, von denen Sie mehrfach rühmend gehört, hinzufügen. Bietet er Ihnen Gelegenheit und ich glaube, daß er es thun wird ihn in seiner Familie zu besuchen, so mu- stzieren und singen sie mit ihm, und haben ihn für immer gewonnen. Um indeffen in dem Plane ganz sicher zu gehen, erwähnen Sie durchaus nichts von Geschäftssachen, wenn er nicht selbst das Gespräch darauf lenkt. Sobald Sie aber dann wieder durch M. kommen, gehen Sie offen zu ihm und bieten ihm ihre Artikel an. Ich wette Hundert gegen Eins, daß er sofort mit Ihnen in Verbindung treten und namhafte Bestellungen machen wird. Auf welche Weise sie ihn gewonnen, brauchen Sie ja nicht zu erzählen. Dieser

13. Oktober 1884, und blieb es bis zum Sturze des Kabinetts, 30. März 1885. Seither war er zweimal Vor­sitzender der Budgetkommission, ein gewichtiges Zeugnis für seine Autorität in Finanzsachen. Auch als Führer der Freihandelspartei hat sich Rouvier einen Namen gemacht. Rouvier hat natürlich zum Präsidium die Finanzen über­nommen und läßt Posten und Telegraphen in seinem Reffort durch einen Unterstaatssekretär, den Deputierten Etienne ver­walten. Minister des Innern und der Kulte ist Clement Armand Fallieres, geboren am 6. November 1841 in Mezin, Dep. Tarn et Garonne, also ebenfalls ein noch ver­hältnismäßig junger Mann. Fallieres studierte die Rechte, war dann Bürgermeister der Stadt Nerac und wurde 1876 in die Kammer gewählt. Im Mai 1880 wurde er unter dem ersten Ministerium Freycinet dem Minister des Innern, Lepsre, als Unterstaatssekretär zur Hülfe gegeben und im Ministerium Duclerc, 2. August 1882, wurde er Minister des Innern. Als dieses Ministerium im Januar 1883, in dem Wirrwarr der durch den Tod Gambettas, das Mani­fest des Prinzen Napoleon und den Antrag Floquet herauf­beschworenen Prinzenfrage zusammenbrach, übernahm Falliöres am 29. Januar an Ducleres Stelle das Präsidium. Er war damals sehr leidend, und als er in einer großen Rede die Stellung seiner Regierung zum Antrag Floquet, der be­kanntlich auf sofortige Ausweisung aller Prätendentenfamilien lautete, auseinanderzusetzen begann, wurde er ohnmächtig und mußte von der Tribüne getragen werden. Mit ihm brach auch seine Regierung zusammen. Fälliges gilt übri­gens für einen tüchtigen, erfahrenen und energischen Ver­waltungsbeamten, und das Ministerium des Innern wäre ihm schon längst wieder zugefallen, wenn für die Wahl der Minister nur die Tüchtigkeit den Ausschlag gegeben hätte. Der Minister des Aeußern, Flourens, ist vom Kabinett Goblet her bekannt. Er war früher Kultusdirektor und dann Direktor der persönlichen Angelegenheiten im Ministerium des Auswärtigen. Herr von Freycinet empfahl ihn nach seinem Rücktritt am 3. Dezember 1886 Herrn Goblet als Minister des Aeußern, und was er als solcher durch seine Gegnerschaft gegen den General Boulanger und durch seine besonnene Haltung in der Schnäbele-Affaire für den Frieden geleistet hat, ist noch in aller Gedächtnis. Sein Verbleiben darf daher ebenso wie das Verschwinden Boulangers als ein gutes Zeichen für den internationalen Frieden begrüßt

Das neue französische Ministerium

tourbe gestern, genau 14 Tage nach dem Sturze des Mini­steriums Goblet durch dasJournal offiziel" veröffentlicht und ist wie folgt zusammengesetzt: Rouvier Präsidium, Finanzen mit Posten und Telegraphen; Falliöres In­neres; Flourens Auswärtiges; Spuller Unterricht; Mazean Justiz; Ferron Krieg; Barbey Marine; Dautresme Handel; Heredia Arbeiten; Barbe Ackerbau. Die den Kammern abzugebende Erklärung des neuen Ministeriums wird die Schwierigkeiten der Kabinetts­bildung aufzählen und die Notwendigkeit der Finanzreformen und Ersparungen betonen, sowie ein neues, dem Kammer­votum entsprechendes Budget ankündigen. Für die Bera­tung der Militärvorlagen soll die von den Kammern be­schlossene Reihenfolge eingehalten werden. Das Kabinett will zurücktreten, falls es nicht die Majorität der repubi- kanischen Stimmen erhalte. General Boulanger hat einen Tagesbefehl erlassen, worin er seinen Mitarbeitern bei dem Werke der Entwickelung der Landesverteidung dankt und Beachtung der Treue für Gesetz und Verfassung em­pfiehlt ; er werde der erste sein, ein Beispiel dieser doppelte» mllitärischen wie republikanischen Disziplin zu geben.

Ueber die Persönlichkeiten des neuen Ministeriums wird mitgeteilt: Der Premier, Maurice Rouvier, ist am 17. April 1842 zu Aix geboren, ist also ein verhältnismäßig noch junger Mann. Er studierte die Rechte und ließ sich als Advokat in Marseille nieder, wo er auch journalistisch gegen das Kaiserreich thätig war. Im Jahre 1871 wurde er in die Nationalversammlung und später in die Kammer ge­wählt, wo er sich der republikanischen Union anschloß. Gambetta machte ihn in seinem Kabinett vom 14. Nov. 1881 zum Handelsminister, der er bis zum Sturze des Kabinetts, 26. Januar 1882, blieb. Im Ministerium Ferry trat er als Handelsminister an Heriffons Stelle, am

Plan gelingt, denn ich kenne die Menschen. Ein Glas auf die neue Verbindung mit dem Hause Schwabe!"

Begeistert stieß der junge Mann an. Alles leuchtete ihm jetzt klar und der Wein übte gleichfalls bereits seine Wirkung.

Sie haben mich zu Ihrem Schuldner gemacht, Herr Polenz," rief er.Aber wenn dieser Plan gelingt, so rechnen"

Bitte, bitte, mein lieber Herr Blume,'' erwiderte der Agent abwehrend,schlagen Sie eine geringe Sache doch nicht so hoch an und seien Sie überzeugt, daß es mir ein wirk­liches Vergnügen gemacht hat, Ihnen diesen kleinen Wink zu geben, wäre es auch nur darum, um Ihnen Herrn Buchmann durch die Erfüllung seines Wunsches noch ge­neigter zu machen. Ich glaube, Sie machen sehr bedeutende Geschäfte für ihr Haus."

Es geht, ich bin damit zufrieden," entgegnete der junge Reisende, indem er selbstbewußt lächelte.

Haben Sie in M. noch mehrere Geschäftsverbindungen?" fragte der Agent weiter, der sich für das Vertrauen des jungen Mannes einen sicheren Weg gebahnt zu haben glaubte. Und er hatte sich nicht geirrt, denn ohne Arg nannte ihm dieser mehrere Firmen und erzählte ihm von den Geschäften, welche er mit ihnen gemacht hatte.

Ohne Ihnen Schmeicheleien sagen zu wollen, Herr Blume," sprach der Agent,e§ ist meine feste Ueberzeugung, daß Herr Buchmann keinen besseren Reisenden als Sie be­kommen kann, und er weiß das, deshalb häli er auch so viel von Ihnen."

Sie haben eine zu gute Meinung von mir, Herr Polenz," ries der junge Mann innerlich erfreut.Ich darf mich allerdings wohl rühmen, daß Buchmann mir gewogen ist und mir fest tiertraut, denn er legte manche wichtige Angelegenheit allein in meine Hände und gestattete mir manchen Einblick in die tiefsten Geheimniffe seines Geschäfts."

Jetzt hatte der schlaue Agent den jungen, durch Wein angefeuerten Mann endlich aus dem Punkte, wohin ihn zu führen von Anfang seine Absicht gewesen war. Er hatte alles glücklich vorbereitet, hatte sich gefällig und für den

Für den Monat Juni nehmen alle Postanstalten, auf dem Lande auch die Landbriefboten Bestellungen auf die Oberhessische Zeitung mit ihren Gratisblättern entgegen.

In Kirchhain nimmt unsere Agentur, Herr Buchbinder Rindt, sowie in hiesiger Stadt die Expedition (Markt 21) Bestellungen an.

Wöchentliche Beilagen: Kreis-Blatt f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain

___ Expedition Markt 21. Reaktion, Druck und Berlag von Joh. Aug. «och.

werden. Der neue Unterrichtsminister Eugen Spuller ist direkt aus der Redaktionsstube derRepubl. fr." in ein Ministerhotel gekommen. Er ist am 8. Dezember 1835 in Seurre (Dep. Cotes d'Or) geboren, studierte die Rechte und ward Advokat in Paris, widmete sich aber seit 1863 aus­schließlich der Journalistik. Er bekämpfte das Kaiserreich und schloß sich Gambetta an, mit dem er am 7. Oktober 1870 die berühmte Ballonfahrt von Paris nach Tours ausführte, wo ihn der Diktator zu seinem Sekretär machte, ^m >;ahre 1872 trat er in die von Gambetta gegründete Republique frangaife" ein, wurde 1876 zum Deputierten gewählt und war im Ministerium Gambetta Unterstaats- Sekretär des Auswärtigen. Seit 1884 wählte ihn die Kammer regelmäßig als einen ihrer Vizepräsidenten. Spul- lers Schreibart ist bei aller Schärfe ruhig und klar, sowie von einer gewissen Milde und Toleranz, und ebenso spricht er auch. Gleich Rouvier und Fälliges ist er ein vorzüg­licher Redner. Obgleich Spuller sehr fortschrittlich gesinnt l,t, so hat er sich von radikaler Verbissenheit und Verbohrt­heit doch immer ferngehalten; er konnte sogar gegenüber der Rechten tolerant sein, wie das im vorigen Jahre in seiner großen Rede zur Verteidigung des Kultusbudgets zum Ausdruck gekommen ist. Die Rechte vergißt ihm dies nicht.

Die anderen Persönlichkeiten des neuen Ministeriums sind weniger bekannt, von einigen kann man sogar geradezu sagen, daß sie, als politische Persönlichkeiten wenigstens, un­bekannt seien. So von Barbe, dem Deputierten der Seine- et-Oise, von dem man nur weiß, daß er ein ehrgeiziges aber einflußreiches Mitglied der radikalen Linken ist. Er hat das Ackerbauministerium bekommen. Von dem neuen Marineminister Barbey weiß man in weiteren Kreisen nur daß er Senator ist und früher Marine-Offizier war. Der Kriegsminister, General Ferron, war Generalstabs - Chef während des Ministeriums Gambetta und hat zuletzt die dreizehnte Division (achtes Armee-Korps) in Chaumont kom­mandiert. Von dem Justizminister Mazeau ist bisher unseres Wissens auch noch nirgends die Rede gewesen. Dautresme ist ein Unabhängiger, der schon einmal, Ende 1885, Handelsminister im Ministerium Brisson gewesen ist und mit diesem zurückttat. Er übernimmt jetzt wieder den Handel und wird die Aufgabe haben, die Hinterlassenschaft Lockroys, insbesondere die verfahrene Weltausstellung, in

Erscheint tüglich außer an Werktagen nach Sonn« und Feiertagen. Quartal« Abonnements-Preis bei der Expedition 2yt MI., bei den Postämter 2 Ml 50 Pfg. (excl. Bestellgeld). Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg., Reklamen für die Zeile 25 Pfg.

Gewinn Buchmanns scheinbar interessiert gezeigt, hatte sich in das Vertrauen des Reisenden fast unbemerkbar und doch fest eingeschlichen und nun entfaltete er die ganze Feinheit seiner Kunst, das Gespräch stets bei diesem Gegenstände zu erhalten und durch direkte Fragen dem jungen, unvorsich­tigen Manne alles zu entlocken, was er über Buchmanns Verhältnisse wissen wollte, die nur insofern Jnteresfe für ihn hätten, als sie Blume berührten; in Wahrheit folgte er ihnen aber mit der größten Aufmerksamkeit, weil er ans ihnen seinen Plan gegen Buchmann immer sicherer aufbauen konnte.

Nachdem er alles, was er wünschte, erfahren hatte, ver­ließ er den jungen Mann nicht sogleich, obschon es schon spät am Abend war, sondern erzählte ihm mit der größten Lebhaftigkeit aus seinem eigenen Leben und trank ihm fleißig zu, um ihn vergessen zu machen, was er über seinen Prin­zipal und dessen Verhältnisse verraten hatte. Dies glückte ihm vollständig, denn als er endlich schied, befand sich Blume in einem Zustande, in welchem meistens der Schlaf jede Erinnerung zu verwischen pflegt.

Als der Agent die jetzt stille und menschenleere Straße erreicht hatte, rieb er sich vergnügt die Hände, denn er hatte über Buchmann Aufschlüsse erhalten, welche die Ausführung seines Planes wesentlich fördern mußten. Er hätte diesen Mann, den er so unversöhnlich haßte, gern gestürzt, aber soweit reichte sein Plan und seine Macht nicht. Buchmann galt für außerordentlich reich, und wußte er auch, daß dieser Reichtum nicht so bedeutend war, als er erschien und wie die Leute glaubten, so war er doch zu groß, um selbst durch erhebliche Verluste vernichtet zu werden.

Es war spät geworden und doch fand er, als er seine Wohnung erreicht hatte, noch keine Ruhe. Auch ihn hatte der genossene Wein etwas aufgeregt, mehr indessen noch die für seine Pläne so wichtigen und günstigen Nachrichten. Unruhig schritt er im Zimmer auf und ab. Er hatte jetzt nicht nötig, fernen Mienen irgend einen Zwang aufzuerlegen und offen spiegelten sie seine Stimmung ab.

(Fortsetzung folgt.)

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatte-, sowie d.Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVogler in Frankfurt a. M., Cassel, Magdeburg und Wie»/ Rudolf Moffe in Frankfurt a. SW., Berlin,München und

Köln; G. L. Daube und Co. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.