«r. 125.
Marburg, Mittwoch, 1. Juni 1887.
XXII. Jahrglng.
ObecheWie Jiitnnii
- Illustriertes Somitagsblatt.
Wöchentliche Beilagen: Kreis-Blatt f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain.
Expedition Mar« 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Lug. »och.
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Deutsches Reich.
Bertt«, 28. Mai. Der Kaiser empfing heute vormittag den gestern von seiner Reise zurnckgekehrten Prinzen Friedrich Leopold von Preußen, nahm darauf militärische Meldungen entgegen und arbeitete sodann mit dem Chef des Militärkabinetts General von Albedyll und dem General- Quartiermeister General Gras von Waldersee. Um 4 Uhr hat Staatssekretär Graf Herbert Bismarck Vortrag. — Die „Kreuz-Ztg." meldet: Der Kronprinz und die Kronprinzessin wohnten heute in der Kirche zu Bornstedt der Trauung der Hofdame der Kronprinzessin, Fräulein v. Gerstorff mit dem Adjutanten des Kronprinzen, Grafen Schlieffen bei. — Am 18. März d. I. ist das Kanonengeschenk Sr. Majestät des Kaisers an Se. Hoheit den Sultan von Sansibar gemeinschaftlich von dem kaiserlichen Generalkonsul Dr. Arendt und dem Korvettenkapitän Böters, Kommandant Sr. Majestät Kreuzer „Möwe", in feierlicher Audienz übergeben worden. Die Truppenteile von Sansibar waren in Zügen vor dem Palais aufgestellt, und die Miliz bildete Spalier auf dem Weg, auf welchem sich das Personal des kaiserlichen Konsulats und Kapitäns Böters mit seinein Stabe nach dem Palais bewegten. Am Eingang desselben salutierte die bewaffnete Macht unter den Klängen der Wacht am Rhein, und im Innern empfing der Sultan unter dem üblichen Zeremoniell die deutschen Abgesandten. Stach einer Anrede des kaiserlichen Generalkonsuls sprach der Sultan seinen wärmsten Dank für das kaiserliche Geschenk aus und nahm noch eine Ansprache des Korvettenkapitäns Böters entgegen, welcher sich erbot, die Manipulationen des Gebrauchs der Kanonen darzulegen. Das Geschenk besteht aus einer Batterie von 6 mit dem preußischen Adler sowie dem Wappen und Namenszuge Sr. Hoheit verzierten Geschützen mit künstlerisch ausgestatteten Lafetten. — Zu der
D«rch eigene Schrrlv.
. ®ln Original - Roman au- der Handelswelt von Friedrich Friedrich.
(Fortsetzung)
„Nun müssen Sie mir von Ihren Reisen erzählen, mein lieber Herr Blume", fuhr er fort. „Sind Sie für das Reisen noch immer so begeistert, als das letzte Mal, wo ich Sie sprach? Haben Sie noch immer dasselbe Glück, dessen Sw sie sich damals erfreuten?"
Blume hatte sich an seiner Seite niedergelassen. „Ich glaubte ganz gute Geschäfte gemacht zu haben, aber wie ich erfahre, ist man doch nicht zufrieden damit und dies ist wohl geeignet, mir alle Lust zum ferneren Reisen zu nehmen."
„Ich verstehe Sie nicht", bemerkte der Agent. „Daß Sie in Ihren Unternehmungen viel Glück haben, weil sie dieselben richtig auffassen und durchzuführen wissen, weiß ich, und Herr Buchmann kann das unmöglich verkennen. Ich weiß, daß er Sie schätzt und ich verstehe Sie deshalb nicht.",
„Ja, Sie können mich auch kaum verstehen, Herr Polenz"/ rief der junge Reisende. „Wenn Herr Buchmann aber mich wirklich schätzte, ivürde er auch mit den Erfolgen meiner Bemühungen zufrieden sein. Das ist er aber nicht. Er-wünscht, daß ich mit dem Hause Schwabe in M. eine Geschäftsverbindung anzuknüpfen suchen soll. Ich begreife diesen Wunsch sehr wohl, denn Schwabe hat ein bedeutendes Geschäft und würde unferm Hause einen nicht unerheblichen Gewinn bringen können; aber Sie werden mir gewiß zugestehen, Herr Polenz, daß es nicht in meiner Macht steht, Schwabe zu gewinnen, wenn dieser nicht geneigt ist. So oft ich „ach M. gekommen bin, habe ich ihm einen Besuch gemacht und ihm meine Muster vorgelegt, aber er hat sie stets mit der größten Artigkeit abgelehnt, weil er dieselben Artikel von andern und langjährigen Geschäftsfreunden beziehe. Er sei mir deshalb für meine Bemühungen sehr verbunden, müsse aber bedauern — nun Sie kennen das, Herr Potenz."
Der Agent gab ihm imrch ein Nicken des Kopfes seine Zustimmung zu erkennen.
„Auf meiner letzten Rseife durch M. sprach ich wieder
Kanalbaufeier berichtet die „Kieler Ztg." werden alle Schiffe, welche sich gegenwärtig in der Ostsee befinden, im Kieler Hafen versammelt sein. Ein Flottenmanöver wird am 3. Juni nicht stattfinden, dagegen wird der Kaiser an Bord des Aviso „Pommerania" nach Rückkehr von der Grundsteinlegung in Holtenau in der Wieker Bucht eine Flottenschau vornehmen. Bon der Mündung des Kanals bei Holtenau werden int Halbkreise nach dem inneren Hafen sämtliche Schiffe des Bkanövergeschwaders, des Reservegeschwaders und des Schulgeschwaders, das Panzerschiff „Hansa", sämtliche Schulschiffe und beide Torpedobootsdivisionen vor dem Kaiser paradieren. Der Chef der Admiralität, Generalleutnant von Caprivi,. und der Chef des Manövergeschwaders, Kontreadmiral von Paschen, werden am 1. Juni aus Berlin in Kiel eintreffen und am 3. Juni sich an Bord der Flotte begeben. Nachdem am 5. Juni eine große Segelregatta des Marine-Regatta-Vereins stattgefnnden hat, werden am Montag, den 6. Ium, wiederum die ersten Schiffe auf längere Zeit zu Kreuzfahrten in See gehen. — Wie die „Berl. Pol. N." hören, hat sich bei dem Reichskanzler wieder das alte Leiden eingestellt. Seit einigen Tagen wird Fürst Bismarck von rheumatischen Muskel- affektionen heimgesucht, infolge deren ihm jede Bewegung heftige Schmerzen verursacht. — Der zum deutschen Gesandten in Madrid ernannte bisherige Gesandte in Kopenhagen, Legationsrat Stumm, ist gestern abend aus Kopenhagen hier angekommen und hat int Hotel Kaiserhof Wohnung genommen. — Der „Reichsanzeiger" meldet: Infolge eines Wolkenbruches wurde heute früh der Eisenbahnbetrieb auf der Linie Berlin-Schneidmühl durch einen Brückeneinsturz zwischen Stöwen und Schönlauke auf beiden Geleisen unmöglich. Auf der Linie Schneidmühl-Posen ist die Strecke zwischen Gertraudenhütte und Budsinn an drei Stellen ebenfalls unfahrbar. Die Wiederherstellung beider Strecken ist alsbald begonnen worden. Die Betriebsstörungen dürften in etwa 24 Stunden gehoben sein.
— Zur parlamentarischen Situation äußert die „Nationalliberale Korrespondenz:" „Der Reichstag hat nunmehr seine Pfingstferien angetreten, um nach dem Feste noch zu einer Nachsession zusammenzukommen, die sich angesichts der vorgerückten Jahreszeit und der herrschenden Ermüdung hoffentlich nicht mehr allzu lange ausdehnen wird. Der letzte Teil der Session wird vorzugsweise der Erledigung der beiden Steuervorlagen gewidmet sein. Die Branntweinsteuer-Kom- missioik hat (mit Ausnahme der Frage der 'Nachsteuer) ihre bei Schwabe vor und wieder erhielt ich eine Ablehnung. Ja, er nahm nicht einmal die Proben in Augenschein, weil, wie er sagte es ihm nicht möglich sei, eine Bestellung zu machen. Herr Buchmann ist trotzdem sehr ungehalten, weil es mir nicht gelungen ist, Schwabe zu gewinnen. Mag er doch selbst den Versuch bei ihm machen und er wird sehen, daß er ebenso gut eine ablehnende Antwort erhält wie ich."
Der junge Mann trank in seinem Aeger rasch einige Gläser Wein hinter einander, und nicht ohne heimliche Freude bemerkte das der Agent.
„Es ist wohl möglich", sprach er lächelnd; „ja ich glaube bestimmt, daß, wenn es Ihnen nicht gelingt, eine Verbindung anzuknüpfen, da Sie alle gewinnenden Mittel dazu besitzen, es Herrn Buchmann ebensowenig gelingen wird. Zugleich begreife ich aber auch, daß ihm an dieser Verbindung sehr viel gelegen sein muß, und ich muß ihn deshalb in Schutz nehmen, wenn er ungerecht gegen Sie gewesen zu sein scheint. Es freut mich aber zngletch, daß es soweit gekommen ist, denn nun erhalte ich doch Gelegenheit, Ihnen einen kleinen Dienst zu erweisen, obschon er diesen Namen kaum verdient. Ich will Ihnen den Weg angeben, wie Sie Schwabe mit leichter Mühe und zuverlässig gewinnen."
„ Sie ?" fragte Blume überrascht. „ Kennen Sie Schwabe? Haben Sie einen solchen Einfluß auf ihn?"
Der Agent schüttelte lächelnd mit dem Kopfe. „Nein, nein, Einfluß habe ich nicht den geringsten auf ihn und meine Bekanntschaft mit Schwabe ist eine zufällige, nicht einmal persönliche. Ja, ich zweifle daran, daß er mich überhaupt kennt. Aber dennoch gebe ich Ihnen die Versicherung, daß Sie ihn gewinnen werden, wenn Sie die Anweisung, die ich Ihnen geben will, befolgen. Es muß Ihnen gelingen, denn Sie sind der rechte Mann dazu. Kommen Sie, lassen Sie uns anstoßen auf die guten Geschäfte mit dem Hause Schwabe."
Die Gläser klangen an einander und mit freudiger Hast leerte der junge Reisende das {einige. Der Agent rückte näher und vertraulicher an ihn heran.
Arbeiten beendigt, und das Ergebnis der Kommissionsberatung läßt mit höchster Wahrscheinlichkeit voraussehen, daß das Gesetz mit großer Mehrheit zu Staude kommt, zumal wenn es im Plenum noch gelingt, einige derjenigen Bestimmungen, die nach liberaler Auffassung über die berechtigte Rücksicht auf die landwirtschaftlichen Interessen hinaus das agrarische Gepräge an sich tragen, zu mildern. Auch für die Zuckersteuer-Vorlage hat die erste Lesung int Plenum günstige Aussichten eröffnet. Von konservativer und nationalliberaler Seite wurde der Gesetzentwurf als eine geeignete Grundlage der Verständigung anerkannt. Auch beim Zentrum, welches in dieser Beratung vollständig schwieg, .wird man Neigung zur Verständigung auf der Basis der Vorlage voraussetzen dürfen. Es eröffnet sich sonach die Aussicht, daß die Steuerreform mit Zustimmung einer überwältigenden Mehrheit zu Stande kommt, daß nur die Deutschfreisinnigen und einige andere kleine Gruppen in der Opposition stehen. Es wäre ein außerordentlicher Erfolg und würde der gegnerischen Agitation von vornherein allen Boden entziehen, wenn die finanzielle Befestigung des Reiches nicht blos mit einer knappen Mehrheit, sondern mit nahezu allgemeiner Zustimmung zu Stande käme. Was von den zahlreichen und wichtigen sonstigen Vorlagen, die in den Kommissionen erledigt sind oder sich in anderen Stadien der Beratung befinden, nach Pfingsten noch unter Dach gebracht werden kann, läßt sich noch nicht übersehen." — Die „Konservative Korrespondenz" meint: „Im Allgemeinen kann das Ergebnis der Beschlußfassungen der Branntweinsteuer-Kommission vom konservativen Standpunkt aus dahin beurteilt werden, daß die Begünstigungen der Getreidebrennereien und der kleinsten, in Norddeutschland nicht vorhandenen landwirtschaftlichen Betriebe, welche namentlich die Nationalliberalen, zum Teil unter Unterstützung des Zentrums, int Gegensatz zu den ursprünglichen Vorschlägen der Regierungsvorlage in den Gesetzentwurf hineingebracht haben, als bedenklich bezeichnet werden müssen. Erfreulich ist dagegen einmal die erzielte Uebereinstimmung bezüglich aller der Fragen, welche die fiskalische Wirkung des Gesetzes betreffen, sodann die Energisch positive Art und Weise, wie die Vertreter der Zentrumsfraktion in die Beratungen eingegriffen haben. Um den Gesetzentwurf für die Konservativen annehmbar zu machen, würden noch Erleichterungen für die kleineren norddeutschen Betriebe und eine größere Berücksichtigung der Interessen unserer inländischen Produktion für Zwecke der Brennereien im Gegensatz zu den Maisbrennereien in denselben einge-
„ Sehen Sie, mein lieber Herr Blume, im Verkehr mit Menschen ist es eine Hauptsache, daß man die Menschen mit schnellem Blicke erkennt und vorzugsweise ihre Schwächen und Leidenschaften," sprach er. „Hat man diese erkannt, so hat man immer eine Seite, von der man sich ihnen nähern kann, und benutzt man diese in der rechten Zeit, so gewinnt man sie auch für sich. Sehen Sie, eine solche Menschenkenntnis ist für den Kaufmann unbezahlbar. Sie erfordert aber viele Uebung und Erfahrung. Sie sind noch jung, können deshalb noch nicht so viel Erfahrungen gesammelt haben, wie ein älterer Mann. Die zweite Hauptsache im Verkehr mit Menschen, welche man für sich zu gewinnen sucht, ist aber die, daß man die Schwächen Anderer nur dann benutzt, wenn man selbst in dieser Beziehung stark ist und Vorzüge besitzt; nur darf man diese dem Anderen gegenüber nicht zu stark hervorleuchten lassen, sondern muß ihm scheinbar den Vorzug einräumen. Dies ist ein einfacher Grundsatz, und doch sollen Sie sehen, daß es Ihnen durch ihn gelingt, Schwabe zu gewinnen.
Mit einer fast enttäuschten Miene, aber doch mit Spannung blickte der junge Mann ihn fragend an.
„Ich will Ihnen näher auseinanderfetzen, wie Sie diesen Grundsatz in diesem Falle anwenden. Sehen Sie , Herr Blume, ich weiß, daß Sie ein tüchtiger Musiker sind. Sie besitzen eine ausgezeichnete Fertigkeit auf dem Piano, haben eine schöne Stimme, sodaß es eigentlich schade ist, daß Sie sich der Kunst nicht ganz gewidmet haben, aber Ihr Talent kann Ihnen auch in anderer Weise Nutzen bringen. Durch Zufall weiß ich, daß Schwabe ein außerordentlicher Musikfreund ist. Musik ist feine Schwäche, durch welche Sie ihn gewinnen müssen. Er spielt auch selbst und bild«.sich zugleich ein, ein seiner Musikkenner zu sein. Das müssen Sie benutzen, müssen es hervorheben, ihm schmeicheln. Das hört er gern, Sie gewinnen ihn dadurch persönlich für sich, und ist Ihnen dies gelungen, so haben Sie Alles gewonnen. — Dann kann er auch nicht ablehnen, mit Ihrem Haus in Verbindung zu treten und Sie haben Buchmanns Wunsch auf leichte Weise erfüllt." (Fortsetzung folgt.)