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Marburg, Sonnabend, 28. Mai 1887
XXII. Jahrgang.
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- Illustriertes Soniitagsblatt.
von der „Schlesischen Zeitung" gebrachte Notiz bestätigt, welche Herrn Dr. Kopp als den zukünftigen Fürstbischof von Breslau bezeichnete. Dem Breslauer Domkapitel ist übrigens noch in keiner Weise über diese Aimelegenheit eine amtliche Mitteilung zugegangen, das Kapitel Ist also bislang auch noch nicht von Rom aus aufgeforderr worden, auf sein Wahlrecht formell zu verzichten. Wahrscheinlich wird der Papst im gegebenen Augenblicke dem Breslauer Kapitel mitteilen, daß er von der dem päpstlichen Stuhl innewohnenden plenitudo potestatis im vorliegenden Falle Gebrauch zu machen gedenke oder, was noch wahrscheinlicher ist, Gebrauch gemacht habe. Im letzteren Falle würde der Name des Ernannten zugleich mitgeteilt werden. — Die „Germania" sagt, zuverlässiger Mitteilung zufolge liege die von der Kurie vollzogene Ernennung des Bischofs Kopp zum Fürstbischof von Breslau bereits im Kultusministerium vor.
M-tz, 25. Mai. Heute fand hier der 10. lothringische Lehrertag in Verbindung mit der 8. Generalversammlung der „Unterstützungsgenossenschaft der Lehrer und Lehrerinnen Lothringens" unter Beteiligung von annähernd 400—500 Lehrern statt. Den Verhandlungen, welche durchgängig in deutscher Sprache abgehalten wurden, nachdem festgestellt worden war, daß sämtliche Mitglieder des Deutscken mächtig seien, ging ein von Bischof Fleck, einem Lehrerssohn, abgehaltener Festgottesdienst voraus, nach dessen Beendigung derselbe eine kurze Begrüßungsrede in französischer Sprache an die Anwesenden richtete. Den Hauptgegenstand der Verhandlungen des Lehrertages bildeten zwei Vorträge über den .Einfluß des naturkundlichen Unterrichts auf die religiössittliche Bildung der Jugend, sowie über die neuerdings in Elsaß-Lothringen brennend gewordene Frage der nationalen Erziehung des Heranwachsenden Geschlechts. Am Schluß der Verhandlungen wurde ein Hoch auf den Kaiser ausgebracht.
D«rch eigene Schals.
Ein Original-Roman aus der Handelswelt von Friedrich Friedrich.
(Fortsetzung.)
„Was fehlt Dir, Leopold?" rief sie besorgt und angstvoll. „Was fehlt Dir? Wo bist Du so lange geblieben?"
Ohne eine Antwort zu geben, warf sich Kleuser auf einen Stuhl, um einige Fassung zu erringen.
„Was ist Dir begegnet?" wiederholte Pauline, indem sie ihm mit der Hand über die Stirn strich, gleichsam als müßte unter diesem sanften, weichen Drucke jedes Leiden schwinden.
„Es ist nichts, es wird bald vorübergehen," suchte Kleuser sie zu beruhigen. .Es ist heute spät geworden, ich habe viel gearbeitet, vielleicht zu viel. Kurze Zeit Ruhe wird alles wieder gut machen."
„Weshalb arbeitest Du so viel, Leopold?" fuhr Pauline fort. „Es ist unrecht von Dir, Du solltest an Deine Ge- fundheit, an Dich selbst und auch an mich denken. Und welchen Lohn hast Du von all diesen Mühen und Sorgen? Ich lese auf Deiner Stirn, daß Dich Sorgen und Arbeiten quälen, sie lasten Dir keine frohe und heitere Stund mehr. Und so ist's schon seit Wochen und Monaten, seit jenem Tage, an welchem Du in das Haus Damken eingetreten bist. Ich will Dir keinen Vorwurf machen, Leopold, aber denke zurück an diese Zeit, und zähle die heiteren und sorglosen Tage und Stunden, die Du seit jenem Tage gehabt hast. Glaubst Du, ich fühle nicht, daß Du seir jenem Tage em ganz anderer geworden bist, daß Du für mich kaum ein steundliches Wort, einen heiteren Blick, eine ruhige und ungestörte Stunde mehr hast? Ich fühle es wohl, wenn ich auch nicht darüber gesprochen habe. Denke zurück, wie heiter und glücklich wir lebten, ehe Damken Dich überredete, m sein Geschäft einzutreten, ja, denke zurück, Leopold, und vergleiche jene Zeit mit der Gegenwart. Du bist nicht glücklich und ich bin es auch nicht. Weshalb willst Du
Deutsches Reich.
Berlin, 26. Mai. Der Kaiser hielt heute, von dem Großherzoge von Toskana, von den Prinzen Wilhelm und Albrecht, sowie von einer glänzenden Suite gefolgt, die Frühjahrsparade über die Truppen der Berliner und Spandauer Garnison auf dem Tempelhofer Felde ab. Die Großherzogin von Baden und die Erbprinzessin folgten zu Wagen. Der Kaiser fuhr zunächst die Front der in zwei Treffen aufgestellten Truppen entlang und ließ dieselben dann in Parade vorübermarschieren. Der Kaiser wurde auf dem Hin- und Herwege von den dichtgedrängten Menschenmasten mit jubelnden Zurufen begrüßt. — Der „Reichs-Anz." meldet: Der Kronprinz erkrankte im Januar an einer Haltsentzündung, welche sich in ihren äußeren Erscheinungen, einem geringen Husten und intensiver Heiserkeit, durch die bisher in ähnlichen Fällen bei dem Kronprinzen erfolgreich angewendeten Mittel nicht beseitigen ließ. Auch die mehrwöchentliche Kur in Ems, welche übrigens auf das Allgemeinbefinden des Kronprinzen von bester Wirkung war, vermochte das örtliche Leiden nicht zu heben, so daß die im Laufe der Erkrankung neben dem Leibarzte zugezogenen ärztlichen Autoritäten sich damit einverstanden erklärten, daß der englische Spezialist Morell Mackenzie mit seinem Urteil gehört werde. Derselbe ist vor einigen Tagen hier eingetroffen und fand nach wiederholter Untersuchung den Zustand des Kronprinzen nicht so besorgniserregend, daß er nicht hoffte, durch zweckentsprechende Behandlung das Uebel in nicht zu langer Zeit beseitigen zu können. — Der Großherzog Ferdinand IV. von Toskana, welcher seit heute als Gast im kaiserlichen Schlosse weilt, hat für gewöhnlich seinen Aufenthalt in Salzburg. Er ist, wenn man bedenkt, daß er bereits seit 27 Jahren depostediert ist, noch verhältnismäßig jung, denn er zählt erst 51 Jahre. Zur Regierung ist er eigentlich nie gekommen; als der italienische Krieg 1859 ausbrach, herrschte noch sein Vater Leopold II., der
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mit seiner Familie am 27. April 1859 nach Oesterreich ging. In den Friedenspräliminarien von Villafranca wurde die Restauration der toskanischen Dynastie stipuliert und am 21. Juli 1859 dankte Leopold II zu gunsten seines Sohnes Ferdinand IV. ab. Es gelang diesem aber nicht, sein Volk zu versöhnen und schon am 16. August beschloß die Nationalversammlung einstimmig seine Absetzung. Trotz des ausdrücklichen Protestes des Großherzogs wurde dann am 22. März 1860 Toskana mit dem Königreiche Sardinien vereinigt. Damit endete die Herrschaft der Dynastie Habsburg - Lothringen in Toskana. Der Großherzog, der nebenbei Erzherzog von Oesterreich und infolgedessen Kaiserlich Königliche Hoheit ist, war in erster Ehe mit einer Tochter des Königs Johann von Sachsen vermählt;’ aus seiner zweiten Ehe mit der Tochter des Herzogs von Parma hat er 9 Kinder. Er begleitet in der österreichischen Armee die Charge eines Feldmarschall-Leutnants und ist Inhaber des 66. Infanterie-Regiments. In der preußischen Armee hat er keine Charge inne. — Die Vorlage über die Einführung der Gewerbeordnung in Elsaß-Lothringen umfaßt sieben Paragraphen und bestinimt, daß die Gewerbeordnung zu Neujahr 1888 in Elsaß-Lothringen in Kraft tritt. Die Landesgesetze bleiben jedoch maßgebend für die Herstellung, den Umsatz und die Verbreitung von Schriften, Drucksachen und bildlichen Darstellungen, sowie betreffs der Theater- Polizei, der Schließung von Wirtschaften und der Befugnis zur Abhaltung öffentlicher Versteigerungen. Die höhere Verwaltungsbehörde kann gestatten, daß die vor dem Inkrafttreten des neuen Gesetzes in den Fabriken bereits beschäftigten jugendlichen Arbeiter daselbst bis Neujahr 1890 in der bisherigen Weise weiter beschäftigt werden. Die Bezeichnung der nach den Landesgesetzen zuständigen Behörden und die nähere Bestimmung über die der Genehmigung bedürfenden gewerblichen Anlagen erfolgt durch kaiserliche Verordnung. — Der Bundesrat überwies den Gesetzentwurf wegen der Einführung der Gewerbeordnung in Elsaß-Lothringen den zuständigen Ausschüssen und erteilte seine Zustimmung zu dem Berichte des Ausschusses, betreffend den Entwurf eines Vertrags zur Unterdrückung des Branntweinverkaufs an die Nordseefischer auf hoher See.
Bresla«, 26. Mai. Die „Schles. Ztg." berichtet: Den ultramontanen Blättern „Neiffer Ztg." und „Köln. Volksztg." ist die Nachricht zugegangen, die Ernennung des Bischofs von Fulda, Dr. Kopp, zum Fürstbischof von Breslau stehe bevor. Die „Schlef. Volksztg." bezeichnet diese Meldung in ihrer heutigen Mittagsausgabe als richtig. Hiermit wird also aus ultramontaner Ouelle die vor geraumer Zeit schon Dein und mein ganzes Lebensglück nur den Sorgen und der Arbeit um das Geschäft widmen? Was hast Du davon, selbst wenn Du Deine Hoffnungen erfüllt siehst? Sie sind aber nicht erfüllt, ich sehe es Dir an und habe es Dir schon längst angesehen, daß Du getäuscht bist, daß Du nicht gesunden, was Du gesucht, daß es Dich längst gereut hat, mit Damken in Verbindung getreten zu sein."
Kleuser wußte nichts zu erwidern. Seine Frau hatte leider die Wahrheit nur zu richtig erkamit. Er hatte bis dahin geglaubt, daß Sie nicht im Stande sei, den wahren Grund zu finden, weshalb er in letzter Zeit ein ganz Anderer geworden war, denn daß er es geworden war, fühlte er selbst nur zu sehr. Jetzt wurde er mit einem Male gewahr, daß sie alles richtig erkannt hatte; aber er durfte ifjr diesen Glauben nicht lassen, er mußte sie täuschen; nicht um ihr Beruhigung zu verschaffen — er hatte ja längst aufgehört, solche zarte Rücksichten zu beobachten, denn sein Herz schien unter den Sorgen und Mühen wie abgestorben — sondern nur sich selbst die Angst und Befürchtung zu ersparen, von ihr durch ein unüberlegtes, unvorsichtiges Wort | verraten zu werden. Sie durfte seine Lage und sein Ge- I heimnis nicht durchschauen, denn vor der Bewahrung desselben hing allein das glückliche Gelingen seines Planes ab, an den er alle seine Hoffnungen knüpfte unb' den er jetzt eifriger denn je zu verfolgen entschlossen war.
„Du irrst, Pauline", sprach er. „Du machst Dir un- nöttge Sorgen und thust mir unrecht. Ich will Dir einräumen, daß mir die Verbindung mit Damken mehr Mühe und Arbeit gebracht hat, als ich geahnt habe. Ich habe vieles zu ordnen und nachzuholen gehabt, was mein Vorgänger versäumt oder verfehlt hat. Ich habe, ifm hiermit zu Ende zu kommen, viel gearbeitet und Dich vielleicht mehr vernachlässigt, aber es wird nicht immer so bleiben, die , ruhigen glücklichen Tage, wie wir sie in den ersten Wochen i unserer Ehe gehabt haben, werden wiederkehren, und dann i wird sich auch der Gewinn meiner Mühen einstellen. Jetzt
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Ausland.
Pest, 26. Mai. Heute erfolgte der Schluß des Reichtages. In der Thronrede anerkennt der Kaiser freudig die pattiotische Opferwilligkeit, mit welcher ungeachtet ungünstiger Gestaltung der Finanzlage für die Sicherheit des Thrones und der Monarchie vorgesorgt worden sei. Das Laudsturm- gesetz habe wesentlich die Wehrkraft der Monarchie erhöht. Die herzerhebende Einhelligkeit, mit welcher inmitten der gefahrdrohend erscheinenden äußeren politischen Lage die verlangten Summen zur Sicherung der Verteidigung der Monarchie zur Verfügung gestellt worden seien, beweise, daß. während auch der Reichstag ebenso wie der Kaiser die Er- ruhen alle Sorgen, welche die Leitung eines so großen Geschäftes notwendig mit sich bringt, allein auf meinen Schultern weil Damken sich fast gar nicht um das Geschäft bekümmert. Er ist überhaupt auch nicht im Stande, mir diese Sorgen zu erleichtern, denn er hat nur den Namen eines Handelsherrn und genießet nur dessen Annehmlichkeiten, ohne sich durch Mühen, welche ein solches Haus mit sich bringt, in seinem Vergnügen stören zu lassen. Das habe ich aber von vornherein gewußt, daß mir die Arbeit zufallen werde, denn sonst würde er mich nicht zu seinem Kompagnon erwählt haben."
„Das ist eben die Ungerechtigkeit", warf Pauline, ein, „daß Dir allein alle Arbeiten obliegen, während Du doch auch durch Dein und mein Vermögen das Geschäft unterstützest."
„Das thue ich allerdings", entgegnete Kleuser. Aber bedenke, wie gering dieses gegen den Wert dieses alten Hauses ist."
„Höre, Leopold", entgegnete die junge Frau, „ich verstehe wenig von kaufmännischen Angelegenheiten, aber schon oft ist mir der Gedanke und die Befürchtung gekommen, daß das verschwenderische Leben Damkens doch einst ein übles Ende nehmen könnte. Ich glaube zwar, daß das Geschäft bedeutende Einnahmen bringt, aber wie enorme Summen giebt Damken dagegen aus! Wie unendlich viel haben ihm die Villa und der Park gekostet, wie viel muß ihm sein Leben jährlich kosten, denn er lebt fast fürstlich, Gesellschaften verdrängen Gesellschaften und Damken versagt sich keinen Wunsch, wenn er mit Geld zu erreichen ist. Diese Gedanken sind nicht in mir allein aufgestiegen. Man spricht allgemein über diese sinnlose Verschwendung.
Kleuser schien diese Worte nur halb gehört zu haben, denn seine Gedanken waren durch sie wieder auf den Punkt zurückgelenkt, der ihm bereits so unendlich viele Sorgen gemacht hatte. Unwillkürlich entrang sich seiner Brust ein schwerer Seuszer. Seine Frau schien zu ahnen, was er mit Bestimmtheit voraussah. (Fortsetzung folgt.)