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Rr. 122.

Marburg, Freitag, 27. Mai 1887.

xxn. Jahrgang.

OberheUche Jtitmig

Illustriertes Sonntagsblatt.

wärtige Zeitungen berichten, etwa durch Tracheotomie (Oeffnen des Kehlkopfes von außen), sondern durch eine intralaryngole Operation. Das entfernte Probestück ist Professor Virchow zur mikroskopischen Untersuchung über­geben worden; derselbe hat am Montag Nachmittag sein schriftliches Gutachten eingereicht und in demselben mit Ent­schiedenheit betont, daß die Wucherung keinen gefährlichen Charakter habe. Eine größere Operation wird daher vor­aussichtlich unterbleiben, und die weitere Behandlung wird in den üblichen Inhalationen, Beizungen rc. bestehen. Uebrigens wird vielfach angenommen, daß die Affektion des Kronprinzen von den im vorigen Jahre überstandenen Masern herrühren soll. Das Allgemeinbefinden des Kron­prinzen ist fortgesetzt ein befriedigendes. Derselbe hat guten Appetit und Schlaf; nur ist ein Sichfernhalten von öffent­lichen Akten, z. B. von den Paraden mit ihrem Staube, angeraten; sonst geht und fährt der Kronprinz mit den Seinigen spazieren. Vollständig falsch ist, was auswärtige Zeitungen, wie dieJndep. Beige" über eine schwere Er­krankung des Prinzen Wilhelm an Diphtheritis verbreitet haben. Wer den Prinzen am Sonntag Morgen in Pots­dam beobachten konnte, wie er sein Husaren-Regiment beim Antreten zur Kirchenparade begrüßte, revidierte und bann von der Kaserne aus selbst nach der Garnison-Kirche führte, und wer ihn dann abends vom Potsdamer Bahnhofe in Berlin einfahren sah, konnte erkennen, wie völlig aus der Luft gegriffen alle diese Aussprengungen, die anscheinend auf Verwechselungen mit seinem erlauchten Vater und außer­dem auf starken Uebertreibungen beruhen, gewesen sind. Auf der morgigen Tagesordnung des Bundesrates steht das Gesetz, betreffend die Einführung der Gewerbe-Ordnung in Elsaß-Lothringen. Die Branntweinsteuer-Kommission des Reichstags nahm den Rest des Gesetzes wesentlich in der Fassung der ersten Lesung und mit vorwiegend redaktionellen Aenderungen an, abgesehen von der Bestimmung über die Nachsteuer, worüber nach den Ferien am 7. Juni beraten werden soll. Ferner wurden von der Kommission mehrere Resolutionen angenommen, darunter zielt eine darauf ab, es möge im Wege der Reichsgesetzgebung bestimmt werden,' daß der seither nach dem Rauminhalte stattfindende Handels- Verkehr in Branntwein durch die obligatorische Einführnng des Branntweinhandels nach Gewicht ersetzt werde; sowie eine Resolution, welche den Preßhefenfabriken die Rückver­gütung der Steuer im Exportfalle gewähren will; endlich eine Resolution, welche durch eine Novelle zum Strafgesetze

Deutsches Reich.

Berlin, 25. Mai. Der Kaiser begab sich heute vor­mittag nach dem Tempelhofer Felde, begrüßte dort den heute früh hier eingetroffenen Großherzog von Toskana, besich­tigte darauf mit demselben die dort exerzierenden Truppen und arbeitete nach seiner Rückkehr mit dem Geh. Kabinetts- Rate von Wilmowski. Zu Ehren des Großherzogs von Toskana findet um 5 Uhr bei Sr. Majestät ein größeres Diner statt, an welchem gegen 40 Personen teilnehmen. Anscheinend durch Mitteilungen des Herrn Professor Virchow sind verschiedene liberale Zeitungen in den Stand gesetzt, über das Leiden des Kronprinzen folgende nähere Mittei­lungen zu machen. Der Kronprinz leidet seit längerer Zeit an einer entzündlichen Schwellung im Kehlkopf, zu deren Beseitigung er, jedoch ohne Erfolg, eine Kur in Ems ge­brauchte. Nach der Rückkehr von Ems wurden die Ge­heimräte Professor Gerhardt und Professor von Bergmann konsultiert, welche nach der laryngolischen Untersuchung des Kronprinzen die Hinzuziehung zweier Spezialärzte für Kehl­kopfleiden für wünschenswert erachteten. Auf ihren Vor­schlag wurde der Geheime Sanitätsrat Professor Tobold von hier und auf Wunsch der Kronprinzessin und der Königin Viktoria der berühmte Dr. Morell Mackenzie aus London, erster Arzt des Hospital for diseases of de Thoat and Chest daselbst außer dem Leibarzt Dr. Wegner zugezogen. Nach dem einstimmigen Urteil der Aerzte besteht die Affektion in einer entzündlichen Neubildung am Stimmbande, die nicht größer als eine Linse ist. Um nun über die Natur dieser Neubildung positive Gewißheit zu erlangen und danach die therapeutischen Maßnahmen treffen zu können, wurde auf Beschluß sämtlicher Aerzte und mit Zustimmung des Kron­prinzen durch Professor Tobold ein Stückchen von der Neu­bildung zur Probe abgetragen und zwar nicht, wie aus-

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die verschiedenen im Branntwemsteuergesetze vorkommenden Strafen mit der Strafgesetzgebung in Einklang bringen r Dom Reichstage gewählte Zuckersteuerkommis-

sion besteht aus den Konservativen v. Helldorff v. Wich­mann, v. Hammerstein, Staudy, v. Stolberg - Wernigerode und Friesen; aus den Mitgliedern des Zentrums Reichensperger Lucius, Psafferott, von Landsberg-Steinfurt, von Chamarö' Spahn, Roß und Horn; aus den Nationalliberalen Hobrecht,' Müller-Sangerhausen, Scipio, von Benda, von Bennigsen,' Buhl und Ziegler; aus den Freisinnigen Meyer - Halle Schrader, Witte; aus den Mitgliedern der Reichspartei von Kardorff, Nobbe und Goldfus. Zum Vorsitzenden wurde von Bennigsen, zum stellvertretenden Vorsitzenden von Kardorff gewählt.

Leipzig, 23. Mai. Der deutsche Verein für Knaben- Handarbeit errichtet mit dem 1. Juli hier in Leipzig ein Lehrer-Seminar. Für dasselbe sind tüchtige technische Kräfte gewonnen. Die theoretische Unterweisung haben Professor vr. Biedermann, Oberlehrer Dr. Götze und Landtagsabge­ordneter von Schenckendorff übernommen. Das Seminar eröffnet zunächst zwei vierwöchentliche, in sich zusammen­hängende Kurse, von denen der erste am 1. Juli und der zweite am 1. August seinen Anfang nehmen wird. Doch ist die Teilnahme auch an einem einzelnen Kursus gestattet. Der.,Zutritt steht allen deutschen Lehrern frei. Mit der Eröffnung dieses Seminars beginnt der deutsche Verein seine eigentliche praktische Arbeit, die wir im Hinblick darauf, daß sie einer Kulturidee dient und die Arbeit der Hand im Volke mehr zu Ehren bringt, nicht gering schätzen. Wir glauben sogar einen völligen Umschwung der öffentlichen Meinung zu gunsten desArbeits-Unterrichts" konstatieren zu können, nachdem dieser jetzt mit klar vorgestecktem Ziele rein erziehliche Zwecke verfolgt. Mit dieser allgemeinen Anerkennung wird auch die Bahn dieser Bestrebungen frei. Die Ausbildung von Lehrern ist aber die Vorbedingung ihrer weiteren Verbreitung. Der Leiter der Seminars, Oberlehrer Dr. Götze in Leipzig, giebt gewünschten Falls weitere Auskunft.

®tt<lß6U1?8 / 23. Mai. Der erste Strafsenat des Reichsgerichts hat durch Beschluß vom 11. Mai d. I. die Eröffnung des Hauptverfahrens vor dem vereinigten zweiten und dritten Strafsenat des Reichsgerichts gegen acht Ange- schuldigte wegen Teilnahme an einer geheimen Verbindung unb Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens an- georbnet. Voraussichtlich werben bie acht Angeklagten,

Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Quartal« Abonnements-Preis bei der Expedition 2*/t Mk., bei den Postämter 2 Mk. 50 Pfg. (excl. Bestellgeld). Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg , «Manien für die Zelle 25 Pfg.

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Wöchentliche Beilagen: Kreis-Blatt f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain

_______________________Expedition- Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Ang. «och.

Durch eigene Schuld.

Ein Original - Roman aus der Handelswelt von Friedricd Friedrich.

(Fortsetzung.)

Lassen Sie mich Ihnen denselben jetzt noch verschwei­gen", erwiderte der Gefragte.Ich glaube, es ist Ihnen und Ihrem Hause damit gedient, wenn Sie ihn nicht früher erfahren, als bis seine Ausführung möglich geworden ist. Ich werde Buchmann und Ihr Interesse fortwährend scharf im Auge behalten, und sobald ich merke, daß es nötig ist, werde ich wieder zu Ihnen kommen. Ich bitte Sie es dann wieder so wie heute einzurichten, daß mein Besuch ein Geheimnis bleibt. Buchmann darf nicht erfahren, daß wir mit einander in näherer Verbindung stehen. Noch eins, Herr Kleuser: Sollten Sie inzwischen mit dem Hause Günther & Co. ein Geschäft abschließen und demselben Wechsel ausstellen, so bitte ich Sie, den Verfalltag gleich­falls auf die ersten Tage des November zu fixieren. Wes­halb ich Sie darum ersuche, werde ich Ihnen späterhin mitteilen. Thun Sie es ohne Arg. So, nun leben Sie wohl Herr Kleuser."

Er wollte sich nach diesen Worten entfernen, aber Kleuser hielt ihn hastig, fast gewalffam zurück.Warten Sie noch einen Augenblick, Herr Polenz", rief er.Auch nh habe noch eine Frage an Sie zu richten. Ich "habe viel, viel eingestanden, habe Sie in Geheimniffe eingeweiht, nach denen zu fragen Sie nicht einmal ein Recht hatten, ich hatte Ihnen vertraut wer giebt mir nun Bürg­schaft, daß Sie meine Geheimniffe nicht anderen mitteilen und gegen mich und dies Haus benutzen? Ja, wer bürqt mir dafür.

lieber das Gesicht des Agenten zuckte ein unwilliger, fast zorniger Schatten aber nur für einen Augenblick. Gleich darauf kehrte sein gewöhnliches Lächeln zurück.Herr Kleuser," sprach er ernst,ich will Sie nicht fragen, wo­durch ich dieses Mißttauen von Ihnen verdient habe. Ich habe Sie offen um Ihr volles Verhauen gebeten, bas hätte Ihnen Beweis unb Bürgschaft genug sein sollen."

Polenz fuhr fort:Ich habe Ihnen ferner mitgeteilt, weshalb ich jene Frage an Sie gerichtet habe, ich habe also Vertrauen gegen Vertrauen gesetzt. Bedürfen Sie aber etwas Sur Beruhigung, gut, so will ich es Ihnen geben. Hätte '4 'm Sinne gehabt, nnberen Leuten ben Staub unb bie Geheimnisse Ihres Hauses zu verraten, so würbe ich Sie wahrscheinlich nicht erst barum gefragt haben. Sie wissen ja, baß ich bereits ziemlich vertraut bamit war unb wollte von Ihnen nur bie völlige Gewißheit meiner Vermutungen hoben. Neues haben Sie mir nicht mitgeteilt. Dies mag zugleich Ihre Bedenken unb inneren Vorwürfe, baß Sie überhaupt mit mir über ben Staub Ihres Hauses ge­sprochen haben, vernichten. Ich mürbe allerbings nicht ge­wagt haben, solche Fragen an Sie zu richten, wenn ich in Ihre Verhältnisse weniger eingeweiht wäre. Jetzt leben Sie wohl!"

Polen; verließ rasch bas Zimmer unb Kleuser war roteber allein. Einen Augenblick staub er regungslos unb in Gebauten versunken ba, bann warf er sich mit der Miene größter Ratlosigkeit und Verzweiflung in einen Stuhl. Er bemühte sich vergebens, aus dem Labyrinth, in welches er wehr und mehr hiueiugedrängt wurde, einen Ausweg zu finden; er suchte nach einem festen Punkte, an dem er sich anklammern und halten könne, aber der Boden schien unter seinen Füßen zu weichen. Er verwünschte bie Stunbe, in ber er bieses Haus betreten, unb feine Schwäche, baß er sich durch ben Handelsherrn hatte täuschen unb hintergehen laffen. Er hätte ruhig unb sorgenlos leben können, hätte ihn nicht ein thörichter Ehrgeiz verleitet, llnb welchen Lohn hatte er bisher bafür gehabt? Arbeit unb Sorgen! Unb für wen hatte er gearbeitet? Nicht für sich, fonbern für ben Hanbelsherrn, für besten Verschwenbungs- unb Ver­gnügungssucht.

Sr schlug sich mit ber Hanb über bie Stirn, leiber sonnte er daburch nichts ungeschehen machen unb nichts änbern. Der Strubel, in ben er sich einmal hineingewagt hatte, riß ihn weiter unb weiter. Wohl hoffte er, baß er von ihm an bas Laub geworfen werde aber in welchem

Zustande? Vielleicht mit zerbrochenen Gliedern, elend und arm. Er schauderte zusammen, als seine Gedanken diesem Bilde weiter folgten.

Kleuser war jetzt in dem Zustande, daß er alle Menschen hosten könne, aber er hatte seinen ganzen Haß auf einen einzigen Menschen konzentriert, auf feinen Kompagnon. Ja, er haßte ihn und suchte nach einem Wege, sich an ihm zu rächen. Aber waren sie nicht beide durch gleiche Interessen verknüpft, waren ihre Leben nicht aneinander gekettet? Er mußte diese Kette lösen, er wollte es, mochte Jener auch darüber zu Grunde gehen und an den Bettelstab kommen, was kümmerte es ihn! Ja, er wünschte dies, sobald er sein eigenes kleines Lebensschiff aus dem gewaltigen Strudel gerettet und in einen sicheren Hafen eiugeführt hatte.

Es war spät geworden, als Kleuser sich endlich erhob, um heimzukehreu. Als er die schwere eichene Pforte des alten Hauses öffnete und wieder schloß, befiel ihn ein eigen­tümlich unheimliches banges Gefühl. Er hörte den Ton der zugeschlagenen Pforte in dem alten großen Gebäude dumpf wiederhallen, und dieser Ton erflang, als ob er aus dem Grabe käme, als ob eine harte Hand an die Wände eines Sarges poche und eine hohle unverständliche Stimme da­zwischen rufe.

Mit hastigen Schritten eilte er feiner Wohnung zu unb war froh, als er auf ber Straße Menschen begegnete, als bekannte Gestalten unb Personen ihn aus seinen büftereu Träumen wachriefen.

Finster unb verstört langte er enblich in feiner Wohnung, an. Er wollte sofort in fein Zimmer eilen, um sich bort zu fassen unb zu beruhigen, ehe er seiner Frau entgegentrat, aber biefe hatte ihn schon seit langer Zeit erwartet, und ellte ihm entgegen, ihn zu empfangen. Sie schrak zurück, als sie fein bleiches Gesicht unb seine verstörten Züge er­blickt. Nur mit Mühe unterbrückte sie einen lauten Angst­schrei- Sie erfaßte ihn an ber Hanb, zog ihn in ihr Zimmer unb er folgte ihr fast willenlos.

(Sortierung folgt.)