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Rr. 131

Marburg, Donnerstag, 26. Mai 1887.

XXII. Jahrgang

WerheM MiW

- Illustriertes Soniitagsblatt.

hatte, und doch wieder mußte er sich sagen, daß es eine Thorheit gewesen wäre, zu leugnen, was jener bereits ebenso gut wußte, wie er selbst. Einen Augenblick war er in seiner verzweifelten Stimmung unschlüssig, ob er nicht diesem Manne die Thür weisen und jede Verbindung mit ihm abbrechen sollte ja, er wollte es thun, er wollte alles widerrufen, was er zugestanden hatte; aber machte er ihn dadurch nicht zu seinem Feinde, verriet er sich und den Stand dis Hauses dadurch nicht gegen Andere? Er hätte sich über ihn stürzen, hätte ihn ermorden und erwürgen mögen, um das Geheimnis' das in seiner Brust ruhte, für immer zu verbergen und den Mund, der ihn vernichten konnte, für ewig zu schließen,__

er hatte nicht den Mut dazu; die Sorgen und Mühen, welche das Haus Damken ihm gebracht, hatten ihm längst diesen Mut geraubt. Es war ihm, als wenn alle seine Kraft mit einem Male gebrochen sei, als wenn alles noch ein Spielball in den Händen Anderer sei, als wäre scbon Alles, Alles verloren.

Der Agent schien zu ahnen, welche Gedanken Kleusers Kopf durchströmten, aber sein ruhiges Lächeln zeigte, daß ihm Furcht ebenso unbekannt war, wie Mitleid. .Buchmann hat Wechsel von Ihnen im Gesamtwerte von über fünfzig­tausend Thalern in Händen," fuhr er fort,sämtliche sind m den ersten Tagen des Novembers fällig. Haben Sie Deckung für dieselben?"

Ich hoffe, sie schaffen zu können," rief Kleuser.

Nun, wenn das der Fall ist, Herr Kleuser," entgegnete der Agent ungläubig lächelnd,so ist mein Plan vor der Hand noch verfrüht und nicht auszuführen, es kommt indeß auch für ihn die Zeit und ich denke, wir haben heute doch nicht zum letztenmale mit einander gesprochen."

Welchen Plan haben Sie, Herr Polenz?" fragte jetzt Kleuser.

(Fortsetzung folgt.)

Buchmann üben will. Sie wissen, daß ich nicht immer Agent gewesen bin; auch ich habe ein eigenes Geschäft, ein eigenes Haus gehabt, von dem ich hoffen durfte, daß ich ihm mit der Zeit einen guten, weitverbreiteten Namen ver­schaffen werde. Wenige Jahre später als ich hatte Buch­mann seine kaufmännische Laufbahn begonnen, unter meiner Leitung und ich kann wohl sagen, unter meinem Schutze. Das Glück hat ihn begünstigt und rasch emporgehoben, er hat glückliche Spekulationen gemacht und ist durch sie reich geworden: da hat er seinen Reichtum benutzt, um mich zu stürzen, und es ist ihm geglückt. Ich durfte mich wohl rühmen, ein ebenso tüchtiger Kaufmann wie er zu sein und an Scharfblick und Klugheit mich ihm zur Seite stellen zu können, aber er hatte Glück und ich nicht, er stand reich und hoch da, ich suchte mich mit besten Kräften emporzu­arbeiten. Er hat mich gestürzt, auch das ist ihm geglückt aber ich habe es nicht vergessen. Jahre sind seitdem entschwunden, er ist zum Millionär geworden, er heißt der Börsenkönig, und ich, ich bin Agent geworden sehen Sie, das alles macht das Glück. Er hat sich stets mit be­wundernswerter Umsicht gehütet, nach irgend einer Seite hin sich bloß zu stellen, endlich hat er es gethan, und ich habe es entdeckt, wo er es vielleicht am allerwenigsten vermutet. Das soll auch ihm einen schweren Schlag bringen, ohne daß er es ahnt. Ich habe Ihnen meine Absicht wahr und I offen dargelegt nun beantworten Sie mir noch ebenso offen eine Frage: Haben Sie wirklich noch Hoffnung, feste und begründete Hoffnung, Ihr Haus halten und retten zu können? «seien Sie offen, Herr Kleuser, es hängt viel davon ab?"

Kleuser schritt wie ein Verzweiflungsvoller im Zimmer auf und ab. Bis zum Aeußersten wurde er durch diesen Mann gedrängt; in die geheimsten Verhältnisse suchte jener zu bringen, und doch hatte er nicht den Mut, ihm entgegen ju treten. Er fühlte, daß er ihm bereits zu viel gestanden

kann entweder im Wege der Pachtung oder des Kaufes vor sich gehen. Bei letzterem muß der Ansiedler, der selbstver­ständlich nur deutscher Abkunft sein darf, über so viel Bar­mittel verfügen, wie der Wert der Gebäude und des In­ventars, oder die Kosten einer Neubeschaffung derselben betragen. Unter gewissen Umständen können dem Käufer Zufchüffe zur Errichtung von Gebäuden gegeben werden Der Restkaufspreis wird als Hypothek für den Staat bei 3 pCt. Zinsen eingetragen. In den ersten drei Jahren sind Zinsen nicht zu zahlen. Bei der Pachtung sind dem Pächter jedoch nicht so günstige Bedingungen gewährt wor­den. Vom Pächter ist eine Kaution in der Höhe des jähr­lichen Pachtbettages zu stellen. Derselbe muß ferner über Barmittel in der Höhe von mindestens 10 pCt. des Kauf­wertes verfügen können. Freijahre werden dem Pächter nicht gewährt. Bei guter Bewirtschaftung und pünktlicher Pachtzahlung kann die gepachtete Stelle später Eigentum des Pächters werden. Ob der Pächter Stenern oder Grund- abgabe:'. zu zahlen hat, wird immer in jedem Falle beson­ders seitens der Regierung bestimmt werden."

, 22. Mai. Gestern abend wurde, wie derHann. Kur." berichtet, in einem Privatzimmer des Restaurateurs W. eine geheime sozialistische Versammlung durch die Polizei aufgehoben. Vierzehn Personen sind in Haft genommen worden und heute folgten zahlreiche Haussuchungen.

, 22. Mai. Die Gewerbekammer hat an das Stadt- und Landamt die Bitte gerichtet, dem Hausierhandel in dem Freistaat Lübeck so weit nur irgend möglich Einhalt zu thun, da sich sehr viele Geschäftsleute über die ihnen durch das Hausieren gemachte Konkurrenz stark beklagten

Hamburg, 23. Mai. Fürst Bismarck hat auf die Einladung des Senats, bei Gelegenheit der Eröffnung des Baus des Nord-Ostfee-Kauals auf dem Rückwege Hamburg zu besuchen, in einem überaus verbindlichen Schreiben er­widert, daß er sich besonders freuen würde, einmal einen nyt seinen HamburgerMitbürgern" zu verleben (der Fürst ist bekanntlich Hamburger Ehrenbürger), jedoch sei es noch zweifelhaft, ob seine Gesundheit ihm gestatten werde, der Feier in Kiel beizuwohnen, und er behalte sich deshalb seine schließliche Antwort vor.

Drrbbrn, 22. Mai. Der ärztliche Verein Dresden- Altstadt hat sich mit einer Petition an den Reichstag ge­wendet, der bisher schon 45 gleichartige Vereine sich ange- schlosscn haben, welche sich gegen Medizinalpfuscherei richtet und den Reichstag ersucht, es möchten die §§ 29, Abs. 1 und 147, Abs. 3 der deutschen Gewerbeordnung derartig abgeändert werden, daß dieselben für die Zukunft lauten:

mikroskopischen Untersuchung teilgenommen haben, auch die­jenigen Spezialisten angeschlossen, die bisher eine ungünstigere Auffassung vertraten. Die Kenner der preußischen Etats- grundsätze werden mit Interesse, vielleicht auch nicht ohne ein gewisses Maß von Heiterkeit, von einer durch die Weser-Zeitung" erfundenen, selbstverständlich von den Ber­liner Fortschrittsorganen gläubig und mit Begierde aufge­griffenen Mitteilung Kenntnis genommen haben, Inhalts deren der Minister von Puttkamer doppeltes Ministergehalt und außerdem sogar neben freier Dienstwohnung noch bare 9000 Mark Mietsentschädigung, in Summa 81 000 Mark jährlich aus der Staatskasse beziehen soll! Wer dergleichen Nachrichten verbreitet ober für wahr zu halten geneigt ist, bem können wir nur ben Rat geben, über ben wirklichen Sachverhalt in den Rechnungen des preußischen Staats­haushalts Belehrung zu suchen. Die Branntweinsteuer- Kommission des Reichstags begann die zweite Lesung der Vorlage und nahm zu dem Paragraphen 2 den Antrag des Abgeordneten Sattler an, wodurch bei gemischten Brennereien die für jede von den beiden ^Betriebsarten ge­zahlten Steuerbeträge nach bem Durchschnitt der Jahre 1879/80 bis 1885/86 unter Weglassung ber höchsten unb ber geringsten Jahresziffer verhältnismäßig angerechnet werben; sowie mit bem Anträge des Abgeordneten Buhl, wonach den Materialsteuer zu enttichtenden Brennereien nach der Bestimmung des Bundesrats gestattet werden kann, ihre ganze Jahresmenge zu dem niedrigeren Steuersätze her­zustellen. Zu dem eingeschobenen Paragraphen, wonach ge­reinigter Trinkbranntwein in den Handel kommen dars, wird ein Antrag des Abgeordneten von Huene angenommen, welcher bei der Rektifikation bei den einzelnen Bundesstaaten das Recht der Einmischung giebt. Hinter dem Paragraphen 10 wird auf Antrag des Abgeordneten Buhl ein neuer Para­graph eingeschoben, wonach bei der Ausfuhr von Fabrikaten, wozu im freien Verkehre befindlicher Branntwein verwendet worden ist, oder bei Niederlegung solcher Fabrikate in den Niederlagen, nach der Bestimmung des Bundesrats pro Liter reinen Alkohols, der in den Fabrikaten enthalten ist, eine Vergütung von 50 Pfennigen zu gewähren ist. Die übrigen Paragraphen bis 38a werden unverändert oder mit wenig wesentlichen Aenderungen genehmigt.

22. Mai. Bezüglich der Besiedelung der seitens des Staats in den Ostprovinzen angekauften Güter sind vom Oberpräsidenten der Provinz Posen folgende Be­stimmungen getroffen und den landwirtschaftlichen Kreis­vereinen zur Kenntnis gebracht worden:Da meistens Hof­gebäude und Inventar der angekauften Stellen noch vor­handen sind, so kann die Besiedelung sofort stattfinden. Sie

Für den Monat Juiti nehmen alle Postanstalten, auf dem Lande auch die Landbriefboten Bestellungen auf die Oberhessische Zeitung mit ihren Gratisblättern entgegen.

In Kirchhain nimmt unsere Agentur, Herr Buchbinder Rindt, sowie in hiesiger Stadt die Expedition (Markt 21) Bestellungen an.

I" Kirchhain wie hier erhalten neu zugehende Abonnenten bis zum 1. Juni die Zeitung gratis.

Deirtjches Reich.

Berlin, 24. Mai. Der Kaiser nahm heute vormittag die Vorträge des Polizeipräsidenten von Richthofen, des Oberstallmeisters von Rauch, sowie des Hofmarschalls Grafen Perponcher entgegen und ließ sich vom Kriegsminister im Haft des Palais einen neu konstruierten Trainwagen vor­stellen. Der Kaiser fuhr bann mit ber Großherzogin von Baben nach dem Tempelhofer Felde, wo er die zweite Garde - Infanterie - Brigade besichtigte. Nach der Rückkehr konferierte der Kaiser mit den Generalen von Albedyll und von Caprivi. Am Diner nehmen die Großherzogin von Baden, der Prinz und die Prinzessin Wilhelm und die erbgroßherzlich meiningischen Herrschaften teil, sowie der heute srüh eingetroffene und im Königlichen Schlosse abgestiegene Prinz Albrecht von Württemberg. Die gründliche Unter­suchung des Halsleidens des Kronprinzen seitens der her­vorragendsten Aerzte hat ergeben, daß eine Operation un­nötig fit. Allerdings ist das Kehlkopfleiden desselben noch nicht gehoben. Wie dieNat.-Ztg." mitteilt, hat an einem der letzten Tage eine ärztliche Konsultation stattgefunden, zu welcher außer den Professoren Gerhard und Bergmann und dem Leibarzt Dr. Wegner ein englischer Spezialist, Dr. Morell Mackenzie aus London, zugezogen war. DieVoss. Ztg." glaubt hinzufügen zu können, daß auch Professor Virchow von den behandelnden Aerzten um seine Meinung angegangen ist und dieselbe dahin ausgesprochen hat, daß kern Grund zu Befürchtungen vorliege, wie man sie hier unb ba verbreitet unb vielleicht auch gehegt hat. Das Kehlkopfleiden des Kronprinzen war durch eine Neubildung kompliziert worden, die von Dr. Mackenzie mit Erfolg be­seitigt worden ist. Professor Virchow soll auf Grund ein­gehender mikroskopischer Untersuchung des durch ben letzten operativen Eingriff aus bem Kehlkopf bes Kronprinzen ge­wonnenen Stückes ber Neubildung, ein schriftliches Gutachten dahin abgegeben haben, daß diese Neubildung gutartiger Natur sei. Diesem Gutachten haben sich, nachdem sie an der

Wöchentliche Beilagen: Kreis-Blatt s. d. Kreise Marburg u. Kirchhain.

__ ______________________Expedition Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn» und Feiertagen. Quartal- Abonnements-Preis bei der Expedition 2*/4 Mk.. bei den Postämter 2 SH. 50 Pfg. (excl. Bestellgeld). Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg., Reklamen für die Zelle 25 Pfg.

Durch eigeue Schuld.

Ein Original-Roman aus der Handelswelt.von Friedrich Friedrich.

(Fortsetzung)

Mit einem fast verwirrten Auge blickte Kleuser den Agenten an. Er 'wußte nichts und erriet auch nichts, ja n kam sicy diesem Manne gegenüber wie ein unwissendes Stab vor, und dennoch hatte er sich etwas auf seine Ge- cingebitoet1111 6 vorsichtiges, schlaues Handeln

Erraten Sie nicht, Herr Kleuser?" wiederholte Polenz, als er keine Antwort erhielt, und mit einer fast gleich­gültigen stimme erwiderte dieser: Nein"

ruhte des Agenten Auge" mit'dem stolzen und elbstbewußten Lächeln, daß et weit über ihm stehe an Er- ptyng, Klugheit und Scharfsinn, auf ihm.Sie sind zu lorg os, Herr Kleuser", sprach er,Sie trauen Andern zu toemg Scharfblick zu und dies würde sie vernichtet haben, gottlob, daß ich Buchmanns Pläne noch früh genug durch­schaut habe Ich will sie Ihnen nennen; er beabsichtigt, ^r Haus, Sie und Herrn Damken zu stürzen."

01 Kleusers Augen begann es zu schwindeln, doch fite er sich mit aller Gewalt zusammen, um sich nicht «°ch größere Blöße zu geben.

, "Sehen Sie", fuhr Polenz fort,deshalb kauft er alle JIe ^nfende Wechsel auf, mit ihnen allen zugleich will

.-T*1.6 bestürmen und vernichten; er weiß bereits, daß Sie s^n werden, sie zu zahlen. Ha, ich glaube h * ^ochmanns ist fein und herrlich angelegt, aber ocy nicht fein genug, um ihn selbst nicht eine Falle daraus hUenLotten. Ich hoffe, daß es gelingen wird, und ann habe ich den Wunsch erreicht, den ich schon seit Jahren hi ge. Sie sehen, Herr Kleuser, daß es sich bei mir

e mal nicht um Gewinn ober Verlust handelt, es ist eine ' ober eine That der Wiedervergeltung, die ich an

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatte-, sowie d.Annoncen-Bureaux vonHaasensteiu undVogler in Frankfurt a. M., Cassel, Magdeburg und Wien, Rudolf Moffe in Frankfurt a. M., Berlin.München und Köln; ®. L. Daube und Co. in Frankfurt a. M, Berlin, Hannover u. Paris.