Rr. 120.
Marburg, Mittwoch, 25. Mai 1887.
xxii. Jahrgang.
Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. — Quartal« Abonnements-Preis bei der Spedition 2*/t Mk.. bei den Postämter 2 Mk. 50 Pfg. (excl. Bestellgeld). Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg , Reklamen für die Zelle 25 Pfg.
OlierMchk Jcitiing.
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVogler in Frankfurt a. SR-, Cassel, Magdeburg und Wien, Rudolf Masse in Franlfurt a. M., Berlin München und Köln; G- L. Daube und Co. in Frankfurt a. M, Berlin, Hannover u. Paris.
Wöchentliche Beilagen: Kreis-Blatt f.d. Kreise Marburg «.Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.
Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Ang. Koch.
Für den Monat Juni nehmen alle Postanstalten, aus dem Lande auch die Landbriefboten Bestellungen auf die
Oberhessische Zeitung
mit ihren Gratisblättern entgegen.
In Kirchhain nimmt unsere Agentur, Herr Buchbinder Rindt, sowie in hiesiger Stadt die Expedition (Markt 21) Bestellungen an.
In Kirchhain wie hier erhalten neu zugehende Abonnenten bis zum 1. Juni die Zeitung gratis.
Die Lage in Frankreich.
Frankreich hat nach Abschluß seines mllitärischen Reta- blissemets in einem Zeitraum von etwa 12 Jahren seine ohnehin so hohe Staatsschuld von etwa 6 Milliarden Francs, also um eine Milliarde mehr gesteigert, als die Kriegsentschädigung infolge des Krieges von 1870/71 betrug. Jedes Jahr hat sich die Staatsschuld durchschnittlich um eine halbe Milliarde erhöht, deren Zinsen den französischen Steuerzahlern zur Last fallen. Die Ursachen dieser üblen Finanzwirtschaft, deren Fortführung zu dem finanziellen Ruin des Landes führen muß, liegen zu einem Teil in den mllitärifchen Rüstungen, welche weniger um der von keiner Seite bedrohten Sicherheit des Landes, als der Popularität des Revanchegedankens wegen unternommen sind, zum anderen Teil in Bauten und Anlagen an sich wirtschaftlicher Natur, welche aber nicht dem allgemeinen Verkehrsbedürfnis, sondern mehr dem Wunsche entspringen, durch Befriedigung von Sonderinteressen aus dem Gemeinsäckel die jeweiligen Machthaber populär zu machen. Die geradezu erschreckende Vermehrung der französischen Schuldenlast ist sonach nicht die Folge vermehrter Bedürfnisse des Landes, deren Befriedigung im Interesse des Gemeinwohls nicht füglich hätte hinausgeschoben werden dürfen, sie entspringt vielmehr den Machtinteressen der herrschenden politischen Richtung, zum Teil selbst nur einer Klique innerhalb derselben.
Das gleiche Spiel mit den Interessen der Gesamtheit zu Gunsten von Machtbestrebungen einzelner Personen oder Parteien wiederholt sich bei der Bildung der Ministerien. Dreiundzwanzig mal hat in den 16 Jahren des Bestandes der französischen Republik das Kabinett gewechselt, und regelmäßig war die Ursache des Sturzes in der Absicht parlamentarischer Größen zu suchen, sich selbst ans Ruder zu
Durch eigene Schuld.
Ein Original-Roman aus der Handelswelt von Friedrich Friedrich.
(Fortsetzung.)
Mit gespannter Aufmerksamkeit und größtem Staunen hatte Kleuser diese Worte gehört. Was er mit dem Schleier des tiefsten Geheimnisses überdeckt glaubte, hört er jetzt offen von einem Manne aussprechen, gegen den er kein einziges Wort davon erwähnt hatte. Es war ihm ein unbegreifliches Rätfel, woher Polenz dieses Alles wissen konnte, denn den scharfen Blick und das durchdringende Urteil dieses Mannes hatte er viel zu gering angeschlagen.
Unruhig aufgeregt ging er im Zimmer auf und ab. Er glaubte sich verraten, seine geheimsten Pläne entdeckt und seine Gedanken tanzten wirr durcheinander. Endlich blieb er vor dem Agenten stehen und blickte ihn einen Augenblick starr und schweigend an. „Herr Polenz," sprach er leise und stine Stimme erbebte. „Herr Polenz," seien Sie aufrichtig gegen mich; haben noch Andere außer Ihnen von dem, was Sie mir soeben gesagt haben, Kenntnis?"
„Ich habe gegen niemand darüber gesprochen, gegen niemand," erwiderte der Gefragte, „und dennoch vermute ich, daß ich nicht der Einzige bin, der das, was ich Ihnen mitgeteilt habe, weiß."
„Wen meinen Sie? Wer ist es?" fragte Kleuser hastig. „Sprechen Sie?"
Der Agent zuckte mit den Achseln. „(Sie sollen seinen Namen hören, aber zuvor beantivorten Sie mir die Frage: ist der Stand Ihres Hauses wirklich geschädigt, wie ich es vermute?"
Kleuser zögerte, er war unschlüssig über die Antwort. „Ter Kredit des Hauses Damken steht noch fest, unerschüttert da," erwidertr er endlich.
„Weichen Sie meiner Frage nicht aus, Herr Kleuser," "rief der Agent, „seien Sie offen, ich habe Ihnen versichert, baß Ihr Interesse weit mehr dabei beteiligt ist, als das meinige. Den Kredit Ihres Hauses kenne ich auch so gut wie Sie."
bringen. Zu diesem löblichen Zwecke wird unqescheut mit den schärfsten Gegnern der Republik zusammengewirkt und vor keiner Jntrigue zurückgeschreckt. Kein Wunder, daß bei dem Mangel jeder festen Kraft, welche die Machtgelüste innerhalb des Parlaments regelt und in den Dienst des Gemeinwohls zwingt, wie es ein Königtum nach deutschem und preußischem Vorbilde thun würde, die Republik auf immer abschüssigere Bahnen gerät und der Zweifel berechtigt ist, ob sie das für das Julikönigtum und das zweite Kaisertum kritische Alter von 18 Jabren erreichen oder überdauern und nicht vielmehr in den Krieg und damit in die Militärdiktatur treiben wird. Wir aber können uns glücklich preisen, daß unsereni Volke in seinem Herrscherhause der feste Halt gegeben ist, welcher die Geschicke des Staates und Landes in solchen Bahnen erhält, wie sie dem Wohle des Volkes frommen.
Der Czar bei den Kosaken.
Es ist eine Eigentümlichkeit des sonst ungemein wortkargen offiziellen russischen Telegraph, daß er über Hoffestlichkeiten und dem Kaiserpaare in irgend einem Teile des russischen Riesenreiches dargebrachte Ovationen mit einer ganz unendlichen Breite berichtet. Wenn bei uns der Kaiser reist, sind die offiziellen Berichte kurz und knapp; der enthusiastische Empfang, die von Herzen kommende Begrüßung ist bei uns selbstverständlich; darüber braucht es keiner langen Deklamationen weiter, die am allerwenigsten auch dem schlichten Sinn des Kaisers entsprechen. Natürlich und wahr, so heißt es bei uns! Der russische Telegraph zählt hingegen mit nie ermüdender Emsigkeit jede, besonders für Nichtrussen höchst gleichgiltige Einzelheit auf, erwähnt die offiziellen Reden, in welchen Alexander 111. ungemein gefeiert wird, wortgetreu, und was dergleichen Dinge mehr sind. Man könnte ja das schließlich auch alles passieren lassen, wenn diese ganze offizielle Berichterstattung nur nicht darauf hinausliefe, den Leuten Sand in die Augen zu streuen. Europa soll der Glaube beigebracht werden, daß nur in Petersburg die Mörderbande der Nihilisten ihr Wesen treibt, während das ganze übrige Rußland den Czaren vergöttert. Wie ganz anders sind doch die Thatsachen auch bei dieser Kosakenreise? Nicht weniger, als fünfzigtausend Soldaten sind an die Bahnlinie zur Bewachung derselben kommandiert worden, damit der allmächtige Czar ohne Furcht vor einem neuen Attentatsversuch ruhig durch sein Land reisen kann. Eine ganze Polizeiarmee ist nach der Kosaken-Hauptstadt Nowo-Tscherkask
Kleuser befand sich in verzweiflungsvoller Stimmung und Lage. Er fühlte, daß von der Entdeckung, wie das Geschäft stehe, sein ganzes Leben davon abhing; alle seine mühevoll und vorsichtig angelegten Pläne sah er im Geiste schon zerstört, vernichtet, und sich gleichfalls; und auf der anderen Seite stand er einem Manne gegenüber, dessen Charakter er kannte, und der auch ohne seine Antwort und Bestätigung den Stand des Hauses genau kannte, ja manches noch besser zu wissen schien, als er selbst. Er war in einer äußerst schwierigen Lage. Leugnen war Thorheit, der einzige Weg, der einige geringe Hoffnung zeigte, war der, durch ein offenes Geständnis auf Polenz einigen Einfluß zu gewinnen. Mit mühsam hervorgepreßter Stimme sprach er deshalb: „Gut denn, ich will wahr und offen gegen Sie sein, Herr Polenz. Unser Haus ist gefährdet, es steht chm eine schwere Krisis bevor. Ob es dieselbe überstehen wird — ich weiß es nicht."
Ueber des Agenten Gesicht zuckte eine rasche Freude. „Gut, Herr Kleuser," erwiderte er, indem er dicht an ihn herantrat und die Hand auf seinen Arm legte. „Sie sollen sich in mir nicht getäuscht haben. Ich will es Ihnen offen sagen, daß das Haus Damken diese Krisis nicht überstehen wird."
Kleuser fuhr bei diesen so bestimmt und scharf ausgesprochenen Worten in die Höhe.
Der Agent winkte ihm mit der Hand Schweigen zu und fuhr mit ruhiger Stimme fort: „Ich weiß, in welcher Lage Sie das Haus Damken angetroffen haben. Sie bauten fest aus den unerschütterlichen Credit der Firma. Sie haben früher in Börsenspekulationen viel Glück gehabt und auf dieses Glück vertrauten Sie, von ihm erwarteten Sie Hllfe und Rettung. Ich habe Sie im stillen beobachtet. Sie waren noch zu unerfahren m diesem Börsenspiel, Sie zeigten eine unruhige Hast und verrieten mir dadurch nicht nur, wie hoch Sie spielten, sondern auch, wie viel Sie zu verlieren befürchten mußten. Ja, Herr Kleuser, ich kenne die Börsengeschäfte, ich kenne sie, denn auch ich habe oft mein Glück in ihnen versucht und stets verloren. Ich kenne sie,
geschickt, und es ist, den Polizisten denn auch gelungen, eine neue nihilistische Verschwörung im Krime zu ersticken und die Verschwörer festzunehmen. Noch immer aber traute der Czar, da auch im vorigen Jahre in Tscherkask eine weitverzweigte Verschwörung ermittelt wurde, dem Frieden nicht, und deshalb mußte der Großfürst Nikolaus voraus reisen, um das Terrain zu sondieren. Als dieser befriedigende Auskunft gab, da reiste der Czar endlich mit seiner Familie ab.
Die Dorischen Kosaken genießen gewisse Vorrechte, die ihnen im vorigen Jahrhundert, namentlich von der zweitem Katharina gewährt sind. Die Stockrussen, die alles gleich machen wollen, haben schon wiederholt auf die Beseitigung dieser kosakischen Sonderrechte gedrungen, haben aber mit ihren Forderungen keinen Erfolg erzielt. Bei den baltischen Deutschen, deren Rechte ebenso heilig sind, haben sie freilich schnell einen vollen Erfolg erzielt! Wieso? Die Sache ist einfach. Die Deutschen, denen man ihre alten verbrieften Rechte genommen, dulden und schweigen. Das wissen die Herren in Petersburg sehr gut. Ebenso genau wissen sie aber auch, daß die Kosaken sich eine solche Rechtsverletzung nicht gutwillig gefallen, sondern sich zu ernstem Widerstände erheben würden, und so etwas kann die russische Regierung am allerwenigsten gebrauchen. Das ist der Grund, weshalb die Kosaken ihre Vorrechte behalten haben, die Deutschön aber nicht. Der äußerliche Anlaß zur Czarenreise war bekanntlich die Einführung des jungen Thronfolgers Nikolaus in sein Ehrenamt als Hetmann aller Kosaken. Die wahre Ursache aber war, daß unter den Kosaken bereits eine bedeutende Gährung herrschte, welche den Zaren zur Reise, die als Beruhigungsmittel dienen sollte, zwang. Eine Teuerung im vorigen Jahre hatte die wilden Gesellen mißmutig gemacht; verschiedene Verwaltungsmaßregeln faßten sie als Eingriff in ihre Gerechtsame auf, dazu kam das Ausbleiben der Bestätigung der letzteren durch den Zaren; mit einem Wort, die Dinge standen so, daß der Vize-Het- rnann Fürst Swjatopolk-Mirski nach Petersburg telegraphierte: „Majestät müffen kommen, oder ich stehe für nichts!" Da ist denn der Kaiser gereift, hat aber den Aufenthalt bei den Kosaken so kurz wie möglich, zu kurz eigentlich für eine so weite Reise, bemessen. Das ist der Sachverhalt, aus dem zur Genüge hervorgeht, daß der Ausflug alles andere eher, als eine Triumphreise war. Alles steht noch so, wie vor 6 Jahren beim Regierungsantritt des Zaren: Alexander III. ist Selbstherrscher von Rußland, aber mächtiger als der Zar sind die Revolutionäre. Alexander III. ist ein Fatalist,
I
sie sind kein Geschäft mehr, sondern ein leichtsinniges Spiel, und Sie, Sie haben va banque I gespielt. Wie viel Sie verloren haben, konnte ich aus der enormen Summe ermessen, auf welche Sie Wechsel ausgestellt haben. — Nun kommt das, was ich Ihnen mitteilen wollte. Wissen Sie, daß eine große Anzahl dieser Wechsel in den Händen Buchmanns ist,- daß er jeden auf Ihr Haus laufenden Wechsel, dessen Zahlung in eine gewisse Zeit fällt, aufzukaufen bemüht ist? Wissen Sie das?"
Kleuser war durch diese Worte noch mehr überrascht, als durch die früheren. „Buchmann?" fragte er erstaunt. „Buchmann? Woher wissen Sie das?"
„Das, mein lieber Herr Kleuser, muß mein Geschäftsgeheimnis bleiben", erwiderte der Agent. „Dies thut auch nichts zur Sache. Aber für die Wahrheit meiner Worte bürge ich Ihnen."
„Welche Absicht sollte Buchmann dabei haben?" fragte Kleuser, deffen Gedanken sich durch die vielfach unerwarteten Aufschlüsse immer mehr und mehr zu verwirren anfingen. „Buchmann steht mit unfern Hause nur in einer sehr geringen Geschäftsverbindung. Es ist vielleicht nur Zufall, daß ihm mehrere auf uns lautende Wechsel in die Hände gefallen sind."
„Zufall?" wiederholte der Agent fragend, indem er den jungen Kaufmann mit einem fast verächtlichen Lächeln anblickte. „Ich habe geglaubt, Sie kennten den Charakter Buchmanns besser und wüßten, daß er in solchen Beziehungen sich nicht vom Zufall leiten läßt. Er ist ein ebenso feiner und gewandter, wie schlauer Geschäftsmann; was er thut, thut er aus reiflicher Ueberlegung, und was er einmal in Ueberlegung gezogen hat, muß auch dazu dienen, fein Interesse zu fördern, oder seine Pläne in Ausführung zu bringen. Ja, ich bin fest überzeugt, daß er nichts unternimmt und thut, ohne einen ganz bestimmten Plan dabei im Auge zu haben. Erraten Sie noch nicht, welchen Plan er durch das Aufkäufen dieser Wechsel verfolgt?"
(Fortsetzung folgt.)