Rr. 119
Marburg, Dienstag, 24. Mai 1887.
xxii. Jahrgang.
WerMche Leitung
- Illustriertes Sonntagsblatt.
Wöchentliche Beilagen: Kreis-Blatt f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain.
Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck und Brrlag von Joh. Aug. »och.
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatte-, sowie d.Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVogler in Frankfurt a. M., Cassel, Magdeburg und Wien, Rudolf Moste in Frankfurt ♦ a. M., Berlin.München und
Köln; G. L. Daube und Co. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.
Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. — Ouartal- Abonnements-Preisbci der Expedition 2>/t Mk., bei den Postämter 2 Mk- 50 Pfg. (excl- Bestellgeld). Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Vfg , Reklamen für die Zeile 25 Pfg.
Für den Monat Juni nehmen alle Postanstalten, auf dem Lande auch die Landbriefboten Bestellungen auf die
Oberhessische Zeitung
mit ihren Gratisblättern entgegen.
In Kirchhain nimmt unsere Agentur, Herr Buchbinder Rindt, sowie in hiesiger Stadt die Expedition (Markt 21) Bestellungen an.
In Kirchhain wie hier erhalten neu zugehende Abonnenten bis zum 1. Juni die Zeitung gratis.
Deutsches Reich.
Berlin, 21. Mai. Der Kaiser empfieng heute mittag den Generaladjutanten von Loen und begab sich nachmittags nach Potsdam, nm einer Einladung der Offiziere des Garde du Korps - Regiments zum Dejeuner zu entsprechen. Die Besichtigung der Potsdamer Garde - Infanterie - Brigade ist der ungünstigen Witterung wegen verschoben. Der Kaiser und die Großherzogin von Baden werden morgen an dem Familiendiner bei dem Prinzen Wilhelm in Potsdam teil- nehmen. Die Großherzogin von Baden erhielt gestern nachmittag den Besuch des Reichskanzlers, der darauf auch vom Kronprinzen, der mit der Prinzessin hierher gekommen war und hier übernachtete, in längerer Audienz empfangen wurde. — Der „Rat. - Ztg." zufolge erstattete General von Kaulbars nach seiner Rückkehr dem Zaren Bericht über seine Reise nach Berlin, insbesondere über seine Unterredung mit dem Fürsten Bismarck. Kaulbars sprach nach der Audienz bei dem Zaren seine Ueberzeugung aus, die bulgarische Angelegenheit werde friedlich beigelegt werden. — In der gestern abgehaltenen Plenarsitzung erteilte der Bundesrat dem Entwurf eines Gesetzes über die Besteuerung des Zuckers, dem Gesetzentwurf wegen Ergänzung des Gesetzes, betreffend die Postdampfschiffverbindungen mit überseeischen Ländern, dem vom Reichstage in veränderter Fassung angenommenen Entwurf eines Gesetzes über den Servistarif und die Klasseneinteilung der Orte und dem Gesetzentwurf für Elsaß-Loth- ringen über die gesetzlichen Feiertage, wie solcher sich nach den Beschlüssen des Landes-Ausschusses von Elsaß-Lothringen gestaltet hat, die Zustimmung. Von der Uebersicht der Ausprägung von Reichs-Gold- und Silbermünzen im Jahre 1886 nahm die Versammlung Kenntnis und beschloß, den durch den Landesausschuß von Elsaß - Lothringen abgeänderten Entwurf eines Gesetzes für Elsaß - Lothringen über
Durch eigene Schuld.
Ein Original»Roman aus der Handelswelt von Friedrick Friedrich.
(Fortsetzung)
Viele Kaufleute suchten Polenz gerade dieser seiner ausgebreiteten Kenntnisse wegen auf, er war aber außerdentlich vorsichtig in seinen Aeußerungen, well er stets zuvor berechnete, ob ihm die Bewahrung eines Geheimnisses oder dessen Verrat mehr Gewinn bringen würde. Meistens ließ er sich beides bezahlen. Wenn er indessen wollte, so ruhte ein Geheimnis in seiner Brust wie im Grabe, denn ihm war die Schwäche unbekannt, in seiner augenblicklichen Aufregung auch nur ein Wort mehr auszusprechen, als er beabsichtigte.
Polenz war. früher Kaufmann gewesen und hatte mehrmals Bankerott gemacht, weil trotz seiner ausgezeichneten Geschäftskenntnffse ein Fluch auf dem Gelde zu ruhen schien, sobald es in seine Hände kam. Darauf war er Agent geworden und als solcher unübertrefflich. Er verdiente sehr viel Geld, aber niemand vermochte zu begreifen, wo er es ließ, ja ihm selbst schien es ein Rätsel zu sein, wie es so schnell wieder aus seinen Händen entschlüpfen könne. Er lebte sehr gut, machte aber keineswegs ein großes Haus, daß es seine Einnahme überstiegen hätte und dennoch kam er nie aus.
Die stille, fast geheimnisvolle Art, mit welcher Polenz in das Haus Damken und in das kleine Zimmer des Geschäftsführers eingetreten war, und die Begrüßung, welche zwischen ihm und Kleuser stattfand, verriet sogleich, daß zwischen ' diesen beiden Mannen ein vertrautes Verhältnis oblvaltete.
Als Polenz eingetreten war, ließ er seine Augen rasch und prüfend durch das Zimmer gleiten.
.Wir sind allein," sprach jetzt Kleuser, der diesen Blick bemerkte.
„Ich weiß es, ich weiß es," erwiderte der Agent. Er war in der That fest davon überzeugt, aber es war ihm schon zur festen Gewohnheit geworden, Alles zu prüfen.
die Errichtung öffentlicher Vorschußkaffen, den Gesetzentwurf für Elsaß-Lothringen über die Ernennung und Besoldung der Bürgermeister und Beigeordneten, und den Bericht der Reichs - Schulden - Kommission über die Verwaltung des Schuldenwesens des Reichs rc. den zuständigen Ausschüssen zur Vorberatung zu übergeben. Das vom Reichstage angenommene Gesetz über die Rechtsverhältnisse der Kaiserlichen Beamten in den Schutzgebieten soll zur Allerhöchsten Vollziehung vorgelegt werden. Endlich wurde über die zollfreie Einfuhr von Materialien zum Bau von gemeinschaftlichen Eisenbahn - Grenzstationen, sowie über die Zollbehandlung mehrerer anderer Gegenstände Beschluß gefaßt. Den Vorsitz in der Versammlung führte während des größeren Teiles der Sitzung der Staatsminister, Staatssekretär des Innern, von Bötticher, nach eingetretener Behinderung desselben der Königlich bayerische Gesandte rc. Graf von Lerchenfeld-Köfering. — Der Gesetzentwurf, betreffend die Ernennung und Besoldung der Bürgermeister und Beigeordneten in Elsaß-Lothringen hebt die Bestimmung auf, wonach der Bürgermeister und die Beigeordneten dem Gemeinderat zu entnehmen sind, sowie die Bestimmung, wonach dieselben vor ihrer Ernennung in die Wählerliste oder in die Rolle der vier direkten Steuern eingetragen' sein müssen. Das Ministerium kann anordnen, daß die Stellen des Bürgermeisters und der Beigeordneten mit Besoldung und Repräsentationskosten ausgestattet werden, deren Höhe der Bezirkspräsident festsetzt. Landesbeamte, welche sich zur Uebernahme einer Bürgermeister- oder Beigeordnetenstelle, bereit erklären, können mit Wartegeld einstweilen in den Ruhestand versetzt werden. Die Dienstbezüge der Bürgermeister und Beigeordneten sind Pflichtausgaben der Gemeinden und sollen bei Berechnung der den Gemeinden zu überweisenden Schulzuschüste nicht in Anrechnung kommen. — Durch Ministerial - Erlaß von gestern wird der kleine Belagerungszustand für Spremberg auf ein Jahr verlängert. — Die Branntweinsteuerkommission des Reichstags nahm die Absätze 3 und 4 des § 38 unverändert an und auch den Absatz 5, aber mit einem Zusatze, wonach die Rückvergütung der Maischbottichsteuer auch für gewerbliche Brennereien und für den als Putzmittel verwendeten Branntwein eintreten kann. Auf Antrag des Abgeordneten v. Huene wird danach ein neuer Paragraph § 38a eingeschoben, wonach in landwirtschaftlichen Brennereien, welche mehr als 10 000, jedoch nicht über 20 000 Liter Bottichraum täglich einmaischen, von dem hergestellten und der Verbrauchsabgabe unter-
™1 ' ■
.Meine Ueberzeugung und Andere können mich täuschen," pflegte er zu sagen, „nur meine Augen täuschen mich nie, auf sie kann ich mich verlassen."
„Sie wollen mir etwas mitteilen," fuhr Kleuser fort, „und haben deshalb gewünscht, mich hier ganz allein und im Geheimen zu sprechen."
Der Agent nickte zustimmend mit dem Kopfe.
„Das ist meine Absicht, sprach er. „Zuvor möchte ich indeß eine Frage an Sie richten, und so bitte ich noch, mir dieselbe wahr und offen zu beantworten. Sie werden nachher einsehen, daß ich nicht ohne Grund gefragt habe und daß eine offene Beantwortung in Ihrem eigenen Interesse liegt. Wollen Sie offen antworten?"
„Es ist eine eigentümliche Zumutung, Herr Polenz die Sie mir stellen", erwiderte Kleuser. „Ehe ich die Frage nicht kenne, kann ich Ihnen nichts versprechen."
„Nun gut. Sie sollen dieselbe hören", entgegnete der Agent. „Sagen Sie mir aufrichtig, ist es begründet, daß sich ihr Haus einer sehr gefährlichen Krisis nähert?"
Kleuser fuhr überrascht und erschrocken zurück. „Herr Polenz, ich begreife nicht" rief er: „Wie kommen Sie zu dieser Frage?"
Der Agent lächelte ruhig. Ein einziger Blick auf das erschrockene Gesicht Kleusers hatte ihm schon die Antwort auf seine Frage gegeben. „Wie ich zu dieser Frage komme, Herr Kleuser", erwiderte er, „werden Sie nachher einsehen. Daß ich aber eine solche Lage Ihres Hauses überhaupt vermute, kann Ihnen bei genauerem Nachdenken wenig auffallen. Oder glauben Sie, daß ein erfahrenes kaufmännisches Auge nicht ungefähr zu überschauen und nachzurechnen vermag, was Herr Damken jährlich verbraucht und was sein Haus verdient hat? Ich habe es nachgerechnet, Herr Kleuser, und ich weiß, daß dies Haus nur durch Die angestrengten Bemühungen im Stande gewesen ist, das von seinem Herrn verschwendete Geld zu schaffen. Plötzlich entfernt Herr Damken seinen alten Geschäftsführer, von dessen Tüchtigkeit er ebenso gut überzeugt war wie ich, aus seinem Geschäft und nimmt Sie als stillen Kompagnon an."
liegenden Branntweine ein Zuschlag von 2 Pfg. pro Liter reinen Alkohols erhoben wird. Für Brennereien, die täglich mehr als 20 000 Liter Bottichraum einmaischen, steigt dieser Zuschlag auf 4 Pfg. pro Liter. § 39 wird mit einem Anttage des Abg. von Huene angenommen, wonach bei landwirtschaftlichen Brennereien, welche betreibe verarbeiten und nicht mehr als 100 Hektoliter in der Brennperiode erzeugen, nur ein Zuschlag von 12 Pfg., von denjenigen, welche mehr als 100, aber nicht über 150 Hektoliter erzeugen, ein Zuschlag von 14 Pfg. erhoben wird. § 40 wird unverändert angenommen. § 41 (Zoll und Ueber- gangsabgabe) wird in folgender Fassung angenommen: Von dem aus dem Zollauslande in Fässern eingehenden Branntwein, ausgenommen von Likören, werden vom 1. Okt. 1887 ab 120 Mk., für den in Fässern eingehenden Likör und für den in Flaschen eingehenden Likör 180 Mark für 100 Kilogramm erhoben, welche nicht mehr als 60 Prozent Alkohol haben; bei höherem Alkoholgehalt wird ein Zuschlag erhoben. § 42 und § 36 werden unverändert genehmigt. Die Beratung des Paragraphen, betteffend die Nachsteuer und die Uebergangsbestimmungen, wird einer besonderen Sitzung Vorbehalten.
Weimar, 21. Mai. Die zahlreich besuchte Versammlung der Goethe-Gesellschaft wurde heute von dem Reichsgerichtspräsidenten Simson in Gegenwart der Großherzoglichen Herrschaften eröffnet. Nach Erstattung des Jahresberichts durch Ruland und nach dem Festvortrage Suphans teilte Erich Schmidt mit, daß eine Abschrift einer von Goethes eigener Hand herrührenden, zahlreiche Scenen aus dem „Faust" (namentlich Gretchenscenen) enthaltenden Urschrift aufgefunden worden sei.
Ausland.
Pest, 21. Mai. Im Abgeordnetenhause beantwortete Tisza die Interpellation des Abg. Jranyi und konstatierte dabei, daß sich die Monarchie, als der Krieg zwischen Rußland und der Türkei unvermeidlich schien, für die Neutralität entschieden habe; um aber die Interessen der Monarchie vor allen Zufälligkeiten möglichst zu schützen, haben mit Rußland jene Verhandlungen stattgefunden, woraus der Interpellant sich bezogen habe. Bei diesen Verhandlungen sei offen ausgesprochen worden, daß Oesterreich-Ungarn den Besitz von Bosnien und der Herzegowina nicht anstrebe, vielmehr bei der Durchführung der Reform in jenen Provinzen die Macht der Türkei aufrecht erhalten bleiben solle, daß aber, wenn
„Woher wissen Sie das? Wer hat Ihnen das gesagt?" unterbrach ihn Kleuser.
Der Agent lächelte wohlgefällig listig.
„Bitte, Herr Kleuser, lasten Sie mich ruhig ausreden," fuhr er fort. „Uebrigens gebe ich Ihnen die Versicherung, daß es mir niemand verraten hat. Es war nur eine Vermutung von mir, die ich aus mehreren Anzeichen geschlossen hatte. Ich sprach sie offen ans und Ihre Frage hat sie mir bereits bestätigt. — Gut, lasten Sie mich nun nach meinen eigenen Vermutungen weiter schließen. Wie Sie wissen, ist Herr Damken sehr stolz und neben seinem Stolze zugleich sehr schlau. Sie selbst haben, so viel ich weiß, mit ihm bis dahin in nicht sehr naher Verbindung gestanden. Sie waren eigentlich nur durch Gesellschaften mit ihm bekannt! Ich weiß nun zwar nicht, auf welche Weise Herr Damken Sie für sich gewonnen hat, aber aus dem von mir Berührten hätten Sie schließen können, welche Absicht Herr Damken verfolgte, — er wollte vorläufig Ihr. Geld für sein Geschäft haben. Ich glaube nicht, daß er Ihnen die Lage seines Hauses offen mitgeteilt hat. Gestehen Sie es nur ein, Sie haben sich von ihm täuschen und gleichsam überrumpeln lassen, und das finde ich von Ihnen ganz natürlich. Sie kannten Herrn Damken und den Stand seines Hauses zu wenig, Ihnen schwebte der alte, ehrenvolle Name: „Haus Damken" vor — das hat Sie gefangen. Ihre gewagten und hastigen Spekulationen an der Börse haben aber meine Vermutungen bestättgt und den jetzigen gefährlichen Stand des Hauses verraten. Sie sehen, daß ich so ziemlich mit dem Stande Ihres Geschäftes vertraut bin, aber ich wünsche doch Ihre Bestätigung meiner Ansichten, weil ich nur dann erst offen sprechen kann. Ich will nur das Eine noch für Sie zur Beruhigung hinzufügen, daß Ihr Jntereste dadurch in Wahrheit gefördert wird. Glauben Sie nicht, Herr Kleuser, daß ich hierbei bedeutend gewinnen will, habe besondere und persönliche Jnteresten hierbei im Auge."
(Fortsetzung folgt.)