«r. 117
Marburg, Soimaiend, 21. Mai 1887.
XHI. Jahrgang.
ObechMe 3ritmig
- Illustriertes Sonntagsblatt.
ihr Leben darnach einteilen
Nachts 11 Uhr wurde das welcher schon seit Monaten
2 Wochen Gefängnis verurteilt, die übrigen Angeklagten, darunter der frühere Reichstags-Abgeordnete Heine, freigesprochen.
Stratzburg, 17. Mai. Gestern mittag gegen 1 Uhr war das Gebäude des hiesigen Bezirkspräsidiums in auf- fallendea Weise von einer Menge Schutzleute umstellt. Unter denselben bemerkte man den Polizeidirektor mit 3 Kommissaren. Es handelte sich dabei um die Verhaftung zweier Beamten des Präsidiums, des Botenmeisters Brückner und des Kanzlisten Calannes, welche als des Landesverrates dringend verdächtig in das Untersuchungsgefängnis abgeführt wurden. Brückner hat 15 Jahre in der preußischen Armee gedient und ist seitdem am Präsidium. Seine Tochter hat den Sohn des Polizeikommissars Wodtke geheiratet. Calannes ist Elsässer und im Alter von ungefähr 40 Jahren. Wie man hört, sollen dieselben Geheimnisse in Bezug auf die Thätigkeit der Verwaltung für den Fall der Mobilmachung an eine fremde Macht verraten haben. Bei Calannes sollen Briefe über dessen Verkehr mit französischen Agenten vorgesunden worden.sein.
und noch Dienstjubiläen feiern.
Magdeburg, is. Mai.
Erkenntnis im Sozialistenprozeß, schwebt, gefällt. 31 Angeklagte
Deutsches Reich
Berlin, 18. Mai. Der Kaiser empfing heute Dor mittag den General - Quartiermeister der Armee, General Grafen Waldersee, und nahm mittags den Vortrag des Geheimen Kabinettsrats von Wilmowski entgegen. Die Besichtigung der Truppen auf dem Tempelhofer Felde unterblieb wegen des strömenden Regens. — Die Branntweinsteuerkommission des Reichstags nahm in fortgesetzter Beratung die Absätze 3 und 4 des § 2 mit einem vom Finanzminister gebilligten Amendement der Abgeordneten von Helldorff und von Huene an, wonach bei Neubemessung der Jahresmenge des Branntweins die Verteilung derselben nach Maßgabe der in den letzten drei Jahren durchschnittlich zum niedrigen Steuersätze hergestellten Jahrcsmenge erfolgen soll. Inzwischen neu entstandene Brennereien sollen dabei außer nach dem Umsang ihrer Betriebsanlagen auch mit Rücksicht auf ihre wirtschaftlichen Verhältniffe nach Begutachtung durch Sachverständige berücksichtigt werden; ihre Beteiligung an dem zum niedrigen Satze herzustellenden Branntwein soll nach Maßgabe des Verhältnisses erfolgen, nach welchem bisher bestandene Brennereien an dem zum niedrigen Abgabesatze herzustellenden Quantum im Verhältniffe zur Maischsteuer beteiligt waren. Der ganze § 2 wurde darauf mit 20 gegen 2 Stimmen (von Freisinnigen) angenommen. Paragraph 3, betreffend den Eintritt der Abgabepflicht und die Personen der Pflichtigen wurde mit einem Amendement des Abgeordneten von Mirbach angenommen, wonach die Abgabe gegen Sicherheit gestundet wird, für eine dreimonatliche Frist aber auch ohne Sicherheit gestundet werden kann, falls kein Grund vorhanden ist, den Eingang der Abgabe als gefährdet anzusehen. — Das offiziöse Organ des Reichspostamtes, die „Deutsche Verkehrs-Zeitung", schreibt: „Wir find der Ansicht, daß die Zurücklegung einer 25jährigen Dienstzeit keine begründete Veranlassung ist, den betreffenden Beamten durch Festlichkeiten oder Geschenke zu ehren, und daß von einem „fünfundzwanzigjährigen Dienstjubiläum" eigentlich nicht die Rede sein kann. Wenn die Herren Kollegen an solchem Tage ohne größere Vorbereitungen sich gemütlich, zu einem Glase Wein oder Bier vereinigen, so wird niemand etwas dagegen einzuwenden haben; wenn aber, wie das häufig genug der Fall gewesen ist, die betreffenden Veranstaltungen einen größeren Umfang annehmen, wenn dabei Ehrengeschenke in formeller Weise überreicht, Festtafeln veranstaltet und diese „Dienstjublläen" mit allen Einzelheiten in den öffentlichen
Ausland.
Paris, 18. Mai. Nachdem die Kammer mit 312 gegen 143 Stimmen die von der Budgetkommission vorgeschlagene Resolution, worin die Kommiffion es ablehnt, anstelle der Regierung Vorschläge für Ersparnisse zu machen, angenommen hatte, überreichte Ministerpräsident Goblet dem Präsidenten Grevy die Demission des Kabinetts. __ Die
Majorität gegen die Negierung umfaßte 164' Abgeordnete der Rechten, 86 Opportunisten, 25 von der äußersten Linken. Im allgemeinen gilt Freycinet als Präsident des zukünftigen Ministeriums, wennschon das „Journal des Debats" meinte, Clemenceau würde sich dem Wiedereintritte Freycinet widersetzen. Die intransigenten Blätter fordern Clemenceau aus, die Geschäfte zu übernehmen. Die opportunistischen Kreise sind ensschieden gegen die Herübernahme Boulangers in das neue Kabinett Die Schwierigkeiten der Situation lassen annehmen, daß die Ministerkrisis keine unmittelbare Erledigung finden dürfte. — Präsident Grevy wird heute nachmittags mit dem Präsidenten des Senats und der Kammer, alsdann wahrscheinlich noch mit mehreren andern hervorragenden Mitgliedern der Kammer konferieren.
ßOtttott, 18. Mai. Nach sechsstündiger Debatte verwarf das Unterhaus mit 242 gegen 180 Stimmen Harcourts Unterantrag zum ersten Artikel der irischen Strafrechtsbill. Nach diesem Anträge sollte keine Voruntersuchung stattfinden wegen Angelegenheiten, welche sich auf öffentliche Versammlungen, Vermietung oder Bewohnung eines Bodens oder handeln mit Personen und mieten von Personen im Geschäftsverkehr beziehen. Balfour bekämpfte den Unterantrag, welcher die Ausschließung des Boycottens aus dem Gesetze bezwecke und dasselbe wertlos machen würde. Das Unterhaus nahm schließlich mit 171 gegen 79 Stimmen den erften Artikel der Strafrechtsbill an. Hierauf wurde die Debatte vertagt.
Petersburg, 18. Mai. Dem Chef der Oberpreßverwaltung, Theoktistow, wurde ein zweieinhalbmonatlicher Urlaub zur Reise , in das Ausland bewilligt. Auch Danilewski, einem Mitgliede jener Verwaltung und dem Hauptredakteur des Regierungsanzeigers wurde ein ebenso langer Urlaub bewilligt.
Rolva-Tscherkask, 18. Mai. Die kaiserliche Fa- mllie ist gestern abend hier eingetroffen, am Bahnhofe, wo eine Ehrenkompagnie aufgestellt war, von dem hier weilenden Großfürsten Nikolaus, dem Senior der gesamten Generalität, den Spitzen der Zivil- und Militärbehörden em-
Blättern besprochen werden, so müssen wir sagen, daß dies zu weit gegangen ist." Wenn die „Verkehrs- Ztg-" sich gegen die übertriebenen Festfeiern durch kostbare Geschenke, Festtafeln u. s. w. wendet, welche durch die damit verbundenen Ausgaben für die Beamten zur drückenden Last werden, der sie sich doch nicht entziehen können, so stimmen wir ihr bei; aber wenn man 25 Jahre die aufreibende Arbeit eines Beamten, zumal eines Postbeamten gethan hat — von denen viele dieses Ziel nicht einmal erreichen — fo hat man auch das Recht, mit seinen Freunden und Kollegen einmal stille zu stehen und in Dank und Freude ein Fest zu feiern. Und es ist eine harte Rede, wenn in einem offiziösen Organ den Beamten das Recht abgesprochen wird, von einem 25jährigen Dienstjubiläum zu reden. So lange der Kaiser das 25jährige Dienstjubiläum seiner Offiziere ehrt, kann man auch in der Beamtenwelt, zumal bei dem aufteibenden Postdienst, von einem 25jährigen Dienstjubiläum sprechen. Wohl dem Staate, dessen Beamte so in ihrem Amte aufgehen, daß sie
_ wurden wegen Vergehens gegen das Sozialistengesetz zu Strafen von 9 Monaten bis
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Durch eigene Schuld.
Sin Original - Roman auS der Handelswelt von Friedrich Friedrich.
(Fortsetzung.)
Zum zweiten Male fühlte sich der Gutsbesitzer verletzt, und doch mochte er es nicht merken lasten, weil er die Hoffnung noch nicht aufgegeben hatte, Gabrielens Hand zu erringen. Auf ihr Herz wagte er nicht zu hoffen, und der Reichtum des Handelsherrn war ja auch nicht an das Herz, sondern an die Hand seiner Tochter geknüpft. So schwer es ihm auch wurde, ensschloß er sich dennoch, von seiner Absicht zu sprechen, vielleicht glückte ihm dieser Weg, Gabriele günstiger gegen sich zu stimmen.
Schweigend schritt er eine Zeit lang an ihrer Seite der Villa zu. Er überlegte, auf welche Weise seinen Entschluß am besten ausführte. Endlich begann er: „Fräulein Damken, ich habe vor einigen Tagen Ihrem Vater gegenüber einen Wunsch und eine Hoffnung ausgesprochen, von deren Erfüllung das Glück meines ganzen Lebens abhängt. Ihr Vater hat mir sein Wort gegeben, Alles, was in seinen Kräften steht zu thun, um mich diesen Wunsch erreichen zu lasten. Aber sein Wort allein genügt noch nicht, wenn Sie es nicht bestätigen, denn von Ihnen, Fräulein, von Ihnen allein hängt es ab, ob ich dieses Glück erreichen werde oder nicht."
Mit ruhiger Bestimmcheit blickte Gabriele ihn an.
„Sie verstehen mich wahrhscheinlich nicht, Sie ahnen nicht, wie nahe mein Wunsch Sie angeht," fuhr Letzingen mit mllder und eindringlicher Stimme fort. „Ja, Sie ahnen nicht, daß mein höchstes Glück oder Unglück in Ihrer Hand steht."
„Doch, Herr von Letzingen, ich verstehe Sie," unterbrach ihn Gabriele. Mein Vater hat mir Ihren Wunsch mit- getellt und es wäre unrecht von mir, wenn ich Ihnen Hoffnung machen oder nur lasten würde, welche nie — nie erfüllt werden könnte."
„Fräulein Damken," rief der Gutsbesitzer leidenschaftlich,
„sprechen Sie das Wort noch nicht aus, das mein Glück für immer unmöglich macht. Sie kennen mich noch zu wenig, um jetzt schon einen Entschluß fassen zu können; geben Sie mir nur Gelegenheit, mich Ihnen zu zeigen, so wie ich bin, nicht schlechter und nicht besser, und dann, dann mögen Sie sich ensscheiden, — nicht eher."
Gabriele wollte ihm erwidern, daß sie sich bereits unwiderruflich ensschieden habe, aber gerade in diesem Augenblicke trat ihr Vater hinter einer Baumgruppe hervor und eilte freundlich grüßend auf sie zu.
Gabriele entfernte sich rasch, denn in der Gegenwart ihres Vaters mochte sie dies Gespräch nicht forssetzen.
Der Gutsbesitzer war sichtbar verstimmt. Der Handelsherr bemerkte es. „Was fehlt Ihnen, mein lieber Herr von Letzingen?" fragte er, „Sie scheinen verstimmt zu sein."
„Ich habe Grund dazu," erwiderte der Gefragte mit bitterem Lächeln. Ja, wahrhaftig, ich habe einen gerechten Grund dazu, denn soeben hat mir Ihr Fräulein Tochter einen entschiedenen Korb gegeben?"
„Gabriele?" rief der Handelsherr überrascht und erschrocken. „Sie haben Ihre Liebe gestanden? Sie hat sie zurückgewiesen?" — Der Gutsbesitzer bejahte schweigend durch das Neigen seines Kopfes.
„Es thut mir sehr leid, lieber Freund", fuhr Damken fort, „daß ich Sie seit einigen Tagen nicht gesprochen habe. Ich habe meiner Tochter Ihre Bewerbung mitgeteilt, und habe zugleich mit ihr über die thörichte Leidenschaft, welche jetzt ihr Herz erfüllt, gesprochen. Sie wissen ja, wie ich darüber denke, ich habe auch Gabrielen meine Ansicht nicht verhehlt und ihr gesagt, daß ich nie unter keiner Bedingung meine Einwilligung dazu geben werde. Ich habe ihr ferner gesagt, daß Sie mein Wort besäßen, daß es ein Ehrenwort sei, welches ich nie brechen oder zurücknehmen könne. Gabriele sah dies ein, aber Sie wissen, lieber Freund, das Herz eines Mädchens fügt sich nicht immer willig dem Verstände. Es kostet Zeit und einen inneren Kampf, ehe es überwunden wird. Ich wußte, daß das beste Heilmittel für Gabriele
sein würde, wenn sie eine Zeit lang völlig Ruhe hätte und sich gänzlich überlassen bliebe, bis die Ruhe von selbst zu ihr zurückgekehrt sei und die vernünftige Ueberlegung die thörichte Leidenschaft ihres Herzens überwunden hätte. Ich wollte Sie bitten, Gabriele eine Zeit lang in Ruhe zu laffen, ja ihr womöglich selbst auszuweichen; leider wurde ich in den letzten Tagen verhindert, zu Ihnen zu kommen. So eben war ich auf dem Wege zu Ihnen, aber leider bin ich zu spät gekommen. Sie haben meine Tochter noch in ihrem Kampfe getroffen, und bei der Aufregung, in welcher dieser Kampf sie notwendig versetzen muß, überrascht es mich in der That nicht so sehr, daß sie eine neue Thorheit begangen hat, die sie sicher in kurzer Zeit bereuen wird."
"Ich gebe Ihnen zu", erwiderte der Gutsbesitzer, daß ich einen unglücklichen Zeitpunkt gewählt habe. Ich konnte hiervon indeffen keine Ahnung haben, da Sie mir versprochen, Ihrem Fräulein Tochter vor der Hand meine Bewerbung noch nicht mitzuteilen."
„Ich verdiene diesen Vorwurf, lieber Freund", rief der Handelsherr scheinbar heiter und sorglos. „Ich bin von unserer Verabredung abgewichen, aber nur aus dem Grunde, um Ihnen entgegenzukommen. Es ist nun einmal geschehen und ich nehme willig alle Schuld auf mich. Sie haben mein Wort, ich wiederhole es Ihnen noch einmal: Gabriele wird die Ihre, darauf können Sie sich fest verlassen; ich kenne indeß die Herzen der jungen Mädchen vielleicht besser als Sie, lieber Freund, deshalb gönnen Sie ihr eine Zeit lang Ruhe. Auch ich werde diesen Gegenstand Gabrielen gegenüber mit keinem Worte erwähnen, und Sie sollen sehen Gabriele bereuet ihre Thorheit und in wenigen Wochen lege ich Ihre Hände für immer in einander."
Letzingen schwieg, er schien den Worten des Handelsherrn noch nicht volles Vertrauen zu schenken und stand in Gedanken versunken da. Um ihn aus dieser trüben Stimmung zu reißen und für den Augenblick jeden ferneren Gedanken abzuschneiden, legte der Handelsherr die Hand in seinen Arm und zog ihn mit sich fort. (Fortsetzung folgt.)