Nr. 116.
Marburg, Donnerstag, 19. Mai 1887.
XXII. Jahrgang.
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Wöchentliche Beilagen: Kreis-Blatt f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.
Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
Eine große Arbeiterbewegung
ist abermals in den belgischen Kohlenbezirken ausZebrochen, welche einen so bedrohlichen Charakter infolge der Masfen- streikes angenommen hat, daß überall die Truppen konzentriert worden sind. Und von den Jndustriebezirken dehnt sich die Bewegung auf die zunächst nicht beteiligten großen Städte aus, wodurch die Gefahr wächst, und eine Wiederholung der bekannten vorjährigen Massenausschreitungen — früher oder später — in die Nähe gerückt wird. Es ist fehr bedauerlich, daß die belgische Regierung aus den vorjährigen Exzessen nicht die nötigen, ernsten Lehren gezogen hat, cs ist deshalb nicht zu verwundern, wenn die Agitatoren und Aufwiegler bei der unzufriedenen Menge ein leider nur zu williges Gehör finden. Belgien wird dadurch immer mehr zu einem Herd der sozialistisch - anarchistischen Revolution, von dem die Flammen nach allen Seiten schlagen können. Eine vorjährige amtliche Untersuchung hatte festgestellt, daß die Arbeitslöhne im Durchschnitt furchtbar niedrig find, daß Kinder zu den schwersten Arbeiten in den Gruben mit herangezogen werden, daß Schutzmaßregeln fast gar nicht existieren, und endlich, daß die Entschädigungen für Arbeiter, welche durch einen Unfall verdienstunfähig geworden sind, kein menschenwürdiges Dasein gestatten. Die Löhne konnte die Regierung nicht steigern, wohl aber konnte sie die Jn- dustrieverhältnisse durch Arbeiterschutzgesetze regeln. In der Thronrede, mit welcher die belgischen Kämmern im vorigen Herbst eröffnet wurden, ist den Arbeitern auch thatkräftige Unterstützung versprochen; indessen geschehen ist, wie von vornherein befürchtet wurde, nicht das Geringste. Das ist Wasser auf die Mühle der Agitatoren, und die Arbeiter werden nun aus allen Kräften gegen Arbeitgeber und Staat ,ufgewiegelt. Mit welchem Erfolge, zeigt sich klar.
Das Unterbleiben der Arbeiterschutzgesetzgebung, die so unendlich nötig ist, bildet aber nicht das einzige Motiv. Die Forderung der allgemeinen Wehrpflicht ist von den besitzenden Klassen der belgischen Städte bekämpft, und sie hat auch für jetzt keine Aussicht auf Durchführung. Das hat die Arbeiterkreise inaßlos erbittert. Einsichtige belgische Staatsmänner erklären die allgemeine Wehrpflicht für unbedingt nötig, wenn Ruhe ins Land kommen soll; der jetzige Zustand hebt die Ungleichheit der Klassen zu schroff hervor. Der Krug zum Ueberlaufen hat aber das von der Kämmer beschlossene Fleischzollgesetz gebracht, Der Zoll ist nicht bedeutend, aber die Aufwiegler malen den Arbeitern das Schwarze so schwarz, wie nur möglich. Das Zollgesetz ist auch noch gar nicht in Kraft getreten; mit Absicht ist die Einberufung des Senates, der ersten Kammer, um ihm das Gesetz vorzulegen, bis zu Ende dieses Monats verzögert.
Durch eigene Schuld.
Gin Original»Roman aus der Handelswelt von Friedrich Friedrich. * (Fortsetzung)
Um jedes Ausweichen Gabrielens unmöglich zu machen, blieb er hinter den Gebüschen verborgen stehen und ließ sie näher herankommen. Mit möglichst ruhiger und unbefangener Miene trat er endlich heran und schien selbst steudig überrascht, als er sie erblickte.
Unwillkürlich blieb Gabriele erschrocken stehen. Das Blut schoß rasch und heftig in ihre Wangen und rötete ihr Gesicht. Sie war im ersten Augenblicke entschlossen umzukehren, um dem ihr widerwärtigen Manne auszuweichen, gab indeß diesen Gedanken sogleich wieder auf, denn sie wollte ihm nicht zeigen, daß sie sich vor ihm fürchte, und früher oder fpäter mußte es doch zu einer Erklärung kommen. Der Gedanke an Hermann gab ihr Mut und Fassung und ruhiger schritt sie weiter.
Mit freundlichem Gruße näherte sich ihr der Gutsbesitzer. „Jetzt begreife ich, weshalb der Morgen so ausnehmend schön und erfrischend ist, Fräulein Damken. Er hat gewußt, daß Sie ihn genießen wollen", sprach er mit jener nichtssagenden, süßlichen Schmeichelrede, die ih^ aus seinen Offizierjahren noch geläufig war.
Gabriele schien diese Worte kaum zu hören. Sie erwiderte den Gruß mit kalter Höflichkeit und fragte ebenso höflich: „Sie wollen gewiß meinem Vater die Ehre Ihres Besuches gönnen, Herr von Letzingen? Sie treffen ihn noch in seinem Zimmer. Darf ich Sie bitten, ihn dort aufzusuchen?"
Sie wollte nach diesen Worten indem sie sich verbeugte, weiter schreiten; aber Letzingen verttat ihr den Weg. „Wenn es auch meine Absicht ist, Ihren Herrn Vater zu besuchen, so ist diese doch keineswegs so dringend, daß ich mich deshalb des Vergnügens berauben sollte, noch einige Zeit in Ihrer
Die Annahme ist- freilich gesichert und der Uebermut der großen Viehzüchter macht alle Vorsicht zu nichte. Haben sie doch auf dem Brüsseler Viehmarkt schon jetzt den Preis für Ochsen per Stück um 70 bis 80 Franken gesteigert! Das hat böses Blut gemacht und eine allgemeine Arbeiter- gährung hervorgerufen. Tie belgische Regierung ist in großer Verlegenheit, wie sie den Sturm beschwören soll, zur Dämpfung von Unruhen und zur Verhinderung von Ausschreitungen hat sie Militär zur Hand. Aber ein ge- walffames Niederschlagen der Bewegung tötet diese nicht für immer. Vor zwölf Monaten ist von den Truppen gewiß energisch vorgegaugen, mancher Arbeiter ist bei dem Aufruhr erschoffen, und doch stehen jetzt die Verhältnisse genau so wieder, wie damals. Belgien hat die freieste Ver- fasfung in ganz Europa, sie bietet zahlreiche Freiheiten und Rechte — aber nur für die reichen Leute. Darin liegt der Kern allen Uebels. Es kann gar nicht daran gedacht werden, der Arbeiterbevölkerung das allgemeine Wahlrecht zu geben, dazu ist diese politisch viel zu unreif, aber thut die Regierung wie bisher rein gar nichts, so haben Anarchisten und Sozialisten stets gewonnenes Spiel. Daß es schon sehr weit gekommen, beweist der Umstand, daß auch die Geistlichen in dem sonst so streng katholischen Lande hier nichts auszurichten vermögen; die Leute hören nur auf das wüste Geschrei der Agitatoren. Auf die Dauer kann das nicht so weiter gehen! In Belgien steht es gerade wie in Rußland, Reformen sind in beiden Staaten eine dringende Notsache. Ohnedem geht es schließlich zur Katastrophe.
Deutsches Reich
Berlin, 17. Mai. Der Kaiser nahm heute Dor mittags den Vortrag des Polizeipräsidenten Frhrn. v. Richt- Hofen entgegen und begab sich darauf mit der Großherzogin von Baden nach Potsdam zur Besichtigung des Lehrinfanterie- Bataillons. Während der Fahrt ließ sich der Kaiser von dem Chef des Militärkabinetts General v. Albedyll Vortrag halten. — Dem Bundesrate sind, wie die „National-Ztg." zu melden in der Lage ist, Uebersichten über die auf den deutschen Münzstätten im Jahre 1886 erfolgte Ausprägung von Reichsgold- und Silbermünzen zur Kenntnisnahme zugegangen. Danach find im vergangenen Jahre geprägt worden, und zwar nur in Berlin an Doppelkronen (20 M.) 1 779 770 Stück, an Kronen (10 M.) 14 498 Stück, im Betrage von 35 740 380 M., deren wirkliches Gewicht betrug (1255,5 M. gleich ein Pfund) 28 467,095 Pfund mit einem gesetzlichen Sollgewicht von 28 467,0489 Pfund. Die Abweichung des wirklichen gegen das gesetzliche Sollgewicht ist verschwindelnd klein. An Silbermünzen sind
Gesellschaft zu weilen — wenn Sie es mir gestatten Fräulein Damken, und ich bitte Sie darum."
„Es ist wirklich zu geringfügig, ja zu gleichgültig, als daß ich irgend etwas dagegen haben sollte", gab Gabriele mit kaltem Lächeln zur Antwort.
„Gleichgültig?" wiederholte Letzingen. „Ich versichere Ihnen, Fräulein, daß ich mich dagegen beglückt fühle. Auf Ehre, Sie irren, wenn Sie es für mich als' gleichgültig bezeichnen, daß ich Sie begleiten darf. Sie verkennen meine Gefühle durchaus ..."
„Ich habe nicht gewagt, Ihre Gefühle zu beurteilen", entgegnete Gabriele mit verletzender Bitterkeit. „Ich habe mich nur auf Ansichten beschränkt.
Der Gutsbesitzer fühlte das Bittere dieser Worte. Sein adeliger Stolz empörte sich, solche Worte aus dem Munde eines bürgerlichen Mädchens hören zu müssen, aber der Gedanke an die Reichtümer Gabrielens unterdrückte den in ihm aufsteigenden Unwillen. „Würde Ihnen jede Begleitung so gleichgültig sein?" fragte er und seine Augen waren forschend auf Gabrielens Gesicht gerichtet.
„Nein," erwiderte Gabriele frei heraus. „Das mehr oder minder Angenehme einer Gesellschaft hängt unzweifelhaft von dem Grade des Vertrautseins und gewiß auch von einer gleichmäßigen Stimmung der Herzen und der Ansichten ab."
„Gewiß," bemerkte Letzingen, „und ich bedaure auf- richttg, daß Sie zwischen unseren Herzen und Ansichten so wenig Uebereinstimmung vermuten. Mir ist unendlich viel an dieser Uebereinstimmung gelegen, Fräulein Damken, und wenn Sie mir Gelegenheit geben, werde ich mich bemühen, sie hervorzurufen, um Ihnen dadurch näher zu treten.
Gabriele vermochte ein leises spöttisches Lächeln nicht zu unterdrücken. „Schon um Ihrer selbst willen, Herr von Letzingen," entgegnete sie, „zwingen Sie mich, Ihnen eine solche Gelegenheilt nie zu geben, denn gewiß kann es auf
geprägt und zwar in Berlin, Dresden, München, Stuttgart, Karlsruhe, Hamburg, nur Einmarkstücke im Bettage von 4 848 582 M. Das wirkliche Gewicht (90 M. gleich 1 Pfund) betrug 53 870,380 Pfund, das gesetzliche Sollgewicht 53 873,133 Pfund, also 2,753 Pfund weniger, das sind auf 1000 Pfund 0,0511 Pfund. Eine Zusammenstellung über die Münzprüfungen ist beigegeben. — Die Vorarbeiten zur Einrichtung des orientalischen Seminars sind im Gange. Zunächst ist eine Kommission ernannt, welche geeignete Vorschläge machen soll; sie besteht aus dem Unterstaatssekretär des Auswärttgen Amtes, Grafen v. Berchem, dem Wirkt. Geh. Legationsrat Humbert, dem Geh. Regierungsrat Dr. Althaus im Kultusministerium und dem ordentlichen Professor an der hiesigen Universität (Orientalisten) Dr. Sachau. Ter letztere hat sich vor kurzem nach Paris begeben, um von den Einrichtungen der »dcole des langues orientales vivantes« Kenntnis zu nehmen. Die Kommission ist mit verschiedenen in Frage kommenden Persönlichkeiten in Verbindung getreten; auch hat sie bereits Schritte ge- than, um Eingeborene aus den bezüglichen orientalischen Völkerschaften als Lektoren - Assistenten heranzuziehen. Als in Aussicht genommen, werden verschiedene Personen genannt, darunter als Lektor für das Arabische der Kanzler- Dragomem Dr. Hartmann in Beirut und für das Persische ein Reisender namens Andreas. Doch sind alle betreffenden Verhandlungen, dem Vernehmen der „Kreuzztg." nach, noch nicht zu einem Abschlüsse gebracht. — Die Branntweinsteuerkommission hat die beiden ersten Absätze des Paragraphen 2, betteffend die Jahresmenge des Branntweins, welcher zum Abgabesatze von 50 Pfg. herstellbar ist, in der Fassung der Regierungsvorlage mit den Anttägen Schultz und Uhden angenommen, wonach die Berechnung der zu kontingentierenden Jahresmenge des Branntweins nach dem Durchschnitt in den-Etatsjahren von 1879/80 bis 1885/86 unter Streichung der geringsten und höchsten Jahresziffer der gezahlten Steuerbettäge eintreten soll. Zu dem dritten Absatz des Paragraphen 2, betreffend die Neubemessung der Jahresmenge des nur mit 50 Psemngen steuerbaren Branntweins nach je drei Jahren beantragt Buhl, den in fraglicher Bestimmung gemachten Unterschied zwischen den landwirtschaftlichen und gewerblichen Brennereien zu beseitigen. Der Finanzminister und der bayerische Bundeskommissar Geiger sprechen sich gegen den Antrag aus, der Bayerns Beittitt gefährden würde. Der Antrag wird nach längerer Beratung abgelehnt. Miquel, Buhl und Genossen beanttagen, hinter dem § 3 einen § einzuschieben, wonach der Kartoffelspiritus nur in gereinigtem Zustande zum Genuß oerabreiajt werden darf. — In der „Magdeb. Ztg." klagt ein Angehöriger derReichs-
die Charakterfestigkeit kein gutes Licht werfen, wenn man fein Herz und seine Ansichten Anderen zu Gefallen verändert. Ich denke, die Erkenntnis der Wahrheit muß in diesem Falle allein maßgebend sein. Charakterfestigkeit unb unerschütterliches Festhalten an den geprüften und als wahr erkannten Grundsätzen und Ansichten — das ist es, was ich am Manne am höchsten achte, ja beides ist unerläßlich notwendig, wenn ich ihn überhaupt achten soll."
Letzingen verbiß das Bittere und Schneidende dieser Worte. Er wußte nicht, wie er sie widerlegen sollte, ohne sich noch größere Blöße zu geben. „Ich begreife, Fräulein Damken," erwiderte er, „daß es Ihnen schwer werden muß, gegen andere Männer gerecht zu werden, da ein Mann, der Ihnen näher steht, Ihr Urteil befangen hält. Unwillkürlich werden Sie immer eine Vergleichung mit diesem anstellen, und," fügte er mit einem spöttischen Lächeln hinzu, „die Liebe macht ja mehr oder weniger blind, zum wenigsten blind gegen Andere."
Gabriele errötete. Sie hatte nicht geahnt, daß auch dieser Mann in das Geheimnis ihrer Siebe eingeweiht war. Sollte ihr Vater ihm das Geheimnis verraten haben? Sie zweifelte daran, da sie wußte, wie er darüber dachte. Die unzarte Weise, in welcher der Gutsbesitzer das Geheimnis berührte, erbitterte sie. „Herr von Letzingen," sprach sie ernst, indem sie stehen blieb und ihn mit ihren großen dunklen Augen offen anblickte, „ich glaube Ihnen noch keinen Beweis gegeben zu haben, daß mein Urteil über irgend einen Menschen befangen oder ungerecht ist. Habe ich mir je ein Urteil über einen Menschen erlaubt, so habe ich es streng und ehrlich nach seinem Charakter und dem Grade, in welchem ich ihn achten kann, abgemeffen. — Doch kommen Sie; ich habe Sie schon zu lange von dem Besuche bei meinem Vater abgehalten "
Sie wandte sich um und schlug dann den Weg zur Villa ein. (Fortsetzung folgt.)