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Rr. 115.

Marburg, Mittwoch, 18. M-i 1887.

xxn. Jihrgaug.

Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Quartal- Lbonnements-Preisbei der Expedition 2*/t Ml.. bei boi Postämter 2 Mk. 50 Pfg. (excl. Bestellgeld). Jnsertionsgebühr für die «spaltene Zeile 10 Pfg, Reklamen für die Zeile 25 Pfg.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. BlatteS, sowie d.Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVogler in Frankfurt a. M-, Caffel, Magdeburg und Wien, Rudolf Moste in Frankfurt a. M., Berlin.München und

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Wöchentliche Beilagen: Kreis-Blatt f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.

Expedition. Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Loch.

Der frarrzSfifche Mobilifterurrgsversuch,

der im Lause des Herbstes, und wahrscheinlich im September, bei einem Armeekorps im Westen oder Süden Frankreichs, also nicht an der deutschen Grenze, stattfinden soll, wird eifrig besprochen, trotzdem das Projekt seinen Ursprung nicht politischen Erwägungen verdankt. Die französischen Blätter versichern einstimmig, von irgend welchen Absichten gegen Deutschland sei dabei mit keiner Silbe die Rede; es handle sich lediglich um einen Versuch der Schlagfertigkeit der Armee, um eine Probe auf die französische Heeresorganisation. Kann man den Franzosen auch sonst nicht immer Vertrauen schenken, diesmal kann man doch ihren Worten glauben. Die Mobilisierung des einen Armeekorps unter den andert­halb Dutzend, welche Frankreich zählt, bietet keine Gefahr für Deutschland; von einer kritischen Lage könnte man nur dann reden, wenn diese Mobilisierung an unserer Grenze erfolgte. Dann würden allerdings, daran ist nicht groß zu zweifeln, auch die im Reichslande garnisonierenden deutschen Truppen auf den Kriegsfuß gebracht werden, und aus den gegenseitigen Rüstungen könnten sich ernstere Konflikte er­geben. So ist aber daran nicht zu denken, und es wird der Reichsregierung auch nicht entfernt einfallen, nur ein Wort zu den französischen Plänen zu sagen. Ueberraschen können uns die Franzosen nie. Seit dem 1. April ist die im Reichslande stehende Truppenmacht stark genug, jeden ersten Anprall von Westen her auszuhalten.

Die Mobilisierungsidee ist ein echt französischer Gedanke, geradeso wie Kriegsminister Boulanger der richtige Franzose mit allen seinen Schwächen und Fehlern' ist. Ohne ein tüchtiges Spektakelstück können weder die Franzosen leben, noch Boulanger; das ganze Volk, wie dieser eine Mann gebrauchen Reklame, sehr viel Reklame, die dem Namen Frankreich einen neuen Nimbus verleiht. Man rühmt in Paris Boulanger als den besten Kriegsminister, den die französische Armee seit Schaffung der neusten Republik ge­habt. Jedenfalls arbeitete er viel und entwickelte eine große Energie. Boulanger soll überzeugt davon sein, daß die fran­zösische Heeresorganisation der deutschen nichts mehr nach- giebt, daß das, was auf dem Papier steht, auch in Wirk­lichkeit vorhanden ist. Mit dieser festen Ueberzeugung wäre es nun eigentlich genug. Aber nein, der findige General will seinen Landsleuten auch einen Beweis dafür bringen, und deshalb führt er als neustes Spektakelstück zum Ruhme Frankreichs und zur Befestigung seines Ansehens den Mo­bilisierungsversuch ins Feld. Die ganze Welt soll staunen über die schneidige französische Armeeverwaltung, und die

Durch eigene Schuld.

Sin Original - Roman auS der Handelswelt von Friedrich Friedrich.

(Fortsetzung)

Gabriele weinte heftig. Sie wußte, daß ihr Herz ewig für den Geliebten schlagen werde, sie fühlte, daß sie ihn nie, nie verlassen könne, aber sie kannte auch das Hin­dernis, welches ihr in ihrem Vater entgegentrat, und sie besaß keine Macht, es zu überwinden. Sie sah keinen Ausweg und, keine Hülfe, und eine bange Ahnung drohte ihr fast das Herz zu erdrücken, heftiger und heftiger rannen ihre Thränen. ,

Der alte Steider konnte die Thränen seines Lieblings nicht ertragen. Er erhob sich , trat auf Gabriele zu und erfaßte ihre Hand.Weine nicht, Gabriele, weine nicht, weine nicht," sprach er mit seiner ganzen Weichheit und Mllde, welche ihm zu Gebote stand.Haben Dich meine Worte noch besorgter und trauriger gemacht? Das wollte ich nicht."

Gabriele schüttelte schweigend mit dem Kopfe.

Sei nur ruhig und fasse frischen Mut," fuhr der Alte fort, .laß' Hermann nur erst zurückgekehrt sein, und Du sollst sehen, wie sich dann alles anders gestalten wird, ja anders, als Du ahnst. Bleibe nur fest und Hermann treu. Mag der Herr von Letzingen auch um Deine Hand werben, mag Dein Vater diese Verbindung noch so sehr wünschen, er kann Dich nicht zwingen, ihn zu lieben, und noch weniger verlangen, daß Du ohne Liebe Dich für immer an ihn bindest. Ich begreife, daß schon der Gedanke daran Dich erschreckt hat. Aber sei ruhig, Letzingen wird nie der Deine. Ich werde an Hermann schreiben, daß er sobald, als es ihm möglich ist, zurückkehrt, er wird Dich besser zu trösten vermögen, als ich."

Gabrielens Herz schien neue Hoffnungen zu schöpfen. Sie gab dem Alten den an Hermann geschriebenen Brief und bat ihn, ihm denselben zu senden.

Franzosen sollen mit Stolz sagen können: Das sind unsere Soldaten, das ist unser Boulanger! Das ist der eigentliche Grund für den in Aussicht genommenen Mobilisierungs­versuch, der natürlich prachtvoll verlaufen wird. Das ist auch kein Kunststück. Ein halbes Jahr vor der Mobilisie­rung wird die Gegend bezeichnet, in welcher die einzelnen Armeekorps von der Ordre betroffen werden können. Daß da natürlich alle Korpskommandeure auf dem Posten sind, ist selbstverständlich. Ganz anders würde die Sache stehen, wenn Kundgebung und Ausführung des Mobilisierungsplanes zusammengefallen wären. Dann hätte es sich in Wahrheit gezeigt, wie es um die französische Schlagfertigkeit bestellt ist und was Boulanger als Kriegsminister geleistet habe. Was jetzt kommt, ist in der Haupffache Maskerade.

Bezeichnend ist es auch, daß man überhaupt aus dies Projekt gekommen ist. Wenn solche Versuche von Nöten wären und entsprechenden Nutzen böten, so wären sie Zwei­fels ohne auch bei uns im Deutschen Reiche gemacht worden. Aber hier denkt man gar nicht daran, und zwar vor allem deshalb nicht, weil eine solche Maßnahme nicht notwendig ist. Bei uns weiß die leitende Militärbehörde ganz genau, daß von der schwarz auf weiß verzeichneten Armatur auch nicht ein Gewehr, ein Waffenrock oder ein paar Stiefel fehlt, daß die Gestellungspflichtigen binnen vierundzwanzig Stunden bei der Hand sein können im Noffalle, daß die ganze gewaltige Maschinerie des Militärorganismus bis in die kleinsten Räder exakt funktioniert, sobald sie in Betrieb gesetzt ist. So stehen die Dinge aber in Frankreich bei Weitem nicht, und alle Dekrete Boulangers haben diesen Zustand nicht herbeiführen können. Aber Frankreich soll doch sehen, daß es ebenso schlagfertig ist, wie sein Nachbar. Daher der Mobilisierungsversuch, der doch in der Haupffache nur Blendwerk sein wird. Jedenfalls brauchen wir uns darüber die Köpfe nicht zu zerbrechen. Wollen die Franzosen an= fangen, so ist unsere Militärverwaltung auf dem Posten.

Deutsches Reich.

Berlin, 15. Mai. Der Kaiser empfing heute vor- | mittag den Kontreadmiral Knorr und nahm sodann den Vortrag des Geheimen Kabinettsrats von Wilmowski ent­gegen. Der Kaiser hat durch das Zivilkabinett dem Kom­mando seines Königlichen Grenadier-Regiments Nr. 7 nun­mehr definitives Erscheinen am 5. Ium abends in Liegnitz anzeigen lassen. Die Rückreise von Liegnitz erfolgt am 7. Juni vormittags. Der Pariser deuffche Militär- Attache, Freiherr von Huene, der erst seit einigen Jahren

i"-........ ...

Hast Du Hermann geschrieben, Das Letzingen um Deine Hand geworben und daß Dein Vater zu seinen Gunsten gestimmt ist?" fragte der Alte.

Gabriele verneinte es.Ich mochte sein Herz nicht traurig und besorgt stimmen, es ist genug, wenn ich allein leide," erwiderte sie.

Ich kann Hermann diesen Schmerz nicht ersparen," fuhr der Alte fort.Ich werde ihm alles schreiben, er wird darnach handeln, und ich kenne ihn zu gut, ich weiß, daß, so lange Deine Liebe ihm bleibt, sein Mut nicht wankt. Dies alles wird chn nur zu um so energischerem Handeln treiben. Es ist besser, er erfährt es jetzt, als daß ihn diese Nachricht gleichsam als erster Gruß bei seiner Rückkehr empfängt. Das wäre ein schlechtes Willkommen. Oder wärst Du im Stande, ihm bei seinem ersten Wieder­sehen zu verbergen, was Du gelitten, welche bangen Besorg- nisie Dein Herz gequält haben?"

Gabriele schüttelte mit dem Kopse.

Gut, so schreibe ich es ihm. Er ist ein Mann, und ein Mann muß manchen harten Kampf im Leben durch­kämpfen, ehe er sich Hoffnung machen darf, das selbst er­rungene Glück in Ruhe zu genießen. Fasse nur frischen Mut, mein Kind, es kommt die Zeit, wo ich Euch beide in Glück und Liebe vereint sehen werde; ja sie kommt, diese Zeit, seit Jahren habe ich mich schon darauf gefreut, und dann sollst Du mir eingestehen, daß der alte Steider! Recht gehabt hat."

Er reichte Gabrielen mit mildem, fteundlichem Lächeln seine Rechte dar, und fest und gern legte sie ihre Hand darein. Sie wußte ja, daß es keine treuere und ehrlichere Hand gab. Mochte sie alt und abgezehrt sein, der Druck, den sie ausübte, war ein Trostwort eines liebenden Herzens, denn beruhigend und mild drang er ins Herz hinein.

Wenn auch nicht beruhigter, so doch mutiger kehrte Gabriele heim. Der Entschluß nie von ihrem Geliebten zu laffen, stand jetzt unerschütterlich fest in ihr und beherzt blickte sie deshalb in die Zukunft. *

Hauptmann ist, ist zum Major im Generalstabe befördert. Von gewiffer Seite wird diese Maßregel als Antwort auf die unerhörten und völlig unbegründeten Angriffe der Pariser Hetzpresse gegen den deuffchen Militärattache aus Anlaß der Affaire Ayrolles betrachtet. Die Branntweinsteuer- Kom­mission des Reichstages beriet den ersten Paragraphen der Vorlage. Der Antrag des Abgeordneten Witte auf Ein­führung eines einheitlichen Steuerfatzes von 35 Pfg. für das Liter wurde gegen 2 Stimmen, der Antrag des Abg. Spahn, die Steuersätze ans 35 und 50 Pfg. festzustellen, wurde gegen 3 Stimmen, der Antrag des Abg. Buhl, den Steuersatz von 50 auf 55 Pfg. zu erhöhen, wurde gegen 5 Stimmen abgelehnt und dann der § 1 in der Fassung der Regierungsvorlage mit dem Anträge des Abg. von Kardorff angenommen, wonach jedem Brennereibesitzer die gewünschte Menge denaturierten Branntweins zur freien Ver­fügung im Keller belaffen wird. Zu den zwei ersten Ab­sätzen des § 2 (Bemessung der Jahresmenge des Brannt­weins, welchen die Brennereien zum Steuersätze von 50 Pfg. Herstellen dürfen) werden mehrere Anträge eingebracht, dar­unter ein Antrag vom Abg. Buhl zugunsten der kleinen Kornbrennereien und ein anderer Antrag vom Abg. Schultz betreffs der Zeitdauer der Vergünstigungen für dieselben. Der Finanzminister von Scholz bekämpft alle Anträge, von Huene wünscht, daß die Anträge der Kommission ge­druckt vorgelegt werden. Die Kommission wählt eine aus den Abgeordneten von Mirbach, Buhl, Spahn, Witte, Gamp bestehende Subkommission und vertagte sich darauf bis morgen ftüh 10 Uhr. DieKreuz-Ztg." schreibt:Die Nachrichten, welche uns aus Paris und zwar von gut unterrichteter Seite zugehen, lassen die Zukunft Frankreichs m einem sehr unsicheren Lichte erscheinen. Unter solchen Umständen gewinnt die Absicht der französischen Regierung, demnächst ein Armeekorps mobil zu machen, eine Bedeutung, welche Deutschland im Interesse seiner Sicherheit zu Gegeu- maßregeln zwingen wird. Die Machthaber in Frankreich mögen sich deshalb nicht wundern, wenn man bei uns in maßgebenden Kreisen die eventuelle Verstärkung auf Kriegs­fuß für sämtliche in den Reichslanden stehenden Truppen in Erwägung ziehen sollte. Vielleicht überlegen sich die Herren im französischen Kriegsministerium die Sache noch einmal gründlich, ehe sie den ersten Schritt zum Kriege thun."

Elberfeld, 15. Mai. Seit einigen Tagen weilt hier ein Untersuchungsrichter des Reichsgerichts, welcher bereits zahlreiche Personen von hier und aus Barmen zu Protok oll

Zum ersten Male seit mehreren Tagen ging Gabriele wieder im Park spazieren. Sie war allein. Obschon sie ihren Gedanken an die Zukunft und an Hermann nachhing, übte doch die Ruhe und Frische des Morgens einen wohl- thättgen Einfluß auf ihr Herz aus. Der reiche Thau hatte den Gebüschen und Bäumen schwellende Frische gegeben, über den Rasenplätzen schwebte es wie ein duftiger Hauch. Und so ruhig und still war es ringsum, daß selbst die leisen Schritte Gabrielens auf den Sandwegen geräuschvoll ertönten.

Gabriele war nur ganz einfach gekleidet, aber gerade diese Einfachheit ließ ihre schöne, schwellende Gestalt noch um so deutlicher hervortteten und stimmte am besten zu der Natur ringsum. Sie schien sich der Reize, welche sie be­saß, kaum bewußt zu sein und an diesem Morgen am aller­wenigsten, deshalb war auch jede ihrer Bewegungen durchaus natürlich und leicht.

Während sie langsam dahinschritt, kam ihr auf demselben Wege ein Mann entgegen, den sie nicht bemerkte, weil er durch eine Biegung des Weges und Gebüsch fast ganz ver­deckt war. Es war Herr von Letzingen. Er hatte Gabriele sogleich erkannt und ein freudiges Lächeln flog über sein Gesicht hin.

Seitdem er bei dem Handelsherrn um die Hand seiner Tochter geworben, hatte er Gabriele nicht mehr gesehen, denn sie war ihm absichtlich ausgewichen. In der Absicht, sie auf einem Spaziergange zu treffen, war er an diesem Morgen in den Park gekommen; und sein Herz lachte, als er seine Absicht so schnell erreicht sah. Es lag ihm viel daran, Gabriele so rasch als möglich günstig für sich zu stimmen, denn seitdem der Handelsherr ihm so bereitwillig seine Einwilligung gegeben hatte, war in seinem sonst über­lebten Herzen ein leidenschaftliches Verlangen nach dem frischen blühenden Mädchen erwacht. Je weniger er seit Jahren eine solche leidenschaftliche Neigung gekannt hatte, um so ungestümer trieb sie ihn jetzt zum Erlangen seines Wunsches. (Fortsetzung folgt.)