Nr. 114.
Mcirburg, Dienstag, 17. Mai 1887.
XXII. Jahrgang.
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Wöchentliche Beilagen: Kreis-Blatt f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntaasblatt
2___________________Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch. "
Deutsches Reich.
Berti«, 14- Mai. Der Kaiser nahm heute vormittag mehrere kurze Vorträge entgegen, machte feiner, auf der Durchreise nach Marienbad eiugetroffenen Schwester, der Großherzogin-Mutter von Mecklenburg-Schwerin, im Schlosse einen längeren Besuch und besichtigte darauf aus dem Tem- pelhoser Felde das zweite Garderegiment zu Fuß und das Garde - Füsilierregiment, um sodann nach der Kaserne des Eisenbahnregiments zu fahren und sich dort die sächsische und württembergische Kompagnie des Eisenbahnregiments vorstellen zu lassen. Nachmittags konferierte der Kaiser mit dem Chef des Wilitärkabinetts General von Albedyll. Die Kaiserin ist heute vormittag nach Baden-Baden abgereist. — Für den feierlichen Akt der Vornahme des ersten Spatenstichs für den Nord-Ostsee-Kanal und die damit verbundene feierliche Grundsteinlegung der Schleuse zu Holtenau ist nunmehr der 3. Juni Allerhöchst festgesetzt. Wie verlautet, gedenkt der Kaiser in Person mit allen königlichen Prinzen der Feier anzuwohnen. Eingeladeo werden dazu die Bundesratsbevollmächtigten, die Gesamworstände des Reichstags, des preußischen Abgeordneten- nnd Herrenhauses, die Mitglieder des Staatsministeriums und die Spitzen der schles- wig-holsteinischen Provinzialbehörden. Die Abreise der Fest- gäste von Berlin wird am 2. Juni über Lübeck erfolgen, wo die Stadt die Durchreisenden zu einem Gabelfrühstück eingeladen hat. Auf der Rückreise wird am 4. Juni in Hamburg verweilt werden, nm einer Einladung der dortigen Behörden zufolge eine Besichtigung der neuen Zollanschlußbauten daselbst stattfinden zu lassen. — Die Pfingstferien des Reichstags sollen am 25. Mai beginnen und bis zum 8. Juni dauern. Die erste Lesung der Zuckersteuer-Vorlage und auch ein Teil der Kommissions - Beratungen darüber werden sich noch vor den Ferien erledigen lassen. Ueber die Branntweinsteuervorlage finden zwischen den Majoritäts-Parteien seit gestern wieder geheime Besprechungen statt, in denen man sich über einzelne Abänderungen zu einigen sucht, so daß der Kommission in der Hauptsache nur die Ausgabe übrig bleiben wird, diesen Beratungen zuzustimmen. — Der Chef der Marinestation, der Ostsee-Vizeadmiral von Wickede, hat gelegentlich der Uebergabe der Geschäfte folgenden Tagesbefehl erlassen: Kiel, den 11. Mai 1887.
beigesellen können.
Ueber die Zuckersteuer
mit dem eifersüchtigsten Interesse die der Marine überwachen und Marine ihre Feuerprobe zu be- sich hoffentlich ihrem Schlacht- der Kaiser" auch der meinige gezeichnet von Wickede. —
Seine Majestät unser Allergnädigster Kaiser hat die Gnade gehabt, mich auf meine Bitte zur Disposition zu stellen und mir gleichzeitig als Bethätigung Höchstseines gnädigen Wohlwollen den Krouenorden erster Klasse zu verleihen. Ich übergebe mit heutigem Tage die Geschäfte des Stationskommandos au den Herrn Kontre-Admiral von Blane. Se. Majestät Schiff „Hansa" hat um 2 h. p. m. meine Flagge niederzuholen. „Niobe" feuert den reglementsmäßigen Salut. Ich kann die Station der Ostsee nicht verlassen, ohne den Herren Offizieren, Beamten und Mannschaften meinen aller - herzlichsten Dank für das Entgegenkommen in allen dienstlichen Angelegenheiten und namenüich für das Vertrauen auszudrücken, welches mir von allen Seiten entgegengebracht worden ist. Ich werde, so lange ich lebe, Ihnen ein treuer Kamerad bleiben und " ' ""
weiteren Fortschritte wenn demnächst die stehen hat, wird
Ruf: „Es lebe
verlautet: Vom 1. August 1888 beträgt der Eingangszoll von 100 Kilo Syrup oder Melasse 15 Mark, für allen anderen Zucker 30 Mark. Melasse zur Branntweinbereitung ist zollfrei. Geht ausländischer Zucker zur weiteren Verarbeitung in inländische Fabriken, deren Erzeugnisse den Verbrauchsabgaben unterliegen, so kann der Eingangszoll entweder um den Bettag der Verbrauchsabgabe ermäßigt oder das betreffende Fabrikat von der Verbrauchsabgabe freigelassen werden. Inländischer Zucker unterliegt der Steuer, welche erhoben wird als Materialsteuer von dem Gewichte der verwendeten Rüben und als Verbrauchsabgabe. Die Materialsteuer wird vom 1. August 1888 mit einer Mark von je 100 Kilo Rüben erhoben, die Verbrauchsabgabe mit 10 Mark für je 100 Kilo inländischen Rübenzuckers. Syrup und Melasse als solche unterliegen der Verbrauchsabgabe nicht; die Materialsteuer wird für über die Grenze gehenden Zucker vergütet. — Das Gesetz veranschlagt den Gesamtreinertrag abzüglich aller Erhebungskosten auf 46 Millionen Mark, davon sollen nur 10 Millionen auf die Rübensteuer und 36 Millionen auf die Konsumsteuer fallen. — Die zweite Ausgabe der „Post"
bringt folgerte Erklärung res Herzogs von Ratibor und des Grasen Bruhl: Es ist in verschiedenen Blättern von einer Adresse die Rede, welche, von einigen katholischen Mitgliedern des Herrenhauses ausgehend, an den Papst gerichtet werden sollte, um demselben zu danken, daß er zur Her- stellung des kirchlichen Friedens in wohlwollendster Weise leinen Einsluß geltend gemacht und in Ueberemstimmunq mit der Regierung und unter Zustimmung beider Häuser des Landtags die noch schwebenden Differenzpunkte so glücklich gelost habe.^ Wir waren weit entfernt zu glauben, daß eine derartige Kundgebung ein Gegenstand gehässiger Angriffe werden könnte, ehe noch überhaupt ein bestimmter Entschluß gefaßt und die Adresse selbst ‘ bekannt gemacht wurde. Da dies leider aber geschehen ist, stehen wir von dem Vorhaben ab, weil wir den so lange entbehrten Frieden, den wir endlich erreicht zu haben glaubten, nicht aufs Neue stören und dazu wenigstens unsererseits keinen Anlaß geben wollen Die gehässigen Angriffe der sich katholisch nennenden Presse wurden uns daran nicht gehindert haben, denn wir fürchten sie nicht, Md sie auch schon von dieser Seite gewohnt und in keiner Weise gewillt, darauf zu antworten.
Dresden, 14. Mai. Tie um 11 Uhr vormittags au§ Berlin emgetroffenen Mitglieder des Gesamtvorstandes des Reichstages wurden am Bahnhofe vom Oberbürqer- melster Dr. Stübel und einer Deputation der städtischen Behörden begrüßt und nach der Gartenbau-Ausstellung qe- leitet. Hier wurden dieselben von der Ausstellungs-Kommission empfangen und durch die Ausstellung geführt Nach Anem zweistündigen Aufenthalte daselbst begaben sich die Reichstagsmitglieder zum Diner, welches sie auf dem Belvedere der Brühlschen Terrasse einnahmen. Bei demselben brachte der Oberbürgermeister einen Trinkspruch auf den Präsidenten des Reichstags aus, welchen letzterer mit einem Stoafte auf das Wohl der städtischen Behörden Dresdens und der Stadt erwiderte. Nach der Tafel wurde eine Fahrt nnd; dM Waldschlößchen unternommen und darauf um 7 li Uhr die Rückreise nach Berlin angetreten.
Ausland.
London, 14. Mai. Die Königin, umgeben von den königlichen Prinzen und Prinzessinnen, eröffnete heute uach-
Durch eigene Schuld.
Ein Original»Roman aus der Handelswelt von Friedrich Friedrich.
(Fortsetzung.)
Ihre Thräneu rannen bei diesen Worten still über ihre Wangen, aber der alte Steider schien sie nicht zu erblicken. Ihm hallten nur die Worte im Ohre wieder: „er hält ihn für meiner unwürdig, weil er als Diener in seinem Geschäfte gestanden," und seine Worte trieben ihm das Blut in die Wangen und machten sein Herz lauter und heftiger schlagen. Er war nicht stolz, aber er besaß ein feines Ehrgefühl, welches sich auf das Bewußtsein seiner strengen Rechtlichkeit stützte und dieses Ehrgefühl ließ er sich nicht antasten.
„Gabriele," sprach er mit vor Erregung bebender Stimme, „ich habe lange als Diener unter Deinem Großvater, dem alten Damken, gearbeitet, ater nie habe ich ans seinem Munde gehört, daß er einen Diener, nnd wäre es der geringste in seinem Geschiffte gewesen, geringschätzte, sobald dieser mit Treue und Redlichkeit seine Pflicht erfüllte. Er achtete selbst den Hausknecht, und mehr als einmal habe ich aus seinem Munde die Worte gehört, daß er jeden treuen Diener hochschätze, weil er für ihn arbeite. „Das Haus samten, sagte er, „ist nicht allein durch seinen Herrn groß und reich geworden, sondern vorzugsweise durch den Fleiß und die Tüchtigkeit seiner Diener. Ja, ohne Herrn könnte es wohl bestehen, aber ohne Diener würde es am ersten Tage zusanilnenbechen." So sprach Dein Großvater, Gabriele, und Dein Vater wagt es, Hermann als unwürdig zu erklären; er wagt es, ihn zu verspotten. Er ist sein Diener nicht mehr, er hat Deinem Vater nichts zu danken, und niemand kann in die Zukunft schauen, Gabriele. Niemand weiß, ob nicht die Zett noch kommen kann, wo Dein Vater einen solchen Diener, wie Herman gewesen, mit Gold aufwiegen würde. Ha, laß' Deinen Vater nur verächtlich auf Hermann und Deine Liebe zu ihm herabblicken — nicht al§ Diener soll Hermann vor ihn treten, sondern als Herr eines eigenen Hauses."
Der alte Steider fuhr erregt fort: „Hermann wird im Besitze eines Geschäftes sein, das sich kühn dem alten Hanfe Damken an die Seite zu stellen wagt. Dann soll er vor Deinen Vater hintreten und um Deine Hand werben,
dann soll er ihm sagen: „Sehen Sie, Herr Damken, dies Alles Huben zwei Diener vollbracht, welche einst arm und mittellos in Ihr Geschäft eintraten, und sie sind stolz darauf. Was ihnen jetzt gehört, das haben sie selbst errungen, selbst erarbeitet, sie haben nicht auf den Reichtum und den Fleiß ihrer Vorfahren gebaut!" Und dann, Gabriele, dann soll Dein Vater sagen, ob er Hermann noch gering schätzt, weil er einst Diener gewesen, dann mag er seine eigenen Ver- bienfte aufzählen und sie mit denen dieses Dieners messen, dann mag er sie wägen, und die Zunge dieser Wage wird deutlicher und gerechter als eine Menschenzunge aussprechen, wer von ihnen höher und achtungswerter dasteht!"
Er hatte diese Worte mit gesteigerter Stimme ausgesprochen, sie waren der Ausdruck seiner höchsten Aufregung gewesen — jetzt sank er erschöpft und kraftlos auf einen Stuhl zurück.
Tief ergriffen hatte Gabriele ihn angehört. Noch nie hotte sie solche Worte aus seinem Munde vernommen, nie hotte sie ihn in einer solchen Aufregung erblickt. Aber vieles vermochte sie nicht zu begreifen. Sie hatte ja keine Ahnung davon, daß der Boden, auf welchem ihr Vater stand, unterhöhlt war, daß eine einzige heftige Erschütterung alles zusammenbrechen und ihn selbst vernichten und an den Bettelstab bringen konnte. Sie glaubte, ihr alter, väterlicher Freund baue allein auf Hermanns edlen Charakter und seine Tüchtigkeit, auch sie glaubte so fest daran, wie nur ein Mensch glauben konnte, aber sie kannte auch den Stolz und die unerschütterliche Festigkeit, ja Hartnäckigkeit ihres Vaters, und der Gedanke hieran raubte ihr jeden Trost.
„Mein Vater wird seine Einwilligung nie geben, nachdem er einmal mit solcher Bestimmtheit mir gegenüber sich dagegen ausgesprochen hat," erwiderte sie. „Sie glauben nicht, wie fest er sein kann, oft selbst bann, wenn er einsieht, daß er Unrecht hat."
Der Greis schwieg einen Augenblick. Endlich sprach er: „Ich weiß es wohl, Kind, ja, ich weiß es recht wohl, vaß er zu Eurer Verbindung nie seine Einwilligung geben würde, wenn ihn nicht Verhältniffe dazu zwängen. Und diese werden ihn zwingen; er muß Dich Hermann geben, oder--
Er beendete seine Worte nicht, denn er wagte es Gabrielen gegenüber nicht auszusprechen, daß ihr Vater ohne diese Einwilligung verloren sei.
Gabriele hatte dieses „oder" überhört. „Welche Verhältnisse können meinen Vater zwingen?" fragte sie. „Er steht unabhängig da, weil er reich ist, er ist verwöhnt weil fern Reichtum ihm stets die Mittel gegeben hat, feinen Willen durchzusetzen."
Um den Mund des Greises zog sich ein wehmütiges und bitteres Lächeln. Er selbst hatte ja oft genug erfahren, w>e wahr oft diese Worte waren, er selbst hatte oft schwer genug dadurch leiden müssen.
„Jawohl, er ist verwöhnt, weil er reich ist," sprach er- halb in Gedanken, indem sein Kops sich auf die Brust herabneigte und seine Augen auf den Boden blickten. „Er ist verwöhnt, aber Reichtum und Pracht, Glanz und Fülle, sind Güter dieser Erde, und sie alle, alle können verloren gehen. Aber wehe dem, dessen Herz nur an diesen Gütern hängt, er ist doppelt arm und elend, wenn er sie verliert. Wehe dem, der nur nach Geld trachtet und nur an Geld feine Freude hat, fein Geist und fein Herz werden von Tag zu Tag ärmer und bedauernswerter, er macht sich zum Sklaven eines seelenlosen Götzen."
„Ich sehne mich nicht nach Reichtum und Gütern", entgegnete Gabriele, „Ich wollte, ich wäre arm und könnte ungehindert meinem Herzen folgen."
»Du mußt ihm folgen," rief der greife Geschäftsführer. »Du darfst Hermann nicht aufgeben, darfst nicht von ihm lassen. — Du ahnst nicht, Gabriele, wie fest und lieb sein Herz an Dir hängt", fuhr er milder, ja mit weicher Stimme fort. „Du ahnst nicht, wie alle seine Gedanken nur auf Dich gerichtet sind, wie seine Wünsche nur Dir gelten. Glaubst Du, seinetwegen ringe er Tag und Nacht nach Reichtum und Gütern, seinetwegen habe er seine Heimat verlassen? — Du kennst ihn noch nicht, Kind, wenn Du glauben kannst, er habe es nur seinetwegen gethan. Für Dich thut er es, für Dich! Dich will er mit Reichtum umgeben, um jeden Deiner Wünsche erfüllen zu können, er will reich werden, um ruhig und stolz vor Deinen Vater hmtteten zu können. — Du darfst ihn nicht oertaffen, Gabriele, ohne Dich wäre er elend zum Erbarmen."
(Fortsetzung folgt)