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«r. 112. .

Marburg, Smnabcnd, 14. Mai 1887.

XXII. Jahrgang.

Wöchentliche Beilagen: Kreis-Blatt s. d. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Illustriertes S-mitaasblatt.

_____________gg^ttwn Markt 21. Reaktion, Druck uud Brrlag von Joh. Aug. Loch. $

Bewußtlos sank Gabriele zurück auf einen Stuhl Ihre Wangen waren erbleicht, ihre Augen geschlossen, und ihr Herz, welches eben noch so aufgeregt, fast krampfhaft ge­schlagen hatre, pochte jetzt nur noch leise, unhörbar, kaum stark genug,- um den Lebensstrom, welcher durch dasselbe hindurchpulste, im Gange zu erhalten.

Als sie nach einiger Zeit wieder zu sich kam, war es ihr, als ob sie aus einem langen und schweren Traum er­wacht sei. Sie fuhr mit der Hond über die Stirn, um die letzten Schattengestalten zu verscheuchen und helle, klare Wirllichkeit zurückzurufen.

Allmälig kehrte die Erinnerung an das Vorgefallene in sie zurück, aber ruhiger, weniger ungestüm. Die erste Hef­tigkeit ihres Schmerzes hatte sich gebrochen, sie weinte, und Thronen lindern ja immer den Schmerz. Sie lösen die fast erdrückende und säst beängstigende Luft desselben, welche sich auf das Herz gewälzt hat. Sie vergeistigen und verllären ihn, wie die Sonnenstrahlen das Wasser in Dunst auflösen, der dann zum Himmel emporsteigt und, zu Wolken ver­dichtet, dahin zieht. Mögen diese Wolken auch oft den heiteren Sonnenblick verdecken, mögen sie als Regen zur Erde zurückkehren sie kommen nur tropfenweise.

Sie fühlte jetzt, daß sie stark genug sei, alles für diese Liebe zu wagen und zu ertragen. Sie dachte ruhiger an Letzingen niemand konnte sie ja zwingen, ihr Leben an diesen Mann zu binden. Die Hoffnung kehrte in ihr Herz zurück: Hermann kam ja bald, dann mußte ihr Vater ihn kennen lernen, mußte ihn hören, und alle seine edlen Eigen­schaften, welche ihr Herz und ihre Liebe so schnell gewonnen hatten, mnßten ihn auch ihm lieb und wert machen.

Das ist das große und schöne Vorrecht der Jugend' daß ihr Herz noch leicht der Hoffnung zugänglich ist, und daß sie auf diese Hoffnung baut und vertraut, als ob sie der festeste Grund wäre, der nie erschüttert werden könnte. Es hofft auch das Alter noch, selbst der Greis, beffen Fuß schon über dem Grabe steht, in welches bald alle Erden­hoffnungen hineingesenkt werden, aber in jede Hoffnung des Alters mischt sich zugleich die bittere Erfahrung und Er­innerung an so manche Täuschung. (Fortsetzung folgt.)

Deutsches Reich.

Berlin, 12. Mai. Der Kaiser begab sich heute mittag zur Besichtigung des ersten Garderegiments nach Potsdam. Zu der heute abend bei dem kaiserlichen Paare stattfindenden Soiree sind 120 Einladungen ergangen. Der Kaiser beabsichtigt, am 2. Juni nach Kiel zu reifen, um der Feier der Eröffnung der Arbetteu am Nordostseekanal daselbst am L Juni beizuwohnen; desgleichen gedenkt der Kaiser am Z. Juni an der siebzigjährigen Jubelfeier seiner Ernen­nung zum Chef des Königs-Grenadier-Regiments inLiegnitz tellzuuehmen. In der heutigen Sitzung des Bundesrates wurde _.ber Entwurf eines Gesetzes über die Zuckersteuer den zuständigen Ausschüssen zur Vorberatung überwiesen. Dieäicrbb. Allg. Ztg." bezeichnet die Angaben verschie­dener Blätter, die Abberufung des Generalkonsuls Arendt in Sansibar hänge mit der von dem Sultan über Arendt bei dem Auswärtigen Amte geführten Klage zusammen, als Erfindung. Arendt sei schon seit längerer Zeit an einem hartnäckigen Fieber ^erkrankt, er sei lediglich abberufen, weil er das Klima in Sansibar auf die Dauer nicht vertragen konnte. Bei der Beratung der neuesten kirchenpolttifchen Novelle w der Kommission des Herrenhauses wurde an den Herrn Kultusminister aus der Mitte der Kommission die Frage gerichtet, ob es für zulässig zu erachten sei, daß die katholischen .Kirchenvorsteher und Gemeindevertreter nicht, wie es jetzt geschehe, in der Sitzung der Gemeindeorgane,' sondern in der Kirche durch den Geistlichen in ihr Amt .eingeführt und auf ihre Obliegenheiten verpflichtet würden Der Herr Minister, welcher diese Frage schon damals be­jahte, hat nunmehr, wie wir hören, seiner Zusage gemäß, die beteiligten Provinzialbehörden dahin mit Weisung ver- schen, daß, falls in denjenigen Kircheugemeinden, in welchen der Vorsitz im Kirchenvorstande auf den Geistlichen über- gegongen fei oder übergehen werde, der Wunsch laut werden sollte, daß die Einführung und Verpflichtung der Kirchen- vorfteher und Gemeindevertreter in der Kirche erfolge, der Ausführung eines solchen Wunsches von den staall'ichen Aufsichtsbehörden ein Hindernis nicht zu bereiten sei. __

Bei einem besonderen Anlasse ist dem Herrn Kultusminister zur Kenntnis gelangt, daß an unseren höheren Schulen der Unterricht in der neueren vaterländischen Geschichte häufig nicht wetter als höchstens bis zur Wiener Bundesakte vom Jahre 1815 geführt wird. In den nächsten Jahrzehnten

nach der Herstellung des deutschen Bundes war es aller­dings gerechtfertigt, daß die höheren Schulen darauf ver­zichteten, durch eine Fortsetzung der Geschichtsdarstellung über den bezeichneten Zeitpunkt eine Reihe von Ereignissen oor- zuführen, für deren Bedeutung und für deren Ziele ein Verständnis der Schüler schwerlich zu erreichen war. Der- arttge damals begründete Erwägungen haben gegenwärtig ihre Geltung verloren; nach der Entscheidung, welche die >;ahre 1866 bis 1871 für die Neugestaltung unseres Vater­landes gebracht haben, ist es eine selbstverständliche Forde­rung, daß der Schulunterricht in der vaterländischen Ge­schichte jedenfalls bis zur Aufrichtung des Deutschen Reiches im ^ahre 1871 sich zu erstrecken hat. Die Ueberzeugung von dieser Verpflichtung der Schule darf als eine in dem Lehrerstande allgemein befestigte betrachtet werden. Der Herr Minister hält es daher auch für überflüssig, eine be­bildere Verfügung zu veranlassen; vielmehr ist ein größerer Erfolg davon zu erwarten, wenn einerseits die Königlichen Provinzial-Schulkollegien bei Genehmigung der ihnen vor­zulegenden Lehrpläne diesen Gesichtspunkt konseguent zum Ausdrucke bringen, andererseits die Departemensräte der Königlichen Provinzial - Schulkollegien bei ihren Revisionen der höheren Schulen ihre Aufmerksamkeit konsequent darauf richten, ob durch vorsichtige Ueberlegung der Lehraufgabe schon vom Beginn jenes Lehrganges an die vollständige Er­reichung- eines weltgeschichtlichen Abschlusses bis 1871 qe- fidjert ist. Zur Ehre der Gymnasien sei es übrigens ge­sagt, daß die höher strebenden von ihnen meist diese Ein­richtung bereits haben.

Ausland.

Wl-u, 12. Mai. Eine Deputatton von Studenten begab sich heute zum Rektor der Universität, um mitzuteilen, daff die Studentenschaft fest entschlossen sei, die Ordnung m der Universität selbst aufrecht zu erhalten und alle Demon- strattonen zu vermeiden. Bei den wiederholten Demon- sttationen von Universitätshörern vor der Wohnung des Professors Maaßen wurden 5 Studenten verhaftet. Heute werdm sämtliche juristische Vorlesungen unterbleiben.

Paris, 12. Mai. Der Ministerrat lehnte die Tages­ordnung der Budgetkommission ab und beschloß, den Aus­gang der Verhandlungen abzuwarten, welche am Montag oder Dienstag in der Kammer stattfinden. Das Votum

Hessen-Naffa«.

., Marburg, 13. Mai. Gestern abend um 9 Uhr 14 Minuten passierten mit dem Schnellzug ihre Königliche Hoheit die Frau Kronprinzessin mit Prinzessinnen Töchter und Gefolge auf der Rückreise von Ems nach Potsdam den hiesigen Bahnhof.

~ w ' 13 Mw- Binnen kurzem erscheint von ,,F. A. Lange's Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart, wohlfeile Ausgabe in einem Bande, groß 8°, 54 Bogen, Preis Mark 10 __"

bte zweite Auflage. Der Verfasser war bekanntlich Professor an hiesiger Universität. Dieses sein berühmtes Werk, bie @pejialität des Wirkens einer Persönlichkeit, wie sie m solcher Rwidung geistiger und sittlicher Vorzüge äußerst selten in die Schranken tritt ein Werk, das zu dem besten seiner Art zählt und dessen Art selten gezählt wird, begegnet heute, em Decennium nach dem Heimgange seines Verfassers, noch dem gleichen Interesse des tiefer Gebildeten, »ie bet seinem ersten Erscheinen; beim jedem ernsten Ge- sinnten muß es heute mehr wie je am Herzen liegen, die Bedeutung des Materialismus für die Gegenwart zu ver­stehen.

SRatbutg, 12. Mai. Gestern nachmittag um 5 Uhr tanb eine Sitzung des hiesigen Gemeindeausschusses statt.

Erscheint täglich außer an Bertingen nach Sonn- und Feiertagen. Quartal- Ubonnements-Preis bei der Expedition 21/. Mk., bei den Postämter 2 Mk. 50 Pfa. (excl. Bestellgeld). Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg., Reklamen für die Zeile 25 Pfg.

Durch eigen- Schuld.

vu Original - Roman aus der Handelswelt von Friedrich Friedrich.

(Fortsetzung.)

Du hast keine Zett," ries Gabriele aufgeregt,keine Zett, wo es sich um das ganze Lebensglück Deines Kindes handelt? Du nennst meine Liebe eine Thorheit, deren ich mich schämen müsse nein Vater, mit Stolz denke ich daran, mit Freuden nenne ich Hermann meinen Verlobten Md nichts soll mein Herz von ihm trennen."

«Laß das, unterbrach sie der Handelsherr zum zweiten male, doch mit ruhiger Stimme, um ihre Aufregung nicht noch zu steigern. «Du kennst meine Ansicht hierüber, Gabriele, und dabei bleibt es."

Du willst mich nicht hören, Vater, fuhr Gabriele fort. Du verdammst meine Liebe, ehe Du sie genau kennst, ehe Du sie aus meinem Munde gehört hast. Sie ist keine Mgendliche Leidenschaft oder Thorheit, wie Du sie nennst, sie ist mit meinem Herzen unzertrennlich verwachsen, und es gießt keine Macht, sie aus ihm zu reißen Du hast mir Derne Ansicht mitgeteilt, Du willst davon nicht ablassen gut, Vater, es stehl in Deiner Macht, meine Verbindung mit Hermann zu hindern, Du kamtst mich aber nicht zwingen, dem Herrn von Letzingen meine Hand zu reichen. Sieh, auch in mir steht der Entschluß fest, wenn Hermann der Meinige nicht wird, mich nie mit einem anderen Manne zu verbinden!"

Sie war bei diesen Worten dicht an ihren Vater heran- getteten, hatte ihre Hand auf seinen Arm gelegt und die Worte mit fester Sttmme gesprochen. Sie wandte sich von ihm ab und trat an das Fenster, weil sie kaum im Stande war, ihre Festigkeit länger aufrecht zu erhalten, beim bie gewaltige Erregung verwirrte ihre Sinne mehr rnib mehr.

Du bist jetzt zu aufgeregt, um in Ruhe barüber nach- dwken zu können, Gabriele," erwiderte der Handelsherr. .Wenn Deine Aufregung vorüber ist, suche Dich mit dem wanken vertraut zu machen, daß Du dem Herrn von Otzingen Deine Hand reichst. Ich habe ihm bereits meine Zusicherung gegeben, und dabei bleibt es. Ich erwarte deshalb d»n Dir, daß Du ihm nicht unfteundlich entgegen trittst."

^"d^Mkllmmission, wodurch die Regierung aufgefordert wird, Vorschläge betreffs neuer Ersparnisse vorzulegen, wird m parlamentarischen Kreisen als ein vollständiger Bruch zwischen der Kommission und dem Ministerrate angesehen. Zur Schlichtung der Frage soll die Kammer in der nächsten Woche befragt werden. Den Blättern zufolge wäre die Mmisterkrists wahrscheinlich. Der bekannte Chemiker Boussingault ist gestorben.

Petersburg, 12. Mai. Die deuttchePetersburger Zeitung" vernimmt, daß in der vorgestrigen Sitzung der afghanischen Grenzkommission nur Details von geringerer Bedeutung besprochen worden seien. Die Verhandlungen durften fich länger hinausziehen, da die britischen Delegierten neue Instruktionen erwarten.

Pslgrub, 12. Mai. Die Königin und der Kronprinz sind heute morgens mittelst eines Separatdampfers nach sitzen everm "preist, von wo sie die Reise per Bahn fort-

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. BlatteS, sowie d.Annoncen-Bureanx von Haasenstein undVogler in Frankfurt a. M., Cassel, Magdeburg und Wien, Rudolf Moffe in Frankfurt a. M., Berlin.München und

Köln; G- L. Daube und Co. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris

Er verließ nach diesen Worten das Zimmer, um jeder weiteren Einrede Gablielens auszuweichen.

Damken hätte es nicht nötig gehabt, denn sie hatte seine Worte kaum gehört. Regungslos stand sie da und ihre Augen starrten fest und glanzlos durch das Fenster nach dem Himmel. Er war heiter und blau. Hier und dort zogen kleine weiße Wolken, sich einander lustig jagend und verfolgend, am Himmel hin, um auf seinem endlos weiten Bogen eine Abwechselung hervorzurufen. Warm und freundlich lagerten sich die Sonnenstrahlen auf den frischgrünen Bäumen des Parks vor ihrem Fenster und stahlen sich durch die schattigen Zweige.

Gabriele sah und empfand von dem Allen nichts. Ihre Gedanken zogen wild und wirr durch ihren Kopf, ihre Ge­fühle stürmten ungebändigt durch ihre Brust. Zum ersten- male war die Liebe zu Hermann mit der Kindesliebe, selbst mit der Achtung gegen ihren Vater in einen heiligen Kamvf getreten. Sie sollte einer Liebe entsagen, an die ihr ganzes Leben gefesselt war. Sie erblickte Letzingen, wie er spöttisch lachte über ihren Schmerz und ihr vernichtetes Glück. Sie sah sich an diesen Mann gekettet und eine unnennbare «ngfi ergriff sie, denn ein Leben ohne Glück und Liebe sah sie vor sich.

Unb bann erblickte sie wieder Hermann, wie er träu- menb dastand, seine großen lieben Augen mit einem stillen Borwurf auf sie gerichtet, er sprach kein Wort zu ihr,, aber aus feinem Blicke las sie seine Gedanken, seine Worte:Du hast mich namenlos elend gemacht, Du hast das schönste Lebensglück, dem ich mich schon so nahe glaubte, mit ftevel- gafter Hand von mir gerissen, Du hast Dein und mein Leben vernichtet." Immer wildere und finstere Bilder tauchten in ihrer Phantasie auf, immer weniger war sie im Stande, diese verworrenen Gedanken und Bilder von sich zu bannen. Der ganze Park, selbst die Villa schienen in diesen ttnlben Taumel mit hineingerissin zu werden. Sie wogten rj; rlren Augen hin und her, sie wankten unter ihr. Eud- Itq schien alles um sie zusammen zu sinken und überein­ander zu stürzen, bie Bäume, bie Villa, ber ganze Park__

alles, alles.