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Rr. 111

Marburg, Freitag, 13. Mai 1887.

XXH. Jahrgang

Daß die Erhöhung der Branntweinsteuer cme entsprechende Erhöhung des Detailpreises des Brannt­weins zur Folge haben werde, ist nicht anzunehmen. Ein­gehende Untersuchungen, welche über die Wirkung der sehr erheblichen Erhöhung der Biersteuer in Bayern auf den Preis angestellt sind, ergaben, daß auch nicht entfernt eine entsprechende Erhöhung der Bierpreise eingetreten, ein er­heblicher Teil der Steuer mithin den Konsumenten nicht zur Last gefallen ist. Für die voraussichtliche Bestätigung dieser Wahrnehmungen bei der Erhöhung der Branntwein­steuer sprechen außer den allgemeinen Erwägungen, welche sich aus den bayerischen Vorgängen ergeben, noch zwei be­sondere Gründe. Die Spiritusproduktion übersteigt den Jn- landsverbrauch erheblich, der Ueberschuß wird bei der vorauszu­sehenden Beschränkung des inländischen Verbrauchs sich noch vergrößern und diese Vermehrung schwerlich durch die vor­aussichtliche Ermäßigung der Produktion ausgeglichen werden. Das Angebot dürfte daher in der Folge die Nachfrage nach Spiritus noch mehr als bisher übersteigen und daher der Erhöhung der Großhandelspreise um den vollen Betrag der Steuer entgegenwirken. Sodann aber sind die Kleinpreise des Branntweins, namentlich bei gläserweisem Verkaufe, so unverhältnismäßig viel höher, als die Großhandelspreise, daß eine Erhöhung der letzteren keineswegs eine verhältnis­mäßige Erhöhung der ersteren nach sich ziehen kann, bei der " großen Konkurrenz der Schänker vielmehr wohl zu einem großen Teile wirkungslos bleiben wird. Man wird daher gut thun, sich durch die agitatorischen Prophezeihungen über die angeblichen Wirkungen der Branntweinsteuer nicht bange machen zu lassen. Insoweit diese aber eine mäßige Erhöhung des Branntweinpreises nach sich zieht, wird zu bedenken sein, daß die zur Sicherung des Reiches erforderliche Ausgabe für Militärzwecke, zu deren Deckung die erhöhte Branntwein­steuer vor allem dienen soll, allen Tellen der Bevölkerung zu Gute kommt und daß daher mit Recht von jedem ein Scherflein zur Bestreitung derselben gefordert werden kann. Ueberdies ist ja bekannt, daß die Alters- und Jnvaliden- versorgung der Arbeiter, deren gesetzgeberische Inangriff­nahme bevorsteht, nicht ohne erheblichen Reichszuschuß wird ins Leben zu rufen sein. Dazu aber bedarf das Reich wei­terer Einnahmen und es wird der von den Militärausgaben nicht absorbierte Teil der Erträge der Branntweinsteuer zu diesem Zwecke vielleicht in Anspruch genommen werden. Die arbeitenden Klassen der Bevölkerung haben daher geradezu em direktes Interesse an der geplanten Erhöhung der Brannt- wemsteuer. Denn diese eröffnet erst die Möglichkeit, den

Durch eigene Schuld.

öin Original»Roman aus der Handelswelt von

Friedrich Friedrich.

(Fortsetzung)

An wen ist der Brief?" fragte der Handelsherr mit einer scheinbar gleichgültigen Miene, obschon er es erraten, an wen derselbe gerichtet sei. Mit derselben gleichgültigen und interesselosen Miene ergriff er den Brief, um denselben zu öffnen.

Gabriele errötete und erschrak. Rasch entriß sie das Schreiben der Hand ihres Vaters und verbarg es.Nein nein, den Brief darfst Du nicht lesen," rief sie mit scher­zender Stimme, um hinter diesem Scherze ihre Verlegenheit zu verbergen.Er ist an meine liebste Freundin, und Du weißt, Vater, Mädchen haben Geheimnisse, welche niemand erfahren darf."

An eine Freundin ist der Brief gerichtet?" fragte Damken weiter, indem er das WortFreundin" scharf be­tonte, und Gabriele ernst und durchdringend anblickte.

Sie vermochte den Blick nicht zu ertragen und schlug errötend die Augen nieder.

Es ist nicht gut, Gabriele," fuhr Damken mit ruhiger, aber doch vorwurfsvoller Stimme fort,daß Du mir die Unwahrheit sagst. Ich weiß ohne Deine Antwort, für wen der Brief bestimmt ist doch genug hiervon. Ich komme, weil ich Dir eine Mlttellung machen will, welche mich sehr erfteut, welche mir sehr lieb ist,' wiederholte er mit Nach­druck,und welche, wie ich hoffe, auch Du mit Freuden aufnehmen wirst, Herr von Letzingen hat mich heute besucht, hat bei mir um Deine Hand angehalten und ich habe sie ihm mit Freuden zugesagt."

Er brach nach diesen Worten ab, um den Eindruck zu beobachten, dm sie auf Gabriele hervorbringen würden. Er hatte sich auf ein überraschtes Erstaunen vorbereitet, aber er hatte nicht den Schreckm erwartet, der sich offen auf ihrem Gesicht ausprägte. Mit starrm Augen blickte sie ihn an. Ihre Wangen erbleichtm zuerst, aber gleich darauf kehrte das Blut um so ungestümer in sie zurück.

(DlirrlirlW Jeitung

ZZZ r . j. ~ ~ ------ 1 ____ __s Berlin, Hannover ».Paris

Wöchentliche Beilagen: Kreis-Blatt s. d. Kreise Marbnrg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntaasblatt.'

_____________________________ Srpeditiou-, Markt 21. - Redaktion, Druck und «erlag von Joh. Ang. »och. ö

Herr von Letzingen?" fragte sie endlich mit erschrockener tonloser Stimme.

Der Handelsherr schien absichtlich ihren Schreck nicht zu bemerken, er wollte ihr von vornherein durch eine ruhige und freudige Entschlossenheit jeden Einwurf und jedes Wider­streben abschneiden.

Ja, Herr von Letzingen," erwiderte er deshalb ruhig und heiter.Seine Bewerbung hat mich zwar nicht sehr überrascht, aber dennoch, ich gestehe es offen, sehr erfreut Emen solchen Schwiegersohn habe ich mir von jeher ge­wünscht, und ich bin fest überzeugt, daß ich für Dein Glück nicht besser zu sorgen vermocht hätte. Herr von Letzingen ist reich und liebenswürdig, und selbst wmn ihm diese beiden Eigenschaften fehlten, würden sie durch seinen Adel ausge­wogen sein. Ja, seine Bewerbung hat mich sehr erfteut und ebenso fteudig habe ich ihm Deine Hand zugesagt,'

Gabriele konnte noch immer keine Worte finden, um ihren Schreck und zugleich ihren Widerwillen gegen den Gutsbesitzer auszudrücken.Nie, nie," rief sie endlich,nie werde ich ihm angehören, ich kann ihn nicht lieben, schon der Gedanke an ihn erfüllt mich mit Widerwillen."

Des Handelsherrn Stirn verfinsterte sich. Er war in= dessen fest entschlossen, seine vollständige Ruhe zu bewahren, um nicht im Geringsten durch irgend eine Leidenschaftlichkeit diejenigen Verhältniffe zu verraten, welche ihm diese Ver­bindung so erwünscht machten.Ein Widerwillen, der sich nicht auf vernünftige Gründe stützt, ist Thorheit," erwiderte m ernst, aber ruhig.Ich glaube nicht, daß Du solche Gründe hast, die Dich abhalten, den Herm von Letzingen zu lieben, und ich erwarte daher von Dir, daß Du keinem ungünstig gegen ihn gestimmten Gefühle in Dir Raum ziehst. Wir leben nicht in den Verhältnissen, Gabriele, daß wir jener vorübergehmden Neigung und Leidenschaft folgen können. Schon unser Stand verbietet es, und ich muß die Deinige noch obenein für eine jugendliche Leidenschaft halten. Du hast ganz vergeffm, daß Du die Tochter eines Damken bist, ja die letzte dieses Namms, und daß es Deine Pflicht ist

Gabriele hielt ihn zurück. Ihre Wangen warm mit einem glühenden Rot überdeckt, als sie sah, daß das Ge­heimnis ihrer Liebe, welches sie als stilles Heiligtum in ihrem Herzem bewahrt hatte, schon von anderen, selbst schon von ihrem Vater ernten und verraten war.' Einen gerechten Unwillen, eine heftige Entrüstung rief aber die verächtliche und spöttische Art, mit welcher ihr Vater in dieses Heiligtum eingetreten war, in ihr hervor. Das größte und edelste ihres Herzens, das, was ihm selbst eine Hoheit und Reinheit verliehen hatte, die sie früher kaum gekannt, sah sie angetastet und mtweiht, und sie war zu sehr Weib, um dies in Ruhe ertragen zu können Bleib hier!" rief sie mit einer von Erregung zitternden Stimme Höre auch mich an. Du weißt einmal, daß mein Herz nicht mehr frei ist, gut, so will ich Dir offen gestehen, daß «h Hermann Bootmer liebe und nie einem anderen ange- Ijören werde." (Fortsetzung folgt)

:Nordd. Allg. Ztg." gebrachte Mitteilung, wonach der , Scheibler durch eingehende Untersuchungen

sestgestellt habe, daß sich das vielbesprochene Melinit für kriegerische Zwecke nicht eigene, da' sich dasselbe mit der Zeit 'elbst entmischt, hat in Frankreich sehr unangenehm berührt Um die Wirkung der Entdeckung abzuschwächm, greift die französische Regierung zu einem wenig geistreichen Mittel­es verbreitet nämlich dieAgmce Havas", das Resultat der Scheiblerschen Versuche, welches beweise, daß er nicht mit Melinit, sondern mit einem anderen Stoffe experimen­tierte, und daß das Melinit bis jetzt in Deutschland unbe­kannt sei. Nun, wenn Frankreich unserer Wissenschaft nicht glauben will, so kann es sich ja bei seinen eigenen Sach­verständigen in Toulon erkundigen. Diese letzteren haben gleichfalls in dm letzten Tagen eine starke Eriiüchterung für die Boulanger - Melinitreklame gebracht, indem sie fest­stellten, daß die Melinitbomben in soviel tausend kleine Splitter zerplatzen, daß sie an Festungswerken und Material gar keinen Schaden anrichten. Soviel wir uns erinnern hatte der große Charlatan Boulanger gerade das Melinit eingeführt, um Sttaßburg und Metz und unsere altmo­dischen" anderen Festungen, die noch nicht von dem'Geiste der Sperrforts durchdrungen waren, in Schutt und Asche umzuwandeln. Wo bleibt da die Pointe? Wir sind über­zeugt, daß die Franzosen an ihrem verzogenen National- heros, namentlich in der Stunde der Gefahr, noch manche andere bittere Enttäuschung erleben werden. Gutem Ver­nehmen nach ist der dem Bundesrate heute zugeganaene Gesetzentwurf, betteffend die Rübenzuckersteuer und die Ein­führung einer Zuckerkonsumsteuer, nicht eine Novelle zum jetzigen Gesetz, sondern eine ganz neue legislatorische Arbeit wodurch die jetzt geltenden, einschlägigen Bestimmungen zu­gleich mit den neuen kodifiziert werden. Der Schluß der Landtagssession soll, wie jetzt bestimmt verlautet, schon am Sonnabend stattfinden. In verschiedenen Blättern ist die Idee eines Gesetzes wegen Sperrung der Einfuhr von Getreide angeregt worden. Demgegenüber kann man aus zuverlässiger Quelle versichern, daß die Regierung diesem Gedanken vollständig fern steht.

Der Bericht der Kommission für das Militärrelikten­gesetz liegt jetzt vor. Berichterstatter ist der Abg. Frhr. v Manteuffel. Die Kommission hat bekanntlich die Resolution abgelehnt, welche die Erwartung aussprach, daß die ver­bündeten Regierungen in der nächsten Session dem Reichs­tag eine Vorlage machen werden, nach welcher auch die Reichsbeamten des Civilstandes, sowie diejenigen Beamten ihn nicht allein unbefleckt zu erhalten, sondem auch einen wurdigm an dessen Stelle zu setzen. Du mußt es einsehen daß ich es nie, nie zugeben werde und kann, daß ein ge­wesener Diener meines Hauses, mag er auch als solcher noch so ausgezeichnet gewesen sein, zu mir in ein Verhältnis tritt welches mir so nahe am Herzen liegt und auf welches ich mtt Stolz blicken will. Du mußt dies einsehen. Gabriel/ es ist ja Thorheit, nur daran zu denkenj, und ich erwarte' ja ich verlange von Dir, daß Du an diese Thorheit nickt weiter denkst."

Damken wollte das Zimmer verlassen, weil er schlau berechnet hatte, daß seine Worte auf Gabriele den größten Eindruck machen würden, wenn sie genötigt wäre, sie ohne Erwiderung in ihrem Herzen einzuschließen. Er wollte vermeiden, daß Gabriele ihm ihre Liebe gestand, weil er wußte, daß sie durch dies Geständnis und durch die offene Leidenschaft, mit welcher sie dieselbe verteidigen würde in ihrem Herzm eine neue Kraft und ein Bewußtsein des Rechts erlangen würde.

Erscheint täglich außer an ffierttagen nach Sonn- und Feiertagen. Quartal- Abonnements-Preis bei der Expedition 2*/t SW., bei dm Postämter 2 SW. 50 Bffl. (excl. Bestellgeld). Jnsertiousgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg., Rellamen für die Zelle 25 Pfg.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatte-, sowie d.Anno ncen-Bureanx von Haasenstein undVogler in Frankfurt a. M., Gaffel, Magdeburg und Wien, Rudolf Mosse in Frankfurt a. M., BerlinMünchen und

Köln; ®. L. Daube und Co. in Frankfurt a. M.,

Gedanken der Alters- und Jnvalidenversorgung der Arbeiter zu verwirklichen.

Deutsches Reich.

Solitt, 11. Mai. Der Kaiser begab sich heute vor­mittag 11 Uhr nach dem Tempelhofer Felde, besichtigte dort das Gardeschützen- und das Gardepionier-Bataillon, sowie das Kaiser Alexander Garde-Grenadier-Regiment, konferierte nach seiner Rückkehr mit dem Geh. Kabinettsrate von Wilmowski und empfing den Fürsten Pleß, sowie den zum General ernannten Prinzen Albert von Altenburg. Morgen findet eine Soiröe im kaiserlichen Palais statt. Die Abreise der Kaiserin ist nunmehr auf Sonnabend srüh festgesetzt. Der Kaiser empfing heute vormittag den Feldmarschall Grafen Moltke. DieNordd. Allg. Ztg." meldet: Staatsseftetär Graf Herbert Bismarck trat auf ärztlichen Rat einen kurzen Erholungsurlaub an; er bringt denselben bei dem ihm befreundeten Vizekönig von Irland, Londonderry in Dublin, zu. Aus der Tagesordnung der morgigen Sitzung des Bundesrats steht der Gesetzentwurf über die Besteuerung des Zuckers. Mit Bezug auf die von Boulanger für den Herbst beabsichtigte Mobilisierung eines französischen Armeekorps bringt dieNordd. Allg. Ztg." die folgende bemerkenswerte Auslassung:Die Mel­dung, daß Präsident Gr»vy ein Dekret behufs Einbringung eines Gesetzentwurfs wegen probeweiser Mobilmachung eines Armeekorps unterzeichnet habe, erinnert daran, daß besagter Plan schon seit geraumer Zeit erörtert worden ist und seine nunmehr beschlossene Verwirklichung die öffentliche Meinung nicht mehr unvorbereitet trifft. Obwohl der in Rede stehende Mobilmachungsversuch erst im Oktober stattfinden soll, so dürfte die jetzt erfolgte Ankündigung ihre Wirkung in den französischen Armeefteisen schon erheblich ftüher äußern. Denn da das betreffende Armeekorps, wenn auch unter Ein­schränkung auf die im Westen und Süden des Landes stehenden Formationen, erst im letzten Augenblicke bestimmt werden soll, so ist anzunehmen, daß gleichwohl sämtliche Korpskommandos bei Zeiten ihre Maßregeln so treffen werden, daß jedes einzelne Korps, falls es gerade zum Gegenstände des ftaglichen Versuches erkoren sein sollte (die im Nord osten und um Paris stehenden haben hinsichtlich permanenter Bereitschaft ohnehin einen Vorsprung) unver­züglich in den kriegsmäßigen Zustand übergehen kann. Die meritorische Tragweite der von Herrn Grövy genehmigten Maßregel ist daher eine ungleich bedeutendere, als es auf den ersten Blick den Anschein hat." Die von der