Nr. 107.
x
Marburg, Sonntag, 8. Mai 1887.
xxn. Jahrgang.
Erstes Blatt
„Abänderung der Gewerbeordnung" (Erweiterung der Jn- nungsbefugnisie) ist von einer „Begründung" begleitet, der wir folgende Angaben entnehmen: Die amtlichen Ermittelungen über die Zahl der in den einzelnen Bundesstaaten vorhandenen Innungen haben ergeben, daß im deutschen Reiche am 1. Januar 1886 9185 Innungen bestanden. Davon waren 1299 auf Grund der Novelle vom 18. Juli 1881 neu errichtet, 2891 nach Maßgabe dieses Gesetzes reorganisiert worden, die übrigen 4995 sind zu einem wesentlichen Teile in der Reorganisatton begriffen. Eine Verleihung der im § 100 e der Gewerbeordnung bezeichneten Rechte hatte bis 1. Januar 1886 in 144 Fällen stattgefunden, seitdem aber hat die Zahl dieser Verleihungen in nicht unerheblichem Maße zugenommen. Namentlich sind es die alten preußischen Provinzen, das Königreich Sachsen und die Hansestädte, in welchen die Bewegung zu Gunsten der Innungen größere Erfolge aufzuweisen hat. Aber auch aus anderen Gebieten des Reiches mehren sich die Anzeichen, daß die Handwerker mehr und mehr Verständnis für die auf die Bildung lebensfähiger Innungen gerichteten Bestrebungen gewinnen. „Diese Bestrebungen, soweit mit denselben nicht Wünsche und Hoffnungen verknüpft sind, deren Erfüllung bei der Gestaltung der heuttgen Wirffchastsord- nung unmöglich ist — zu fördern, liegt im Hinblick auf die Entwicklung und die Fortschritte der Großindusttie und auf die bedrängte Lage des Handwerks im allgemeinen Interesse." Die den Innungen durch das Gesetz zugewiesenen Aufgaben, insbesondere die Förderung eines gedeihlichen Verhältnisses zwischen Meistern und Gesellen, die Fürsorge für das Herbergswesen der Gesellen und für die Nachweisung der Gesellenarbeit, sowie die Regelung des Lehrlingswesens, sind für das gesamte Handwerk von weitgreifender Bedeutung und lasien sich in befriedigender Weise nur lösen, wenn sie für die Gesamtheit der Berufsgenossen in Angriff genommen werden. Die Möglichkeit eines entsprechenden Einflusses über den Kreis ihrer Mitglieder hinaus gewährt aber das Gesetz den Innungen bisher nur auf dem Gebiete des Lehrlingswesens. Eine Erweiterung dieses Einflusses erscheint daher im Hinblick auf die den Innungen obliegenden, dem Interesse des gesamten Handwerks dienenden Pflichten wünschenswert und enffpricht überdies den Grundsätzen der Billigkeit. Auf diesen Erwägungen beruht der jetzt eingebrachte Gesetzentwurf, welcher eine den allgemeinen, Jntereffen und der Billigkeit entsprechende Stärkung des Jnnungswesens vermöge einer Weiterbildung
Vrscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. — Quartal- Abonnements-Preis bei der
Expedition 2>/t Ml. bei den Postämter 2 SH. 50 Bffl. (excl. Bestellgeld). Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg., Reklamen für die Zeile
be§ im § 100 e der Gewerbe-Ordnung zur Geltung gekommenen Grundsatzes herbeiführen will. Zur Hebung der bezeichneten Uebelstände sollen zu den Kosten gewisser, von den Innungen getroffener Einrichtungen unter näher festzu- setzenden Voraussetzungen auch die in dem Jnnungsbezirke wohnenden Berufsgenosien, welche der Innung nicht beiqe- tteten stnd, sowie deren Gesellen beizuttagen verpflichtet sein — Der Bundesrat genehmigte gestern den Gesetzentwurf über die Verwendung gesundheitsschädlicher Farben bei der Herstellung von Nahrungsmitteln und Gebrauchsgegenständen eme kleine Novelle zum Nahrungsgesetz, welche den Kostenersatz für polizeiliche Untersuchungen regelt, ferner den Entwurf einer internationalen Konvention zum Schutze von Werken der Litteratur und Kunst zwischen Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Belgien, Spanien, Haitt, Liberia, der Schweiz und Tunis, ferner einen Nachttagsetat im Bettage von 111000 Mk. zu einem Umbau der deutle« Boffchaft in Paris; eine Eingabe der Handels- und Gewerbekammer für Oberbayern, betteffend die Veranstaltung einer Enquete über die Wirkungen der Teilzahlungsgeschäfte, wurde dem Reichskanzler überwiesen. — In Bundesrats- krelsm weiß man bis jetzt von einer Vorlage zum Zweck der Erhöhung der landwirtschaftlichen Zölle noch nichts und stheint von der gestrigen Erklärung des landwirtschaftlichen Ministers im preußischen Abgeordnetenhaus etwas überrascht zu sein. Die freikonservative „Post" meint, daß dem Bundesrate ohne Verzug der Anttag Preußens zugehen wird, soww daß die Entschließung des ersteren, wie demnächst des Reichstages mit thunlichster Beschleunigung nachfolgt. Wäre die Regierung nicht bereit, dem Wort alsbald die That folgen zu lassen, und wäre sie nicht wenigstens des Bundesrates sicher, so müßte die Verkündigung ihrer Absicht als em entschiedener Fehler bezeichnet werden, denn alsdann wurde der Getteidespekulation die Möglichkeit eröffnet, durch Heranziehen von Massen ausländischen Getteides die Wirkung der Zollmaßregel auf geraume Zeit illusorisch zu machen Die „Äreuzzeitung" verlangt, daß man bei der Abmeffunq der neuen Zollsätze nicht zu ängstlich sei; was geschehen solle, muffe vollständig und bald geschehen, das liege sowohl im Interesse der Landwirtschaft wie des Handels.
Ausland.
Paris, 6. Mai. Gestern abend zogen einige junge Leute und Gaffenbuben nach dem Edentheater, wo sie lärmten und schrieen. Die Polizei zerstreute dieselben und verhaftete die lautesten.
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition b. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureanx von Haasenstein undVogler in Frankfurt a. M., Cassel, Magdeburg und Wien, Rudolf Stoffe in Frankfurt ♦ a. M., Berlin,München und
Köln; @. L. Daube und 6o. in Frankfurt a. M.,
Für die Monate Mai und Jm»i nehmen alle Postanstalten, auf dem Lande auch die Landbriefboten Bestellungen auf die
Oherhesfische Zeitung
mit ihren Gratisblättern entgegen.
In Kirchhain nimmt unsere Agentur, Herr Buchbinder Rindt, sowie in hiesiger Stadt die Expedition (Markt 21) Bestellungen an.
Deutsches Reich
Berlin, 6. Mai. Der Kaiser nahm mehrere Vor- ttäge entgegen, empfing dann den Vizepräsidenten der Reichsbank, Koch, den Feldmarschall Grafen v. Moltte, sowie den zur Gesandffchaft in Madrid kommandierten Rittmeister v. Bülow und machte nachmittags eine Spazierfahrt. __
Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt: Wenn die Petersburger „Nowosti" behaupten, daß Rußland in 1876 unter deutschem Drucke gestanden habe, so sei zu erwidern, daß die Aktionsfreiheit Rußlands zu beeinttächtigen, durch die deuffche Politik weder damals, noch später, versucht worden sei und daß selbst, wenn Rußland von der Äktionsfteiheit in den Jahren 1876 bis 1878 ausgedehnteren Gebrauch gemacht hätte, die deutsche Politik nicht berufen, noch imstande gewesen sein würde, dies zu hindern, weil es ihr nicht möglich gewesen sein würde, der deutschen Natton ein hinreichend starkes Interesse im Orient nachzuweisen, um das Deuffche Reich in einen Krieg mit Rußland zu verwickeln. Erst als nach dem Berliner Kongresse Deutschland von der russischen Preffe angegriffen und bedroht wurde und das russische Kabinett sich diese Haltung der Presse aneignete, sei für Deutschland das Bedürfnis eines festeren Zusammenhaltens mit Oesterreich enfftanden. Wenn die „Nowosti" meinen, Rußland dürfe bei seinen Zielen im Oriente Deutschland nicht außer Augen lassen, so sei zu bemerken, daß Rußland dies auch schon in den Jahren 1828, 1855, 1863 gethan habe, weil es in Berlin die einzige Macht gefunden habe, bei welcher Rußland nicht Feindschaft, mindestens aber eine sichere und wohlwollende Neutralität fand. — Der dem Reichstage jetzt zugegangene, vom Bundesrate her schon bekannte und von uns mitgeteilte Gesetzentwurf, betteffend die
... AkchMe MW
ZT „ 7 7777 m ---—----------------------------------------------Berlin, Hannover u. Paris.
Wöchentliche Beilagen: Kreis-Blatt f. d. Kreise Marburg«. Kirchhain. - Illustriertes Sonntaasblatt.
__ Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck und Brrlag von Joh. Ang. Koch. "
Durch eigene Schuld.
Bin Original-Roman aus bet HandelSwelt von Friebrich Friebrich.
(Fortsetzung)
Er erzählte nun, wie er den Handelsherrn am Abend zuvor belauscht hatte, und der Gutsbesitzer ward nachdenklicher und nachdenklicher. Er ließ seinen Vertrauten hinausgehen und schritt dann selbst mit raschen Schritten int Zimmer auf und ab. Es war nicht Unruhe, die ihn dazu trieb, denn es gehörte viel dazu, ihn aus seiner überlegenden und berechnenden Ruhe zu bringen; sondern es war vielmehr die unangenehme Ueberraschung, daß ein Anderer denselben Plan auf des Handelsherrn Tochter wie er zu verfolgen schien. Denn er vermochte sich nicht zu denken, daß jemand Gabrielens Liebe ihrem Vater entdecken werde, wenn er nicht besonderes Jnteresie habe, und er selbst kannte ja kein anderes Interesse, als sein eigenes.
An Gabrielens Geliebten dachte er kaum wieder. Er schien ihm nicht im Geringsten im Wege zu stehen, sondern tm Gegenteil seine Wünsche noch zu befördern, denn er kannte den Handelsherrn sehr gut; er wußte, wie abgeneigt er dem Kaufmannsstande war, und glaubte aus früheren Aeußerungen erkannt zu haben, daß er seine Tochter lieber einem unbegüterterten Edelmarme, als dem reichsten Kauf- ntann zur Frau geben werde. Ebensowenig dachte er an Gabrielens Selbständigkeit und Festigkeit. Er war ja gewöhnt, die Frauen als durchaus unselbständig und von dem Willen ihrer Männer oder Väter abhängig anzusehen. Er hatte keine Ahnung von der begeisternden und heilenden Kraft wahrer und inniger Liebe, well er dies Gefühl nie in seiner Brust empfunden. Seine sämllichen Empfindungen, Wünsche und Leidenschaften wurzelten in einem durchaus realistischen Boden.
Er prüfte alle Umstände in seiner scharfen und ruhigen Weise, und nach reiflicher Ueberlegung hielt er keinen Zeitpunkt geeigneter, dem Herrn Damken seine Absichten auf Gabrielens Hand mitzutellen, als den jetzigen. Der Han
delsherr mußte durch die Entdeckung, daß seine Tochter einen weit unter ihr stehenden Mann liebte, notwendig zu dem Wunsche getrieben werden, sie an einen für sie und ihren Reichtum würdigen Mann zu vermählen, um allen ferneren und weiteren Thorheiten ihres Herzens einen Damm entgegenzusetzen,
Als dieser Enffchluß in dem Kopfe des Gutsbesitzers zur völligen Reife gelangt war, zeigte sein Gesicht eine zuversichtliche Heiterkeit. Denn wenn er auch zu Zeiten befürchet hatte, daß der Handelsherr aus Rücksicht auf seine Tochter seine Bewerbung ablehnen könne, so hatte er doch auf der anderen Seite von seiner persönlichen Liebenswürdigkeit und der blendenden Pracht seines Adels eine zu gute Meinung, um irgend eine weitere Zaghaftigkeit in feiner Brust aufkommen zu taffen.
Nachdem er diesen Enffchluß einmal gefaßt hatte, zögerte er auch nicht lange mit dessen Ausführung. Er ließ sein Pferd satteln und ritt langsam der Villa des reichen Handelsherrn zu.
Damken saß in seinem Zimmer, welches mit all dem Luxus, dm ihm sein Reichtum möglich gemacht hatte, ausgestattet war. Halb auf einem äußerst prachtvollen Divan ausgestreckt, hielt er ein Zeitungsblatt in der Hand, aber die Hand war niedergesunken und feine Augen blickten übet das Blatt hinweg und hafteten nachdenkend auf dem Boden. Auf feinem Gesicht war nichts von der sorglosen Heiterkeit, welche er in Gesellschaften zeigte, bemerkbar. Seine Stirn war finster zusammengezogen und feine Lippen zuckten dann und wann leffe, gleichsam als ob sie die Gedanken, die ihn so ernst ftimmten, aussprechen wollten.
Er hatte die Entdeckung, welche er am Abend vorher gemacht, mtt dem ihm angeborenen Leichtsinne aufgefaßt, hatte sie nur als eine jugendliche Thorheit seiner Tochter angesehen und ihr deshalb bei weitem nicht die Bedmtung beigelegt, welche sie verdiente. Ruhig war er darüber ein- geschlafm und würde an diesem Morgen kaum daran gedacht haben, hätte nicht ein Brief seines jungen Kompagnons,
ben er schon früh am Morgen erhalten, ihn unwillkürlich herauf zurückgebracht. w
Kleuser hatte ihm einen bebeutenben Verlust, ben das Geschäft burch eine fehlgeschlagene Spekulatton erlitten hatte, mitgeteilt. War bies nun in der letzten Zeit auch öfter vorgekommen und hatte der Handelsherr solchen Verlustm me etnen großen Wert beigelegt, weil er sie einfach als unglückliche Wechselfälle des Schicksals ansah, die ebenso leicht und schnell zum Glücke umschlagen konnten, so hatte der heutige Brief zugleich mit der Entdeckung des vorigen abends eine unangenehme Stimmung in ihm hervorgerusen.
Kleuser hatte ihm zwar geschrieben, daß er int Staude fet, den Verlust durch auszustellende Wechsel zu decken. Dmnoch warm bei Damken mehr Bedenken über ben Staub fernem Geschäftes aufgestiegen, als er feit langer Zeit gehabt hatte. Er selbst hatte Kleuser ben Rat gegeben, sich in Elchen Fällen burch Wechsel zu helfen. Es waren aber in ber letzten Zeit auf so bebrütende Summen Wechsel ausgestellt, daß noch ein größerer Leichffinn, als selbst der Handelsherr besaß, dazu gehört hätte, ohne Besorgnis an die Zeit ihrer Einlösung zu denken.
Waren früher ähnliche Gedanken und Besorgnisse in ihm aufgestiegen, so hatte er sie stets durch den Gedanken an feine Tochter verscheucht. Die Aussicht, sie reich zu verheiraten und dann sich aus etwaiger Not durch seinen Schwiegersohn retten zu laffen, hatte ihn stets beruhigt, nur an diesem Morgen wollte dieser Gedanke nicht die alte Wirkung thuu.
Er wußte, daß Gabrielens Herz bereits gewählt hatte, er wußte zwar auch, daß sie ihn zu sehr liebte, um dieser Wahl ohne seine Zustimmung zu folgen, aber wer bürgte ihm dafür, daß, wenn er dagegen war, sie sich nicht gegen jede andere Verbindung weigerte? Das Herz eines Mädchen ist so schwer zu begreifen und oft über alle Berechnungen fest und standhaft in feinen Entschlüssen.
(Fortsetzung folgt.)